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Notizen eines Regisseurs: Das Gedächtnis

Vor kurzem erhielt ich einen YouTube-Link. Ich gebe ihn ein und gucke mir das Video an. MUS-TV, ein russischer Fernsehkanal. Eine schlichte und dumpfe Sendung für Mädels und Jungs mit dem Titel “Die unglaublich Schönen”. Man bekommt eine Frage gestellt, bei richtiger Antwort gibt’s ein bisschen Geld. Im Studio sitzt ein Zwillingspärchen auf der Couch – Xenia und Jewgenia aus Moskau.

Moderatorin: “Die nächste Frage und Ihre Chance auf 5.000 Rubel. Was versteht man unter ‘Holocaust’?”

Jewgenia (nach kurzem Schweigen): “Leim…”

Xenia (etwas verlegen): “Unter Holocaust verstehe ich, ehrlich gesagt, rein gar nichts. Könnte was mit ‘ner Kanzlei zu tun haben…”

Jewgenia: “Nein, nein, das ist Leim, sicher. Könnte einer für Tapete sein… Heißt vielleicht so… Aber vielleicht braucht man den auch für ‘n Hausbau.”

Xenia: “Also, da ich keine weitere Idee habe, lass uns deine Variante nehmen.”

Jewgenia: “Unsere Antwort lautet: Holocaust – das ist Tapetenleim.”

Holocaust – das ist Tapetenleim.

So ist das also! “Holocaust – das ist Tapetenleim!” Ich nahm zuerst an, dass sich wohl jemand einen Scherz erlaubte, man damit jemanden reinlegen wollte. Doch einige Wochen später wurden die Mädels zu einem Interview ins Studio Radio Liberty eingeladen. Sie kamen, setzten sich – und waren tatsächlich echt, wie ich feststellen musste.

Journalist: “Haben Sie denn nach der Sendung nachgeschlagen, was das Wort ‘Holocaust’ bedeutet?”

Jewgenia: “Ja, hab’ ich.”

Journalist: “Und, haben Sie die Bedeutung verstanden?”

Jewgenia: “Das ist die Verfolgung der Juden während des Großen Vaterländischen Krieges.”

Journalist: “Könnten Sie darauf noch etwas genauer eingehen? Sie haben doch bestimmt mehr als zwei Zeilen darüber gelesen, oder?”

Jewgenia: “Um ehrlich zu sein, das hat mir meine Schwester erzählt.”

Journalist: “Das heißt, Sie haben bis heute noch nichts darüber gelesen?”

Jewgenia: “Nein.”

Journalist: “Und haben Sie von Ausschwitz schon mal was gehört?”

Jewgenia: “Nein.”

Journalist: “Xenia, und Sie?”

Xenia: “Ja, ich hab’ davon schon mal was gehört.”

Journalist: “Und, was bedeutet es?”

Xenia: “Irgendwas mit Krieg, glaube ich, ein Bürgerkrieg oder so…”

So ist das. Doch glauben Sie ja nicht, dass es sich hier um zwei verwahrloste-debile Mädchen handelt. Nein, ganz im Gegenteil, sie sind höflich, nett und ehrlich. Xenia und Jewgenia Karatygina wurden in einem kleinen Ort in der Oblast Wladimir geboren. Nachdem sie die neunte Klasse beendet hatten, schickte man sie auf ein humanitäres Lyzeum-Internat in Wladimir. 2009 kamen sie nach Moskau, bewarben sich gleich an drei Hochschulen, drei Mal erfolgreich. Die Entscheidung fiel auf die “Kosygin”-Hochschule für Textil. Gerade befinden sich die Mädels im dritten Studienjahr, leben noch in Moskau und erhalten als Einser Studenten ein Sonderstipendium.

