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Nawalny und der Beigeschmack des Krim-Butterbrots: Können Nachrichten über den Feind der Ukraine wirklich uninteressant sein?

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Nawalny - Krim - Butterbrot

In letzter Zeit sehe ich immer häufiger Einträge zum Thema „Nawalny: Wie und warum er mir am Hintern vorbeigeht“. Diese Position erinnert an eine vor einigen Jahren populäre Person in russischen Internet-Comics – ein Hahn namens Petuch Rosstuch (oder auch „watny Petuschok“), der rufend Barak Obama und Angela Merkel hinterherlief: „Ich spucke auf Eure Sanktionen! Sanktionen? Sie sind nur von Vorteil für uns! Und überhaupt kenne ich dieses Wort nicht: ‚Sanktionen!‘ Ich habe überhaupt nicht von ihnen gehört!“

Die Logik der Gegner von Nawalny ist ungefähr die: Nawalny ist ein russischer Nationalist, er sagte, dass die Krim kein Butterbrot ist und daher sind alle Nachrichten über ihn Nachrichten über einen Feind der Ukraine, genauso einen, wie Putin. Daher interessiere ich mich nicht für sie.

Hier kommt die Frage auf: Wie können Nachrichten über einen Feind der Ukraine uninteressant sein? Zumal über einen, den ihr Feind nennt, der gerade persönlicher Gast von Angela Merkel war, das heißt einer der Führerinnen der Europäischen Union! Um so seltsamer ist es hervorzuheben, dass die Mehrzahl der Adepten dieser Logik glühende Anhänger von Petro Poroschenko sind, der sie als einen „großen Freund der Ukraine, die Kanzlerin von Deutschland Angela Merkel“ betitelte! Das heißt also, dass der große Freund der Ukraine einen Feind der Ukraine als persönlichen Gast empfängt, ihm Schutz und Bewachung gibt und das soll uns angeblich nicht interessieren?

Die Auflösung ist einfach: Die Welt ist nicht schwarz-weiß, und die Welt der Politik seit langem. Das Hauptproblem einiger Menschen ist, dass sie die Äußerungen von Politiker über „große Freunde“ buchstäblich auffassen, das ebenso, wie sie als bedingungslosen Feind jeden anerkennen, auf den ihr politisches Idol zeigt.

Alexej Nawalny ist ein russischer und kein ukrainischer Politiker. Daher muss alles, was er sagt und tut, durch das Prisma seines Ziels als russischer Politiker gesehen werden und sein Ziel ist es, Präsident der Russischen Föderation zu werden. Natürlich wünschten sich einige unserer „patentierten Patrioten“, dass Nawalny 2014 irgendetwas der Art „die Krim ist ukrainisches Territorium und ich kandidiere als Präsident, um unter anderem die Krim der Ukraine zurückzugeben! Übrigens sind die Russen Besatzer ukrainischen Lands seit Hunderten von Jahren, daher müssen wir der Ukraine Reparationen für die Unterjochung zahlen!“ sagt. Niemand verbietet irgendjemandem, rosarote Träume zu haben.

Die russische Realität des Jahres 2014 lag darin, dass Erklärungen über Separatismus automatisch ein Strafverfahren bedeuten (und die Krim ist nach russischen Gesetzen jetzt ein Teil Russlands, sollte jemand Zweifel haben). Für die russische Regierung wäre es sehr bequem Nawalny nicht wegen der Antikorruptionsnachforschungen zu verurteilen, sondern eben wegen der Antastung der territorialen Integrität der Heimat. Zusätzlich dazu war die russische Gesellschaft damals durch den Erhalt der Krim euphorisiert (Nawalny selbst sprach im „Butterbrot“-Interview von 88-90 Prozent Unterstützung dieser Tat – Umfrageergebnissen nach).

Ich erlaube mir ein Zitat in der Originalsprache: „Ich meine, dass ungeachtet dessen, dass die Krim mit schreienden Verstößen gegen alle internationale Normen erobert wurde, dass nichtsdestotrotz die Realitäten so sind, dass die Krim jetzt ein Teil der Russischen Föderation ist. Und lasst uns einander nicht selbst betrügen. Und auch den Ukrainern rate ich stark dazu, sich nicht selbst zu betrügen. Sie bleibt Teil Russlands und wird weiter niemals in absehbarer Zukunft ein Teil der Ukraine werden.“ Die oben ausgelegten Umstände berücksichtigend, lohnt es sich die Aufmerksamkeit auf die Worte „dass die Krim mit schreienden Verstößen gegen alle internationale Normen erobert wurde“ und „in absehbarer Zukunft“ zu lenken. Nawalny hätte das nicht sagen brauchen – doch aus irgendeinem Grunde sagte er es.

