google+FacebookVKontakteTwitterMail

Manchmal bleiben sie

Sie haben natürlich gehört – und vielleicht nicht nur einmal – dass auf dem Territorium, das unter der Kontrolle der Donezker und der Lugansker Volksrepubliken steht, nur Separatisten geblieben sind. Eventuell haben Sie eine Methode, diese Behauptung zu verifizieren. Vielleicht haben Sie Bekannte, die dort geblieben sind und von denen Sie sicher sagen können, ob sie der separatistischen Bewegung angehören. Doch vielleicht haben Sie auch keine solchen Orientierungshilfen. Dann bleibt Ihnen, zu glauben/nicht zu glauben, indem Sie sich auf Ihre eigenen Überzeugungen oder Empfindungen stützen.

Ich bin in einer anderen Situation. Ziemlich viele meiner Bekannten sind in Donezk geblieben. Ihre Motive sind mir bekannt und verständlich. Eine eindeutige Mehrheit von ihnen hat ihre Wahl unabhängig von der Politik getroffen. Es waren einfache und allgemein nachvollziehbare Alltagsmotive, die sie haben entscheiden lassen. Hier drei Geschichten, die auf ihre Weise erzählen, warum Leute in Donezk bleiben.

Wiktor, 42 Jahre: Wiktor hat vor dem Krieg für ein Internet-Projekt gearbeitet. Für seine Arbeit braucht er einen Computer und einen Netzzugang an einem beliebigen Ort des Erdballs. Er wohnte in der Nähe des Rathauses des Kiewer Stadtbezirks, der noch im Herbst mit herbeifliegenden Artilleriegeschossen „beschenkt“ wurde. Mit Frau und Sohn sind sie dann in die Siedlung Kalinowka umgezogen, wo es ruhiger ist. Dort wohnen sie jetzt. Wiktor hatte durchaus darüber nachgedacht, Donezk zu verlassen, er ist sogar „aufs Festland“ gefahren, um „Brücken zu schlagen“. Doch schlussendlich ist er wegen seiner Mutter geblieben. Sie ist herzkrank, schwach auf den Beinen und hätte die Reise höchstwahrscheinlich nicht überstanden.

Alexander, 55 Jahre: Alexander hat in Gorlowka gewohnt. Nachdem sein Stadtbezirk die ersten Male unter grausamen Beschuss geriet, ist er mit zu Verwandten seiner Frau in die Region Stawropol (Russland, A.d.R.) gefahren. Dort verbrachte er ungefähr einen Monat. Sie erwogen, zu bleiben. Doch die Familie ist wegen der Tochter, die bis zum Diplom noch zwei Jahre in einer der Donezker Hochschulen studieren muss, zurückgekehrt. Zwar ist nicht klar, wie dieses Diplom nun bewertet werden wird – doch auf jeden Fall wird es ein Diplom geben. Alexander und seine Frau hatten auch andere Varianten, die Ausbildung abzuschließen, in Erwägung gezogen. Doch alle waren sie mit dem Familienbudget nicht vereinbar. Seit Herbst haben sie jetzt schon dreimal erlebt, wie sich der Konflikt zugespitzt hat. Es war manchmal sehr schlimm und zeitweise nagten sie wirklich am Hungertuch… Doch sind sie noch immer in Gorlowka und werden es nicht verlassen, überzeugt, dass sie jetzt schon alles überleben werden. Ein Grund dafür ist auch, dass Alexander nach langen Strapazen doch eine Erwerbsquelle finden konnte.

Irina, 38 Jahre: Irina arbeitet in der kommunalen Verwaltung (Grünflächenamt). Sie wohnte und wohnt weiterhin in der Donezker Siedlung „Textilarbeiter“, die regelmäßig unter Beschuss gerät. Sie hat keine betagten Eltern oder Kinder in Ausbildung. Doch sie hat eine Arbeit, für die sie bezahlt wird und die ihr ein Leben auf einem angemessenen Niveau erlaubt. Wegzufahren, um dann nicht zu wissen, wo und wovon sie leben soll, hält sie nicht für rational. Solange sie Arbeit und Geld hat, beabsichtigt sie, in Donezk zu bleiben.

