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Nationalismus am Wegesrand

Analysiert man die gegenwärtigen Diskussionen über die ukrainische Nationalbewegung, so denkt man unwillkürlich an Schrödingers Katze. Aus der Perspektive rechter Optimisten und der Kreml-Propagandisten hat der Patient deutlich an Gewicht zugenommen, hat Muskeln zugelegt und genießt das Leben. Andererseits gibt es nicht weniger gewichtige Gründe anzunehmen, dass der Patient mehr tot als lebendig ist.
Ihor Myroschnytschenko - SwobodaIhor Myroschnytschenko - Swoboda

Sehr oft verweisen die Optimisten darauf, dass dank Janukowytsch und Putin der Nationalismus endlich aus der Höhle herauskam und Mainstream wurde. „Ruhm der Ukraine!“ ist bereits nicht mehr der Gesang der Fußball-Hooligans und politischen Außenseiter, auf die man auf der Straße mit Fingern zeigt. Russophobie ist nicht ein Zeichen politischer Sekten, sondern normale Reaktion eines gesunden Organismus auf egal welche Nachrichten-Mitteilung. Die Helfershelfer des Besatzers und die Verräter sind karikaturhaft und anrüchig, als seien sie den Seiten des Buches „Moskowstwo“ von Pawlo Schtepa (ukrainischer Nationalist 1897 – 1980, A.d.R.) entstiegen, und doch sind sie absolut real. Jetzt ist alles ernsthaft: früher waren die Inkarnationen der Ukrainophobie die Schwätzer Tabatschnyk und Kolesnitschenko, jetzt sind es die Terroristen, die täglich Ukrainer töten und foltern. Nicht Puschkin oder gar Pugatschow stellen nun die Russische Welt vor, sondern halbnüchternes Pack, das auf die ukrainische Fahne trampelt. Kurz gesagt ist der Feind so einer, dass auf seinem Hintergrund selbst hartgesottene Skinheads als sympathische Kerle erscheinen. Dies um so mehr als sie jetzt für die Ukraine nicht mit Kaukasiern und der Antifa kämpfen, sondern mit russischen Saboteuren und an einer richtigen Front.

Im Licht der Massenmedien des Kreml erscheint der ukrainische Nationalismus als viel erfolgreicher. Er war es, der einen bewaffneten Staatsstreich vollführte, Janukowytsch stürzte und nun den rückgratlosen parlamentarischen Bossen die Bedingungen diktiert. Aus der Sicht des Kreml ist die Nationalgarde nur ein Zweig des Rechten Sektors. Von der Straflosigkeit berauschte Kämpfer Jaroschs vollführen Strafaktionen im Osten durch und drängen die Saboteure sogar nach Russland zurück. Bereits im März gab der FSB eine Erklärung über die Unschädlichmachung von Gruppen ukrainischer Nationalisten ab, die Anschläge in Kalmückien und Tatarstan planten. So erwähnen sie in den russischen Massenmedien den Rechten Sektor nicht grundlos öfter als das Einige Russland. Bereits geht es nicht um konkrete Organisationen, die gesamte Ukraine wurde plötzlich Bendera-Land. Allein die Krim konnte man aussparen, sie nahmen sie heraus wie ein Kind aus einem brennenden Gebäude. Horror, Jahre noch…

In Wirklichkeit ist alles jedoch nicht so fantastisch. Auch wenn sie nicht sehr sprechend sind, beginnen wir mit den Zahlen. Bei den Präsidentschaftswahlen im Mai gewannen die nationalistischen Kandidaten Tjahnybok und Jarosch beide zusammen nur zwei Prozent der Stimmen. Hätten im Mai auch Parlamentswahlen stattgefunden, so hätten für Swoboda weniger als vier Prozent der Ukrainer gestimmt, und für den Rechten Sektor nur ein Prozent. Das bedeutet genaugenommen: wenn in der allernächsten Zeit kein Wunder geschieht, dann wird sich das nächste Parlament bereits ohne Nationalisten zusammensetzen. Zu einem Triumphzug der Ultrarechten passt das nicht sehr. Vielleicht brauchen sie gar keine Sitze und sie wirken bloß von der Straße her auf die Regierung ein?

Sicherlich hat die neue Regierung über eine solche Wendung der Ereignisse nicht eher nachgedacht als über die Verhaftung Janukowytschs. Immerhin hat nicht er öffentlich die Oppositionsführer auf dem Maidan beschimpft, er hat nicht gerempelt, nicht die Augen mit Lasern geblendet und ausgepfiffen während der Ansprachen. Und deshalb hat die neue Regierung sich den Nationalismus so hart vorgenommen, wie es nicht einmal Wiktor Janukowytsch getan hat. Indem sie Sascha Bilyj beseitigte, provozierte sie die Rechten, Unsinn zu machen, und sie taten es. Erinnern Sie sich, wie Jarosch öffentlich den Innenminister beschuldigte und der Rechte Sektor seine Entlassung forderte? Eine bessere Gelegenheit zu zeigen, wer im Hause Chef ist, konnte man kaum finden. Und die Regierung zeigte es. Awakow blieb auf seinem Posten, der „allmächtige“ Rechte Sektor aber zog beschämt ab.