Ebenso wie er weiter sagte, „dass was jetzt auf der Krim gemacht werden muss, ist ein normales Referendum durchzuführen. Nicht ein so eines, wie es stattfand, sondern ein normales. Und wie die Leute entscheiden, so wird es sein.“ Was für ein Referendum? Die Krim ist Teil der Ukraine, keinerlei Referenden, nur eine bedingungslose Kapitulation! Diejenigen, die das meinen, leben in der Welt der rosaroten Ponys. Beispielsweise kann die Republik Zypern, sogar als EU-Mitglied, bereits Jahrzehnte nicht die Kontrolle über die nördlichen Gebiete zurückerlangen. Das dabei, dass die Türkei, die diese besetzte, einen EU-Beitritt sehr will und für diese ist es einfacher, da sie niemals einen Teil Zyperns zu eigenem souveränen Territorium erklärte.

Einige in der Ukraine hegen noch die Hoffnung, dass Russland ebenso auseinanderfällt, wie einst die UdSSR auseinanderfiel – und die Krim wird zu uns rennen und Schutz vor dem Bürgerkrieg suchen, der den Raum zwischen Smolensk und Wladiwostok erfasst. Nein. Die Geschichte wiederholt sich niemals genauso so. Also nehmen wir die Ukrainer des Jahres 1943 in Galizien, die sich bereitwillig in eine sehr bekannte Division der Waffen-SS einschrieben, in der Hoffnung, dass dies die Sitscher Schützen in der Version 2.0 werden. [Die Sitscher Schützen waren zwischen 1914 und 1920 eine Einheit aus ukrainischen Soldaten des Habsburger Reichs, die lange Zeit aufseiten der ukrainischen nationalen Staatsgründungsversuche kämpften. A.d.Ü.] Dass sowohl das sowjetische Russland als auch Hitler-Deutschland gleichermaßen entkräftet werden und die Divisionsmitglieder werden zur Basis der neuen ukrainischen Armee. Es kam nicht so, wie sie sich das vorstellten. Es lohnt sich nicht sich auf Siege in vergangenen Kriegen vorzubereiten, auch wenn sie – die Siege – auch noch so offensichtlich scheinen mögen.

Leider ist für uns das realistischste aus den optimistischen für uns Szenarien die Einführung einer temporären UNO-Verwaltung mit völliger Demilitarisierung der Halbinsel. Und die Perspektive eines Referendums über ihren Status, doch nur dann, wenn Russland weder administrativ, noch politisch die Meinung der Bürger der Ukraine beeinflussen kann, die auf der Krim leben. Ich betone, dass für mich persönlich die akzeptabelste Variante die bedingungslose Rückgabe der Halbinsel wäre, doch gerade spreche ich von den realen Szenarien und nicht von den akzeptablen.

Natürlich geht es hier um eine strategische Kampagne für die nächsten Jahrzehnte. Ja, wir – der Staat Ukraine – müssen um die Meinung der Krimbewohner kämpfen. Natürlich haben die „patentierten Patrioten“ für die prorussische Bevölkerung der Krim das Schicksal der Sudentendeutschen vorbereitet: ihre Vorstellung malt dreckverschmierte lustige ukrainische Krieger, die auf ukrainischen Panzern siegreich in Simferopol einfahren und zur gleichen Zeit stellen sich die örtlichen Verräter und Kollaborateuren bereits mit Koffern in die Schlange zum Aufhängen. Ja, so wird es nicht werden. Es wird (im optimistischsten Szenario für uns) einen offiziellen Status für die russische Sprache und die Anerkennung der doppelten Staatsbürgerschaft geben. Kompromisse sind derart, inakzeptabel.

Es muss der Ansatz zum Krim-Problem vonseiten unserer Politiker geändert werden (jaja, ich weiß, dass Aufrufe an Populisten aufzuhören populistisch zu sein, eine sinnlose Zeitverschwendung sind, doch ich versuche es wenigstens). Beispielsweise ist die Position „wir geben der Krim kein Wasser, weil sie besetzt ist“ unzulässig. Denn in diesem Fall spricht die Ukraine, wie auch die Stalin’sche UdSSR lediglich vom Territorium, dabei nicht die eigenen Bürger auf diesem bemerkend, die gleichwie automatisch zu den „Verrätern“ gezählt werden. Obgleich Wasser auch wirklich nicht gegeben werden kann. Doch kann man für die ukrainischen Bürger der Krim eine Kompensation für diese Unannehmlichkeit vorsehen, damit sie praktisch fühlen, wie der eigene Staat sich um sie kümmert. Hier möchte man sich natürlich selbst sagen: „Sie sind ein Utopist, Opa! Die Ukrainer in Radechiw, Kyjiw oder Lochwyzja verspüren nichts Gutes von ihrem Staat und hier verspüren die Krimbewohner das plötzlich!“ Ich erklärte, dass ich vom optimalsten Pfad für die Ukraine rede, den sie – wie immer – kaum beschreiten wird.

Kehren wir zu Nawalny und seinem „Butterbrot“-Interview von Herbst 2014 zurück. Führen wir einige Auszüge an.

