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Die russische Militärparade am „Tag des Sieges“ als Theaterstück betrachtet

Parade zum Tag des Sieges in Moskau auf dem Roten Platz am 9.Mai 2016Parade zum Tag des Sieges in Moskau auf dem Roten Platz am 9.Mai 2016, Quelle: kremlin.ru
Seit einiger Zeit beklagt man zu Recht, dass das Theater sich im 21. Jahrhundert in einer Krise befindet. Das betrifft sowohl die Dramatik selbst als auch die ehemals vorhandene Fähigkeit des Theaters, gesellschaftlich etwas zu vermitteln. Das Theater hat dabei nicht nur die Tradition hinter sich gelassen, sondern auch die Postmoderne, fand aber keine neuen Wege. Man hat nicht allein historische Kostüme und strikte Teilung zwischen Bühne und Zuschauerraum abgeschafft – auch die Notwendigkeit, sich mit Originalwerken ernsthaft zu beschäftigen hält man bei den meisten heutigen Aufführungen offenbar für „überholt“. Oft macht man aus dem anspruchsvollen literarischen Stoff lieber etwas Schockierend-Effektvolles, so dass das daraus gewordene Stück von Kritikern als „Provokation“ gewertet werden kann, und die Zuschauer mit dem Gefühl nach Hause gehen, dass die Aufführung „schräg“ oder „cool“ war. Es gibt jedoch keine europäische Bühne, in der eine Theateraufführung die Kraft entfaltet, durch eine für alle Zuschauer überzeugende „Erzählung“ zur gesellschaftlichen Identitätsbildung beizutragen.

Eine solche Bühne bzw. Aufführung gibt es aber in Russland. Es ist sicher den runden Jubiläen zwei großen Dramatikern – Cervantes und Shakespeare – geschuldet, dass das heutige russische Theater zu Unrecht aus dem Blickwinkel der Kritiker und Theaterliebhaber geraten ist. Im folgenden Aufsatz werde ich versuchen, auf die auf dem Roten Platz jährlich stattfindende Siegesparade mit einer literaturwissenschaftlichen Brille zu schauen und hoffentlich die LeserInnen überzeugen, dass das heutige russische Theater nicht nur (wie europäische Aufführungen) schräg und provokant ist, sondern vor allem deshalb hochaktuell, weil es echte Fragen aufwirft.

Der „Tag des Sieges“ wurde am 24. Juni 1945 auf dem Roten Platz in Moskau uraufgeführt und fand sofort große Beachtung im In- und Ausland. An jenem Tag wurden auch die Bühne, die handelnden Figuren bzw. Helden, die Musik und die Handlung festgelegt.

Das Stück hat den Sieg der sowjetischen Armee über die deutsch-faschistischen Eroberer (Sprachregelung bei der Uraufführung) zum Inhalt und besteht aus fünf Akten, die man folgendermaßen betiteln könnte: “Die Siegesfahne wird an die Ehrentribüne vorbeigetragen“, „Der Verteidigungsminister gratuliert die Armee-Einheiten zum Sieg“, „Die Rede des Oberbefehlshabers oder Die Große Erzählung“, „Die Einheiten marschieren an die Ehrentribüne vorbei“, „Triumph der russischen Technik“.

Bevor ich auf den Inhalt eingehe und das Stück zu interpretieren versuche, möchte ich auf ein Paar formale Aspekte hinweisen.

In der Theatergeschichte war für die Praxis der Aufführung bekanntlich die Gestaltung der Bühne immer sehr wichtig. Als Erstes fällt in dieser Hinsicht auf, dass der „Tag des Sieges“ traditionell ohne Vorhang aufgeführt wird. Der Vorhang markiert symbolisch die Grenze zwischen Publikum und Bühne, Spiel und Ernst und trägt somit wesentlich zur Illusionserzeugung bei. Das Fehlen des Vorhangs signalisiert, dass die Regisseure der Aufführung die Grenze zwischen gespielter und gelebter Wirklichkeit absichtlich offen lassen. Für die Zuschauer bedeutet es, dass es keine Illusion und kein Spiel ist, dass hier mehrere Tausend marschieren, sondern es ist ernst und geht alle an.

Während auf der formalen Ebene durch das Fehlen des Vorhangs der Illusionserzeugung eine Absage erteilt wird, ist das Schauspiel wiederum in den besten Traditionen des Illusionstheaters gehalten. Das Illusionstheater charakterisiert sich durch das höchste Maß der Einfühlung in die gespielte Rolle und es erreicht jeden 9. Mai auf dem Roten Platz einen neuen Höhepunkt. Schauen Sie sich diese Gesichter an! Durch ihr gekonntes Schauspiel machen die Uniformierten den absolut glaubhaften Eindruck auf die Zuschauer, dass sie es mit dem russischen „Sieg über Faschismus“ richtig ernst meinen. Sie spielen nicht bloß ihre Rollen, sondern füllen sie mit Leben (und Tod). Ja, sie wollen nicht nur Sieger spielen, sondern Sieger sein! Es ist höchstwahrscheinlich allein den Intrigen der Russophoben in der Theaterwelt zuzuschreiben, dass bis jetzt kein einziger Schauspieler der über 40 9.-Mai-Aufführungen für den Oscar nominiert wurde.

