FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Wenn Zeit vergangen ist, wird man dich rehabilitieren

0 Kommentare

Im Oktober 1972 verurteilt mich ein Kiewer Gericht. Genau da wurde ich offiziell zu einem gefährlichen Staatsverbrecher. Nach ein oder zwei Tagen raunte mir meine Mutter bei einer kurzen Besuch über den Tisch hinweg einen Satz zu, der die anwesenden Offiziere des KGB sehr empörte: „Geduld, mein Sohn. Es vergeht ein bisschen Zeit, dann werden sie dich schon rehabilitieren.“ Sie haben mich wirklich rehabilitiert, die Staatsanwaltschaft hat mir die Mitteilung per Post geschickt. Jetzt fangen sie an, in meinem Land diejenigen meiner Mitbürger zu rehabilitieren, die nicht unter den gerichtlichen Repressionen litten, sondern deren „Schuld“ einem anderen Willen des Schicksals folgte – sie leiden unter verschiedenen psychischen Erkrankungen. Diese Rehabilitierung erfordert Zeit und Mühe, staatsanwaltschaftliche Papiere oder die des Gesundheitsministeriums wird man hier nicht erhalten.

Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts steht in der zivilisierten Welt die Losung der psychiatrischen Deinstitutionalisierung im Mittelpunkt. Die sogenannte antipsychiatrische Bewegung hat hier offensichtlich einen ernsthaften Einfluss. In dieser Zeit hat sich die Welt – allerdings ohne uns- darauf vorbereitet, die Anzahl der Krankenstationen und Betten zu verringern. Wir hingegen stopften unsere Krankenhäuser auf sowjetische Art weiter voll mit Patienten. Ältere ukrainische Ärzte haben noch vor Augen, wie auf einem schmalen Bett zwei Kranke, einander im Grunde unbekannte Menschen, schliefen.

In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat sich die zivilisierte Menschheit entschieden, Stück für Stück in eine neue Ära der sozialen Psychiatrie und psychiatrischen Rehabilitation einzutreten. Wir haben uns da, wie immer, verspätet. Ich möchte das ein oder andere erläutern, da nicht alle Leser die Fachausdrücke kennen.

Das Problem der Deinstitutionalisierung ist die Funktionsfähigkeit von Gebäuden. Das Problem der Rehabilitierung ist die Funktionsfähigkeit der Menschen. Deinstitutionalisierung schließt Gebäude, Rehabilitierung öffnet Leben. Deinstitutionalisierung konzentriert sich auf Zwang- und Beklemmungslosigkeit der Kranken, Rehabilitierung auf die Unterstützung der Persönlichkeit. Deinstitutionalisierung öffnete die Türen der Krankenhäuser und gibt den Kranken bei der Entlassung ein Rezept für Medikamente. Die Rehabilitation versucht, Türen der menschlichen Gesellschaft zu öffnen und den Menschen zu helfen, ein Rezept für ihr Leben zu finden.

Es gibt zwei wichtige Aspekte, die die modernen Behandelnden aus irgendeinem Grund nicht erwähnen. Verwunderlicherweise ist es ausgerechnet der überwältigende Fortschritt der Pharmakologie, der sämtliche neue medizinische Mittel schöpft, die sowohl die Deinstitutionalisierung, als auch die Rehabilitierung in der Psychiatrie erleichtern.

Im Unterschied zu den früheren, ziemlich verunreinigten psychiatrischen Medikamenten sind die heutigen weniger giftig, dafür effektiver. Sie dämpfen die Krankheit nicht und dröhnen den Kranken auch nicht zu, sondern heilen wirklich. Und außerdem, was außergewöhnlich wichtig für jede Gesellschaft ist: Sowohl die Deinstitutionalisierung, als auch die Rehabilitation erlaubt es, das Geld des nationalen Steuerzahlers radikaler und wirtschaftlicher zu benutzen. Die bittere Wahrheit lautet, dass das unser Land, die Ukraine, fast nicht betrifft. Doch das ist Inhalt eines individuellen und schwierigen Gesprächs zwischen dem ukrainische Steuerzahler und der Regierung.

Anfang des 21. Jahrhunderts, also vor nur wenigen Jahren, wurde eine transnationale Studie durchgeführt. Das Ziel dieser Studie war es, mögliche Unterschiede in Psychiatrien in Westeuropa und den postsowjetischen Ländern auszumachen. Das bedeutet konkret: Der Unterschied in der Diagnostik, in den Heilungsmethoden und in der Beurteilung der Heilungschance bei dem einzelnen Patienten.

