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Wenn der Geist langsamer ist als die Taten

Wenn Europa mit dem Ende des letzten Jahrhunderts in die postindustrielle Ära nach Bell eingetreten ist, dann steckt die Ukraine ernsthaft und langfristig im alten „Industriezeitalter“ fest.

Und das Hauptproblem des “Rückstands” ist nicht an ökonomischen Feinheiten festzumachen – wie dem Verhältnis des Anteils der Dienstleistungen und Waren am BIP. Das Ausschlaggebende, das den Sprung in eine neue Informationsgesellschaft signalisiert, ist die Kraft und die Geschwindigkeit des Denkens.

Diesbezüglich verfügt sowohl die Führungsspitze als auch die Opposition über eine schwerfällige und behäbige industrielle Denkweise. Und der Geist ist langsamer als die Taten.

Die ukrainischen Parteien haben sich in eine kleine Kaste von Gesinnungsgenossen verwandelt, die ihr abgestandenes intellektuelles Produkt immer wieder aufkochen.

Der Aufzug des Intellekts, der sich von unten nach oben bewegen sollte, ist sorgfältig blockiert durch die allumgreifende Korruption, Bürokratie sowie „bewährte“ Beamte.

Und solange speziell die politische Spitze die Konzepte entwickelt, in deren Fahrwasser sich das gesamte Land bewegt, wird die Ukraine heute, wie damals Sartres Hauptprotagonist, einen akuten Anfall von Ekel erleben.

Dies beinhaltet die Abwesenheit richtungsweisender Existenzziele sowie eine damit einhergehende krankhafte Einsamkeit.

Von Zeit zu Zeit sollte nicht nur in den eigenen Geldschränken, sondern auch in den eigenen Köpfen eine Inventur durchgeführt werden. Scheinbar hat man bei uns vergessen, dass Ideen nicht auf dem Majdan geboren werden, wenn sich Finger und Gehirne vor eisiger Kälte zusammenziehen.

Sicherlich kann man geniale Ideen genauso wenig in muffigen Kabinetten finden, in welchen nach Zeit und nicht nach Leistung bezahlt wird.

Zu neuem Schwung und einer weltbewegenden Denkgeschwindigkeit kann ein Land lediglich durch „frisches Blut“ verholfen werden, durch Menschen, die die Möglichkeiten der neuen Zeit zu nutzen wissen.

Ein anschauliches Beispiel stellen Moldawien und Georgien dar, an deren Reformweg sich die Ukraine auf wiederholtes Anraten der Europäer orientieren sollte.

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Obgleich unser Potenzial um ein Vielfaches höher ist als das des offiziellen Chisinau bzw. Tiblis, ist es diesen mit den Jahren gelungen, einen merklichen Sprung nach vorne zu machen.

Zum Vergleich: Tiblis „übernahm“ mehr als 30% des südukrainischen Güterverkehrs. Dort hat man sich nicht den unerfahrenen, „hastigen Meinungen der Jugend“ widersetzt und der Großteil der Beamten ist von jungen Experten ersetzt worden; und genau diese haben sich als wichtigste „Lokomotive“ für sämtliche Veränderungen erwiesen.

Oftmals lässt sich hinter der enormen „Erfahrung“ der ukrainischen Politelite eine grimmige Faulheit erkennen. Man bemerkt, wie eine Aktivität durch eine andere ersetzt wird, gähnt nur und denkt: Gibt es nichts Neues unter der Sonne?

Indes hat die Piratenpartei, deren Hauptslogan „Für die Informationsgesellschaft“ lautet, in Deutschland eine enorme Popularität erlangt.

Die Piraten spielten va banque und mit dem Sinn von Widersprüchlichkeiten und konfrontierten die bekannte deutsche Zurückhaltung mit der Freiheit des Internets.

Traditionell wird im Internet die Realität mit der ihr eigenem Pedantismus, Ordnung und Gewissen abgebildet. Diese neue Partei hat alles auf den Kopf gestellt, indem sie forderte, dass sich die Freiheit des Internets in der Realität widerspiegeln solle.

Entsprechend wurden die Wahlen für das Berliner Abgeordnetenhauses in diesem Jahr zu einer waschechten Sensation – die Piratenpartei erhielt 8,9 % der Stimmen. Unter der Jugend und den Intellektuellen lag die Unterstützung sogar bei über 20 %.

