FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Reformen auf ukrainische Art: Der Schlüssel zum Scheitern

0 Kommentare

Ukrainische Reformen: Der Schlüssel zum Scheitern
Die Sommerferien kamen unserer Regierung offensichtlich zugute: Im September startete die Bildungsreform, in einem Monat – die Rentenreform, und bis Ende des Jahres kommt es vielleicht noch zur medizinischen (das Hauptgesetz der Gesundheitsreform wurde am Donnerstag verabschiedet, A.d.R.). Es scheint, dass die Nachfrage der Gesellschaft nach Reformen in der Ukraine noch nie so zufriedenstellend erfüllt wurde. Wobei nicht jede Reform zu Veränderungen, noch dazu positiven führt. Weil keine Reform richtig funktionieren wird, solange die wichtigsten systemischen Probleme des Landes nicht gelöst sind. In diesem Sinne erinnern die neuesten Reformmaßnahmen an den Ersatz von Lampen mit verrotteter Verkabelung: Wenn sie nicht sofort durchbrennen, leuchten sie besser, aber nur in den Pausen zwischen den Kurzschlüssen.

Die große Schulillusion

Stellen wir uns vor, dass die Bildungsreform ausgezeichnete Ergebnisse erzielt hat, und jetzt die Schulen intelligente Menschen mit modernen Kenntnissen und Fähigkeiten hervorbringen. Was sollten sie als Nächstes tun? Natürlich wird der vorwiegende Teil die Hochschulen stürmen, und an den Hochschulen wird der Augiasstall der „akademischen Untugend“ noch immer ausgemistet. Aber nehmen wir an, dass die Universitätsställe bereits funkeln und die Hochschulen, wenn nicht Elons Musks, dann Mark Zuckerbergs vorbereiten – hochgebildete, kreative, ehrgeizige und zielgerichtete Menschen. Sie schließen ihr Studium ab und … stoßen auf die ukrainische Realität. Denn die zeitgenössische ukrainische Wirtschaft braucht Dreher, Agronomen, Mähdrescherführer, Schlosser – egal wen, aber keine Zuckerbergs.

Und beleidigt sollen sich dann die Zuckerbergs nicht fühlen. Denn wenn sie wirklich so gebildet sind, wissen sie selbst, dass die Ukraine immer noch in der technologischen Ordnung des 19. und 20. Jahrhunderts lebt und sich kaum von der Modernisierung beeinflussen lässt. Theoretisch wäre es am einfachsten, die Tür für ausländische Investitionen zu öffnen, welchen dann Innovationen folgen werden. Aber von welchen Investitionen kann überhaupt die Rede sein, wenn wir in der Rangfolge der wirtschaftlichen Freiheiten auf dem gleichen Niveau wie Angola und Iran stehen und wenn es überhaupt besser wäre, Kosovo oder Botswana für ein Unternehmen wählen? So müssen unsere Zuckerbergs ihre Ambitionen auf „Fujikura“ (japanischer Automobilzulieferer im Gebiet Lwiw, A.d.R.) begrenzen oder nach einem besseren Schicksal im Ausland suchen.

Aber schon jetzt sind mehr als 30 Prozent der Ukrainer nicht dagegen, ihre Heimat zu wechseln, und dabei geht es ihnen mehr um eine attraktive Arbeit, und nicht um persönliche Freiheit und Sicherheit. Nehmen wir aber an, dass potenzielle Auswanderer einfach keine Ahnung davon haben, wie man eigene Start-ups gründet, und deshalb lieber in Polen Fliesen legen oder in Finnland Erdbeeren sammeln. Doch die Absolventen der reformierten Schulen und Universitäten wären in der Lage, kreative Industrien aufzubauen, die sowohl sie selbst, als auch die Ukraine retten würden – und zum Teufel dann mit diesem Finnland! Aber die gebildeten Zuckerbergs wissen ganz genau, dass eine kreative Wirtschaft niemanden rettet, noch dazu in ukrainischen Realitäten.

Kurz gesagt, egal, wie man das Bildungssystem reformiert, müssen sich seine Absolventen an die Realitäten der ukrainischen Wirtschaft, der Politik und der Bürokratie anpassen. Vielleicht werden unsere Zuckerbergs der „Gärstoff“ für soziale Veränderungen, aber bis dahin wird sich mehr als eine Generation von Gebildeten, Ehrgeizigen und Kreativen im umliegenden Sumpf auflösen. Dieser Sumpf wird auch das Bildungssystem verschlingen, weil ein separater reformierter Zweig in der nicht reformierten Umgebung nicht existieren kann. Denn die Korruption wird nicht von den Schulen und Universitäten verschwinden, solange das Regierungssystem im Land von ihr noch immer angesteckt ist, solange das Gerichtssystem nicht reformiert ist und so weiter der Liste nach.

