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Marsch der Enthusiasten

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Ukrainische Nationalisten versuchen in Kiew Tschekistendenkmal mit Vorschlaghammer abzureißen
Seinerzeit verwendete die UdSSR eine Menge Kraft in die Verwandlung der deutschen Nationalsozialisten in groteske Karikaturen.

Im Massenbewusstsein fußte das Bild der Hitler-Bösewichte auf der völligen Aberkennung nobler Motive. Die Nazis konnten nicht mit Enthusiasmus an einer hellen Zukunft bauen, nicht selbstlos für die Gerechtigkeit kämpfen und von einem harmonischen „Neuen Europa“ träumen. Sie konnten nur Nichtsnutze sein, Sadisten und Menschenhasser.

70 Jahre nach dem Sieg über den Nationalsozialismus kam noch jemand zum Heer der karikierten Bösen hinzu: die moderne Ukraine schreibt den Bolschewiken die gleiche Rolle zu. Im Volksbewusstsein verwandeln sich die Kommunisten in einen Haufen boshafter Orks, die kein anderes Ziel hatten, als die ukrainische Freiheit zu unterdrücken.

Die Dämonisierung der Enthusiasten mit Hakenkreuz, Sichel und Hammer ist völlig erklärbar. Wenn man den Nazis oder Bolschewiken das innere Streben zum Wohl der Allgemeinheit zuerkennt, zeigen sich unbequeme Parallelen.

Die tragische Erfahrung des XX. Jahrhunderts verwandelt sich in einen Spiegel, in dem unser Zeitgenosse sich selbst erkennt, seine jetzigen Gedanken, Gefühle und Ideale. Aber die Ähnlichkeit mit einem schlechten Menschen – wenn auch nur teilweise – will niemand. Jeder sieht sich als guten Menschen.

Der patriotische Russe freut sich über die Erhebung seiner Heimat von den Knien, hält die Wiedervereinigung mit der Krim für gerecht und ist stolz auf den großen Sieg über den Faschismus. Aber versuchen Sie ihn daran zu erinnern, dass sich in den 1930ern ideenreiche Deutsche über die Erhebung des erniedrigten Deutschland von den Knien freuten, und die Annexion des Sudetenlandes als die Wiederherstellung historischer Gerechtigkeit empfanden. Wenn er so etwas hört, wird der erblich antifaschistische Russe bis ins tiefste seiner Seele beleidigt sein.

Progressive Ukrainer fühlen sich als Opfer des Holodomor (künstliche Hungersnot mit Millionen Toten Anfang der 1930er Jahre in der Ukraine, A.d.R.), obwohl sie den konservativen, passiven, zum Tode geweihten Bauern kein bisschen ähnlich sind. Mental ist der ukrainische Aktivist den Komsomolzen der 20er-30er Jahre viel ähnlicher – aktiv, um die Zukunft bemüht, nach radikaler Umerziehung dürstend.

Vielmehr sah die damalige Bauernschaft, diese „Watte“ aus Sicht der fortschrittlichen Komsomolzen so aus: dunkel, rückständig, eine feindselige Masse, die sich den Veränderungen widersetzte, für die man keine großen Umstände machen musste. Doch wem von uns gefällt dieser Vergleich?

Das Paradox besteht darin, dass der Versuch, der unerwünschten Ähnlichkeit zu entkommen, diese Ähnlichkeit nur noch verstärkt. Man kann vor Gericht gegen den lästerlichen Vergleich von Putins Russland mit Hitlers Deutschland klagen, aber im Ergebnis wird der russische Staat noch mehr an das Dritte Reich erinnern.

Man kann die totale Entkommunisierung betreiben, aber damit macht sich die Hauptstadt mit dem Kiew der 1920er Jahre gleich; mit demontierten Zarendenkmälern und der fieberhaften Umbenennung von Straßen, die an das alte Regime erinnerten.

Je mehr man die negativen historischen Ereignisse dämonisiert, desto schwieriger wird es, ihrer Wiederholung zu entkommen. Das benachbarte Russland zeigte sich schutzlos gegenüber der Faschisierung, gerade weil es jahrzehntelang die Faschisten als tiergleich gebrandmarkt hat. Es lohnt sich daran zu glauben, dass das Böse nur immer hässlich und unaussprechlich sein muss, und schon kannst du es in einer attraktiven Hülle nicht erkennen.

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Wenn wir dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus das Menschliche aberkennen, können wir nicht mehr erkennen, in welchem Moment uns begeisterte Leute selbst dorthin gewendet haben.

Die Ukraine zieht auch keine Lehren aus der Vergangenheit, in dem sie dämonisiert und sich von unbequemen Parallelen reinwäscht. Selbst wenn uns ein empörtes: „Wie kann man das vergleichen?!“ entfährt, man muss es doch vergleichen. Vergleichen und Konsequenten ziehen.

