FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Schweinegrippe im Wahlkampf

0 Kommentare

Schon bei der Weltfinanzkrise war die Ukraine am Stärksten betroffen. Nun also auch bei der Schweinegrippe. Es gibt dafür keine objektiven Gründe, aber eine Menge hausgemachter Probleme, welche die Auswirkungen der Grippe-Epidemie in der Ukraine, im Vergleich mit anderen europäischen Ländern – einschließlich Russland und Belarus – mehrfach verstärken. Spürbar ist vor allem um eine große Angst, die nur mit der Panik in Kiew gleich nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 vergleichbar ist. Diese Angst, die durch unprofessionelles Handeln von PolitikerInnen und hohen Beamten verursacht wurde, sowie eine inkompetente Führung des Gesundheitswesens der Ukraine und den absolut katastrophalen Zustand des ukrainischen Gesundheitssystems, dem niemand in der Ukraine zutraut, dass es Menschen vor der Schweinegrippe effektiv schützen oder gar heilen kann.

Von Kyryl Savin und Mathias Lischke

Panik-Epidemie

Es ist zurzeit eindeutig, dass es sich nicht um eine Epidemie der Schweinegrippe, sondern auch um die saisonale Grippe und Erkältungen handelt, die zu dieser Jahreszeit in der Ukraine immer um sich greifen. Das Land befindet sich schon seit drei Wochen im Panik – und Quarantänezustand. Die Anzahl der Todesfälle ist bereits auf über 280 Menschen angestiegen. Allerdings ist nicht bewiesen, dass alle an der Influenza A H1N1 gestorben sind. Ungefähr 1,3 Mio. Ukrainer_innen sind momentan erkrankt, dabei reicht das Spektrum von der Erkältung über die normale Grippe bis hin zur Schweinegrippe. Trotz dieser immensen Zahlen verringert sich die Panik in der Hauptstadt Kiew. Doch viele Regionen und Bevölkerungsschichten sind immer noch hysterisch: sie tragen ganztägig Atemschutzmasken und stehen in Schlangen vor den Apotheken, um „etwas gegen die Grippe zu kaufen“.

Die Stimmung ist sehr schlecht, vor allen in den westlichen Regionen: viele haben Angst um ihre Kinder und Familien. Bis zum 20. November wurde landesweit eine Quarantäne verhängt. Damit sind alle großen öffentlichen Veranstaltungen, vor allem Wahlveranstaltungen, verboten. Schulen, Hochschulen und Kindergärten bleiben geschlossen. Eine Packung „Tamiflu“ kostet mittlerweile auf dem Schwarzmarkt in Kiew um die 4.000 UAH (330 EUR). Die Apotheken sind fast leergekauft, klassische Heilmittel wie Zwiebeln, Knoblauch und Zitronen sind in Supermärkten rar geworden und deutlich im Preis gestiegen. Gleichzeitig finden sich hunderte Firmen und Einzelpersonen, die schnelles Geld mit der Grippehysterie verdienen möchten. Das gelingt auch: so gibt es derzeit keine Schutzmasken mehr in den Apotheken zu kaufen, sie werden aber in den U-Bahn-Stationen für 20 UAH (ca. 1,7 EUR) pro Stück angeboten – und auch gekauft.

Unterdessen geht die Medienhysterie weiter, alle Nachrichten beginnen mit der Anzahl neuer Toter. Man hat den Eindruck, die Hysterie scheint absichtlich organisiert zu sein. Verlässliche Fachinformationen für die Bürger_innen gibt es kaum. Die Meldungen der Politiker_innen und Expert_innen sind widersprüchlich, unprofessionell und oft kontraproduktiv. Am 31. Oktober wies der Gesundheitsminister in einer TV-Ansprache darauf hin, dass jeder, der Schnupfen, Halsschmerzen, Husten oder Fieber hat, sich sofort bei einem Arzt melden und sich auf keinem Fall selbst behandeln soll. Diese Botschaft wurde gehört: alle ukrainischen Ärzte, Krankenhäuser und Polikliniken sind deswegen überfordert. Hunderttausende BürgerInnen melden sich wegen einfacher Erkältungen und überfluten die medizinischen Einrichtungen des Landes.