„Man muss aufhören, den Krieg zu sponsorn. Wir begreifen alle ausgezeichnet, dass die Kampfhandlungen, die im Südosten der Ukraine stattfinden, keinerlei Voraussetzungen hatten. Und keine Voraussetzungen haben. Sie fanden ausschließlich deswegen statt, weil es für die derzeitige Führung Russlands ein prinzipieller Moment ist, den ukrainischen Staat zu torpedieren, die Reformen zu torpedieren und allen zu zeigen, dass die antikriminelle Revolution, die in der Ukraine stattfand, dass sie nicht erfolgreich sein und dazu führen wird, dass der Staat zerstört wird. Das ist die wichtigste Aufgabe, dabei persönlich für Wladimir Putin.“

„Man muss sich eine einfache Sache bewusstmachen: Für Russland ist es aus ökonomischer und politischer Sicht von Vorteil, dass die Ukraine ein normaler, blühender, wohlhabender Staat ist. Das sind einfach die Basics der Ökonomie. Wenn bei ihnen alles gut ist, wird es für uns auch etwas besser. Man muss sie gehenlassen. Sollen sie das tun, was sie möchten.“

„In Russland möchten die Leute offensichtlich in einem großem, vereinten Staat leben. Und hier gibt es das einfache imperiale Bewusstsein der Russen. Im Prinzip den Wunsch, dass das Land ein großes ist und die Nostalgie nach der UdSSR und so weiter. Ich meine natürlich, dass wir in Richtung einer Integration gehen sollten, doch sind Integration und eine Übernahme verschiedene Dinge. Die Ukraine ist ein großes Land (…) Was macht es daher für einen Sinn? Und die Hauptsache, wozu dorthin irgendwelche Panzer hinbringen?! Und wir werden wunderbar leben mit den Ukrainern, wenn die Grenze nur auf dem Papier gemalt ist, doch es diese faktisch nicht gibt. Sie werden ihre Regierung haben und wir unsere. Wir werden unsere normalen menschlichen, kulturellen und ökonomischen Verbindungen verwirklichen.“

„Wie ich bereits gesagt habe, ist für ihn (Putin) der Zusammenbruch der ukrainischen Staatlichkeit prinzipiell wichtig, denn in der Ukraine fand aus der Sicht Putins das Schlimmste statt: Ein aufständisches Volk stürzte ein korruptes Regime eben hauptsächlich unter Losungen gegen die Korruption.“

Ich erinnere daran: diese Worte sagte Nawalny im Herbst 2014, als in der russischen Gesellschaft eine antiukrainische Hysterie herrschte, die von der Propaganda unterstützt wurde. Bereits das ist ausreichend, um ihn nicht als „Feind, genauso wie Putin“ zu markieren, sondern als zumindest neutralen Politiker.

Doch wenn man an die Frage rationell herangeht. Und die Gegner Nawalnys sind überwiegend emotionale Leute, für die eine maximale Distanzierung von allem Russischen (und bei der Mehrzahl die Demonstration einer maximalen Loyalität zu Poroschenko) ein Symbol der Zugehörigkeit zur ideologischen Gesellschaft ist. Mehr noch sage ich: sie brauchen nicht einmal einen Sieg im russisch–ukrainischen Hybridkrieg, sie brauchen eine schöne und symbolische „Hülle“ dieses Krieges. Genauso, wie es egal ist, wie stark, wohlhabend und effektiv der ukrainische Staat sein wird – Hauptsache er traktiert demonstrativ die Feinde (das berühmte „bei den Russen kracht’s – also machen wir alles richtig!“). Das eint offensichtlich diesen Typ ukrainischer Bürger mit ihrem russischen Kollegen, der in der karikaturhaften Figur mit dem Namen Raschka-Kwadratnyj Watnik personifiziert ist.

Wie sich Nawalny gegenüber verhalten? Wie zu einem einflussreichen Oppositionspolitiker eines feindlichen Staates, gegenüber dem sich die Westliche Welt wohlwollend verhält. Das ist die Grundlage. Weiter, nach dem Komma, kann man seine offensichtlichen und nichtoffensichtlichen Plus und Minus aufzählen.

Wie sich zur Krim verhalten? Wie zu einem vom Feind besetzten Territorium der Ukraine, das von ukrainischen Bürgern besiedelt ist. Nicht von „Verrätern“, sondern vor allem eben von Bürgern. Und ihre Interessen müssen nicht weniger wichtig sein, als die Interessen der restlichen Bürger der Ukraine.

Zum Schluss erinnere ich daran. Alexej Nawalny ist väterlicherseits ein Ukrainer und hat das niemals versteckt. Daher sollte man sich der drei Bedeutungen des [ukrainischen] Wortes „nawalnyj“ gemäß des akademischen Bedeutungswörterbuchs der ukrainischen Sprache entsinnen:

  1. was sehr schnell und angespannt geschieht.
  2. aufdringlich und heftig.
  3. unverzüglich, dringend und in großer Zahl.

Und das ist der Fall, in dem die Sprache wirklich eine Bedeutung hat.

25. Januar 2021 // Pawlo Subjuk

Quelle: Zaxid.net

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 1856

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