Auch auf den Straßen begannen sie, die Rechten zu verfolgen. Als im März Mitglieder von Patrioty Ukrajiny (Patrioten der Ukraine) in Charkiw eine Schießerei mit den „Kolorados“ (abwertende Bezeichnung für Träger des russonationalistischen Georgsbands, die an Kartoffelkäfer erinnern A.d.R.) unternahmen, reagierte die Miliz unverzüglich und verhaftete drei Dutzend „Patrioten“. Einen Monat später fing die Miliz eine große Gruppe rechter Aktivisten ab, die sich auf dem Weg nach Charkiw befanden. Sie verprügelten die Verhafteten heftig und schickten sie zurück nach Kyjiw. Brutal, verletzend und überhaupt nicht gerecht. Über den Einfluss der Rechten klagte sogar der Selbstschutz des Maidan: bei Auseinandersetzungen zwischen dem Rechten Sektor und der Regierung spricht er sich für die letztere aus. Faktisch bleibt den rechten Aktivisten als einzige Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, in die Strukturen des Innenministeriums einzugehen, also in die Nationalgarde oder die Freiwilligenbataillone, und sich in den Kampf im Osten zu verabschieden. So dienen beispielsweise im Bataillon Asow einige Dutzend Nationalisten und Ultras, sie unterliegen aber der Führung durch das Innenministerium. Wenn wir uns an das Bataillon Donbass erinnern, so scheint es nicht, als hätte es dort mit den Rechten besondere Scherereien gegeben.

Wirkliche Belege dafür, dass der Rechte Sektor einen eigenen Kampf mit den Putin-Anhängern im Donbass führt, gibt es ebenfalls nicht. Von der russischen Propaganda angeheizt, warten die Ortsansässigen seit dem Ende des letzten Jahres auf den Wegelagerer Jarosch. Aber der Rechte Sektor ist dort überhaupt nicht zu sehen. Die Erklärung Jaroschs, dass der Rechte Sektor in der Gegend von Karliwka dem Bataillon Donbass freizukommen half, wurde von der Führung des Bataillons bestritten. Zuvor hatte Jarosch erzählt, das der Rechte Sektor direkt an der Bildung des Bataillon Donbass partizipiert habe, aber selbst dies wurde im Nationalen Rat für Sicherheit und Verteidigung (RNBO) nicht bestätigt. Das Versprechen Jaroschs, während der Zeit der Präsidentschaftswahlen im Donbass die Wahllokale zu schützen, erwies sich ebenfalls als leere Erklärung. Die Wahlen fanden in der Region nicht statt. Und dies trotz der Tatsache, dass der Rechte Sektor nach Worten Jaroschs im ganzen Land einschließlich der Krim über 10.000 Kämpfer verfüge. Zum Vergleich: Ebenso groß war die Zahl der amerikanischen Soldaten in Afghanistan im Kampf mit Al-Qaida.

Mit dem parlamentarischen Nationalismus ist es noch schlimmer. Die Autorität von Swoboda hat bereits während des Maidan stark gelitten. Tjahnybok buhte man aus, Mychaltschyschyn schmissen sie gar von der Bühne. Genau gesagt war der Ansehensverlust unvermeidlich. Swoboda gelangte in die große Politik, indem es das Bild politischer Soldaten nutzte, sozusagen Macho-Politiker. Aber trotz des Heldenmutes einzelner Parteimitglieder und der Basisaktivisten wurde Swoboda den hochgesteckten Erwartungen nicht gerecht. Statt die Initiative in seine Hände zu nehmen, schlug Tjahnybok vor, einen Plan im Kobsar (Hauptwerk des Nationaldichters Taras Schewtschenko, A.d.R.) zu suchen, Mychaltschyschyn führte nicht die Armee von Bandera-Anhängern herbei, Holowko und Syrotjuk schließlich sahen am Kontrollpunkt Slowjansk wie eine billige Parodie Ljaschkos aus. Übrigens erklärt sich der Erfolg des letzteren auf dem Feld der Wahlen, welches der skandalumwitterte Politiker „abgraste“, insbesondere durch die Enttäuschung über Swoboda

Kurzum: heute verliert der parlamentarische Nationalismus Gewicht und läuft sogar Gefahr, überhaupt aus der großen Politik zu fallen. Der in der Revolution tobende Nationalismus der Straße ist eingepfercht in die Streitkräfte der Regierung und kann nur in dem Maße Heldentaten vollführen, wie es ihm gestattet wird. Und es ist unwahrscheinlich, dass die Rechtsextremen in Zukunft großen Zulauf haben werden, die Konjunktur ist ungünstig. Es scheint, als würde die letzte Behauptung dem gesunden Menschenverstand widersprechen: klang nicht über dem von einer Million Menschen bevölkerten Maidan das „Ruhm der Ukraine!“ und leuchteten nicht schwarz-rote Fahnen? Hat nicht die russische Aggression den Anstieg von Patriotismus im Osten und Süden provoziert? Erneut muss man auf die Feinheiten achten.