Der zweite wichtige formale Aspekt des Stücks ist die Interaktion zwischen der Bühne und den Zuschauern. Für „Tag des Sieges“ dient als Bühne seit 1945 die offene Straße bzw. der Rote Platz. Die Zuschauer sind die Ehrengäste, die sich das Ganze von einer Tribüne aus anschauen. Das russische Theater bietet hier ein absolut innovatives, ja bahnbrechendes Konzept, in dem sich Bühne und Zuschauerraum im Laufe des Stücks gegenseitig mehrfach abwechseln. Dies wird besonders im dritten Akt („Die Rede des Oberbefehlshabers“) deutlich, als der eben noch Zuschauer, Oberbefehlshaber, zum Protagonisten wird und die eben noch marschierenden uniformierten Schauspieler sich in ehrfürchtig lauschendes und sehr diszipliniertes Publikum verwandeln.

Die Handlung ist einfach und streng, die Besatzung dafür gut kostümiert und mit 10.000 bis 40.000 Schauspieler (je nach Aufführung) ungewöhnlich zahlreich.

Im ersten Akt wird die Siegesfahne, zusammen mit der heutigen russischen Fahne, an die Ehrengäste vorbeigetragen. In der Regel erklingt dazu das Lied „Erhebe dich, Du riesiges Land! Erhebe Dich zum tödlichen Kampf!“. Obwohl die Handlung des ersten Aktes vom Jahr zu Jahr gleich bleibt, gibt es immer wieder bedeutende Details in der Symbolik und Kostümierung, die für die Interpretation des Stücks wichtig sind. Zum Beispiel, wird seit einigen Jahren neben der Siegesfahne nicht die sowjetische (was historisch korrekt wäre), sondern die heutige russische Fahne getragen. Diese Fahne aber verwendete im Zweiten Weltkrieg die mit der Wehrmacht kollaborierende Wlassow-Armee, weshalb manche Theaterkritiker, wenn sie diese zwei Fahnen nebeneinander sehen, hierin Elemente des absurden Theaters zu erkennen glauben.

Eine andere Besonderheit des ersten Aktes ist, dass die Militärangehörigen manchmal (beispielsweise bei der Aufführung am 9. Mai 2015) zusammen mit der Siegesfahne die Kostüme der zaristischen Armee tragen, was den Gedanken nahe legt, dass das Drehbuch vom Jahr 2015 nicht den Sieg über Nazi-Deutschland im Sinne hatte, sondern eher eine Nostalgie nach dem siegreichen Russland zaristischer Prägung. Diese offensichtlichen Widersprüche werden nicht nur souverän in Kauf genommen, sondern durch ein meisterhaftes Schauspiel übertüncht: Die Schauspieler des Preobraschenski-Leib-Garderegiments trugen im Jahr 2015 die ehemalige Wlassow-Fahne und ihre zaristischen Uniformen mit solcher majestätischen Würde und Pathetik, dass selbst der größte Theoretiker des Illusionstheaters Stanislawski glauben würde, dass bereits das zaristische Russland über Nazi-Deutschland gesiegt hat.

Der zweite Akt vom „Tag des Sieges“ zeichnet sich im Vergleich zum Ersten durch eine größere Dynamik aus: Der Verteidigungsminister läuft nicht, sondern fährt und erweist sich dabei als ein Meister der Bühnensprache und des Dialogs. Die Schlichtheit und Einfachheit der Dialoge ist im russischen Theater des frühen 21. Jahrhunderts einmalig und setzt offensichtlich neue Maßstäbe. Hier ein Beispiel aus dem zweiten Akt:

  • „Seien sie gegrüßt, Towarischtschi!“, brüllt der Minister.
  • „Seien Sie gegrüßt, Herr Verteidigungsminister!“, brüllen Towarischtschi zurück.
  • „Ich gratuliere Ihnen zum Sieg im Großen Vaterländischen Kriege!“, setzt der Minister fort.
  • „Hurra!Hurra!Hurra!“, antworten die Soldaten.

Dieser Dialog wiederholt sich ungefähr 20 Mal, da Militärangehörige aller Waffengattungen an der Aufführung beteiligt sind, und schließt jedesmal mit dröhnendem dreifachen „Hurra!“ ab. Schon seit langem haben Kritiker hervorgehoben, dass bei diesen Dialogen nicht das Inhaltliche, sondern das Musikalische im Vordergrund steht. Das „Hurra“ wird dabei nicht gesprochen, sondern halb gebrüllt und halb gesungen. Unter Fachleuten ist es als „russisches Sieges-Belcanto“ bekannt und ist in zweifacher Hinsicht von Bedeutung.

Einerseits dient jedes „Hurra“ dem Spannungsaufbau und treibt somit die Handlung unaufhaltsam auf das kompositorische und inhaltliche Zentrum des Stücks zu – den dritten Akt, für welchen zwei mögliche Titel Verwendung finden: „Die Rede des Oberbefehlshabers“ oder „Die große Erzählung“.

Andererseits knüpfen die Drehbuchautoren vom „Tag des Sieges“ mit diesen zahlreichen „Hurra!“s offensichtlich an die Epik an – denn ein solches System der permanenten Wiederholungen gibt es auch in der „Ilias“ von Homer. Dort beschreiben die sich ständig wiederholenden Adjektive in der Regel eine bestimmte Kriegs-Tugend oder allgemein die Fähigkeit, sich im Krieg siegreich durchzusetzen. Bis zum Überdruss hörte bzw. las der alte Grieche: „der Herrscher Agamemnon“, „der starke Diomedes“, „der vielkluge Odysseus“… Dementsprechend bedeutet das jeden 9. Mai über 100 Mal gebrüllte „Hurra“ so etwas wie „der heldenhafte russische Soldat, der den Faschismus immer wieder aufs Neue besiegt“. Und wie die alten Griechen gebannt dem Vortrag von „Ilias“ folgten, wohnen die heutigen Russen vor ihren Fernsehgeräten der jährlichen Aufführung des Stücks „Tag des Sieges“ bei und warten ungeduldig auf die „Große Erzählung“ des Oberbefehlshabers.

