FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Ein georgischer Minister vor ukrainischen Herausforderungen

0 Kommentare

In der Ukraine gibt es ein neues Gesprächsthema: Ausländer werden zu Ministern ernannt. Ist das gut oder schlecht? Für einen gefestigten, zivilisierten Staat wäre das natürlich eine Schande. Es ist schwer, sich etwas Vergleichbares in den Niederlanden, Schweden oder Großbritannien vorzustellen. Dort wäre so etwas unmöglich. Bei uns ist es möglich – und sogar sinnvoll.
Alexander KwitaschwiliGesundheitsminister Alexander Kwitaschwili, Foto: Max Trebuchow, Lb.ua

Alexander Kwitaschwili steht vor einer schwierigen Bewährungsprobe. Die Leitung des Gesundheitssystems in unserem Land konnte Korruption bisher nicht ignorieren. Es hat sich im Gegenteil unmittelbar daran beteiligt. Der Anfang sah immer so aus: am ersten Tag im Amt nimmt der Minister Glückwünsche entgegen. Ganz wie bei Gogol oder Saltykow-Schtschedrin. Wissenschaftler aus der Akademie der Wissenschaften, normale Professoren, und die medizinische Nomenklatura geben sich im Empfangszimmer mit ihren kleineren und größeren Geschenken in der Hand und den obligatorischen Blumensträußen die Klinke in die Hand. Sie werden der Reihe nach vorgelassen. Lächeln, Glückwünsche, Händeschütteln, Zurücklächeln … wie am Fließband. Das geht sehr lange so, aber innerhalb des einen Tages können alle Gäste empfangen werden.

Alexander Kwitaschwili hat mit dieser Tradition gebrochen. Und zwar sehr abrupt. Gott gebe ihm den Mut, auch mit anderen unserer grandiosen Traditionen zu brechen, die direkt mit Korruption und der Plünderung des Staatshaushalts (d.h. das Geld der ukrainischen Steuerzahler) zusammenhängen. Minister Kwitaschwili hat kein eigenes Team. Einige beklagen, das sei schlecht. Ich bin mir sicher, dass es gut ist. Das verbleibende Team seiner zwei Vorgänger muss gehen. Kwitaschwili braucht unbedingt ein anderes, sein eigenes Team. Mit Juristen, Ökonomen und Managern, die unabhängig vom Gesundheitsministerium sind. Am besten ohne Ärzte. Oder zumindest nicht mehrheitlich aus Ärzten bestehend. Finanzen und Personalpolitik sind die wichtigsten – und gefährlichsten – Arbeitsbereiche des neuen Ministers.

Ich wage es, ein wichtiges, von den Beamten des Ministeriums wohlgehütetes Staatsgeheimnis zu lüften: die tatsächlichen Kosten der medizinischen Leistungen in unserem Gesundheitssystems kennt niemand! Sie wurden nie berechnet, aus verschiedenen Gründen. Man konnte und wollte es nicht. So ist es bequemer. So lässt sich der Staatshaushalt leichter unter sich aufteilen.

Es gibt noch andere „reizende“ Probleme, mit denen Herr Kwitaschwili und sein zukünftiges Team ihre Schwierigkeiten haben werden. So zum Beispiel die Unzahl von krakeelenden, aggressiven zivilgesellschaftlichen Organisationen, die von Pharma- und anderen Oligarchen unterhalten werden. Diese unersättlichen Abenteurer, von denen viele bereits ein ordentliches Vorstrafenregister haben, verdrängen mühelos und ungeahndet Patienten und deren Verwandte, die mit ihren echten Anliegen die Ausrichtung und Arbeit des Ministeriums beeinflussen wollen. Ein anderes, längst überfälliges Problem sind die sogenannten Hauptspezialisten (landesweite Oberärzte für verschiedene Verantwortungsbereiche), deren Status und Aufgaben unbedingt überprüft sowie deren Anzahl reduziert werden muss.

Wir sind ein armes Land. Um das festzustellen, braucht es nicht viel. Wir sind ein Land mit sehr vielen Milliardären, das gleichzeitig ein teures und ineffizientes Gesundheitssystem hat. Ein Land in dem es ungerechtfertigt viele Krankenhausbetten gibt. In der DDR sah es ganz genau so aus, wir waren schließlich „Bruderstaaten“. Nach der Wiedervereinigung musste Ostdeutschland sein Gesundheitssystem zu reformieren. Die Zahl der Krankenhäuser und Krankenhausbetten verringerte sich schrittweise. Wie sich herausstellte, verlangten viele Patienten nach ambulanter Diagnose und Behandlung. Bei der Reduzierung von Krankenhäusern und Betten wurde in Ostdeutschland übrigens mit den Psychiatrien angefangen. Vielleicht ist es auch hier Zeit damit anzufangen…?