Schweinegrippe als Wahlkampfinstrument

Selbstverständlich ist an den Gerüchten, die Schweinegrippe sei in die Ukraine eingeführt worden, um Wahlkampf zu machen, nichts dran. Dennoch wurde das Thema Schweingrippe sofort von Politiker_innen für Wahlkampfzwecke instrumentalisiert. Juschtschenko und Janukowytsch werfen Tymoschenko vor, dass die Regierung nichts zur Prävention der Grippe-Epidemie unternommen habe, dass sie mehrere Todesfälle in den westlichen Regionen der Ukraine bis zum 30. Oktober bewusst verschwieg und am 24. Oktober ihre eigene Nominierungsveranstaltung auf dem Kiewer Majdan mit 100.000 Menschen aus der ganzen Ukraine durchführte und so die Epidemie-Verbreitung bewusst beschleunigt habe.

Tymoschenko ihrerseits versucht aus der Not eine Tugend zu machen. Sie zeigt Präsenz überall, tritt täglich im Fernsehen auf und versucht den Eindruck zu vermitteln, dass die Regierung alles unter Kontrolle habe und sie sich persönlich um die Grippe-Epidemie kümmere. Darüber hinaus hat das Parlament bereits beschlossen, dass über 1 Mrd. UAH des Reservefonds zur Bekämpfung der Epidemie ausgegeben werden.

Unter anderem wurde damit große Mengen Verbandstoff aus Russland und Weißrussland gekauft. Aus dem Material sollen nun Millionen von Schutzmasken hergestellt und in der Bevölkerung verteilt werden. Expert_innen befürchten, dass über die Hälfte dieser Summe, wie in der Ukraine üblich, gestohlen wird. Der Panikzustand ist ein „guter Grund“, warum die, für ukrainische Maßstäbe sehr große Summe unkontrolliert und auch sinnlos ausgegeben werden darf.

Tymoschenko profitiert politisch unterdessen von der seit drei Wochen bestehenden Quarantäne, weil in dieser Zeit alle Wahlkampfveranstaltungen verboten sind. Gerade für den Oppositionskandidat Janukowytsch sind diese aber von großer Bedeutung. Als Regierungschefin präsentiert sich Tymoschenko täglich und kostenlos in allen Nachrichten. Zusätzliche Wahlveranstaltungen hat sie kaum nötig. Trotzdem zeigen heutige Umfragen, dass Tymoschenkos Zustimmungsquote, im Unterschied zum September und Oktober, stagniert.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Bis zum 9. November bestand eine reale Gefahr, dass Präsident Juschtschenko den Ausnahmezustand in der Ukraine ausruft und der Wahltermin auf den 30. Mai 2010 verschoben wird. Juschtschenko würde dies liebend gerne tun und es wäre auch verfassungskonform, aber der Präsidialerlass über die Ausrufung eines Ausnahmezustandes muss durch das Parlament bestätigt werden. In der Werchowna Rada aber sind die beiden größten Fraktionen, PdR und BjuT, nicht daran interessiert, dass die Wahlen verschoben werden.

Ukrainisches Gesundheitssystem – Gefahr für die nationale Sicherheit?

Die hysterische und panische Stimmung unter den Bürger_innen ist zum großen Teil auch auf das Versagen des Gesundheitswesens in der Ukraine zurück zu führen. Fakt ist, dass die Ansteckungsgefahr für das Virus A H1N1 in der Ukraine nicht höher ist, als beispielsweise in Polen oder in Deutschland. Der Unterschied zu diesen Ländern besteht aber darin, dass EU-BürgerInnen krankenversichert sind und wissen, dass sie im Falle einer Krankheit eine fachgerechte, schnelle und kostenlose medizinische Hilfe vor Ort bekommen werden. Davon können die Menschen in der Ukraine nur träumen. Das ukrainische Gesundheitswesen existiert „de facto“ schon lange nicht mehr, braucht aber von Jahr zu Jahr eine massive staatliche Finanzierung und zieht auch noch den Bürger_innen das Geld in Form von Schmiergeldern aus der Tasche. Das Vertrauen in das ukrainische Gesundheitssystem ist schon seit langem zerstört.