Der Maidan hat natürlich die Hörerschaft für die national orientierten Bewegungen maßgeblich erweitert. Einst war Slogan „Ruhm der Ukraine!“ Visitenkarte der Bandera-Anhänger, nun aber rufen sie ihn alle, ausgenommen die verhassten Ukrainophoben. Der Maidan hat gezeigt, dass die Nationalisten nicht nur auf Märschen laufen, sondern auch wirklich für ihr eigenes Land kämpfen können. Gleichzeitig sahen wir auf dem Maidan, dass für die Ukraine auch diejenigen kämpfen können, die man nicht Bandera-Anhänger nennt. Die russischen Massenmedien versichern, dass die Freiwilligen-Bataillone und die Nationalgarde ausschließlich aus Nationalisten bestehen. Wir aber wissen, das dies gelinde gesagt eine Übertreibung ist. Die Nationalisten bekräftigen: „Bandera kommt und bringt Ordnung“. Zum Vorposten des Ukrainertums hat Dnipropetrowsk aber der praktizierende Jude Kolomojskyj gemacht. „Die Hand zitterte nicht.“ (Wahlkampfslogan von Swoboda, A.d.R.) Die Dnipopetrowsker selber sind ebenfalls überhaupt keine Bandera-Anhänger. Bei den Wahlen gewann in der Regel Janukowytsch und die Partei der Regionen, aber dieses Jahr Poroschenko und Tymoschenko, nicht jedoch Jarosch oder Tjahnybok, die nur magere zwei Prozent der Stimmen erzielten.

Aber die Hauptsache ist etwas anderes. Mit dem Fall des Regimes von Janukowytsch hat der ukrainische Nationalismus den Sparringspartner verloren. Natürlich entsprechen Turtschynow, Jazenjuk, Poroschenko und die anderen Nationaldemokraten in der Regierung nicht dem nationalistischen Ideal des Führers. Jetzt mag man sie noch irgendwie für ihre Unentschlossenheit und Inkonsequenz kritisieren, aber der Übergang von der Opposition zur neuen Regierung bedeutet Seite an Seite mit den Regionen-Mitgliedern und Kommunisten zu stehen. Dies ist ein regelrechter politischer Selbstmord. Aber was weiter? Die Regierung für den Euroliberalismus kritisieren? Dem Rechten Sektor und Swoboda ist das Thema des Euroskeptizismus nahe und verständlich. Aber in der Gesellschaft ist die Zuhörerschaft solcher politischer Bewegungen zahlenmäßig sehr klein, vielleicht mit Ausnahme von den Trägern wattegefütterter Jacken [Kriminellen], aber sie hassen gleichzeitig den Westen und den Faschismus.

Kurzum, zu Zeiten Janukowytschs erschien der ukrainische Nationalismus wie ein leidenschaftlicher Bandera-David, der heftig mit dem ukrainophoben Goliath kämpfte. Das war beeindruckend und gefiel der Wählerschaft, denn Goliath war schrecklich und alle hatten die Nase außergewöhnlich voll von ihm. Aber die vereinten Kräfte besiegten dieses Monster, die Rolle Davids hierbei war zudem bereits nicht mehr sehr groß. Den Titel eines Helden-Erlösers von dem abenteuerlichen Ungeheuer hat er nicht bekommen, was er aber weiter tun soll, das weiß Gott allein. David wird natürlich noch einige Zeit kämpfen, um das Monster endgültig zu schlagen und seinen Staub im Wind zu zerstreuen, eine wichtige Aufgabe, für eine politische Zukunft ist dies aber zu wenig. Darüber hinaus haben die gestrigen umständebedingten Verbündeten ihm ein Angebot unterbreitet, das er unmöglich ablehnen konnte. Es aber anzunehmen bedeutet persönliche Auffassungen aufzugeben und sich ins System einzufügen, egal unter welchen fremden Bedingungen. Ja, unseren Bandera-David erwarten harte Zeiten. Und wer weiß, wann er seinen Platz in der neuen Zusammensetzung der ukrainischen Politik finden kann.

[Anmerkungen des Übersetzers:
Der Verf. spielt im Titel leicht an den fantastischen Roman von Arkadi und Boris Strugazki, Picknick am Wegesrand, Moskau 1971, an, dt. Berlin 1975 bzw. Frankfurt 1981. Nach seinen Motiven drehte 1979 Andrej Tarkowskij seinen Film Stalker.

Der Name „Benderowzy“ spielt sowohl mit dem Epitheton der Anhänger des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera als auch dem der Separatisten von Bender zur Zeit des Hetman Iwan Masepa.]

3. Juli 2014 // Petro Siwerskyj

Quelle: Zaxid.net

Übersetzer:   Christian Weise  — Wörter: 1895

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