FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Milliardengrab Osteuropa

0 Kommentare

Region bleibt Problemzone für Banken. Steigende Erwerbslosigkeit und Senkung des Lohnniveaus verschärfen Verschuldung der dortigen Konsumenten

Die Finanzkrise in Osteuropa hinterläßt weiter Spuren in den Bilanzen westlicher Banken. Um bis zu zwölf Prozent brachen die Aktien der österreichischen Raiffeisen International (RI) am vergangenen Dienstag ein, nachdem deren Gewinnrückgang 2009 bekannt wurde. Bei der RI handelt es sich um eine börsennotierte und auf Osteuropa ausgerichtete Holding der Raiffeisen Zentralbank (RZB), die mit 70 Prozent an ihrer Tochtergesellschaft beteiligt ist. Beide Finanzinstitute gaben nun bekannt, ihre im April 2005 eingeleitete Trennung wieder rückgängig zu machen. Die RI ist in 17 Ländern Mittel- und Osteuropas tätig. Laut der Zeitung Die Presse gibt es »gravierende Probleme«, mit denen »Raiffeisen International in Osteuropa konfrontiert ist.«

So ging der RI-Gewinn 2009 um 78 Prozent auf nur noch 212 Millionen Euro zurück, während im gleichen Zeitraum die Vorsorge für faule Kredite auf 1,7 Milliarden Euro verdoppelt werden mußte. Aufgrund der Wirtschaftskrise werden immer mehr ausgereichte Darlehen und Hypotheken »notleidend«, sprich, es bestehen erhebliche Zweifel, ob sie zurückgezahlt werden können. Westliche Banken hatten in der Region zuvor einen kreditfinanzierten Boom ausgelöst, als sie Konsumenten und Häuslebauer großzügig mit Krediten versorgt hatten. Steigende Arbeitslosigkeit und ein teilweise rasch wieder fallendes Lohnniveau sorgen nun dafür, daß immer mehr Kreditnehmer ihre Schulden nicht bedienen können. Die Presse zitierte in diesem Zusammenhang aus einer Analyse der Schweizer Großbank UBS. Demnach hat sich im dritten Quartal 2009 die Quote der notleidenden Kredite bei der RI auf 14 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum verdoppelt. Bereits im vergangenen Jahr mußte die RZB ihrer Osteuropatochter eine milliardenschwere Kapitalspritze zukommen lassen, weitere Stützungsmaßnahmen werden nach Ansicht von Beobachtern auch in diesem Jahr unvermeidbar.

Das Epizentrum dieses insbesondere für österreichische Banken verheerenden Finanzmarktlebens ist die am Rande des Staatsbankrotts taumelnde Ukraine. Raiffeisen International kontrolliert in der früheren Sowjetrepublik mit der einst für eine Milliarde US-Dollar übernommenen Aval Bank das zweitgrößte Kreditinstitut dieses hochverschuldeten Landes. Um etwa 15 Prozent ging im zurückliegenden Jahr die Wirtschaftsleistung zwischen Kiew und Odessa zurück. Zugleich ist man mit 104 Milliarden US-Dollar beim westlichen Ausland verschuldet. Bei einer Bilanzsumme der Aval Bank von 5,4 Milliarden Euro seien mittlerweile 20,9 Prozent der Kundenkredite »ausfallsgefährdet«, berichtete Die Presse bereits Ende 2009. Die RZB mußte folglich allein das Ukraine-Geschäft ihrer Tochter RI mit 1,25 Milliarden Euro stützen.

Neben den Schweden waren die Geldhäuser der kleinen Alpenrepublik beim Anheizen der Defizitkonjunktur in Osteuropa besonders eifrig. Von den etwa 1150 Milliarden Euro, die westliche Banken zwischen Baltikum und Schwarzen Meer vergeben haben, entfielen 224 Milliarden auf österreichische Kreditinstitute. Nach Ausbruch der Finanzkrise war folglich der Katzenjammer in Wien besonders groß. Ende 2008 schnürte der Staat ein entsprechendes Rettungspaket für die bedrohten Banken, das neben Garantien in Höhe von 85 Milliarden Euro auch direkte Finanzspritzen zu Eigenkapitalstärkung in Höhe von 15 Milliarden umfaßte.