Die Resultate der Studie zeigten: Die Diagnostik ist bei uns im Großen und Ganzen adäquat gegenüber der des Westens (in den Jahren der Sowjetunion war eine solche Übereinstimmung natürlich nicht vorhanden), die Heilungsmethoden sind ebenso adäquat (mit dem Unterschied, dass unsere Ärzte bei Verschreibung der Medikamente die billigsten nehmen müssen), doch im Hinblick auf die Beurteilung der Diagnose gibt es einen großen Unterschied: Die Ärzte im Westen erwarten eine vollständige Heilung in 80 Prozent aller Fälle, unsere postsowjetischen Ärzte in nur 20 Prozent aller Fälle.

Ich erinnere mich, dass sie alle einzig den „Normalverlauf“ einer Krankheit betrachteten, mit anderen Worten, ein- und denselben Patienten. Um ein kleines Geheimnis zu verraten: Zu der Teilnahme an der Studie in den postsowjetischen Ländern wurden die besten Ärzte eingeladen – die, die dieser Studie würdig sind, so könnte man sagen. Ich kenne jeden Einzelnen von ihnen und kann mit Überzeugung sagen: Ihr professioneller Intellekt hat sich nicht von dem der westlichen Kollegen unterschieden. Woher kommt dann ein solcher Unterschied in der Beurteilung der Prognose?

Ich erkläre es Ihnen: Bei den in die Studie eingegangenen Ländern, inklusive der Ukraine, gibt es keine deutliche Deinstitutionalisierung und keine flächendeckende Rehabilitation. So leben wir fast gänzlich ohne Institute sozialer Psychiatrie. Wir leben schlecht und teuer. So teuer, dass unsere offiziellen Wirtschaftswissenschaftler Angst haben, die realen Ausgaben für das hiesige staatliche psychiatrische System zu zählen. Oder die können es nicht. Wer kennt sie schon.

Und trotzdem: Irgendetwas ändert sich. Wir ändern uns. Die Inseln psychiatrischer Rehabilitation werden immer öfter „ernster“ genommen, nicht nur für die Dissertationen. Mal abgesehen von dem Befehl von oben. Ich denke, es ist unsere Gesellschaft selbst, die eine posttotalitäre Rehabilitation durchläuft. So Gott will, wird auch der Staat mitziehen.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

1. November 2011 // Semjon Glusman

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Corinna König — Wörter: 802

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 5.0/7 (bei 1 abgegebenen Bewertung)

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)0 °C  Ushhorod5 °C  
Lwiw (Lemberg)5 °C  Iwano-Frankiwsk5 °C  
Rachiw1 °C  Jassinja1 °C  
Ternopil3 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)5 °C  
Luzk6 °C  Riwne5 °C  
Chmelnyzkyj2 °C  Winnyzja2 °C  
Schytomyr1 °C  Tschernihiw (Tschernigow)0 °C  
Tscherkassy0 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)1 °C  
Poltawa0 °C  Sumy0 °C  
Odessa4 °C  Mykolajiw (Nikolajew)5 °C  
Cherson6 °C  Charkiw (Charkow)0 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)3 °C  Saporischschja (Saporoschje)4 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)2 °C  Donezk1 °C  
Luhansk (Lugansk)1 °C  Simferopol5 °C  
Sewastopol4 °C  Jalta6 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Gestern Freitagnacht auf Samstag, 2 Uhr Kiewzeit, habe ich bei Zosin/Ustyluh ins Klo gegriffen, ca. 12 bis 15 PKW und pro Einlas nur 5 PKW..., der weitere Ablauf bei den Polen, unerträglich langsam, das...“

„Meine derzeitige Ein- und Ausreisestrategie sieht wie folgt aus, Einreise am Grenzübergang in Ustyluh, zuletzt beide Grenzen in 18 Minuten passiert, Lichtgeschwindigkeit. 1 Uhr in der Nacht (Kiewzeit)...“

„..... Mir liegen von meinen Eltern unterzeichnete Generalvollmachten in deutscher Sprache vor. ..... Grundsätzlich wirst du mit Vollmachten in deutscher Sprache bei einem ukrainischen Konsulat nicht weit...“

„2016? Das Konsulat ist doch in Hamburg. Warum rufst dort nicht an?“

„Sehr geehrte Damen und Herren, meine Eltern sind ukrainische Staatsbürger und leben seit 2008 mit einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, genauer gesagt in Hamburg. Im Juni 2016 läuft...“

„Hallo an ALLE, ich vermute meine Beteiligung hier entspricht nicht meinen Erwartungen und Hoffnungen. Mein Anliegen war in Erfahrung zu bringen,was ich beachten muss,wenn ich mit einer ukrainischen Frau...“

„Das sind Untermenschen, normale Menschen verhalten sich anders. Slava Ukraine Nachricht von Moderator Handrij volontaer45 wurde für diesen Beitrag verwarnt. Nazisprache ist hier unerwünscht! Un|ter|mensch,...“