Und bereits heute sind es nicht die „Piraten“, die das Gespräch mit Angela Merkel suchen, sondern die Kanzlerin selbst, die darüber nachdenkt, wie sie in Zukunft die neuen Machthaber der öffentlichen Meinung auf ihre Seite bringen könne, um gemeinsam mit diesen eine Koalition zu bilden.

Es ist möglich, dass Julia Wadimirowna (Timoschenko), sollte der Präsident um die Chancen und Tendenzen der neuen Zeit wissen, mit einem leichten Schrecken davonkommt, auch das ganze Land würde befreit aufatmen.

Die Opposition ist jedoch in ihrer heutigen Verfassung ein idealer Sparringpartner für die kommenden Wahlen. Anstatt die wahrlich glücklichen Zeiten der Machtlosigkeit zu nutzen und zu einem leistungsstarken intellektuellen Zentrum zu werden, fordern sie „Schlafmützen“ auf, von der Couch aufzustehen, ihre Facebookwelt zu verlassen, um auf die Straße zu gehen.

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Und für was? Wird denn eine reale Alternative angeboten? Und wenn nicht, ist es ohnehin besser, die behäbigen „Schlafmützen“ nicht zu belästigen und auf die Dienste von „Brigadiers“ zurückzugreifen, die innerhalb eines Tages dreitausend Stimmen zusammentrommeln können.

Traditionell stählen Parteien in Europa vor allem dann ihre „Muskeln“, wenn sie sich in der Opposition befinden. Denn, solange sich jemand anderes um ökonomische Kennziffern sorgt, kann man sich erlauben, sich mit dem ideellen Teil auseinanderzusetzen, mit dem gesellschaftlichen Dialog, mit qualitativer Innovation.

Trends, die sich heute in Deutschland auf dem Höhepunkt des Interesses befinden, werden morgen in der Ukraine höchst aktuell sein. Bisher jedoch ist niemand imstande, von diesen Wellen Gebrauch zu machen.

Die Zahl unserer Internetnutzer nähert sich der 16 Millionengrenze. Und dies entspricht einer Größenordnung von 35% der Gesamtbevölkerung. Aber diese Menschen sehnen sich mehrheitlich nach Originalität, frischen Ansätzen, neuen Sichtweisen und einer interessanten Kommunikation.

Statt neue Angebote für dieses Publikum zu schaffen, werden bei uns Millionen verschleudert, beispielsweise für Memoiren, deren Autoren sich nicht gerade abmühen, jenseits der Möglichkeiten der beiden Tasten „copy&paste“ zu agieren.

Die Buchhalter der Parteien hätten längst für diese „zweckmäßige“ Aufwendung von Mitteln erschossen werden sollen.

Man sollte ein für allemal begreifen, dass das Personal, wie bereits früher, alles entscheidet, und neue Technologien nicht nur neue Zeichen der Zeit darstellen, sondern auch erstens eine bedeutende Ressourceneinsparung, zweitens, die wichtigste Orientierungshilfe für Parteien im sozial-politischen Raum, drittens eine Beobachtungs- und Auswertungsmethode der Kräfte des Konkurrenten, sowie viertens, ein solides Hilfsmittels bei der Entwicklung adäquater Lösungen repräsentieren.

Die Welt verändert sich rapide und die Elite sollte, wenn sie diesen Titel beanspruchen möchte, deren neuem Antlitz entsprechen.

Die heutige Müdigkeit, Gereiztheit und Trägheit vermag lediglich eine neue Geisteskraft zu vertreiben, die sich sowohl strategisch als auch taktisch im Regierungskurs widerspiegelt.

Vergebens hofft man, dass die nächsten Wahlen mit dem Aufruf zur europäischen Gesellschaft oder administrativen Mitteln „genommen“ werden können.

Das ist mindestens kurzsichtig, außerdem riecht diese „Erfahrung“ allenfalls nach Verwesung, und ist ihr (der Opposition) letztes Refugium.

24. Oktober 2011 // Olga Iwachno

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzerin:    — Wörter: 979

Jahrgang 1978. Yvonne Ott hat Slavistik und Wirtschaftswissenschaften an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg studiert. Seit 2010 arbeitet sie als freie .

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