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Die Opferzahl des Holodomor: Wissenschaft oder Ideologie?

Auf Initiative des Nationalmuseums „Gedenkstätte für die Opfer des Holodomor“, zweier akademischer Institute und einiger zivilgesellschaftlicher Organisationen hat am 4. Oktober 2016 in Kyjiw eine Konferenz stattgefunden. Deren Ergebnissen wurden in einer Resolution verabschiedet und diese am 5. Oktober 2016 auf der Facebook-Seite der Gedenkstätte veröffentlicht, sowie einem breiten Publikum aus Wissenschaft und Gesellschaft in gedruckter Form zur Verfügung gestellt.

„Bestattungen sind hier strengstens untersagt“„Bestattungen sind hier strengstens untersagt“. Bekanntmachung am Stadtrand von Charkiw, 1933. Foto des österreichischen Ingenieurs Alexander Wienerberger

In der Resolution wird insbesondere nahegelegt, die Basisdaten zur Berechnung der Opferzahl des Holodomor-Genozids 1932-1933, die vom Ptuchy-Institut für Demografie und Sozialforschung der Akademie der Wissenschaften der Ukraine benutzt werden, als inkorrekt zu betrachten. Stattdessen werden als anwendbare Kenngrößen für die durch dieses Verbrechen verursachten Verluste folgende Zahlen empfohlen: sieben Millionen innerhalb der Ukraine und drei Millionen außerhalb ihrer Landesgrenzen.

Die Expertengruppe des Ptuchy-Instituts, die seit mehreren Jahren Forschungen zur Demografie des Holodomor durchführt, hält es deshalb für notwendig, die eigene Sichtweise darzulegen und sich ausgewogen, ohne überflüssige Emotionen, mit den Anschuldigungen der fehlerhaften Berechnungen, auf die in der Resolution verwiesen wird, auseinanderzusetzen.

Was ist der Kern des Problems? In Anbetracht der großen Strittigkeit und der zugleich außerordentlichen Relevanz des Themas Holodomor, hat das Ptuchy-Institut eine wissenschaftliche Einschätzung der demografischen Verluste vorgenommen, die es in der Ukraine als Folge der Hungersnöte in den Jahren 1932-1934 gegeben hat (1934 hat es ebenfalls eine Hungersnot gegeben). Im Einzelnen betragen die Verluste 3,9 Millionen Menschen aufgrund der übermäßigen Sterblichkeit und ungefähr 0,6 Millionen aufgrund von Geburtsausfällen. Die Resultate dieser Untersuchungen wurden im Laufe zahlreicher Konferenzen im In- und Ausland mehrmals publik gemacht. Ebenso wurde die Methodologie der Berechnungen sowohl in anerkannten ukrainischen als auch internationalen Fachzeitschriften genau beschrieben.

Gleichzeitig aber war es in den letzten zwei Jahrzehnten sowohl in den Medien als auch in breiten Kreisen der Öffentlichkeit üblich, in Bezug auf den Bevölkerungsverlust der Ukraine infolge des Hungers 1932-1933, eine Zahl zwischen 7 und 10 Millionen zu propagieren. Es muss aber sofort darauf hingewiesen werden, dass ein öffentlicher Konsens bezüglich dieser Zahl nicht erreicht wurde, nicht einmal während der Präsidentschaft Wiktor Juschtschenkos. Die Zahl sieben Millionen hat aber dennoch derart fest im kollektiven Bewusstsein einiger Kreise in Wissenschaft und Öffentlichkeit Wurzeln geschlagen, dass jeder Zweifel an ihrer wissenschaftlichen Begründetheit als Ausdruck einer anti-ukrainischen Haltung betrachtet wird. Es hat sich gezeigt, dass die Frage über die Zahl der menschlichen Opfer des Holodomor zu einem Instrument offener Manipulation des kollektiven Gedächtnisses werden kann und tatsächlich auch wurde.

Eine inhaltliche Analyse der am 5. Oktober veröffentlichten Resolution zeigt, dass, in Abwesenheit von Demografen unter den Teilnehmern der Konferenz, die Zahl sieben Millionen im Wesentlichen auf den Forschungsergebnissen lediglich eines einzelnen Wissenschaftlers beruht – des Historikers Wolodymyr Serhijtschuk, Professor an der Nationalen Taras-Schewtschenko-Universität Kyjiw. Die Zusammenfassung seiner Ergebnisse veröffentlichte er am 8. Oktober 2016 in einem Artikel für ZN.UA. Eine detailliertere Analyse liefert sein Aufsatz „Dokumente beweisen: die Verluste durch den Holodomor 1932-1933 betragen mindestens sieben Millionen“ (erschienen in Narodna twortschist’ i etnolohija“, 2016, No.3). Da in allen anderen uns bekannten aktuellen Publikationen die Zahl sieben Millionen auf Vermutungen, Zeugenberichten und Nacherzählungen ohne jegliche statistische Berechnungen beruht, wollen wir die wesentlichen Postulate der oben genannten Veröffentlichungen genauer betrachten und analysieren.