Diese weist formale und inhaltliche Aspekte auf, die das russische Theater in vielerlei Hinsicht einzigartig macht. Es wurde schon erwähnt, dass der Oberbefehlshaber auf der Ehrentribüne sich im dritten Akt vom Zuschauer in Protagonisten verwandelt. Die Verwandlung betrifft dabei interessanterweise nicht nur ihn, sondern alle Personen auf der Ehrentribüne. Sie wird durch die Intermedialität bewerkstelligt und findet just im Moment, als die Kamera die Ehrentribüne zeigt, statt. Für alle, die am 9. Mai vor ihren Fernsehern sitzen, werden somit die Zuschauer auf der Ehrentribüne zu handelnden Figuren. Es ist kein bloßes technisches Detail, sondern äußerst hilfreich für die Gattungszuordnung des Stücks. Durch die Liveübertragung der Aufführung in jede russische Wohnung ist der „Tag des Sieges“ nicht nur ein Theater-Stück, sondern ein russisches Fernsehdrama. Diese Gattung ist geradezu prägend für die russische Medienlandschaft: neben Talk-Shows sind ihre Elemente in den Nachrichten und zahlreichen runden Tischen zu finden. Die Teilnehmer machen die ganze Zeit nichts anderes als den Inhalt der im „Tag des Sieges“ vorgetragenen „Großen Erzählung“ unglaublich emotional und dramatisch wiederzugeben oder zu variieren.

Bemerkenswert und sehr gut durchdacht ist der Umstand, dass im dritten Akt des Stücks allein der Oberbefehlshaber seine Botschaft durch Sprache mitteilt. Für alle anderen zur Ehrentribüne dazugehörigen gilt: Sie müssen nichts sagen und auch gar nichts tun und sind trotzdem Protagonisten. Ihre An- bzw. Abwesenheit ist die Botschaft. So zählten bei der Aufführung vom 9. Mai 2015 Nasarbajew und Xi Jinping zu den anwesenden Protagonisten; Obama, Merkel, Holland und viele andere – zu den Abwesenden. Als schwankenden Protagonisten könnte man Alexander Lukaschenko bezeichnen: Die Hoffnung stand an jenem Tag Putin ins Gesicht geschrieben, dass Lukaschenko als eine Art „Diktator ex-machina“ im letzten Moment doch mit der Sondermaschine nach Moskau fliegt um im Stück „Tag des Sieges“ mitzuspielen, doch er weigerte sich vernünftigerweise genauso wie Putins europäische Partner.

Das Allerwichtigste im dritten Akt ist aber selbstverständlich der Inhalt der „Großen Erzählung“. Sie hat ein einziges Hauptthema und immer wieder die gleiche Argumentation: Weil Russland damals den Faschismus besiegt hat, befindet es sich auch heute auf der richtigen Seite der Geschichte. Diese Ansicht leitet sich nicht vom tatsächlichen jetzigen Zustand der russischen Gesellschaft oder Außenpolitik ab, sondern vom damaligen Sieg über Nazi-Deutschland. Der Zweite Weltkrieg wird dabei mit Ausdrücken beschrieben, die der Rede des Oberbefehlshabers eine mythologische Dimension verleihen. Die Sowjetunion habe damals „die dunkle Macht“ bzw. „das Böse“ in einem „Heiligen Krieg“ besiegt und deshalb verkörpere das heutige Russland nicht nur eine siegreiche, sondern auch eine lichte und gute Großmacht. In jeder neuen Aufführung vom „Tag des Sieges“ gehört die regelmäßige Schilderung dieser „russisch-faschistischen Gigantomachie“ zum Kern der „Großen Erzählung“ und ist ein wesentlicher Bestandteil der heutigen russischen Identität.

