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Der „weiße“ Putin

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Wladimir Putin - Botschaft an den Föderationsrat 2018Quelle: kremlin.ru
Die Botschaft Wladimir Putins an die Föderationsversammlung blieb uns mit den Trickfilmen im Gedächtnis. Mit ihrer Hilfe erläuterte der russische Präsident der Stadt und der Welt, wie er eben die Welt vernichten möchte. Doch das war nicht die Hauptsache.

Die Hauptsache war das hier:

„Nach dem Zerfall der UdSSR verlor Russland, das zu sowjetischen Zeiten Sowjetunion hieß – im Ausland wurde es eben so genannt, Sowjetrussland, wenn man von unseren nationalen Grenzen spricht, 23,8 Prozent des Territoriums, 48,5 Prozent der Bevölkerung, 41 Prozent des Bruttosozialprodukts, 39,4 Prozent des Industriepotenzials (ich geben zu bedenken, fast die Hälfte), 44,6 Prozent des Militärpotenzials …“

Und das ist wirklich eine ernste Wendung.

Denn vorher wurde die Auflösung der Union vom Kreml als Scheidung ausgelegt. Wenn die früheren Verwandten die Zimmer in der Gemeinschaftswohnung privatisieren und ein getrenntes Leben beginnen. Die Unionsrepubliken wurden zu Prototypen von unabhängigen Staaten und die Binnengrenzen der Union wurden zu neuen zwischenstaatlichen. Ja und Russland selbst beschloss den 12. Juni zu feiern, den Tag als die Deklaration der staatlichen Souveränität der RSFSR angenommen wurde.

Diese Auslegung wurde jahrzehntelang nicht angefochten. 15 Länder, die anstelle der UdSSR auftauchten, konnten ihre sowjetische Vergangenheit anerkennen, zu dieser auf Abstand gehen oder komplett zur Besatzungszeit erklären. Doch dabei kam niemanden aus der russischen Führung in den Sinn, diese zu russischen zu erklären.

Der Kreml stritt um den Status der Russischen und der russischen Kultur. Er gab Pässe aus und unterstützte die Diaspora. Er korrumpierte die Eliten und nährte die Nostalgie. Doch ging der Streit all die Jahre um die Menschen, doch nicht um die Territorien.

Jetzt ist das alles inaktuell. Es erwies sich, dass die Sowjetunion keine Union war. Das sie all die Zeit Russland war. Und alle ehemaligen Republiken – vom Baltikum bis Usbekistan – waren Länder, deren Eigentumsrechte beim Kreml lagen. Keine Föderation. Keine Konföderation. Russland. Von Vilnius bis Samarkand. Von Bischkek bis Lwiw.

Die Grenzen der Union wurden zu den Grenzen Russlands erklärt. Esten und Kasachen, Weißrussen und Turkmenen (und weiter in der Liste) zu Einwohnern Russlands. Die sich nicht entschieden getrennt zu leben, sondern überhaupt nur von Russland „verloren“ wurden.

Solange Moskau die Union als Union anerkannte, wurde die Unabhängigkeit der Nachbarn nicht in Zweifel gestellt. Der Kreml konnte die ehemaligen Nachbarn in der Gemeinschaftswohnung überreden, die tragenden Wände im Durchgangszimmer umzubauen. Er konnte ihnen eine allgemeine Alarmanlage vorschlagen und eine gemeinsame Eingangstür. Doch vergangene Woche verwarf er die Reverenzen und verkündete das Recht auf die gesamte Wohnung.

Von der Sache her verzichtete der Präsident auf das sowjetische Hauptideologem. Eben jenes, unter dessen Maske die Bolschewiki das auseinanderfallende Russische Imperium einsammelten.

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Maxim Gorjunow schreibt, dass zum Jahr 1917 ein vielschichtiges System der konfessionell-nationalen Diskriminierung geschaffen wurde. Seit 1889 konnte ein Muslim, der das Diplom eines Juristen erlangte, erst nach dem Erhalt einer speziellen Erlaubnis des Justizministers in das Anwaltskollegium eintreten. In den Militäreinheiten sollte der Anteil an Schweden, Deutschen, Letten, Esten, Armenier und Finnen 20 Prozent der Offiziere nicht überschreiten. In den gleichen Jahren wurden Quoten für Juden an den Universitäten eingerichtet. Die katholischen Kirchen Weißrusslands wurden russifiziert.

Nach dem Krach des Imperiums resultierte das geschaffene Verdrängungssystem in der Nachfrage nach Unabhängigkeit. Die Randgebiete, müde von der Metropole geworden, wurden zu Freischwimmern. Den Bolschewiki gelang es, mit Waffengewalt die Regionen in das neue Imperium zurückzuholen. Doch, um der Konkurrenz mit den nationalen Befreiungsbewegungen in den erneut eroberten Territorien standzuhalten, entschlossen sie sich zur Politik der Einwurzelung/Korenisazija. Sie erlaubten nationale Sprachen und Kultur, hoben die Quoten auf und beseitigten die Einschränkungen.

Die sowjetische Führung berücksichtigte die Fehler der „Weißen“. Diese dachten nicht einmal daran die Autonomie der ehemaligen Kolonien zu diskutieren und waren am Ende gezwungen sowohl mit den „Roten“, als auch mit den nationalen Bewegungen zu kämpfen. Die Bolschwiki setzten auf die Korenisazija – um den nationalen Befreiungsdiskurs zu privatisieren und siegten in den folgenden 70 Jahren.

Die Grenzen, nach denen die Sowjetunion auseinanderfiel, waren kein Geschenk Moskaus an die Unionsrepubliken. Sie waren ein erzwungener Kompromiss. Ein Tribut, den der Kreml für die Wiedergeburt des vor hundert Jahren auseinandergefallenen Imperiums zahlte. Eine unabdingbare Bedingung, dank derer es Moskau gelang, das imperiale Leben um einige Jahrzehnte zu verlängern.

Wahrscheinlich ist, dass dies Wladimir Putin niemand erklärt hat. Und jetzt sinniert er über das „einzige und unteilbare“ in der Rhetorik der Romanow-Dynastie. In eben jener Rhetorik, die erst das Imperium zum Zerfall verdammte und dann die „weiße Bewegung“ zur historischen Niederlage. Einzig mit dem Unterschied, dass Russland sich bereits zum unabhängigen Staat erklärt hat.

Glauben Sie weiter an Kompromisse mit dem Imperium?

6. März 2018 // Pawel Kasarin

Quelle: Krim Realii

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 762

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