FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Israel 2.0

0 Kommentare

Ukraine = Israel 2.0?
Am 14. Mai 1948 tauchte der israelische Staat auf der Weltkarte auf. Ein einzigartiges Land, dessen Bürger zugleich als Vorkämpfer, Architekten und Krieger agierten.

Siebzig Jahre später ist dieses Land für viele von uns eine Quelle der Inspiration und ein Nachahmungsbeispiel.

Wenn wir von einer Transformation der Ukraine in ein neues Israel 2.0 träumen wollen, müssen wir geeignete Analogien finden.

Die patriotischen Ukrainer sind dabei mit den opferbereiten Zionisten, die ihren Staat von Grund auf neu aufgebaut haben, vergleichbar.

Das benachbarte Russland – mit den feindseligen arabischen Ländern. Die prorussische fünfte Kolonne – mit den palästinensischen Arabern.

Aber mit wem sind die Millionen von gewöhnlichen ukrainischen Bürgern vergleichbar? Die passiv, praktisch veranlagt sind und einfach ihr Leben leben wollen – ohne Krieg, ohne Nationalstaatsbildung, ohne radikale Veränderungen?

Erstaunlicherweise lässt sich auch für diese in der israelischen Geschichte ein Analogon finden: Die Juden im Exil, der Galuta bzw. Diaspora. Konservativ, zersplittert und die, um es milde auszudrücken, nicht den Respekt und die Sympathie der Zionisten genossen.

So erinnert sich der radikale israelische Politiker und Journalist Uri Avnery:

„Als ich 1939 mein sechszehntes Lebensjahr vollendet, eilte ich umgehend zum Standesamt der palästinensischen Regierung, um meinen Namen offiziell ändern zu lassen. Ich habe den deutschen Geburtsnamen verworfen und einen von mir gewählten hebräischen Vor- und Nachnamen angenommen. Dies war nicht nur eine Änderung meiner Passdaten, sondern ein Statement: eine Lossagung von meiner Vergangenheit in der Diaspora (in der „Vertreibung“ im Sprachgebrauch der Zionisten), von der Tradition meiner deutsch-jüdischen Vorfahren, von allem, was mit „Exil“, mit der „Diaspora“ zusammenhing. „Diasporisch“ – war zu dieser Zeit eine der schlimmsten Beschimpfungen.“

Die Zionisten argumentierten oft mit den typischen antisemitischen Stereotypen.

Eben selber Avnery bezeugt:

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

„Alles „Diasporische“ verdiente lediglich Verachtung: die Schtetl, die jüdische Religion, die jüdischen Ansichten und der jüdische Aberglaube. Wir haben gewusst, dass die „Juden der Diaspora“ Geld aus Luft machen: Sie parasitieren mithilfe von Manipulationen an der Börse, ohne irgendetwas wirklich zu schaffen, gehen körperlicher Arbeit aus dem Weg … Alles Gute und Heilsame war mit der hebräischen Sprache verbunden, mit der hebräischen Gemeinschaft. Der hebräischen Landwirtschaft, den hebräischen Kibbuzim, der „ersten hebräischen Stadt“ (Tel Aviv), den hebräischen paramilitärischen Untergrundorganisationen, der Zukunft des hebräischen Staates.“

Dem progressiven Ukrainer ist all das natürlich bekannt und vertraut.

Der Wunsch, dem alten Leben, der grauen und erniedrigenden Vergangenheit zu entfliehen. Die Bereitschaft, seine Identität, seine Sprache und Kultur zu ändern. Die Verachtung für Millionen von Landsleuten, die befremdlich und lächerlich wirken. Die Abneigung gegen ihre Lebensweise, gegen ihre Gewohnheiten und Ansichten. Die Träume von einer neuen gesunden Gesellschaft, einer Nation, einem Staat.

Ein wesentlicher Unterschied besteht allerdings darin, dass die Zionisten ihr neues Land an einem vollkommen neuen Ort aufbauten, weit entfernt von dem verachteten Exil. In den Straßen von Tel Aviv und Haifa, in den Kibbuzim und Moschawim – überall waren sie von Menschen ihrer eigenen Art umgeben. Von Menschen mit derselben Überzeugung, derselben Leidenschaft, von Menschen, die eine bewusste Entscheidung zugunsten einer neuen Nation getroffen haben.