Der aktuelle Oberbefehlshaber pflegt es dabei, seit einigen Jahren die „Große Erzählung“ im Befehlston vorzutragen, was viele westliche Interpreten vor den Kopf stößt und sie daran hindert, seine Rede richtig zu interpretieren: Sie neigen dazu, seinen Vortrag als aggressiv und grob zu betrachten. Die russischen Theaterkritiker bemerken aber dazu, dass die „Große Erzählung“ eben vom „Heiligen Krieg“ handelt und deshalb ist der „heilige Zorn“ des Oberbefehlshabers während des Vortrags seiner Rede nur konsequent. Mehr noch: Genauso wie für die alten Griechen ihre kulturelle Identität mit dem Zorn von Achilleus beginnt, beginnt für viele heutigen Russen das neue, erwachte Russland mit dem Zorn des Oberbefehlshabers. Dieser Zorn bewirkt eine ungeahnte innere patriotische Erhebung vor den Fernsehergeräten und in der Truppe, die die Moskauer Theaterwissenschaftler als eine russische Katharsis bezeichnen. Die wichtigste Folge dieser Katharsis für die russische Seele ist die Bereitschaft, jederzeit einen neuen Krieg gegen diejenigen zu führen, die der Oberbefehlshaber als Faschisten definiert. Die russischen Kritiker und Theaterliebhaber sind stolz darauf, dass manche Zuschauer nach dem Vortrag der „Großen Erzählung“ sofort bereit sind sich vom (auf dem Fernseherschirm flimmernden) Roten Platz zu einem tatsächlichen Kriegsschauplatz zu begeben, zum Beispiel in den Donbass. Hier erreicht das Stück „Tag des Sieges“ in ihren Augen seinen absoluten Höhepunkt. Manche schätzen es unter anderem deshalb so hoch, weil das Stück ein bühnenübergreifendes, also reines Theater biete, das die Grenze zwischen gespielter und tatsächlicher Wirklichkeit (aber auch die zwischen Staat und Kunst) aufhebe. Außerdem eröffnet es eine absolut neue Seite in der Rezeptionsgeschichte: Noch nie war ein Theaterstück so eng an eine bestimmte Interpretation gebunden. Seit ein paar Jahren wissen in Russland alle, dass es (von Amts wegen) nur eine einzige richtige Interpretation vom „Tag des Sieges“ gibt, für die sich die Bezeichnung „standardisierte antifaschistische Interpretation“ eingebürgert hat. Eine solche einheitliche Deutung ist mit einer sehr einfachen und unschlagbaren Argumentation möglich geworden: Wer an ihr etwa zweifelt, wird sofort beschuldigt, die Ehre der Gefallenen zu verletzen und obendrauf zum Verräter und Faschisten erklärt. Wer danach immer noch zweifelt, wird als Extremist eingestuft und muss den Interpretationskurs im Gefängnis nachholen. Die Literaturkritik in Russland spricht diesbezüglich mit Stolz über den moralischen Zwang zur antifaschistischen Rezeption vom „Tag des Sieges“.

Man muss aber sagen, dass an der Rede des Oberbefehlshabers sich ein Interpretationsstreit entzündet hat, der mittlerweile die Deutung des Gesamtstücks betrifft. Die Gegner der russischen Auslegung gehen von folgender Grundannahme aus: Da seine Rede von wahren Begebenheiten (dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegsordnung) ausgeht, ist ihr Wahrheitsgehalt für die Interpretation des Stücks entscheidend. Wichtig ist vor allem das Verhältnis zwischen den in der „Großen Erzählung“ enthaltenen Behauptungen und den objektiv nachprüfbaren außenpolitischen Tatsachen. Darüber hinaus, wenn man das Konzept des reinen Theaters bei der Deutung des Stücks ernst nimmt, muss die Vermischung von inszenierter und gesellschaftlicher Wirklichkeit, also das Übergreifen der Aufführung vom „Tag des Sieges“ auf andere Gesellschaftsbereiche des russischen Alltags unbedingt berücksichtigt werden. Die konkurrierende, nicht-russische Interpretation vom „Tag des Sieges“ wird von zwei verschiedenen ukrainischen Kritiker-Schulen vertreten.

Die erste geht in ihrer Deutung hauptsächlich von der Rede des Oberbefehlshabers aus. Sie vertritt die Ansicht, dass in der „Großen Erzählung“ wesentliche Elemente vom Orwells Roman 1984 enthalten sind: das Neusprech, das Zwiedenken und die Überleitung zur regelmäßigen „Zwei-Minuten-Hass-Sendung“ in den Medien.

Das Neusprech in 1984 hat ihre Wurzeln im dreifachen Parteispruch:
KRIEG BEDEUTET FRIEDEN, FREIHEIT IST SKLAVEREI, UNWISSENHEIT IST STÄRKE.

Das Orwell’sche Neusprech ist bei jeder Aufführung vom „Tag des Sieges“ in der Tat allgegenwärtig. So sprach der Oberbefehlshaber in seiner Rede am 9. Mai 2012 darüber, dass die Lehren des Zweiten Weltkrieges vor allem an die Einhaltung des Völkerrechts mahnen sowie an die Notwendigkeit, die Grenzen und souveräne Entscheidungen unabhängiger Länder unbedingt zu akzeptieren. Parallel zu diesen Verlautbarungen, ließ er aber seine Armee 2008 in Georgien einmarschieren und 2014 die Krim annektieren. In der gleichen „Großen Erzählung“ werden die russischen Militärangehörigen als „Soldaten der Freiheit“ bezeichnet, wobei unter „Befreiung“ im russischen Neusprech mal die Besatzung Prags 1968, mal die Annexion der Krim (2014) und mal der hybride Krieg im Donbass (2014-?)verstanden wird.

Das Orwell’sche Zwiedenken ist dabei vom Jahr zu Jahr die wichtigste Gedankenfigur des Stücks. Nach Orwell besteht der Zwiegedanke in der Fähigkeit, mit Widerspruch nicht nur zu leben, sondern tatsächlichen Glauben daran zu entwickeln, dass es ihn nicht gibt.