Jonglieren mit den Renten

Das gleiche gilt für die Rentenreform. Nehmen wir an, die Regierung hat alles richtig berechnet, und die Reform wird nicht entgleisen. Aber ihre Ankunft vom Punkt „A“ in der hellen Zukunft steht in großem Zweifel. Weil die Grundlage der Reformberechnungen eine gefälschte (oder besser gesagt – betrügerische) Zahl ist. Natürlich geht es um das Existenzminimum, das für Rentner 1.452 Hrywnja pro Monat (gerade etwas mehr als 46 Euro, A.d.R.) beträgt. Es wäre nicht notwendig zu erklären, dass man mit diesem Geld nicht leben, sondern nur einige Zeit hungern kann, und auch nicht ohne Folgen für die Gesundheit. Und das gilt nicht nur für Rentner: Unser Existenzminimum wird für alle Bevölkerungsgruppen schamlos unterschätzt.

Warum es dazu gekommen ist, ist schwer zu sagen. Vermutlich wird diese Manipulation benötigt, um die Armut zu legitimieren, welche wiederum durch die schockierende Korruption und durch die nicht weniger schockierende Ineffizienz der ukrainischen Wirtschaft entsteht. Es mag einige andere Gründe geben, aber jetzt geht es nicht darum. Die durchschnittliche Rente in der Ukraine beträgt etwa 2.000 Hrywnja, also nicht viel mehr als unser unterbewertete Existenzminimum. Und obwohl die Regierung verspricht, soziale Standards zu erhöhen, verbessert sich die Situation nicht wirklich. Denn wenn die Berechnungen der Regierung auf einer falschen Zahl basieren, sind keine korrekten Ergebnisse zu erwarten. Ein paar Hundert Hrywnja werden den Rentnern „hingeworfen“, aber das holt keinen aus der Armut heraus.

Braucht man wirklich eine Erhöhung des Rentenalters? Vielleicht wäre das richtig. Aber wenn die Hälfte der Wirtschaft des Landes sich weit weg im „Schatten“ befindet, sind Hunderttausende Ukrainer nicht in der Lage, die benötigte Beitragszeit von 25 Jahren zu schaffen, über die am Ende der Reform nötigen 35 Jahre bräuchte man gar nicht zu sprechen. Theoretisch wird es den Armen erlaubt, die benötigte Anzahl von Beitragsjahren zu „kaufen“, indem sie Beiträge nachzahlen. In der Praxis werden sich solche „Einkäufe“ nur wirklich wohlhabende Menschen leisten können. Und die ganzen Armen, die einen Teil ihres Lebens illegal gearbeitet haben, werden massenhaft auf die hungrige Altersration herabfallen, deren Umfang mit dem Existenzminimum übereinstimmen wird. Man verspricht allerdings den Ukrainern, eine Alternative in Form einer kapitalgedeckten Rente (irgendwann) zu geben. Aber dabei gibt es mehr Fragen als Antworten.

Etwas Ähnliches wird auch mit der medizinischen Reform und mit allen anderen passieren: Die geplanten Ergebnisse der Reformen werden durch den Faktor der systemischen Probleme in der Ukraine dividiert: Korruption, Missbrauch, Oligarchie, Konservierung der wirtschaftlichen Rückständigkeit usw. Das wird in Kyjiw gut verstanden, aber systemische Probleme stehen als letzte an der Reihe (wenn diese überhaupt an die Reihe kommen). Denn das System der oligarchischen Macht ist um die Ausbeutung dieser systemischen Probleme errichtet worden. Daher wird sich die Ukraine in die helle Zukunft, die die Regierung verspricht, mit dem Wagen vor dem Pferd bewegen, das heißt lange, langsam und durch Umwege von Fehlern und Enttäuschungen.

5. Oktober 2017 // Oleksandr Fomenko

Quelle: Zaxid.net

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Übersetzerin:   Roksoliana Stasenko — Wörter: 1045

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 6.3/7 (bei 4 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)3 °C  Ushhorod5 °C  
Lwiw (Lemberg)4 °C  Iwano-Frankiwsk5 °C  
Rachiw2 °C  Jassinja2 °C  
Ternopil4 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)5 °C  
Luzk4 °C  Riwne4 °C  
Chmelnyzkyj4 °C  Winnyzja3 °C  
Schytomyr3 °C  Tschernihiw (Tschernigow)3 °C  
Tscherkassy3 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)4 °C  
Poltawa3 °C  Sumy2 °C  
Odessa7 °C  Mykolajiw (Nikolajew)7 °C  
Cherson7 °C  Charkiw (Charkow)2 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)6 °C  Saporischschja (Saporoschje)8 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)6 °C  Donezk7 °C  
Luhansk (Lugansk)8 °C  Simferopol7 °C  
Sewastopol7 °C  Jalta7 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Sie kann als Untermieterin bei Dir einziehen dadurch bildet Ihr keine Bedarfsgemeinschaft. Womöglich keine gute Idee. Unser Sozialamt z. B. wollte die Nebenkosten in einer ähnlichen Situation detailliert...“

„Weshalb wollt ihr zusammenziehen, wenn Deine Rente nicht reicht? Du kannst diese Frau nicht ernähren? Dann ist sie doch bisher besser dran, hat ihr Bürgergeld und Wohnraum etc., Krankenversicherung hat...“