Doch über den Holocaust wussten und wissen sie nichts, sowohl nicht in der Show, als auch sonst. Und über die Juden noch weniger! Stellen Sie sich das mal vor! Das Einzige, was sie über sie wussten, war, dass man sie verfolgt hatte. Und aus welchem Grund? Ihre Antwort auf die Frage folgte einer einfachen Logik: Die Mädels nahmen an, dass ein Jude dann entsteht, wenn eine russische Frau von einem Nicht-Russen ein Kind bekommt. Und solche Mischlinge werden immer gejagt, ob von Russen oder Nicht-Russen. Und da die Juden ja nun verfolgt wurden, kann man also schlussfolgern, dass Juden eben solche Mischlinge sind – die Frucht einer russischen Frau und eines nicht russischen Mannes. Unter nicht russischen Männern verstehen sie Aserbaidschaner oder Asiaten, wobei sie von beider Art Männern nicht viel halten.

Journalist: “Haben Sie so etwas wie Vorurteile? Von wegen, mit der einen Gruppe darf ich etwas zu tun haben, mit der anderen nicht?”

Jewgenia: “Ich halte mich von Leuten, die aus Aserbaidschan oder Usbekistan kommen, fern. Ich kann mit denen irgendwie nichts anfangen.”

Journalist: “Und was ist mit den Juden?”

Jewgenia: “Mit denen will ich nichts zu tun haben!”

Viele lachten. Aber mir blieb das Lachen im Hals stecken. Und kaum hatte ich meine Verwunderung über diese geschichtliche und kulturelle Blindheit geäußert, antwortete man mir mit verärgerten Kommentaren: “Was erwarten Sie denn? Dass die, wie diese Scheiß-Demokraten, über Lenin und Stalin nichts mehr wissen, aber über den Holocaust?! Diese Mädels sind einfach spitze! Sie haben deutlich gemacht, dass sie Russen sind, und dass sie von Ihrem ‘Multikulti-Zeugs’ nichts halten. Sie haben Charakter gezeigt und eben kein politisch korrektes Verhalten à la Amerika!”

Oder folgendes Kommentar: “Stell dir mal vor, die wissen nicht, was der Holocaust ist! Na endlich! Ist doch auch richtig so. Schluss mit diesem Unsinn, den sich doch die Juden ausgedacht haben. Das soll raus aus den Köpfen der jungen Leute. Stalin- und andere Großmutter-Geschichten gleich mit. Übrigens, bei uns an der Schule, da gab es auch eine, die nicht wusste, wer Stalin war. Sie nannte ihn Adolf Wissarionowitsch und meinte, er sei Jude gewesen. Naja und?! Ihrem Leben hat’s nicht geschadet!”

Am Anfang, da weißt du gar nicht, wie du auf so was reagieren sollst. Aber dann gehst du dem Ganzen nach und nach auf den Grund:

Aber nein, man muss Bescheid wissen, ob über Lenin oder Stalin. Man sollte all das wissen, was einen interessieren oder beunruhigen könnte, all das, um sich im Leben orientieren und in bestimmten Schlüsselmomenten die richtige Entscheidung treffen zu können. Es darf nicht soweit kommen, wie es Denis Gorelow, Journalist und Co-Autor des “Namedni”- Projekts von Leonid Parfjonow (einer Enzyklopädie des sowjetischen und russischen Lebens von 1961 bis 2003), beschreibt: “Kinder wissen nicht, wer Lenin ist, who is Lenin? Ich habe diese Kinder kennen gelernt. Und sie kennen weder Bergman, noch Byron oder Bytow. Die Wörter mit ‘B’ sind mit Bruder, Bumerang, Brigade und Barbie ausgeschöpft. Aber es ist noch nicht alles verloren. Beethoven kennt man noch – als Bernhardiner-Hund.”

Ja, das Bernhadiner-Hündchen das gibt es noch, doch der Holocaust ist schon rausgeflogen aus dem Gedächtnis? Und das in einem Land, in dem der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg faktisch das einzig positive Moment im nationalen Selbstbild der gesamten russischen Gesellschaft darstellt! Vielmehr gehört die durch den Großen Vaterländischen Krieg hervorgebrachte Zäsur zum einzigen Ereignis des XX. Jahrhunderts, das die russische Gesellschaft vereint und einander näher bringt. Und dann diese unglaublich peinlichen Antworten zur Ausschwitz- und Holocaust-Thematik.