Zu wissen und nicht zu wissen, sich des vollständigen Vertrauens seiner Hörer bewusst zu sein, während man sorgfältig konstruierte Lügen erzählt, gleichzeitig zwei einander ausschließende Meinungen aufrechtzuerhalten, zu wissen, dass sie einander widersprachen, und an beide zu glauben; die Logik gegen die Logik ins Feld führen, … zu glauben, Demokratie sei unmöglich, die Partei sei jedoch Hüterin der Demokratie…
(Orwell, George: 1984. Frankfurt am Main – Berlin – Wien. 1976, S.34-35)

Das beste Beispiel des Zwiedenkens im „Tag des Sieges“ resultiert aus der Kluft zwischen den bestehenden russischen politischen Verhältnissen und dem nach außen inszenierten „Kampf gegen den Faschismus“. Dieser Kampf wird zwar jeden 9. Mai im Bezug auf das Nazi-Regime von 1933-1945 pathetisch in Szene gesetzt. Gleichzeitig wird gegen mehr als 50 nazistische Organisationen, die es in Russland gibt, kaum etwas unternommen. Mehr noch: Man benutzt sie gegen die Opposition oder gegen unliebsame Entwicklungen in den Nachbarländern. Zum Beispiel, wenn die NOD-Aktivisten auf eine Memorial-Kundgebung losgehen, ist das für die russische Führung der Kampf gegen den „liberalen Faschismus“. Wenn eine nazistische Organisation wie RNE für den Krieg im Donbass rekrutiert, schaut man weg, denn sie machen das für den Kampf gegen den „ukrainischen Faschismus“. Der Oberbefehlshaber ist stolz auf den Sieg über „das zynische Regime“ von Hitler-Deutschland, er duldet aber in der russischen Politik Menschen wie Dugin oder Schirinowski. Er verkündet mit besorgter Miene, dass niemals ein Regime, das ganze Bevölkerungsgruppen systematisch unterdrückt hat, wieder entstehen darf, kooperiert gleichzeitig mit europäischen Parteien (Front Nationale, NPD, AfD, etc.), die gegenüber Muslimen ähnliche Rhetorik verwenden wie damals NSDAP-Mitglieder gegenüber Juden. Ist das Wahnsinn? Oder Zynismus? Nein, das ist das Orwell’sche Zwiedenken.

Auch die mediale Verbreitung von „Tag des Sieges“ entspricht der Wirkung und Funktion der Medien im 1984. Die russischen Medien ziehen erfolgreich aus der jährlichen Aufführung dieses Stücks eine Jubel- und Hass-Quintessenz, die sie nach dem Prinzip der im 1984 beschriebenen „Zwei-Minuten-Hass-Sendung“ regelmäßig auf allen wichtigen Fernseherkanälen übertragen. Mittlerweile ist für viele russische Zuschauer dabei die politische Meinungsbildung im Modus des Zwiedenkens zum Standard geworden. Wenn man sie zum Beispiel fragt, was sie von der Präsenz russischer Soldaten im Donbass halten, bekommt man oft die Orwell’sche Antwort: „Es gibt unsere Soldaten dort doch gar nicht! Aber das ist gut, dass sie diese Faschisten plattmachen.“

Die Literaturkritiker, die die oben beschriebene Interpretation vom „Tag des Sieges“ vertreten (obwohl mit den russischen Kollegen nicht einverstanden), loben insgesamt die Aufführung und finden sie vor allem hochaktuell. Darüber hinaus heben sie hervor, dass kein Theaterstück der Gegenwart bis jetzt so konsequent den Roman 1984 in Szene setzte. Das Hinübergreifen des Gespielten in das Gesellschaftliche ist dabei ebenfalls einmalig. Die Verfechter der Postmoderne, die irrtümlicherweise behaupteten, es seien keine „Großen Erzählungen“ mehr möglich, werden durch das Stück eines Besseren belehrt. Der Oberbefehlshaber überwindet persönlich die dekadente Postmoderne und verkündet durch eine neue Große Erzählung die Rückkehr zu guten alten Zeiten, die Russen nicht nur den Sieg, sondern auch Halt, Sinn und klare Verhältnisse versprechen. Die ukrainischen Kritiker sind sich sicher, dass der Oberbefehlshaber 1984 gelesen und verstanden hat, sie diskutieren aber noch darüber ob er das Buch als Mahnung oder als Handlungsanweisung las.

Die zweite Schule der ukrainischen Theaterkritik liefert eine etwas andere Interpretation. Einerseits sieht sie in der russischen Aufführung neben den Orwell’schen Aspekten deutliche Merkmale der Verkehrten Welt. Andererseits meinen ihre Vertreter, dass beim russischen „Tag des Sieges“ die Interpretation als solche oft an ihre Grenzen stößt. Sie meinen aber gleichzeitig, dass trotz Interpretationsschwierigkeiten, alle in der Ukraine den „Tag des Sieges“ deshalb gut kennen müssen, weil es Inhalte vom 1984 in die ukrainische Wirklichkeit direkt transportiert. Wenn die Krim, zum Beispiel, von denjenigen, die am 9. Mai in Moskau marschieren, besetzt wird und es wird dazu einerseits behauptet, russische Soldaten gäbe es dort nicht, andererseits, dass sie selbstverständlich da sind, weil Krim „russische Erde“ schon immer war – dann ist das wieder das Orwell’sche Zwiedenken.

