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Zum 60. Todestag von Josef Stalin: Der Viehbestand in Stalins Namen

Der Tod eines Menschen ist eine Tragödie, der Tod von Millionen Statistik. Dieses geflügelte Wort erdachten die deutschen Humanisten Kurt Tucholsky und Erich Maria Remarque. Doch weitaus öfter wird es dem Genossen Stalin zugeschrieben, der vor 60 Jahren vor seinen Schöpfer trat.

So kam es, dass der unvergessliche Koba (Spitzname von Stalin) beharrlich mit den Worten „Tod“, „Tragödie“ und „Millionen“ assoziiert wird.

Die Figur des legendären Diktators scheidet auch sechzig Jahre später die Geister.

Gemäß der kürzlichen Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie haben 37 Prozent unserer Landsleute eine negative Einstellung zu Iossif Wissarionowitsch, 22 Prozent eine positive.

Die einen entrüsten sich: „Wie kann man Stalin rechtfertigen?! Dieser blutige Tyrann hat Millionen vernichtet!“ Andere halten entgegen: „Wer sind die Richter? Ja, in den Jahren Eurer Unabhängigkeit nahm die Bevölkerung der Ukraine um sechseinhalb Millionen ab und das ohne jeden Krieg!“

Das populäre Gegenargument sieht effektiv aus, wenn man sich in die Natur der Millionenverluste in der postsowjetischen Zeit nicht näher hineindenkt.

Erstens, viele sind ausgereist, haben die depressive Ukraine verlassen und haben nicht damit aufgehört zu leben und zu grüßen – eher im Gegenteil. Die Emigration nach Europa, die USA, Israel oder die Russische Föderation unterscheidet sich um einiges von den Genickschüssen des NKWD.

Zweitens, in der unabhängigen Ukraine wurden weniger Menschen geboren, als aus natürlichen Gründen starben. Aufgrund dieses Unterschiedes entsteht eine imposante Zahl, welche die Advokaten Stalins mit der Zahl der in den 1930er und 1940er Jahren getöteten gleichsetzen. Die logische Ablenkung ist offensichtlich, niemals existierende „Menschen“, die theoretisch hätten geboren werden können, doch nicht geboren wurden, werden mit wirklichen Menschen gleichgesetzt, denjenigen, die im repressiven Fleischwolf lebten, dachten, fühlten, litten und starben.

Ja, aus menschlicher Sicht sind die Parallelen zwischen den modernen Verwerfungen und dem stalinschen Terror absurd. Wenn der Homo sapiens als Person und nicht als abstrakte statistische Einheit wahrgenommen wird, lässt sich darüber nicht streiten. Doch existiert auch ein alternatives Wertesystem, das nicht den Menschen über alles stellt, sondern etwas allgemeineres entpersönlichtes.

1945 fand ein Treffen zwischen dem amerikanischen Oberkommandierenden Dwight D. Eisenhower und Marschall Georgij Shukow statt. Der stalinsche Militäroberbefehlshaber berichtete über die großzügige Verausgabung von Soldatenmaterial im Namen des Großen Sieges. Eisenhower war ein wenig schockiert und merkte in seinen Memoiren an: „Die Amerikaner beurteilen den Preis des Krieges anhand der menschlichen Leben, die Russen anhand des allgemeinen Verlustes für die Nation.“

Die jetzigen Stalinisten halten sich an das gleiche Paradigma und das ist auch nicht verwunderlich. Weitaus interessanter ist, dass es auch von vielen ukrainischen Antistalinisten geteilt wird.

Iossif Wissarionowitsch verfluchend, unterstreichen sie, dass der stalinsche Golodomor vor allem ein nationales Drama war und nicht einfach nur eine menschliche Tragödie. Eifrig wird die ethnische Zusammensetzung der Umgekommenen studiert und die erhaltenen Prozentsätze werden als besonders schrecklich angesehen. Den realen Märtyrern, die verhungerten, werden mutig mythische „ungeborene Ukrainer“ hinzugezählt, dank dessen die Opferzahl bis auf zehn Millionen geführt wird. Es versteht sich, dass derjenige, den die menschlichen Schicksale und Leben und nicht der allgemeine Verlust bewegen, sich nicht mit derartigen Berechnungen beschäftigen würde.

Dabei kommt die Frage auf, worin bestehen nun die Hauptvorwürfe gegenüber dem Genossen Stalin? Darin, dass der Kremldiktator Millionen konkreter Persönlichkeiten zum Tode verurteilte oder darin, dass er der Nation einen Verlust verursachte? Um wen ist es schade – die Menschen oder die Bevölkerung? Was ist wichtiger – die zugrunde gerichteten Leben oder die Verringerung des allgemeinen demografischen Bestandes?