1. Zuallererst sei angemerkt, dass es im Falle einer Diskussion zu einem beliebigen Thema in der internationalen wissenschaftlichen Praxis üblich ist, bevor für die eigene Position argumentiert wird, eine kritische Analyse der Arbeiten seiner Vorgänger durchzuführen. Die Historiografie der Frage, wie viele Menschen in der Ukraine durch den Hunger ums Leben gekommen sind, enthält eine Vielzahl an Publikationen. Eine Untersuchung der von ukrainischen und internationalen Historikern und Demografen erbrachten Forschungsarbeiten aus der Periode 1990 bis in die 2000er Jahre zeigt überzeugend, dass die Einschätzungen der Verluste des ukrainischen Volkes infolge des Hungers in einer Spannweite von 2,6 Millionen (F. Mele u.a., 2008) bis 5 Millionen (Robert Conquest, 1986) liegt. Unter den Arbeiten dieser Zeit finden wir nicht eine Untersuchung (mit Ausnahme jener Serhijtschuks), in der die Berechnungen zu einem Ergebnis von sieben Millionen kommen. Unter den Verfechtern dieser Zahl ist jedoch die Behauptung verbreitet, dass der ukrainische Forscher T. Sosnowyj eine solche Einschätzung vorgelegt hätte. Sosnowyj war im Jahr 1942 faktisch der erste, der sich um eine Durchführung von Berechnungen zu den Bevölkerungsverlusten 1932-1933 bemühte. Ein aufmerksames Studium seiner Arbeit gibt jedoch die Berechtigung zu der durchaus konkreten Ablehnung der genannten Behauptung.

Dokumentenkopien aus der OriginalstatistikDokumentenkopien aus der Originalstatistik, die von den Mitarbeitern des Ptuchy-Instituts für Demografie und Sozialforschung der Akademie der Wissenschaften der Ukraine verwendet wurden

Es ist in diesem Kontext deshalb sehr wichtig, zunächst die originale Textstelle aus Sosnowyjs Publikation „Die Wahrheit über den Hunger in der Ukraine 1932-1933“ (erschienen in „Nowaja Ukraina, Charkiw 1942) zu zitieren: „Damit ergibt sich, dass infolge des Hungers der Jahre 1932-1933 der Bevölkerung in der Ukraine 7.465.000 Menschen fehlen […]. Das bedeutet jedoch nicht, dass 7,5 Millionen Menschen in den Jahren 1932-1933 gestorben sind. Die Bevölkerungsverluste in Höhe von 7,5 Millionen setzen sich zusammen aus jenen, die tatsächlich durch den Hunger ums Leben gekommen sind, und aus dem Rückgang der Geburtenzahl nach der Hungersnot […]. Mitunter bekommen wir bedeutend höhere Zahlen zu hören. Genannt werden 6,8 Millionen und mehr. Unzweifelhaft handelt es sich hierbei um übertriebene Angaben. Wenn man lediglich die 1932 und 1933 Verstorbenen in Betracht zieht, nicht aber den Rückgang des Bevölkerungswachstums in der Zeit nach 1933, so ergibt sich, wie bereits erwähnt, für die Verluste unmittelbar durch den Hunger eine Zahl von ungefähr 4,8, möglicherweise auch 5 Millionen Menschen.“

Ohne sich in die technischen Details dieser Berechnungen zu vertiefen, sei hervorgehoben, dass die Einschätzungen von Sosnowyj und von Robert Conquest in den Jahren 1942 bzw. 1986 durchgeführt worden, das heißt in beiden Fällen zu einer Zeit, als sie keinen Zugang zu den geheim gehaltenen Daten der demografischen Statistiken hatten. Nach der Öffnung der Archive sollten dann auch die Resultate praktisch aller ukrainischen und internationalen Forschungen zeigen, dass die Opferzahl fünf Millionen nicht überschreitet.

2. Um die Bevölkerungsverluste infolge der Hungersnot zu berechnen, benötigt man eine genaue Definition des Begriffs ‚Verlust‘. Bei den Anhängern der Zahl sieben Millionen fehlt diese. Die methodischen Ansätze zur Berechnung menschlicher Verluste durch diese oder jene Katastrophe sind in der demografischen Forschung recht umfassend ausgearbeitet. Wenn es nicht möglich ist, den Tod jedes einzelnen Menschen und dessen Ursache durch eine Erfassung in Sterberegistern festzuhalten, so gilt in der internationalen Praxis zur Berechnung von Bevölkerungsverlusten auf Landes- oder regionaler Ebene folgendes grundlegende Prinzip: als Verlust wird der Unterschied zwischen der tatsächlichen Anzahl der Verstorbenen während der Hungersnot und der hypothetischen „normalen“ Anzahl unter gewöhnlichen Umständen betrachtet. Mit anderen Worten, gezählt wird der Überschuss an Verstorbenen, der die normale, natürliche Sterblichkeitsrate der Vorkrisenzeit übersteigt. Die Behauptung von Lessja Stassjuk – Direktorin der „Gedenkstätte für die Opfer des Holodomor“ – in einem Interview für Gazeta.ua vom 7. Oktober 2016, es sei amoralisch jene, die unter natürlichen Umständen gestorben sind, nicht in die Zahl der Holodomoropfer einzuschließen, widerspricht deshalb den allgemein üblichen wissenschaftlichen Vorgehensweisen zur Berechnung von Bevölkerungsverlusten. Tatsächlich litt in erster Linie die Mehrheit der ländlichen Bevölkerung unter der furchtbaren Hungersnot von 1932 bis 1934. Es ist aber ebenso wahr, dass in den ukrainischen Dörfern vor dem Beginn dieser Zeit durchschnittlich jährlich ungefähr 500.000 Menschen verstarben. Diese Tatsache ist schon für sich genommen ein Argument gegen solch ein vereinfachtes Verständnis demografischer Prozesse. Denn folgt man der Logik, die in der Behauptung von Lessja Stassjuk enthalten ist, so bietet sich die absurde Schlussfolgerung, dass in den Jahren 1932-1934 in der Ukraine überhaupt niemand aus natürlichen Ursachen gestorben und die Sterblichkeitsrate im Laufe aller drei Hungerjahr gleich null gewesen wäre.