Vor allem aber die Stellen des Romans, in denen vom Großen Bruder die Rede ist, ziehen große Aufmerksamkeit der Interpreten auf sich. In diesen Passagen tritt die Ähnlichkeit zwischen dem „Tag des Sieges“ und 1984 besonders deutlich zutage. Denn wie in 1984 beschallt der russische Große Bruder die Bewohner seines Imperiums dauernd mit Hass-Sendungen. Darin wird in Dauerschleife behauptet, dass die heutigen Faschisten in der Ukraine zu finden sind. Ein wichtiges Merkmal des ukrainischen Faschismus bestünde laut diesen Meldungen darin, dass in Kyjiw das Stück „Tag des Sieges“ nicht mehr nach dem russischen Drehbuch aufgeführt wird. Daraus wird der Schluss gezogen, dass die Ukrainer den im Zweiten Weltkrieg Gefallenen nicht gedenken, die Erinnerung an sie nicht pflegen und dadurch ihre Ehre verletzen. Es sind ernsthafte Worte und deshalb beleuchtet diese zweite ukrainische Interpretation vom „Tag des Sieges“ hauptsächlich die ethischen Aspekte der russischen Aufführung. Im Zentrum stehen somit die Fragen: Was ist eine angemessene Inszenierung des Gedenkens? Und welche Lehren können wir diesbezüglich aus der jährlichen russischen Inszenierung ziehen?

Als Erstes fällt den ukrainischen Theaterkritikern in dieser Hinsicht auf, dass der russische „Tag des Sieges“, der ja offiziell den Kriegsopfern gewidmet ist, ein schweres kompositorisches Missverhältnis aufweist. Dort wird meistens nur eine Minute lang geschwiegen und ungefähr eine Stunde lang marschiert. Nicht die Trauer um die Toten bestimmt die Stimmung, sondern die allgegenwärtige Marschmusik. Dem Stück fehlt es nicht an Pathetik („Wir haben den Faschismus besiegt! Hurra!“ ist ja sein Grundton), aber ihm mangelt es sehr an Tragik und Einfühlsamkeit. Es gibt dort viel zu viele „Hurras“ bei so vielen zu beklagenden Toten. Manche Kritiker meinen sogar, dass sie das Gefühl haben, dass diese „Hurras“ längst nicht mehr dem damaligen Sieg gelten, auch nicht den im Krieg Gefallenen, sondern der jetzigen Fähigkeit der Marschierenden, „russische Interessen zu vertreten“, also, jede Zeit zur Waffe zu greifen. Wenn das, was die Russen am 9. Mai aufführen, Gedenken an die Opfer sein soll, dann muss die himmlische Musik aus lauter Märschen bestehen. Aber die Toten wollen Ruhe und Frieden und keine Märsche. Sie wollen kein Militarismus – denn ihm sind sie zum Opfer gefallen. Deshalb meinen ukrainische Kritiker, dass das russische Stück „Tag des Sieges“ eine Botschaft in Szene setzt, die in der Orwell’schen Neusprache: „Militarismus ist Gedenken an die Kriegsopfer“ lauten würde. Und sie schließen daraus, dass das Stück zwar sehr aufwendig inszeniert und gut kostümiert, in der letzten Zeit aber ethisch fragwürdig, vielleicht sogar geschmacklos geworden ist.

Auch in der Gattungszuordnung widersprechen ukrainische Theaterkritiker russischen Kollegen: Sie sind zwar einverstanden, dass der „Tag des Sieges“ die Grenze zwischen Theater und echtem Leben weitgehend aufhebt; sie meinen aber, dass das Ganze unter keinen Umständen ernsthaft als „antifaschistisch“ verstanden werden kann. Vielmehr ist das Stück ideologisch ambivalent und trägt darüber hinaus deutliche Züge des absurden Theaters bzw. der Verkehrten Welt.

Viele Bewohner des heutigen Russlands legen zwar eine fast religiöse Inbrunst im Bezug auf den „Sieg über Faschismus“ an den Tag. Doch gleichzeitig sind die Vorbereitungen dazu, die Aufführung selbst und die Feierlichkeit danach voller Absurditäten.

So schmückte die Straßen einer russischen Stadt im Jahr 2014 ein 9.-Mai-Plakat mit russischer Siegessymbolik – und marschierenden Wehrmachtsoldaten darauf.

Wehrmachtssoldaten umrahmt vom Georgsband

Ein anderes Plakat rühmte die Verdienste sowjetischer Kampfpiloten im Zweiten Weltkrieg mit den Worten „Sie haben für das Vaterland gekämpft“ – wobei darauf die Besatzung einer Ju-88 der deutschen Luftwaffe zu sehen war.

Ju-88-Piloten als sowjetische Piloten

Das deutsche Original sah so aus:

Ju-88 Piloten Original

Orwell würde diese Plakate sicher sehr schätzen und sie wahrscheinlich als „Ankündigung der antifaschistischen 9.-Mai-Parade“ bezeichnen. Wenn Joseph Beuys sie gekannt hätte, würde er vielleicht einem seiner berühmtesten Stücke einen anderen Titel geben. Der würde dann lauten: „Haben Russen den Faschismus besiegt? Ja, ja, ja, ja! Ne, Ne, Ne, Ne! Ja, Ja, Ja, Ja! Ne, Ne, Ne, Ne!“

Da im heutigen Theater so selten historische Kostüme verwendet werden, werfen ukrainische Kritiker einen genaueren Blick auf sie, stellen aber mit Verblüffung fest, dass die Kostümierung am 9. Mai oft dazu beiträgt, dass aus einem ernst gemeinten Stück eine Farce zu werden droht. Dies betrifft hauptsächlich die hochdekorierten Veteranen und ihre Auszeichnungen. Jawohl, „Kleider machen Leute“, aber auch das hat seine Grenzen. Und auch für das russische Theater gilt das aristotelische Gebot der Wahrscheinlichkeit. Dieses Gebot wird im „Tag des Sieges“ dadurch verletzt, dass auf der Ehrentribüne immer wieder Menschen Kriegsauszeichnungen tragen, die niemals ihrem Alter entsprechen. Zur Erinnerung: im Zweiten Weltkrieg durften Menschen teilnehmen, die mindestens 18 Jahre alt waren, also Jahrgänge 1927 oder frühere. Diejenigen, die, laut ihren Auszeichnungen, z.B. Berlin eingenommen haben, und heute auf der Ehrentribüne stehen, müssten also im Jahr 2015 mindestens 88 Jahre alt sein. Viele sehen aber deutlich jünger aus und können niemals an Schlachten teilgenommen haben, für die sie ausgezeichnet worden sind. Das Phänomen der „falschen Veteranen“ ist auch gut dokumentiert.