Es scheint, als würden sich Xenia und Jewgenia in dieser Frage nicht sonderlich von ihren russischen Altersgenossen und -genossinnen unterscheiden. Doch hängt dieses Unwissen bei den Millionen von Menschen nicht nur mit der Qualität der Ausbildung zusammen, mit der vom Fernsehen betriebenen Gehirnwäsche oder dem verderblichen Einfluss des Westens.

Der Grund für die massenhafte historische Amnesie liegt womöglich darin, dass der Holocaust und Ausschwitz – die Reihe ließe sich beliebig erweitern – für die überwiegende Mehrheit der russischen Bevölkerung nicht Teil des Großen Vaterländischen Krieges, sondern Teil des Zweiten Weltkrieges sind, der traditionsgemäß Russland nur als Hintergrund dient, aus dem der wichtige, wesentliche und entscheidende Krieg hervorgeht – der Große Vaterländische. Und das, was hinter den Kriegskulissen vor sich ging, braucht die russische Jugend nicht zu erfahren. Vielmehr würde das Wissen auch nur Schaden anrichten, könnte es doch die patriotischen Gefühle und den Stolz auf das eigene (russische) Volk und das eigene Sieger-Land (Russland) stören.

An der Massen-Amnesie arbeitet die gigantische ideologische Maschinerie der russischen Regierung schon seit längerem, in diesem Sinne auch der Präsident des Landes, Wladimir Putin, der erst kürzlich erklärte, dass Russland den Großen Vaterländischen Krieg auch ohne den Beitritt der Ukraine in die Sowjetunion gewonnen hätte (an dieser Stelle brüderliche Grüße an Putin von Millionen von Ukrainern, die an der Front starben, und nicht nur dort!).

Übrigens war es für Russland ein Leichtes, den siegreichen Krieg für sich einzunehmen. Ist doch die Mehrheit in unserem Land – ob der alten, ehemals sowjetischen Generation angehörig oder der neuen –, nicht in der Lage, selbstständig und qualifiziert die historischen Ereignisse zu bewerten, sie richtig wieder zu geben oder zu beurteilen. Doch die Situation ist noch viel ernster: So hat die absolute Mehrheit nicht nur wenig Ahnung von der Weltgeschichte, sondern auch keine Ahnung von der eigenen, auch familiären Geschichte. Falls sie mal etwas von einem Stammbaum gehört haben, dann kennen sie ihre Vorfahren vielleicht noch bis in die dritte, das heißt bis in die Oma-Opa-Generation. So primitiv ist sie geworden unsere Kultur, leider, auch das Verhältnis zum Familienarchiv, falls man überhaupt noch eines hat.

Das alles ist ein Ergebnis dessen, dass sich unser Geschichtsverständnis nicht aus dem Gedächtnis einzelner Personen heraus entwickelt hat, sondern schon immer von der Regierung vorgegeben wurde. Mit Sorgfalt wählte man dort die relevanten historischen Ereignisse aus und gab sie in der notwendigen Reihenfolge an das Volk weiter. Das Persönliche wurde durch das Allgemeine nach und nach ersetzt.

Der französische Philosoph und Soziologe Maurice Halbwachs, 1944 in Buchenwald umgekommen, schrieb einst: “Die Geschichte teilt die aufeinander folgenden Jahrhunderte in Perioden ein, ist wie eine Handlung in einer Tragödie, die sich über mehrere Akte verteilt. Doch während in einem Drama die Handlung von Akt zu Akt dieselbe bleibt und immer wieder dieselben, bis zu ihrer Figurenauflösung handelnden Personen auftreten, bekommt man im Falle der Geschichte den Eindruck, als ob sich von einer Periode zur nächsten alles erneuert: die Interessen, die Richtung der Gedanken, die Einschätzung der Menschen und der Ereignisse, die Traditionen und Zukunftsperspektiven.”