Die ukrainischen Idealisten aber versuchen, ein zweites Israel inmitten einer phlegmatischen, postsowjetischen „Exil“-Ukraine aufzubauen.

Sie sind dazu verdammt, sich inmitten einer spießigen Mehrheit zu befinden, die ihr Land nicht gewählt und keine hohen Ideale haben. Es scheint, dass dieser Umstand allein allen Träumen über ein ukrainisches Israel ein Ende bereitet. Aber den einheimischen Idealisten hilft ein Schlupfloch, das sie dem technischen Fortschritt zu verdanken haben.

Um mit dem verhassten Exil zu brechen, musste der Zionist der 1930er Jahre in das gelobte Land gehen. Unseren Zeitgenossen genügt ein Smartphone oder ein Notebook.

Das Ticket für eine Dampfschifffahrt nach Palästina wird durch den Zugang zum Internet ersetzt; anstelle der Kibbuzim treten die sozialen Netzwerke.

Im eigenen sozialen Raum im Netzwerk sind die Idealisten in der Mehrheit – wenngleich sie in der physischen Welt immer noch nur einen kleinen Teil der Bevölkerung ausmachen.

Die Technologien des 21. Jahrhunderts erlauben es, innerhalb der Ukraine ein eigenes Israel 2.0 zu schaffen, aber eben nur virtuell.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Es ist ein eigenartiges Land innerhalb des Landes – klein, aber motiviert und aktiv. Und dieses virtuelle Land muss sich täglich einer unerbittlichen Realität stellen.

Zum Hauptgegner des ukrainischen Israel wird eben der ukrainische Normalbürger, der sukzessiv Putin und die pro-russischen Rebellen in den Hintergrund drängt.

Der Phlegmatismus der philisterhaften Mehrheit erzürnt, die Probleme und Beschwerden dieser Mehrheit verursachen kein Mitgefühl. Ganz im Gegenteil, häufig gilt das Unbehagen dieser Mehrheit eher als Indikator für den Erfolg.

Wenn dem Bürger Horischni Plawni (gemeint ist das 1960 gegründete und im Rahmen der Entkommunisierung 2016 umbenannte Komsomolsk im Gebiet Poltawa, A.d.R.) oder die mutigen Experimente von Uljana Suprun (aus den USA stammende geschäftsführende Gesundheitsministerin, A.d.R.) nicht gefallen, dann muss die Reform gut sein!

Die größten Hoffnungen liegen auf dem staatlichen Zwang: Andere Methoden, mit dieser pragmatischen und nicht idealistischen Mehrheit zu arbeiten, scheinen nicht schnell und nicht effektiv genug zu sein.

Um zu argumentieren, zu überzeugen, durch eigenes Beispiel zu inspirieren – dafür sind die Verfechter eines ukrainischen Israels zahlenmäßig einfach zu gering. Aber ihre Zahl reicht dennoch, um für das gewünschte Gesetz zu lobbyieren und das gewünschte Verbot zu erreichen.

Symbolische Schritte haben dabei eine äußerst hohe Bedeutung.

Denn dank dieser symbolischen Schritte scheint die philisterhafte Masse in einen gemeinsamen Werteraum hineingezogen, auch wenn Ihre Prioritäten unverändert bleiben.

Also, sei’s drum, wenn der Bürger wie eh und je nichts Anstößiges an den engen Beziehungen zur Russischen Föderation sieht, dafür muss er aber jetzt zumindest formale Hindernisse umgehen.

Soll der Bürger ruhig wie früher nichts mit den Sitscher Schützen, Jewgenij Konowalez oder General Almasow am Hut haben, aber jetzt geht er zumindest durch Straßen, die diesen zu Ehre umbenannt wurden.

Letztendlich lebt das virtuelle Israel unter dem ständigen Damoklesschwert der Rache seitens des Spießbürgers. Die nahenden Wahlen, die aktuellen Umfragen, die Gespräche, die auf der Straße oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu hören sind, sind alles schmerzhafte Grüße aus der Realität und verletzen den Idealisten bis auf die Seele.