Zuerst muss man anerkennen, dass die Enthusiasten aller Zeiten und Völker sich tatsächlich ähneln – unabhängig von unserem Verhältnis zu ihnen.

Wir verfluchen die Nationalsozialisten und begeistern uns für die Gründer Israels, aber Adolf Eichmann bemerkte, als er sich während des Krieges mit Zionisten traf: „Im Grunde genommen gab es viele Gemeinsamkeiten zwischen unserer Haltung in der SS und den Ansichten der unendlich idealistischen Zionisten-Führer, die eine Schlacht schlagen, die die letzte werden könnte.“

Die Kämpfer um Freiheit und Unabhängigkeit, für soziale Gleichheit, für ein „Neues Europa“ und eine Welt in völligem Frieden sind Menschen eines psychologischen Lagers.

Man könnte vorschlagen, gute Enthusiasten unterscheiden sich von schlechten in ihren programmatischen Zielen und ihrer Sicht auf die Zukunft, aber das stimmt nicht. Auch hier gibt es bedeutende Ähnlichkeiten.

Die Bolschewiken bauten die idyllische kommunistische Gesellschaft, westeuropäische Linke bauten den nicht weniger idyllischen Wohlfahrtsstaat. Zionistische Helden träumten von einem unabhängigen Israel, die anrüchigen Ustaschas vom unabhängigen Kroatien. Amerikanische Kolonisten unter der Führung Washingtons bemühten sich das Joch der Metropole abzuwerfen, dahin strebte auch irgendeine Front zur Befreiung Mosambiks.

Der wahre Unterschied zwischen den Enthusiasten liegt in der Freiheit des Handelns*

Gesellschaftliche historische Reputation verdienten jene, die durch irgendetwas begrenzt und gebunden waren.

Die Erbauer des unabhängigen Israel störten die arabischen Bewohner Palästinas, aber man beginnt ja nicht, alle Araber der Reihe nach zu vernichten. Das darf man nicht, unmöglich! Die westeuropäischen Linken störte das große Privateigentum, aber man nimmt den Kapitalisten ja nicht all ihre Aktiva weg. Das darf man nicht, unmöglich! Die Anhänger des „Neuen Kurses“ Roosevelts störten die Beschuldigungen der oppositionellen Presse und des Obersten Gerichtshofes der USA, aber man vergreift sich ja nicht an der Freiheit des Wortes und der Unabhängigkeit der Gerichte. Das darf man nicht, unmöglich!

Gleichzeitig waren die Bolschewiken, Nationalsozialisten oder die Hutu-Rebellen in Ruanda Enthusiasten, die weit weg sind von dem Verständnis von „das darf man nicht“ und „unmöglich“. Wenn auf dem Weg zum Traum jegliche Hindernisse einfach aus dem Weg geräumt werden, zeigt sich das Resultat genau darin.

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Die moderne ukrainische Gesellschaft geriet in extreme Bedingungen, in denen das Land ohne heiße enthusiastische Bemühungen nicht überleben kann. Aber unser Enthusiasmus, geboren aus der Revolution und dem Krieg, gleicht einem Stück Wachs. Man kann daraus formen, was man möchte: von Europa bis Afrika, von einem fortschrittlichen Gegenstück zu Israel bis zur unfähigen Parodie der Sowjetunion.

Alles hängt davon ab, wie unsere eigenen „das darf man nicht“ und „niemals“ aussehen.

Wie wird die Grenze aussehen, die durch das gesellschaftliche Bewusstsein verläuft und den Marsch der ukrainischen Enthusiasten begrenzt?

Die Grenze zwischen nationalen Interessen und dem Einfall in das eigene Staatsgebiet, zwischen informationeller Sicherheit und Beschneidung der Freiheit, zwischen löblicher bürgerlicher Aktivität und beschämendem Zuträgertum, zwischen unabhängigem Schutz und ungerechtfertigter Gewalt.

Was bist du bereit für die Ukraine zu tun? Für den Sieg? Für die Zukunft? Im Verlauf der letzten zwei Jahre erklingt diese Frage dauernd, und sie ist wirklich sehr wichtig. Aber nicht weniger wichtig ist eine andere, direkt entgegengesetzte Frage: Was tust du unter keinen Umständen? Nicht für die Ukraine, nicht für den Sieg, nicht zugunsten einer strahlenden Zukunft?

7. Mai 2016 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzerin:   Anja Blume — Wörter: 1094

Anja Blume ist Sozialpädagogin und übersetzt - zwischen eigener poetischer Tätigkeit - auch immer wieder Märchen und Lieder aus dem Russischen ins Deutsche. Ehrenamtlich ist sie im Bereich der internationalen Jugendarbeit tätig.

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