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Die anderen Argumente

Ein merkwürdiges Land ist das. Worüber sprechen hier die Politiker? Über vieles, aber nicht über das Wesentliche. In aller Stille beerdigen Väter und Mütter ihre Kinder, oder warten noch darauf, diese zu Grabe zu tragen. Kinder, die demnächst an einer Überdosis Rauschgift sterben werden.

Die Politiker reden und lügen viel. Und über eines sprechen sie nicht: über die zum baldigen Tod verdammten Kinder. Worüber sprechen wohl die ukrainischen Bauern, die dankend die Wahlgeschenke der heimischen Drogenmafiosis annehmen, die nun ganz offiziell an die Macht kommen wollen (inoffiziell sind sie es ja schon)? Auch sie sprechen über alles Mögliche, aber nicht über ihre Söhne und Enkel, die an der Spritze hängen oder sonst wie abhängig sind. Und stimmen werden sie für die guten Burschen, die in ihren Dörfern, Gemeinden und Städten den Tod aussäen.

Ich verstehe schon, die sind halt so. Wir sind alle so. Hilflos, ängstlich, gehorsam. Wir wissen – der Streifenpolizist deckt den Junkie, der heimische Miliz-Oberst den Streifenpolizisten und so weiter und so fort. Wir wissen das – und schweigen darüber. Aber mit unserem Schweigen riskieren wir die Gesundheit und das Leben unserer Kinder. Unserer einzigen Kinder, die wir lieben. Das sind nun mal die Spielregeln in unserem Land. Die wichtigste Regel ist: Nicht widersprechen, schweigen. Auch dann, wenn es dich oder deine Familie betrifft.

Belehrungen helfen nicht. In einem Land, in dem sich die Drogenabhängigkeit epidemieartig ausbreitet und die Zahl der Speed-Toten zunimmt, machen Vorträge wenig Sinn. Ein Mensch, der noch nie im Dschungel war, wird seine Erzählung über die wilden Affen wohl wenig überzeugend rüberbringen. Es werden andere Argumente benötigt, Argumente, die Vertrauen schaffen. In diesem Sinne auch Argumente der Angst.

Die Legende von der Drogentoleranz in den Niederlanden – alles doch eine Legende. Dort ist es sehr schön, die Polizei arbeitet ehrlich. Sie arbeitet mit den Dealern und Drogenlieferanten, aber nicht mit dem gewöhnlichen Drogenkonsumenten. Dort, in den Niederlanden, wäre es ein Ding der Unmöglichkeit, dass ein Abgeordneter im Parlament Folgendes laut ausspricht, ja geschweige denn in einem Gespräch erwähnt: “Ja, mein Sohn ist drogenabhängig. Doch habe ich keine Zeit, ihn zu retten. Bin ich doch mit der Rettung der Niederlande beschäftigt.” Bei uns, da geht so was. Ich kenne so gar den Namen.

Immer öfter holt mich ein Gedanke ein: die Namen der Gesetzgeber und Entscheidungsträger – die versuchen ihre Not und Tragödie geheim zu halten, hintereinander aufzuschreiben und laut vorzutragen. Doch ich kann nicht, habe nicht das Recht dazu, die ärztliche Schweigepflicht.

Sogar jetzt, kurz vor den Wahlen, wo tausende Eltern nach Unterstützung suchen, um ihre Kinder nicht zu verlieren – nichts als Schweigen. Eigenartige, schreckliche Menschen sind das. Menschen, denen Geld und Macht wichtiger sind als Kinder. Jetzt sage doch mal einer “Ich bin mit der Rettung der Ukraine beschäftigt!”. So viel zum gerettet werden.

Ín einem hervorragenden Interview auf LB.ua vom 15. August dieses Jahres bin ich auf ein wichtiges Argument gestoßen. Glückspilze, die gibt es auch. Der Weg zur Drogenabhängigkeit ist kein einheitlicher, in den meisten Fällen jedoch um einiges tragischer. Aber darüber spricht oder schreibt so gut wie niemand. Warum?

Ist es der Tradition des sowjetischen Journalismus verschuldet, welche die Welt schön gemalt hat? Verbieten es die Inhaber der Massenmedien? Ist es ein Gesetz des Tyrannen-Präsidenten, der Ungehorsame töten lässt?

Gott, warum hast Du uns so viel Freiheit geschenkt? All diese Möglichkeiten in einer Demokratie! Warum hast Du uns diese endlosen, unsinnigen Wahlen geschenkt? Uns ging es doch in ägyptischer (sowjetischer) Gefangenschaft so gut. Ja, es roch damals immer sehr streng, aber wir gewöhnten uns daran. Und gerettet werden musste niemand, keine Niederlande, keine Ukraine. Wir wussten und glaubten nur das eine: “Bloß keinen Krieg!” Alles andere ging uns nichts an.

28. August 2012 // Semjon Glusman

Quelle: LB.ua

Übersetzerin:   Maria Ugoljew  — Wörter: 657

Maria Ugoljew ist freischaffende Journalistin und Übersetzerin. Sie hat erst Slawistik, Kunstgeschichte sowie Musikwissenschaft in Greifswald und Brno studiert und dann bei einer Lokalzeitung volontiert. Heute lebt sie in Berlin.

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