„Sie kann als Untermieterin bei Dir einziehen dadurch bildet Ihr keine Bedarfsgemeinschaft. Nur Ihr BG wird gekürzt, wie viel weiß ich nicht. Erkundige Dich mal in diese Richtung.“

„Wenn die Ukrainer/innen schon einen Flüchtlingsstatus haben, ist ein weiterer Status als Flüchtling in Europa nicht mehr möglich. Es zählt das Erstaufnahmeland. In Deutschland wird sie dann nicht mehr...“

„Was soll der Quatsch wieder? Der Krieg noch voll im Gange, aber schon wird wieder an solchem Zeug raumgemacht. Haben die keine anderen Probleme?“

„Mittlerweile sind wieder Blockposten bei Korczowa bzw. Krakovez. Am letzten Dienstag jedenfalls wurde ich angehalten im Wald kurz vor der Grenzkontrolle. Wahrscheinlich brauchen sie wieder Männer an deren...“

„ Heute 10:30 Einreise in Urgyniw, waren bis Ende 40 Minuten, also sehr stabil, Montag, diese Uhrzeit...das läuft.
Heute wurde ich nach der polnischen "Endkontrolle" zur weiteren Kontrolle in die Garage eingeladen, hat mich mit Wartezeit, andere waren vor mir dran, genau eine 1h gekostet. Seit happens! Zu früh über die 40 Minuten gefreut.

Vielleicht mal noch eine Info, man fährt in d3n Zollbereich ein, es liegen dann 5 bis 6 Spuren vor einem, offensichtlich ist dann die Spur wo "alle" stehen, die ist ca. In der Mitte. Die EU Spur ist links davon, es gibt ein Leuchtzeichen (Leuchtreklame) über der Spur, die ist nur kaputt und man gerade noch das EU Symbol etc. erkennen. Dann passt das. Der PKW ist entscheidend, es dürfen dann auch Ukrainer im PKW sitzen.


„Einreise als Flüchtling, bedeutet......., nicht als Deine zukünftige Frau, bist dann erst einmal ihr Vermieter, mehr Hilfestellung gibt es jetzt aber nicht mehr.“

„Gehe auf das Ausländeramt Deiner Gemeinde und erkundige Dich, kann ja sein ich irre mich, derzeit können Ukrainer als Flüchtlinge einreisen und unterliegen dem Paragraphen 24, aufgtund dessen läuft...“

„Grundsätzlich könnte ich die Sachen mit in die Ukraine nehmen, bis Luzk, ABER Der Zoll und die Einfuhr muss geklärt sein und die Kosten und daran wird es wohl scheitern!“

„Jetzt lief gestern um 23:30 Uhr alles wie geschmiert in Ustyluh/Zosin, Einreise UA in ca. 50 Minuten. Dieses Mal die Polen schnell 3 PKW, bei den Ukrainern länger, 2 Busse und sonst ein paar Fahrzeuge,...“

„Hallo, die Heirat an sich ist nicht sonderlich aufwändig und Bürokratisch, wenn man in der Ukraine heiratet. Bei Anreise Montag oder Dienstag, kann die heirat am Donnerstag oder Freitag derselben Woche...“

„Guten Tag, ich habe Kontakt zu einem Unfallchirurgen aus Sumy, der zur Zeit in einem Fronthospital arbeitet. Durch meinen Beruf habe ich aus Kliniken 10 Kisten (130kg) chirurgische Instrumente und Implantate...“

„Hallo, die Heirat an sich ist nicht sonderlich aufwändig und Bürokratisch, wenn man in der Ukraine heiratet. Bei Anreise Montag oder Dienstag, kann die heirat am Donnerstag oder Freitag derselben Woche...“

„Hallo zusammen, ich (Deutscher und wohne in Süddeutschland) bin seit fast 4 Jahren mit einer Ukrainerin zusammen. Sie ist bei Kriegsbeginn aus der Ukraine in die Schweiz geflüchtet. Sie wohnt aktuell...“

„Gestern Freitagnacht auf Samstag, 2 Uhr Kiewzeit, habe ich bei Zosin/Ustyluh ins Klo gegriffen, ca. 12 bis 15 PKW und pro Einlas nur 5 PKW..., der weitere Ablauf bei den Polen, unerträglich langsam, das...“

Newsletter jeden Morgen

Sie möchten täglich über Neuigkeiten auf der Seite benachrichtigt werden? Dann ist vielleicht ein Kurzüberblick mit den wichtigsten Beiträgen der vergangenen 24 Stunden für Sie interessant. Der Versand erfolgt jeden Tag 6.00 Uhr morgens.




Nach dem Eintrag Ihrer E-Mailadresse erhalten Sie eine E-Mail zum Bestätigen Ihrer Adresse und können dann die Eintragung abschließen (so genanntes "Double Opt-In-Verfahren"). Ihre E-Mailadresse wird dabei nur auf unserem Server in Deutschland gespeichert und nicht an Dritte übermittelt.