Bleibt festzuhalten, dass die Exil-Ukraine immer noch da ist. Sie ist immer noch vielzählig und bereit, unser geschundenes und hart erkämpftes ukrainisches Israel zu verschlingen …

Kann es auch anders sein? Wahrscheinlich nicht.

Wenn wir unser Land als neues Israel sehen möchten, dann muss dieses auf eine wackelige virtuelle Existenz vorbereitet sein – für Jahre oder gar Jahrzehnte. Sollte uns dies nicht gefallen, müssen wir andere Formen der Interaktion mit der Mehrheit der Normalbürger finden.

Letztendlich konnte selbst das reale Israel nicht die zionistischen Ideale seiner Anfänge konservieren und war angesichts der Zuwanderung von Diaspora-Rückkehrern gezwungen, Kompromisse einzugehen und sich zu ändern.

13. Mai 2018 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzerin:    — Wörter: 1097

Jahrgang 1978. Yvonne Ott hat Slavistik und Wirtschaftswissenschaften an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg studiert. Seit 2010 arbeitet sie als freie .

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 3.0/7 (bei 2 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)12 °C  Ushhorod11 °C  
Lwiw (Lemberg)9 °C  Iwano-Frankiwsk10 °C  
Rachiw6 °C  Jassinja6 °C  
Ternopil10 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)11 °C  
Luzk10 °C  Riwne10 °C  
Chmelnyzkyj10 °C  Winnyzja11 °C  
Schytomyr10 °C  Tschernihiw (Tschernigow)11 °C  
Tscherkassy13 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)13 °C  
Poltawa14 °C  Sumy14 °C  
Odessa14 °C  Mykolajiw (Nikolajew)14 °C  
Cherson14 °C  Charkiw (Charkow)15 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)14 °C  Saporischschja (Saporoschje)15 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)15 °C  Donezk19 °C  
Luhansk (Lugansk)21 °C  Simferopol18 °C  
Sewastopol17 °C  Jalta18 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Ich habe mal sie Einreise in die UA (aus Polen), am Grenzübergang Uhryniw gemacht. Inzwischen 3 Mal am Freitagabend 21 Uhr MEZ. Nur zwei bis drei PKW, was schon gut ist. Aber der Hit ist, dort gibt es...“

„Inzwischen hat sich ja auch die Tagesschau etwas eingehender mit diesem Thema befaßt. Demnach seien indirekte Geldflüsse zum Kreml der Grund für das erfolgte Verbot der Serie. Ich schätze jedenfalls...“

„ Ist die Meldung überhaupt aktuell, die "Welt" schrieb offenbar schon 2023 über genau dieses Thema ?


„Kennt jemand vielleicht die Hintergründe dafür ? Soweit ich das sehe handelt es sich doch um eine völlig harmlose Kinderserie ohne jede Spur von Propaganda oä ?“

„ Was meint "erneut" ??
Bislang glaubte ich daß man sich als Reisender zumindest in unmittelbarer Grenznähe sicher fühlen konnte ?


„Bei Ankunft am Blockposten im Internet (nakordoni.eu) 4h Wartezeit und 40 PKW am Grenzübergang, einen Teil der Wartezeit sitzt man am Blockposten ab, die halten die PKW Warteschlange von dem eigentlichen...“

„Auch wenn ich diese Verbindung toll finde, hätte ich ehrlicherweise Angst, von Polen aus in die Ukraine zu reisen. Die Polen werden immer gewaltsamer gegen Ukrainer und ukrainische Projekte. Außerdem...“

„Ich dachte z.B. Krakovetz hat diese Spur nicht, jedenfalls bin ich in 2025 mit allen anderen bei den Ukrainern durchgeschleust worden, anschließend bei den Polen EU Spur..“

„ Hallo julib77,

Bzgl. Ausreisen mit PKW nach Polen möchte ich Dir deutlich widersprechen, ich weiß nicht woher Du Deine Informationen beziehst.