Quelle: Heinrich-Böll-Stiftung

Mathias Lischke ist derzeit Praktikant bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew.

Autor:   Kyryl Savin und Andreas Stein — Wörter: 1020

Dr. Kyryl Savin war Leiter des Länderbüros der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew. Das komplette Dossier der Heinrich-Böll-Stiftung zur Demokratie in der Ukraine finden Sie hier

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 5.5/7 (bei 2 abgegebenen Bewertungen)

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)0 °C  Ushhorod2 °C  
Lwiw (Lemberg)3 °C  Iwano-Frankiwsk1 °C  
Rachiw-1 °C  Jassinja0 °C  
Ternopil1 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)1 °C  
Luzk2 °C  Riwne2 °C  
Chmelnyzkyj0 °C  Winnyzja0 °C  
Schytomyr0 °C  Tschernihiw (Tschernigow)0 °C  
Tscherkassy0 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)-9 °C  
Poltawa-9 °C  Sumy-8 °C  
Odessa0 °C  Mykolajiw (Nikolajew)0 °C  
Cherson0 °C  Charkiw (Charkow)-7 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)-2 °C  Saporischschja (Saporoschje)-1 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)-2 °C  Donezk-2 °C  
Luhansk (Lugansk)-3 °C  Simferopol0 °C  
Sewastopol1 °C  Jalta4 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Gestern Freitagnacht auf Samstag, 2 Uhr Kiewzeit, habe ich bei Zosin/Ustyluh ins Klo gegriffen, ca. 12 bis 15 PKW und pro Einlas nur 5 PKW..., der weitere Ablauf bei den Polen, unerträglich langsam, das...“

„Meine derzeitige Ein- und Ausreisestrategie sieht wie folgt aus, Einreise am Grenzübergang in Ustyluh, zuletzt beide Grenzen in 18 Minuten passiert, Lichtgeschwindigkeit. 1 Uhr in der Nacht (Kiewzeit)...“

„..... Mir liegen von meinen Eltern unterzeichnete Generalvollmachten in deutscher Sprache vor. ..... Grundsätzlich wirst du mit Vollmachten in deutscher Sprache bei einem ukrainischen Konsulat nicht weit...“

„2016? Das Konsulat ist doch in Hamburg. Warum rufst dort nicht an?“

„Sehr geehrte Damen und Herren, meine Eltern sind ukrainische Staatsbürger und leben seit 2008 mit einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, genauer gesagt in Hamburg. Im Juni 2016 läuft...“

„Hallo an ALLE, ich vermute meine Beteiligung hier entspricht nicht meinen Erwartungen und Hoffnungen. Mein Anliegen war in Erfahrung zu bringen,was ich beachten muss,wenn ich mit einer ukrainischen Frau...“

„Das sind Untermenschen, normale Menschen verhalten sich anders. Slava Ukraine Nachricht von Moderator Handrij volontaer45 wurde für diesen Beitrag verwarnt. Nazisprache ist hier unerwünscht! Un|ter|mensch,...“

„Hallo Lev, habe das im Internet gefunden, Probleme ist wohl die Grenzkontrolle ohne EU Pass, dann wird es eine Warterei von 2h..., Mein Browser hat mir das automatisch auf Deutsch übersetzt.“

„Hat eventuell jemand hier im Forum, Erfahrung mit der neuen Zugverbindung und dem Umstieg in Przemyel ?“

„Zuletzt war ich zweimal kurz hintereinander in Ustyluh/Zosin im Röntgenapparat (Polen), kostet halt jedes Mal auch noch ca. 15 - 20 Minuten..., das nervt. Nach Kiew würde ich ebenfalls die "nördliche"...“

„Kowel-Sarnyj-Korosten-Kiew, weil wesentlich weniger Verkehr als die A4-Route im Süden. Ach die Strecke kann man normal fahren? Da ist nur der Grenzübergang Dorohusk nicht möglich.“