Auch einige deutsche Banken – die in Osteuropa längst nicht so engagiert waren wie die österreichischen – müssen sich weiter mit den Folgen dortiger Geschäfte auseinandersetzen. So übernahm etwa die Commerzbank im Herbst 2007 – also kurz vor Zusammenbruch der ukrainischen Defizitkonjunktur – für 435 Millionen Euro den Mehrheitsanteil der dortigen Bank Forum, dem zehntgrößten Kreditinstitut des Landes. Dies könnte jetzt nochmals richtig teuer werden. Das Handelsblatt machte jüngst Expertenschätzungen bekannt, nach denen jeder Dritte von Forum vergebene Kredit »faul« sei. Dies spiegeln auch die Bonitätsnoten für die Commerzbank-Tochter wieder: Forum liegt sowohl bei der Ratingagentur Moody’s als auch bei Fitch mit Ba3 beziehungsweise B+ im sogenannten Ramschbereich. Dennoch will das zweitgrößte deutsche Kreditinstitut in teutonischer Tradition die Krise zur Offensive nutzen und die Forum Bank komplett übernehmen. Dies könnte laut Handelsblatt in Deutschland auf »Unmut stoßen«, da der Finanzkonzern bereits vom Bund mit 18 Milliarden Euro gestützt werden mußte. Der BRD-Steuerzahler würde somit die Expansion deutschen Finanzkapitals in der osteuropäischen Peripherie finanzieren.

Die Krise in Griechenland könnte hingegen auf etliche südosteuropäische Staaten destabilisierend wirken. Allein die vier größten griechischen Finanzhäuser verfügen auf dem Balkan über einen Marktanteil von 20 Prozent. In Bulgarien sind es sogar 35 Prozent. Eine starke Stellung konnte griechisches Finanzkapital ebenfalls in Ser­bien und Mazedonien erringen. Sollten europäische Stützungsaktionen für Athen über längere Zeit ausbleiben, so könnten die griechischen Banken dazu übergehen, ihr Engagement in dieser Region zu beschneiden, indem sie ihre »Töchter in den Balkanstaaten künftig deutlich geringer mit Kapital versorgen und die Kreditvergabe in den Ländern zurückfahren«, gab das Handelsblatt die Einschätzung einiger Analysten von Morgan Stanley wieder. Dieser Kreditklemme würde die ohnehin »unter Druck stehenden Volkswirtschaften« dieser Region weiter belasten.

Bei den Staatsfinanzen der Länder der osteuropäischen Peripherie der EU kann hingegen zumindest kurzfristig eine gewisse Entspannung festgestellt werden. Juraj Kotian, Analyst bei der österreichischen „Erste Group“, schätzte Mitte Februar die Staatsschulden Polens, Ungarns, Tschechiens, der Slowakei, Rumänien und Kroatiens, in denen 90 Millionen Menschen leben, auf insgesamt 347 Milliarden Euro. Damit liegen dieser Länder nur „knapp über den 300 Mrd. Euro, die für das 11,17 Millionen Einwohner zählende Griechenland veranschlagt werden,“ bemerkte der österreichische Standard. Nur Ungarn weise mit einer Verschuldung von 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukt (BIP) eine höhere Verschuldungsrate in der Region auf, in der kaum ein Staat mit mehr als 60 des BIP verschuldet sei. In der Eurozone beträgt die Staatsverschuldung hingegen 80 Prozent des BIP. Folglich konstatiert Kotian, eine momentan stabile Nachfrage nach Staatspapieren aus der Region, die sogar in einigen Fällen zum Rückgang der Zinsaufschläge führen könne: „Im Fall Rumäniens wird mit einem Rückgang um 1,5 Prozentpunkte auf 6,5 Prozent gerechnet,“ so der Standard.

Autor:    — Wörter: 911

Der Autor ist freier Journalist und berichtet über Osteuropa und die Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Seine Texte finden sich unter der Adresse im Netz.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 6.0/7 (bei 3 abgegebenen Bewertungen)

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)8 °C  Ushhorod9 °C  
Lwiw (Lemberg)7 °C  Iwano-Frankiwsk6 °C  
Rachiw4 °C  Jassinja3 °C  
Ternopil5 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)6 °C  
Luzk6 °C  Riwne7 °C  
Chmelnyzkyj5 °C  Winnyzja6 °C  
Schytomyr4 °C  Tschernihiw (Tschernigow)3 °C  
Tscherkassy3 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)6 °C  
Poltawa6 °C  Sumy3 °C  
Odessa5 °C  Mykolajiw (Nikolajew)8 °C  
Cherson8 °C  Charkiw (Charkow)5 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)8 °C  Saporischschja (Saporoschje)9 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)7 °C  Donezk7 °C  
Luhansk (Lugansk)7 °C  Simferopol5 °C  
Sewastopol8 °C  Jalta7 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Einreise als Flüchtling, bedeutet......., nicht als Deine zukünftige Frau, bist dann erst einmal ihr Vermieter, mehr Hilfestellung gibt es jetzt aber nicht mehr.“

