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Der Mythos von der „stärksten Armee“

Übung der ukrainischen ArmeeQuelle: Verteidigungsministerium

„Unser Staat und unsere Streitkräfte wurden derart stark, dass sie einem der stärksten Aggressoren der Welt so viele Jahre widerstehen konnten“, sah ich im Facebook-Stream. Und ich dachte: nun gut, Tausende, wenn nicht gar Hunderttausende Ukrainer meinen reell, dass sich der „stärkste Aggressor der Welt“ im Donbass die Zähne an der Kraft unserer unverwüstlichen Krieger ausgebissen hat.

Und es ist nicht so, dass es komplett unwahr ist, es ist die halbe Wahrheit, oder noch genauer: die Viertelwahrheit. Doch warne ich gleich: weiter wird es subjektive Nichtexpertenüberlegungen geben und folglich können alle, für welche die Armeethematik ein Gegenstand der Einordnung ausschließlich durch Militärspezialisten ist, ruhig die Seite schließen und irgendetwas anderes lesen. Es lohnt sich nicht die Zeit dafür zu verschwenden, was Sie auch sonst nicht wahrnehmen.

Die „klassische“ Version, welche die Anhänger der „stärksten Armee“ (in der populärsten Variante „… die Poroschenko von null auf schuf“) vertreten, sieht so aus: die Armee Russlands versuchte das Projekt „Neurussland / Noworossija“ zu realisieren, doch der Kreml berücksichtigte die Kräfte der ukrainischen Streitkräfte und der selbstorganisierten Zivilgesellschaft nicht, daher war er angesichts Gefahr großer Verluste an Personalbestand und Technik gezwungen zu stoppen.

Die erste Frage, auf die geantwortet werden muss: stellte sich der Kreml irgendein militärisches Ziel in der Ukraine nach dem Abschluss der Besetzung der Krim. Die Antwort ist offensichtlich: nein. Zum Stand Ende März 2014 hatte Russland alle technischen Möglichkeiten dafür, um mit Leichtigkeit zumindest das nördliche Asowgebiet zu besetzen. Doch tat er es nicht. Warum?

– Denn es war nicht bis zum Schluss klar, wie der Westen auf die Annexion der Krim reagieren wird. Denn für die Ablenkung der Aufmerksamkeit musste der Eindruck erweckt werden, dass die Krim keine Okkupation ist, sondern die Folge des Auseinanderfallens der Ukraine. Dafür war der Zerfall der Ukraine nötig. Nicht der Einmarsch der russischen Armee in Donezk und Saporischschja, sondern eben totales Chaos auf dem Territorium des sogenannten Neurusslands, das heißt des gesamten Raums zwischen Odessa und Charkiw.

Und gerade hier hat der Kreml nicht die Kräfte der ukrainischen Gesellschaft berücksichtigt. Doch nicht nur die Volontäre und Freiwilligen, sondern auch des örtlichen korrumpierten Oligarchats, das überhaupt nicht wollte, dass auf seinem Territorium „grüne Männchen“ weideten. Kapiert hat das nur nicht der Donezker „Hausherr“, der wie immer beschloss, mit Kyjiw zu handeln. [Gemeint ist Rinat Achmetow, der reichste Ukrainer. A.d.Ü.] Doch von Charkiw bis Dnipro begriffen alle sofort und erstickten die prorussischen Kräfte im Keim.

„Was ist dann nun mit der Armee?“, fragen Sie.

Am glaubhaftesten ist, dass bereits im April klar wurde: die Kraftreserven der Ukraine sind größer und die Kraft der prorussischen Bewegungen schwächer, als es bisher schien. Und es wurde auf die Destabilisierung konkret des Donbass gesetzt. Armee und Freiwillige lokalisierten geschickt diese Destabilisierungen und versuchten deren Fläche zu verringern. Ich betone: das war noch die Vor-Poroschenko-Armee. Denn man kann kaum die Siege des Juni/Juli 2014 in die Sammeldose der Leistungen des zu dieser Zeit frischgewählten Poroschenkos legen.

Als die Eingrenzung die Existenz der „Volksrepubliken“ (übrigens ist das Wort „Volk“ hier offensichtlich von der Analogie der Ukrainischen Volksrepublik geborgt worden.) zu bedrohen begann, griff die reguläre Armee der Russischen Föderation ein, welche die Grenze während des Sturms von Ilowajsk überschritt. Und das wurde zur Katastrophe für die Streitkräfte der Ukraine.

Weiter setzten die Russen einzelne Einheiten (ich betone: einzelne Einheiten) ihrer Armee für hinreichend eingeschränkte lokale Ziele ein, wie zum Sturm von Debalzewe. Daher ist es nicht richtig zu sagen, dass die Armee der Ukraine der Armee der Russischen Föderation widersteht. Auf einem sehr lokalen Theater der Kriegshandlungen lernten unsere Streitkräfte, Russland Einhalt zu gebieten (das heißt einzelnen Teilen, eben, der russischen Armee und Teilen der Armee der marionettenhaften Staatsformationen). Doch ist das bei weitem nicht das Gleiche, dass sie offen der gesamten russischen Armee mit allumfassender Anwendung von Artillerie, Luftwaffe, Diversionsgruppen usw. widersteht. Das ist nicht einmal die Demoversion. Eher eine einfach schmerzhafte, aber dennoch Impfung.

Gesondert möchte ich hervorheben: Für die Armee der Ukraine ist es sehr gut, dass wir viele Leute mit Erfahrung bei der Teilnahme an Kampfhandlungen haben. Doch muss man sich merken, dass dies sehr spezifische Kriegshandlungen sind, ohne Einsatz der Luftwaffe. Ein Krieg nach dem Vorbild von vor hundert Jahren. Einige afrikanische und asiatische Staaten führen jahrzehntelang Grenzkonflikte, Kampferfahrung hat die Mehrheit der männlichen Bevölkerung, doch niemandem käme es in den Kopf ernsthaft die Armee ihrer Staaten auf das Niveau der Armee eben jenes Russlands zu stellen. Ja und die moldauische Armee ist kaum stark dank des 27-jährigen Konflikts mit dem marionettenhaften russischen Transnistrien. [Der Vergleich hinkt, da die bewaffneten Auseinandersetzungen dort nur wenige Monate im Jahre 1991 währten. A.d.Ü.]

Daher hören wir damit auf, die Leistungen der Streitkräfte der Ukraine zu überhöhen. Ja, es gibt Resultate. Doch unter unseren Bedingungen sind sie offensichtlich unzureichend. Das korrumpierte arme Bruchstück der ehemaligen Sowjetarmee ist immer noch ein korrumpiertes armes Bruchstück, die sehr weit weg vom Niveau der durch Erdöl- und Gasgeld gemästeten Armee der Russischen Föderation ist (obgleich angemerkt werden muss, dass es dort auch nicht an jener Korruption mangelt). Selbstberuhigung und Selbstgefälligkeit können unserer Gesundheit schaden. Besonders wenn es um die Armee geht.

29. Oktober 2019 // Pawlo Subjuk

Quelle: Zaxid.net

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 863

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