„Das hat sich spätestens erledigt seitdem "die Russen" ein Teil der Russen von damals hinterhältig überfallen hat. Und ein Teil der Russen von damals über "den Russen" von heute genauso denkt. Heisst...“

„In diesem Zusammenhang würde mich ja Mal interessieren welche Rolle E-Autos in UA unter den derzeit herrschenden Bedingungen spielen ?“

„Gerade wir als Deutsche sollten uns jetzt hüten wieder in alte verhängnisvolle Denkmuster gegenüber "den Russen" zu verfallen !“

„Ja das könnte passen. Der stand da mitten im Wald auf der Strasse mit der Kalaschnikow um den Hals. Da waren es noch paar km bis zur Grenze. Hatte da nur den EU-Pass gezeigt, hat er mich durch gewunken....“

„Bin erst 2025 das erste Mal bei Uhryniv über die Grenze, der Blockposten ist Schätzungsweise 7 Kilometer von der Grenze weg. Ansonsten lässt sich noch vermuten ggf. Gibt da was in der Nähe, dass gerne...“

„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn. Uhryniv .... Ist das nicht der wo Armeeposten...“

„"RESPEKT " ist vermutlich das "Fremdwort" schlechthin für einen Russen. Meine Erwartungshaltung wurde " leider " nicht enttäuscht, faschistisches Russenpack, ist bleibt was es ist, ein Haufen voller...“

„Wieso Respekt? Werden die Russenfaschisten mit Absicht gemacht haben - wie kann man auch die Feiertage wie im Westen nutzen ....“

„Ja, das ist interessant, eigentlich sollen ja mit unter, Männer vor der Annäherung zur Grenze abgehalten werden und natürlich dann die Flucht außer Landes. Du hast recht, im Sommer hatte ich in Astey...“

„War über die Feiertage in der Ukraine in Luzk bei der Familie, die Russen sind schon blöde Arschlöcher, Luzk als Stadt zählt meiner Ansicht nach auch eher noch zu den ruhigeren Plätzen im Kriegsgebiet,...“

„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn.“

„Grenzübergang Urgyniw - Dolgobytschuw Wollte in der Nacht von Samstag 3.1.26 auf Sonntag 4.1.26 am Grenzübergang Urgyniw um ca 2 Uhr ausreisen, daraus wurde aber nichts, da wir am "Blockposten" - Kontrollpunkt...“

„Was wohl die Russen davon halten, dass die Ukrainer beinahe schon nach belieben jede Raffinerie erfolgreich angreifen können, Putins Residenz aber so derartig gut gesichert ist, sodass sie angeblich 91...“

„Was wohl die Ausgebombten aus Dnipro oder die Bauern im Kursker Gebiet denken wenn sie erfahren würden daß sich ihre Kriegsherren selbst gegenseitig nur mit Samthandschuhen anfassen ?“

„Also bisher habe ich nichts davon gelesen dass es entsprechende Angriffe gab. Letztes Jahr gab es mal ein Ziel in der Nähe vom Präsidentenpalast. ... denke mal das läuft auf Gegenseitigkeit hinaus...“

„Mal ganz abgesehen davon daß dieses behauptete Ereignis vermutlich nur als Vorwand konstruiert wurde um sich vor ernsthaften Friedensverhandlungen drücken zu können: Putin scheint wohl ein schlechter...“

Newsletter jeden Morgen

Sie möchten täglich über Neuigkeiten auf der Seite benachrichtigt werden? Dann ist vielleicht ein Kurzüberblick mit den wichtigsten Beiträgen der vergangenen 24 Stunden für Sie interessant. Der Versand erfolgt jeden Tag 6.00 Uhr morgens.




Nach dem Eintrag Ihrer E-Mailadresse erhalten Sie eine E-Mail zum Bestätigen Ihrer Adresse und können dann die Eintragung abschließen (so genanntes "Double Opt-In-Verfahren"). Ihre E-Mailadresse wird dabei nur auf unserem Server in Deutschland gespeichert und nicht an Dritte übermittelt.