Frau mit Weltkriegsorden

Hier zum Beispiel trägt eine Frau in Generaluniform drei Orden des Vaterländischen Krieges, es ist der „Tag des Sieges“ im Jahr 2011. Laut Zeitung „Echo Moskwy“ bekam diese drei Auszeichnungen in der Sowjetunion nur eine einzige Frau, die mit der Frau auf der Tribüne keine Ähnlichkeiten aufweist. Die gleiche Frau auf einem Foto ein Jahr davor trägt noch die Uniform eines Obersts. „Für welche Verdienste bekam sie ihren Generalstern in Friedenszeiten?“, scheint der Admiral links oben mit seinem Blick zu fragen.

Eine andere „Berufsdemonstrantin“ spielt erfolgreich alle möglichen Rollen – mal demonstriert sie gegen das militaristische Israel (das Bild links), mal dafür (das Bild in der Mitte) und mal verkleidet sie sich eben als Kriegsveteranin.

Veteranendarstellerin

Wie müssen sich aber die echten Kriegsveteranen fühlen, wenn sie solche Leute treffen? Sicherlich verspottet und erniedrigt. Manche Theaterkritiker meinen deshalb, dass der russische „Tag des Sieges“ zwar ein sehr pathetisches Einfühlungsschauspiel bietet, aber zugleich auch ein sehr falsches. Was würde Orwell dazu sagen? – fragen sie, und antworten: „Verhöhnung der Veteranen – ist ihre Ehrung!“ Sie schließen daraus, dass vielleicht deshalb Zuschauer mancher Länder (Polen, Litauen, die Ukraine) die Begeisterung für die russische „Tag des Sieges“-Aufführung überhaupt nicht teilen.

Ja, die Rezeption von diesem Stück in unterschiedlichen Ländern ist mittlerweile so weit voneinander entfernt, dass man die interpretatorische Kluft nur feststellen kann, aber kaum gemeinsame Berührungspunkte finden, über die man sich annähern könnte. An dieser Stelle geben manche der ukrainischen Theaterkritiker gleichzeitig zu, dass jede Interpretation auch ihre Grenzen hat und dass sie bei der Frage „Wie wirkt der „Tag des Sieges“ auf die russische Gesellschaft?“ mit ihrem Latein am Ende sind. Sie versuchen nur Fakten festzuhalten und ihre Deutung vielleicht „Russlandverstehern“ zu überlassen, von welchen es in der Ukraine zu Zeit nicht so viele gibt.

Es ist einerseits offensichtlich, dass um den 9. Mai sich eine pathetische Ergriffenheit der russischen Gesellschaft bemächtigt. Es ist andererseits unergründlich, welche bizarren Formen der Eifer annimmt, mit welchem man dabei die Kriegsveteranen zu „ehren“ gedenkt.

Ja, wie ehrt man die Helden? Und was feiert man da genau? Wo sollen die Kriegshelden und solche für jede russische Seele „heilige“ Symbole wie das Georgs-Band oder das Ewige Feuer dargestellt oder angebracht werden?

Auf Wodka-Flaschen?

Wodkaflaschen mit Georgsband

Oder auf Bier-Flaschen?

Bierflaschen mit Georgsband

Am Hintern?

Hintern mit Georgsbändern

Am nackten Körper?

Körperbemalung Georgsband

Am ganzen Körper?

Georgsbänder überall

Was kann man von den neuen russischen Bierdesigns halten, die zum 9. Mai 2014 herausgebracht wurden und folgende, als Ehrung gedachte, Titel tragen: „Ausbruch aus dem KZ“, „Die Kunst, ein Aufklärer zu sein“, „Aus der Gefangenschaft mit dem Flugzeug entkommen“ und „Die Stadt im Alleingang gerettet“?

Bierdosen mit Erinnerungstexten

Was würden die Kriegsveteranen dazu sagen, dass ein Nachtclub in Belgorod ein „festliches Striptease“ im Mai 2014 in seinem Abendprogramm hatte? Als Bühnendekoration – ein Kriegsorden, für den tatsächlich gestorben wurde!

Striptease zum Tag des Sieges

Sind sich diejenigen wirklich sicher, dass sie „das Böse“ besiegt haben, wenn sie, um diesen Sieg im Mai 2016 zu feiern, ihre Wagen so beschriften: „Ich fahre den Deutschen zur Erschießung“, (auf dem Mercedes links) und „Wir holen uns die deutschen Frauen“ (auf dem roten Lada)???

Autobeschriftungen

Und was geht in Menschen vor, die ein Konditoreiwettbewerb zum Tag des Sieges veranstalten und diese Torten ihn gewinnen?