Schau einfach hier einmal Thread nach "An welchem Grenzübergang geht's am schnellsten? Da musst Du nicht suchen, der steht derzeit auch immer weit oben. Auch wenn wir da, nur über die Abläufe und die Wartezeiten berichten, findest Du nicht einen Kommentar darüber, dass Ukrainer schlecht behandelt werden. (2025 bis heute, ca. 25 Ein- und Ausreisen)

Ich kann nur sagen, ich beobachte keinerlei Repressalien, ganz im Gegenteil, die Ukrainer werden respektvoll behandelt, ist stelle keinen Unterschied zu mir als Deutschen fest. Das einzig berichtenswerte ist, dass die meisten Ukrainer-Innen fotografiert werden, bei der Ein - und Ausreise. Dieser Vorgang läuft professionell ab, ich kann dabei keine "Erniedrigung " beobachten, es wird gelacht und gescherzt dabei und die Frauen richten ihre Haare etc. Damit es ein 'schönes" Bild gibt.

Bzgl. Ungarn kann ich nur von einer Einreise berichten in 2025 (noch unter Orban), an dem mir sehr gut bekannten Grenzübergang "Lushanka" (Berehove HU), die Ausreiseseite kann man beobachten, ich kann nichts berichten, d.h. für mich normale Abläufe bei der Ausreise, wie auch bei der Einreise. Normale PKW Schlange, ganz im Rahmen. Kurz um, mir ist damals nichts aufgefallen. Alles war SICHER, wie die letzten 70 Mal, als ich den Grenzübergang von 2004 an bis 2025 überquert habe. Ein- und Ausreise.


„Ich werde am Sonntag ca. 12 Uhr auch wieder in Uhryniw Ausreisen. Dazu mal eine Frage, in Uhrnyiw gibt es ja die besagte EU-Spur, die ja durchweg bei den Ukrainern und den Polen die Ausreisezeit doch erheblich...“

„Auch wenn ich diese Verbindung toll finde, hätte ich ehrlicherweise Angst, von Polen aus in die Ukraine zu reisen. Die Polen werden immer gewaltsamer gegen Ukrainer und ukrainische Projekte. Außerdem...“

„Ups, ja. Irgendwie war zwar die Rede von einem durchgängig buchbaren Fahrschein, aber das bedeutet in der Tat wohl nicht auch zugleich eine unterbrechungsfreie und bequeme Fahrt mit der Bahn. Schade“

„Ja auf dem Papier sieht das wohl alles sehr einfach aus. Offenbar hat Leo da den Mund etwas zu voll genommen, scheint übrigens typisch für die private Verkehrsbranche zu sein. Soweit ich sehe hat sich...“

„Ja auf dem Papier sieht das wohl alles sehr einfach aus. Offenbar hat Leo da den Mund etwas zu voll genommen, scheint übrigens typisch für die private Verkehrsbranche zu sein. Soweit ich sehe hat sich...“

„ Obwohl der Leo-Express angeblich seit Juni den Betrieb auf dieser Strecke aufgenommen hat wird die "Bahnfahrt" über Przemysl nach UA wohl noch lange Zukunftsmusik bleiben.
Wie zu lesen ist gibt es noch nichtmal für das polnische Streckennetz eine Zulassung so daß derzeit dort wohl noch mit Bussen gefahren wird.


„изображение.png изображение.png Da muß man wohl mit den Daten etwas herumspielen ... Da wird wohl noch nicht täglich gefahren. Trotzdem Danke.“

Der Link zum Anbieter ist ja da.
Ist korrekt, aber ich finde man hätte trotzdem im Text gleich darauf hinweisen können.
War aber nicht "böse" gemeint ...
Bis jetzt sind die Tickets auch noch nicht auf der Webseite buchbar - warum auch immer ...
Hab´s versucht - bekomme aber immer angezeigt "auf dieser Strecke fahren wir nicht" :-([smilie=dntknw.gif]

„Man sollte aber explizit dazu schreiben, daß es ein Zug von LeoExpress ist - und nur auf deren Webseite kann man die Fahrkarten kaufen. Zumindest ist es die erste Umsteigefreie Verbindung von Deutschland...“