„Hallo Lev, habe das im Internet gefunden, Probleme ist wohl die Grenzkontrolle ohne EU Pass, dann wird es eine Warterei von 2h..., Mein Browser hat mir das automatisch auf Deutsch übersetzt.“

„Hat eventuell jemand hier im Forum, Erfahrung mit der neuen Zugverbindung und dem Umstieg in Przemyel ?“

„Zuletzt war ich zweimal kurz hintereinander in Ustyluh/Zosin im Röntgenapparat (Polen), kostet halt jedes Mal auch noch ca. 15 - 20 Minuten..., das nervt. Nach Kiew würde ich ebenfalls die "nördliche"...“

„Kowel-Sarnyj-Korosten-Kiew, weil wesentlich weniger Verkehr als die A4-Route im Süden. Ach die Strecke kann man normal fahren? Da ist nur der Grenzübergang Dorohusk nicht möglich.“

„Das hat sich spätestens erledigt seitdem "die Russen" ein Teil der Russen von damals hinterhältig überfallen hat. Und ein Teil der Russen von damals über "den Russen" von heute genauso denkt. Heisst...“

„In diesem Zusammenhang würde mich ja Mal interessieren welche Rolle E-Autos in UA unter den derzeit herrschenden Bedingungen spielen ?“

„Gerade wir als Deutsche sollten uns jetzt hüten wieder in alte verhängnisvolle Denkmuster gegenüber "den Russen" zu verfallen !“

„Ja das könnte passen. Der stand da mitten im Wald auf der Strasse mit der Kalaschnikow um den Hals. Da waren es noch paar km bis zur Grenze. Hatte da nur den EU-Pass gezeigt, hat er mich durch gewunken....“

„Bin erst 2025 das erste Mal bei Uhryniv über die Grenze, der Blockposten ist Schätzungsweise 7 Kilometer von der Grenze weg. Ansonsten lässt sich noch vermuten ggf. Gibt da was in der Nähe, dass gerne...“

„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn. Uhryniv .... Ist das nicht der wo Armeeposten...“

„"RESPEKT " ist vermutlich das "Fremdwort" schlechthin für einen Russen. Meine Erwartungshaltung wurde " leider " nicht enttäuscht, faschistisches Russenpack, ist bleibt was es ist, ein Haufen voller...“

„Wieso Respekt? Werden die Russenfaschisten mit Absicht gemacht haben - wie kann man auch die Feiertage wie im Westen nutzen ....“

„Ja, das ist interessant, eigentlich sollen ja mit unter, Männer vor der Annäherung zur Grenze abgehalten werden und natürlich dann die Flucht außer Landes. Du hast recht, im Sommer hatte ich in Astey...“

„War über die Feiertage in der Ukraine in Luzk bei der Familie, die Russen sind schon blöde Arschlöcher, Luzk als Stadt zählt meiner Ansicht nach auch eher noch zu den ruhigeren Plätzen im Kriegsgebiet,...“

„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn.“

„Grenzübergang Urgyniw - Dolgobytschuw Wollte in der Nacht von Samstag 3.1.26 auf Sonntag 4.1.26 am Grenzübergang Urgyniw um ca 2 Uhr ausreisen, daraus wurde aber nichts, da wir am "Blockposten" - Kontrollpunkt...“

„Was wohl die Russen davon halten, dass die Ukrainer beinahe schon nach belieben jede Raffinerie erfolgreich angreifen können, Putins Residenz aber so derartig gut gesichert ist, sodass sie angeblich 91...“

„Was wohl die Ausgebombten aus Dnipro oder die Bauern im Kursker Gebiet denken wenn sie erfahren würden daß sich ihre Kriegsherren selbst gegenseitig nur mit Samthandschuhen anfassen ?“

„Also bisher habe ich nichts davon gelesen dass es entsprechende Angriffe gab. Letztes Jahr gab es mal ein Ziel in der Nähe vom Präsidentenpalast. ... denke mal das läuft auf Gegenseitigkeit hinaus...“

„Mal ganz abgesehen davon daß dieses behauptete Ereignis vermutlich nur als Vorwand konstruiert wurde um sich vor ernsthaften Friedensverhandlungen drücken zu können: Putin scheint wohl ein schlechter...“

Newsletter jeden Morgen

Sie möchten täglich über Neuigkeiten auf der Seite benachrichtigt werden? Dann ist vielleicht ein Kurzüberblick mit den wichtigsten Beiträgen der vergangenen 24 Stunden für Sie interessant. Der Versand erfolgt jeden Tag 6.00 Uhr morgens.




Nach dem Eintrag Ihrer E-Mailadresse erhalten Sie eine E-Mail zum Bestätigen Ihrer Adresse und können dann die Eintragung abschließen (so genanntes "Double Opt-In-Verfahren"). Ihre E-Mailadresse wird dabei nur auf unserem Server in Deutschland gespeichert und nicht an Dritte übermittelt.