Es gibt aber auch ein Problem, das nicht von Herrn Kwitaschwili abhängt. Es liegt im alleinigen Kompetenzbereich des Präsidenten der Ukraine. Dieses Problem liegt in den pervertierten Beziehungen zwischen dem SBU (Sicherheitsdienst der Ukraine) und dem Gesundheitsministerium. Wird sich Präsident Poroschenko dazu entscheiden, die korrupte Zusammenarbeit zwischen Offizieren des SBU und der Pharma-Mafia zu unterbinden? Und wird es ihm gelingen, den Einfluss des sogenannten „Aufsehers“, eine Mafia-Autorität in höchsten politischen Kreisen, abzustellen? Schließlich kommt der momentane „Aufseher“ ausgerechnet aus seinem Lager.

Das alles ist weit mehr als nur ein Glasperlenspiel. Eine Lösung – oder wenigstens eine Teillösung – dieser Probleme bestimmt die Einstellung der ukrainischen Bevölkerung zu ihrem Staat. Fortschritte im Gesundheitssystem wären ein wichtiges Argument für die Millionen unserer Mitbürger, die heute noch misstrauisch gegen Präsident Poroschenko und seine pro-europäische Strategie sind. Und damit auch gegen uns alle, die eben für diesen Präsidenten gestimmt haben.

8. Dezember 2014 // Semjon Glusman, Arzt, Mitglied des Kollegiums der ukrainischen Justizvollzugsverwaltung

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzer:   Oliver Ditthardt — Wörter: 689

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 5.1/7 (bei 12 abgegebenen Bewertungen)

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)14 °C  Ushhorod13 °C  
Lwiw (Lemberg)10 °C  Iwano-Frankiwsk10 °C  
Rachiw8 °C  Jassinja8 °C  
Ternopil8 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)11 °C  
Luzk9 °C  Riwne7 °C  
Chmelnyzkyj8 °C  Winnyzja10 °C  
Schytomyr10 °C  Tschernihiw (Tschernigow)13 °C  
Tscherkassy15 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)14 °C  
Poltawa19 °C  Sumy17 °C  
Odessa14 °C  Mykolajiw (Nikolajew)15 °C  
Cherson17 °C  Charkiw (Charkow)18 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)19 °C  Saporischschja (Saporoschje)20 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)21 °C  Donezk17 °C  
Luhansk (Lugansk)16 °C  Simferopol16 °C  
Sewastopol19 °C  Jalta19 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Haben noch vor der Grenze im Wohnmobil geschlafen. 600 km am Stück mit 90 km/h, da wollten wir nicht noch stundenlang an der Grenze stehen. War am Abend voll 55 PKW, laut Info. Am Montag früh gegen 10...“

„Der Blockposten zwischen Ustyluh und Urgyniw an der Oblastgrenze hat mich, das war jetzt aber nur einmal, auch nach 23 Uhr passieren lassen, lässt für mich den Schluss zu, auch hier ist 24/7 passierbar.“

„Kann nur zum Blockposten vor USTYLUH sagen, der ist geöffnet 24/7 und der Blockposten vor URGYNIW schließt von 23.00 Uhr bis 04:00 Uhr. (Fahrtrichtung Grenze/Ausreise); Wer in Richtung Landesmitte fährt,...“

„Ja, der Grenzübergang in Ustyluh ist echt toll geworden, ich habe letztens den Spaß gemacht und angedeutet, dass wohl jetzt die Polen eifersüchtig sind auf diese Arbeitsplätze. Die Zöllnerin hat zustimmend...“

„Fahre am Sonntag nach Lwiw und will noch am späten Abend einreisen. Hat da jemand Erfahrung wegen der Wartezeiten und ist dann die Weiterfahrt wegen der Sperrstunde nicht möglich ?“

„Montag letzte Woche 11 Uhr, komplett, von Schranke zu Schranke in 21 Minuten, optimal. Ansonsten für diesen Zeitpunkt 30 bis max 40 Minuten einplanen“

„Ich schau immer bei ... ... , finde es nicht schlecht, liegt meiner Meinung nach nie KRASS daneben, DIE gemeldeten Zahlen kann man zumindest für eine seriöse Entscheidungsfindung heranziehen.“

„Hallo Handrij, Bin letzten Freitag am Abend um 22 Uhr ausgereist. In 40 Minuten total, am Freitag! Ich schildere nochmals den Ablauf, damit der optimale Ablauf nachvollziehbar wird. Ankunft vor dem Grenzübergang,...“

„Falls dann da eine Erweiterung der APP kommt oder was neues, werde ich natürlich ausprobieren und dann berichten. Hab mir jetzt mal die APP geholt, derzeit funktionieren ja nur Busse und LKW, im Grunde...“