Für einige stellt der Bestand den Hauptwert dar. Dieser Mensch muss seine Zugehörigkeit zu einer großen Herde fühlen und wissen, dass die Herde wächst. Besonders angenehm ist es, wenn sie größer und wohlgenährter als die benachbarte ist. Wenn sich ihre Herde verringert, leidet auch ihre Eigenliebe und ihr Selbstwert sinkt.

Außerdem bewegt viele die Rassenreinheit, die Herde sollte nicht nur groß, sondern auch eine bestimmte sein, mit der richtigen Hautfarbe, den richtigen Gesichtszügen und in der richtigen Sprache redend usw. Weiter kann die Herde auch gemolken werden — je vielzahliger sie ist, um so größer wird der Melkertrag und um so mehr Anlass gibt es für Stolz. Schlussendlich kann die große Herde auch zur Schlachtung geführt werden und sie senkt gehorsam die Köpfe, den Ruhm vervielfachend.

Allgemein gesagt, die Menschen sind nur reinrassiges Vieh, das für die internationalen Ausstellungen der Melkung und der Schlachtung bestimmt ist. Dieser Ansatz ist unter den politischen Aktivisten mit unbefriedigten Ambitionen weit verbreitet. Tatsächlich ziehen sie selbst es vor, einen schönen Euphemismus zu benutzen: „staatsmännisches Denken“.

Die Tätigkeit des verblichenen Iossif Wissarionowitsch war ein deutliches Beispiel für derartiges Denken. Menschen hat Koba nicht geschont, doch um den Bestand hat er sich gesorgt. Soldaten und Arbeiter benötigend, verbot der weise Führer bereits 1936 Abtreibungen. Eine ausgezeichnete Idee! Und heute existiert sie im Programm einer populären ukrainischen Partei, die genau den gleichen Herdenprinzipien anhängt, wie auch Genosse Stalin.

Doch demjenigen, der auf die Welt auf stalinsche Art blickt, gebührt sich nicht den bekannten Diktator zu verurteilen. Menschliche Logik mit staatlicher oder nationaler ersetzend, verliert er die moralische Überlegenheit über Koba und seine Anhänger.

Wenn man die Herde höher als das Individuum schätzt, wird sie jeder Stalinist übertrumpfen. Alle wütenden antistalinistischen Argumente werden mühelos weggefegt.

Unter Stalin lichtete sich die Bevölkerung der Ukraine? Eben auch die letzten zwanzig Jahre lichtete sie sich!

Unter Stalin wurde die Nation kleiner? Und auch jetzt verkleinert sie sich!

Unter Stalin beliefen sich die demografischen Verluste auf Millionen? Und in der unabhängigen Ukraine ebenfalls!

Dafür wurden unter Stalin Industriegiganten errichtet, Kriege gewonnen und neue Territorien angeschlossen und jetzt? Eben, eben! Das Regime Dshugaschwilis ist definitiv besser als die moderne Ukraine, denn es erreichte unvergleichliche Erfolge bei vertretbaren Bevölkerungsverlusten.

Die ukrainische Gesellschaft wird oft in Anhänger und Hasser von Iossif Wissarionowitsch geteilt. Jedoch liegt die wirkliche mentale Barriere tiefer: sie teilt diejenigen, für die das Individuum Priorität hat und diejenigen, die, gleich dem Führer der Völker, in Herdenkategorien denken.

Übrigens der Eifer bezüglich des Bestands hat oft eine charakterliche Besonderheit. Der typische einheimische Experte kann lang große Reden schwingen über die „aussterbende Ukraine“ und den „modernen Genozid“. Doch er wird weder sich noch seinen Nächsten jemals wünschen an die Stelle des ukrainischen Bauers des Jahres 1933, der stalinistischen Nomenklatur von 1937 oder der Freiwilligen von 1941 zu geraten. Für eine ungewisse helle Zukunft geht er nicht zum Selbstopfer über oder schickt diejenigen, die ihm wirklich teuer sind.

Schien es nicht so, dass es nichts Schreckliches am gewaltsamen Tod gibt, wenn das Land so oder so stirbt? Wenn aber die Rede von dir oder deiner Familie geht, fällt der Unterschied zwischen dem abstrakten Bestand und dem realen menschlichen Leben aus irgendeinem Grund sofort ins Auge.

5. März 2013 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Andreas Stein  — Wörter: 1173

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