„Gehe auf das Ausländeramt Deiner Gemeinde und erkundige Dich, kann ja sein ich irre mich, derzeit können Ukrainer als Flüchtlinge einreisen und unterliegen dem Paragraphen 24, aufgtund dessen läuft...“

„Grundsätzlich könnte ich die Sachen mit in die Ukraine nehmen, bis Luzk, ABER Der Zoll und die Einfuhr muss geklärt sein und die Kosten und daran wird es wohl scheitern!“

„Jetzt lief gestern um 23:30 Uhr alles wie geschmiert in Ustyluh/Zosin, Einreise UA in ca. 50 Minuten. Dieses Mal die Polen schnell 3 PKW, bei den Ukrainern länger, 2 Busse und sonst ein paar Fahrzeuge,...“

„Hallo, die Heirat an sich ist nicht sonderlich aufwändig und Bürokratisch, wenn man in der Ukraine heiratet. Bei Anreise Montag oder Dienstag, kann die heirat am Donnerstag oder Freitag derselben Woche...“

„Guten Tag, ich habe Kontakt zu einem Unfallchirurgen aus Sumy, der zur Zeit in einem Fronthospital arbeitet. Durch meinen Beruf habe ich aus Kliniken 10 Kisten (130kg) chirurgische Instrumente und Implantate...“

„Hallo, die Heirat an sich ist nicht sonderlich aufwändig und Bürokratisch, wenn man in der Ukraine heiratet. Bei Anreise Montag oder Dienstag, kann die heirat am Donnerstag oder Freitag derselben Woche...“

„Hallo zusammen, ich (Deutscher und wohne in Süddeutschland) bin seit fast 4 Jahren mit einer Ukrainerin zusammen. Sie ist bei Kriegsbeginn aus der Ukraine in die Schweiz geflüchtet. Sie wohnt aktuell...“

„Gestern Freitagnacht auf Samstag, 2 Uhr Kiewzeit, habe ich bei Zosin/Ustyluh ins Klo gegriffen, ca. 12 bis 15 PKW und pro Einlas nur 5 PKW..., der weitere Ablauf bei den Polen, unerträglich langsam, das...“

„Meine derzeitige Ein- und Ausreisestrategie sieht wie folgt aus, Einreise am Grenzübergang in Ustyluh, zuletzt beide Grenzen in 18 Minuten passiert, Lichtgeschwindigkeit. 1 Uhr in der Nacht (Kiewzeit)...“

„..... Mir liegen von meinen Eltern unterzeichnete Generalvollmachten in deutscher Sprache vor. ..... Grundsätzlich wirst du mit Vollmachten in deutscher Sprache bei einem ukrainischen Konsulat nicht weit...“

„2016? Das Konsulat ist doch in Hamburg. Warum rufst dort nicht an?“

„Sehr geehrte Damen und Herren, meine Eltern sind ukrainische Staatsbürger und leben seit 2008 mit einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, genauer gesagt in Hamburg. Im Juni 2016 läuft...“

„Hallo an ALLE, ich vermute meine Beteiligung hier entspricht nicht meinen Erwartungen und Hoffnungen. Mein Anliegen war in Erfahrung zu bringen,was ich beachten muss,wenn ich mit einer ukrainischen Frau...“

„Das sind Untermenschen, normale Menschen verhalten sich anders. Slava Ukraine Nachricht von Moderator Handrij volontaer45 wurde für diesen Beitrag verwarnt. Nazisprache ist hier unerwünscht! Un|ter|mensch,...“

Newsletter jeden Morgen

Sie möchten täglich über Neuigkeiten auf der Seite benachrichtigt werden? Dann ist vielleicht ein Kurzüberblick mit den wichtigsten Beiträgen der vergangenen 24 Stunden für Sie interessant. Der Versand erfolgt jeden Tag 6.00 Uhr morgens.




Nach dem Eintrag Ihrer E-Mailadresse erhalten Sie eine E-Mail zum Bestätigen Ihrer Adresse und können dann die Eintragung abschließen (so genanntes "Double Opt-In-Verfahren"). Ihre E-Mailadresse wird dabei nur auf unserem Server in Deutschland gespeichert und nicht an Dritte übermittelt.