Torten zum Tag des Sieges

Der Torte links (mit den Kampfflugzeugen) ist ein gebackenes Schreiben beigefügt. Dort steht: „Todesnachricht: Ihr Mann, Leutnant der dritten Division, Tzepkij Oleg Petrowitsch, ist am 13. April 1942 gefallen. Er wurde im Dorf Maniuki des Leningrader Bezirks beigesetzt.“ Unterschrift. Stempel.

Die Torte rechts zeigt einen alten Mann, der ein totes Kind auf den Armen trägt, im Hintergrund brennt ein Dorf.

Wie mögen diese Torten schmecken?

Geschmacksurteile helfen hier nicht weiter, doch mit welchen Begriffen kann man diese Kunstwerke analysieren? Die Kunst hat, wie man sieht, keine Grenzen – aber manchmal die Interpretation.

Die entscheidende Fragen, die ukrainische Theaterkritiker stellen, sind: „Warum inspiriert die jährliche russische Inszenierung vom „Tag des Sieges“ ihre Bevölkerung zu Kunstwerken für welche man keine Worte hat?“, „Wie bewirkt ein Theaterstück eine Massenpsychose?“ und „Ist das, was die Schauspieler vom Roten Platz zu Zeit im Donbass aufführen, auch ein Kunstwerk?“

Auf jeden Fall kommen sie zum Schluss, dass man den „Tag des Sieges“ auf keinen Fall unbeachtet lassen darf. Er bietet eine großartige, meisterhaft inszenierte Farce, voller bizarrer Widersprüche und zynischer Abgründe. Die Rede des Oberbefehlshabers ist eine Hommage an Orwell und die Parade der Technik lässt an den Aufsatz von Ortega y Gasset „Über die Entmenschlichung der Kunst„ denken – denn sie erhebt, mit Panzern als Protagonisten, das Inhumane auf neue Höhen. Insgesamt scheint der „Tag des Sieges“ an die alte Tradition vom Theater als Erziehungsanstalt auf eine sehr eigenartige Art anzuknüpfen: Wie bei Schiller ist im heutigen russischen 9.-Mai-Theater die Schaubühne eine moralische und gesellschaftspolitische Erziehungsanstalt, die aber zur Aufklärung nicht beiträgt, sondern diese konsequent verhindert – durch die jährliche Aufführung des Stücks werden viele Russen erfolgreich zu unmündigen Bürgern erzogen, die ihren Tyrannen und ihre Unfreiheit lieben. Sie „ehren“ dank diesem Stück ihre Helden oft auf eine so skurrile Weise, dass in vielen Fällen von einer völligen seelischen Degradierung gesprochen werden kann. Besonders hervorzuheben ist, dass der Hass sowohl die innere Dynamik des Stücks als auch seine Wirkung auf die Zuschauer bestimmt. Der „Tag des Sieges“ trägt durch seine Aufführung somit wie kein anderes Stück in der Theatergeschichte zur Herausbildung einer neuen Identität bei. Sie entsteht aus einem tiefen Hass zu virtuellen „Faschisten“, der für Russland Putin’scher Prägung so bestimmend ist, dass man, Nietzsche paraphrasierend, sagen kann: Ohne „Faschisten“ wäre Russland ein Irrtum.

Aus all diesen Gründen, so die ukrainischen Theaterkritiker, müssen nicht nur Psychologen untersuchen, warum der „Tag des Sieges“ auf Menschen so verheerend wirkt, sondern auch Politiker weltweit sich das Stück unbedingt anschauen. Denn er weist ein enormes dramatisches Potenzial auf: Vielleicht besteht seine Botschaft gerade darin, dass der jetzige Augenblick, Mai 2016, nichts anderes ist als ein kurzes retardierendes Moment vor dem kommenden heftigen Drama im großen Welttheater.

Autor:   Taras Kapyshon  — Wörter: 5204

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Leserkommentare

«Ganz ehrlich, worauf wartet unsere Bundesregierung? Ich bin in Deutschland geboren und fahre sehr gerne in die Ukraine. Die...»

«Ach so. Sie wollen uns mitteilen, daß Annexionen und hybride Kriegsführung erlaubt sind, wenn das angegriffene Land nicht...»

«Sie schreiben "... sollte zuerst einmal die Ukraine beweisen ..." - sind Sie noch bei Sinnen? Ob die Ukraine zu auch nur...»

«Und dann sollten wir das Öl von Saudi Arabien kaufen gell? Denn deren mörderische Angriffe auf Zivilisten im Jemen finden...»

«Herr Umland, als Kriegstreiber direkt an der Front aktiv. Bevor überhaupt über eine Ausdehnung der Sanktionen gegen Russland...»

Тарас Шевченко in Zehn Fakten über die Visafreiheit mit der EU

«Откуда уважаемая автор черпала эти сведения?»

«Eins muss ich Ihnen lassen;ihr pseudointellektuelles Geschwafel ist echt gut. Aber schauen wir doch einmal.... Wie kam der...»

Torsten Lange mit 24 Kommentaren

Wolfgang Krause mit 21 Kommentaren

Jusstice For All mit 17 Kommentaren

E Siemon mit 16 Kommentaren

stefan 75 mit 15 Kommentaren

pauleckstein mit 15 Kommentaren

Anatole mit 11 Kommentaren

SorteDiaboli mit 10 Kommentaren

Dirk Neumann mit 9 Kommentaren

hanskarpf mit 8 Kommentaren