So verfälschte die Regierung nach und nach die Geschichte und nahm uns unser eigenes Gedächtnis. Nein, nicht das physiologische, sondern das soziale Gedächtnis, das aus so genannten “Orientierungspunkten” besteht – aus elementaren, persönlichen Erinnerungen, die das Gedächtnis jedes Einzelnen verfestigen und einen gewissen Rahmen bilden. Ohne diese Erinnerungen, diesen Rahmen, geschieht das, was in den Köpfen zweier Moskauer Studentinnen geschehen ist. Die vom Staat erzählte Kriegsgeschichte ersetzt das Geschichtsgedächtnis ihrer eigenen Vorfahren.

“Die Geschichte”, unterstreicht Halbwachs, “ähnelt eben einem Friedhof, dessen Raum begrenzt ist und trotzdem immer wieder Platz für neue Gräber gefunden werden muss.”

Das ist wahr. Doch unsere armselige und ziemlich verlogene sowjetische Kriegsgräberstätte wurde schon vor langer Zeit ab acta gelegt. Und trotzdem besuchen wir sie noch, selbstsicher und glücklich, stolz über diesen heiligen und gerechten Ort. Keine neuen Gräber! Die Alten nicht berühren! Das ist alles verboten! “Wir lassen niemanden die Geschichte umschreiben! Niemand wird die Geschichte umschreiben!”

Dann lasst eben niemanden die Geschichte umschreiben, euer Problem! Deshalb ist bei uns auch das möglich, was Semjon Glusman einst bitter in Worte fasste: “Enkel und Urenkel der Soldaten, die den Nationalsozialismus besiegt haben, haben nun ein Hitler-Buch auf dem Tisch zu liegen – das sind wir. Enkel und Urenkel Stalinscher Gefangener, die gemeinsam mit dem Fernsehen über das Genie Stalin diskutieren – das sind wir.”

Dafür hören wir nicht damit auf, uns über die Deutschen lustig zu machen, die mit aller Kraft versuchen, das traurige Kapitel ihrer noch jungen Vergangenheit endgültig abzuschließen, indem sie an einem ständigen und gesunden Verantwortungsgefühl festhalten, tragen sie doch eine enorme Kriegsschuld.

Das sich Bewusstmachen der Schuld ist der einzige Weg, eine Wiederholung zu vermeiden. Das muss über Jahrhunderte hinweg dem Volk beigebracht werden, so lange, bis es genetisch mit ihnen verwurzelt ist.

Wenn man über Schuld spricht, so muss nicht die reale damit gemeint sein. Vielmehr ist es das sich entscheiden zwischen vergessen und erinnern. In diesem Sinne betrifft das auch diejenige Generation, die nicht direkt mit den Geschehnissen in Verbindung gebracht werden kann.

Die Deutsche leiden, aber sie erinnern sich. Und vergessen nicht. Damit sich so etwas Schreckliches nicht noch ein Mal wiederholt.

Und wir – wir machen nichts. Wir brauchen keine Wahrheit, sondern einen Grund, um auf unsere Nation Stolz sein zu können. Für uns ist alles, was von der Geschichte nicht gebilligt, von der Obrigkeit nicht durchgelassen wurde “Tapetenleim”. Und hierbei geht es nicht etwa nur um Ausschwitz oder den Holocaust. Irgendwann werden die Jubelrufe der Russischen Föderation folgen, und falls sich nichts ändert, schließt sich die “unabhängige” Ukraine dem Jubel gleich an.

07. Mai 2012 // Anatolij Borssjuk

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Maria Ugoljew  — Wörter: 2034

Maria Ugoljew ist freischaffende Journalistin und Übersetzerin. Sie hat erst Slawistik, Kunstgeschichte sowie Musikwissenschaft in Greifswald und Brno studiert und dann bei einer Lokalzeitung volontiert. Heute lebt sie in Berlin.

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