Ob die Motive der Drei vernünftig sind, kann man diskutieren, doch so sehen sie aus. Es versteht sich, dass alle diese Leute politische Ansichten haben, jeder verhält sich irgendwie zur Ukraine, zu Russland, zum Krieg. Doch das ist nicht der springende Punkt. Der springende Punkt ist, dass sie alle die Entscheidung, an ihrem Wohnort zu bleiben, aus völlig unpolitischen Gründen getroffen haben. Unter meinen Donezker Bekannten machen solche „unpolitischen“ ungefähr 90 Prozent aus. Möglicherweise ist das nur bei mir so.

14. Juni 2015 // Jewgenij Jasenow – Journalist, Schriftsteller

Quelle: Westi

Übersetzerin:   Helena Maier — Wörter: 619

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Artikel bewerten:

Rating: 5.0/7 (bei 7 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

Kommentar schreiben

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Wird Poroschenkos Initiative, den Ökumenischen Patriarchen Bartholomeos I. von Konstantinopel um die Gewährung der Autokephalie für eine orthodoxe Landexkirche zu bitten, Erfolg haben?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen

Karikaturen

Andrij Makarenko: Medwedtschuk

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)18 °C  Ushhorod20 °C  
Lwiw (Lemberg)21 °C  Iwano-Frankiwsk20 °C  
Rachiw17 °C  Jassinja15 °C  
Ternopil19 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)20 °C  
Luzk20 °C  Riwne20 °C  
Chmelnyzkyj18 °C  Winnyzja17 °C  
Schytomyr19 °C  Tschernihiw (Tschernigow)17 °C  
Tscherkassy16 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)16 °C  
Poltawa14 °C  Sumy15 °C  
Odessa19 °C  Mykolajiw (Nikolajew)20 °C  
Cherson20 °C  Charkiw (Charkow)14 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)19 °C  Saporischschja (Saporoschje)15 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)16 °C  Donezk15 °C  
Luhansk (Lugansk)14 °C  Simferopol19 °C  
Sewastopol22 °C  Jalta20 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Leserkommentare

«WAS soll denn an dem was der Autor geschrieben hat unfassbar sein? Ich lese da keinen Widerspruch. Wenn du eine solche Phrase...»

«Danke für Ihre Darstellung der Hintergründe der Vertriebenen Gesetze und für die Einordnung der Russlanddeutschen. Es...»

«Schloss Pidhirzi ... DAS Märchenschloss .... so wie ich es mir als Kind immer vorgestellt habe. Verwunschen .... Dornröschen...»

«es war keine gute geste sondern der "vertriebenen gesetz" ermöglichte den russlanddeutschen nach deutschland zu kommen..zum...»

«Weiß nichts über die anderen westlichen Reproduktionskliniken, aber meine Ehefrau und ich haben eine Erfahrung in dem Kinderwunschzentrum...»

«Putin katapultiert sich alleine mit seiner Außenpolitik ins Abseits. Solange das so ist braucht man über ander unwichtige...»

«"Nach dieser Philosophie wird das Schicksal eines Menschen im Moment seiner Geburt festgelegt. Wirst du als Junge geboren,...»

KOLLEGGA mit 150 Kommentaren

Alex Alexandrewitsch mit 60 Kommentaren

Christos Papaioannou mit 29 Kommentaren

Wolfgang Krause mit 28 Kommentaren

Torsten Lange mit 24 Kommentaren

franzmaurer mit 18 Kommentaren

Mario Thuer mit 17 Kommentaren

Poposhenko mit 17 Kommentaren

Anatole mit 17 Kommentaren

Jusstice For All mit 17 Kommentaren