Sterberegister 1933 im Gebiet CharkiwKopien zweier Einträge im Sterberegister aus dem Jahr 1933, in denen als Sterbeursache „Dystrophie“ angegeben ist. Hunger wurde damals nicht als Ursache genannt. Ort: Lebedyn, ehemals Oblast Charkiw, heute Oblast Sumy.

3. Die Anschuldigung der fehlerhaften Berechnungen durch das Ptuchy-Institut laufen vor allem auf die Qualität der Daten hinaus, die dafür benutzt wurden: a) die Verwendung des Materials der gefälschten Volkszählungen 1937 und 1939; b) die Nichtberücksichtigung von „neu entdeckten Archivdokumenten zur Volkszählung von 1937“; c) die Nichtberücksichtigung des Materials der unionsweiten Zählung der Landbevölkerung von 1931. Die Frage nach der Qualität der Daten ist eine grundlegende, betrachten wir die genannten Anschuldigungen deshalb der Reihe nach.

a) Bekanntlich wurde die Volkszählung des Jahres 1937 von der sowjetischen Führung für fehlerhaft erklärt und ihre Leiter und Organisatoren Repressionen unterworfen. Der Grund war, dass sie die Verringerung der Bevölkerungszahl in den von der Kollektivierung und der Hungersnot betroffenen Regionen festhielt. Im Unterschied zur „aufrührerischen“ Volkszählung von 1937 wurden die Ergebnisse der Volkszählung von 1939 anerkannt und dienten lange Zeit als Beispiel einer vorbildlichen Zählung. Die sorgfältige, von einem breiten Kreis von Statistikern und Historikern Ende der 1980er und in den 1990er Jahren durchgeführte Analyse der Methodologie, der Organisation und der Resultate beider Volkszählungen hat zum einen ergeben, dass die vorgebrachte Beschuldigung, die Ergebnisse von 1937 seien fehlerhaft, unbegründet sind und ihr Material ohne besondere Vorwarnung benutzt werden kann (vorgenommen wurden lediglich geringere Korrekturen bezüglich einiger Versäumnisse, wie sie bei der Durchführung von Volkszählungen in jener Zeit allgemein üblich waren). Zum anderen, dass die Resultate der Volkszählung von 1939 durch die sowjetische Führung absichtlich gefälscht wurden, um so den Bevölkerungsrückgang in der Ukraine zu verbergen. Eine Forschergruppe des Ptuchy-Instituts hat 15 Bände der ursprünglichen Archivdokumente mit dem Material der Zählung von 1939 bearbeitet, wodurch es möglich wurde, Schritt für Schritt die vorsätzlich gefälschten Einfügungen (und davon gab es einige) zu entfernen. In unseren Publikationen findet sich eine detaillierte Beschreibung dessen. Den offiziellen Ergebnissen der Volkszählung von 1939 wurden durch die stalinsche Führung mehr als 800.000 Menschen künstlich hinzugefügt. Diese Zuschreibungen wurden abgezogen, weshalb unsere Berechnungen der Bevölkerungsverluste auf einer korrigierten, nicht gefälschten Bevölkerungszahl der Ukraine basieren.

b) Die sogenannten „neu entdeckten“ Dokumente über die Ergebnisse der Volkszählung 1937 betreffen die Bevölkerungszahl aus Sicht der Rajone. Angeführt werden sie in einem Bericht über die vorläufigen Resultate der Bevölkerungszählung 1937, angefertigt von Oleksander Assatkin, Leiter der Verwaltung für wirtschaftliche Statistik im Komitee für Wirtschaftsplanung (Gosplan) der USSR [Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik]. Es sei sofort darauf verwiesen, dass das genannte Dokument keineswegs Anspruch auf das Etikett „neu entdeckt“ erheben kann. Bereits 2003 wurde es in einer Arbeit des Historiker Hennadij JJefimenko („Die unionsweite Volkszählung 1937 in der Ukraine. Dokumente und Materialien“) veröffentlicht. Die Angabe der Bevölkerungszahl in diesem Bericht ist, das sagt bereits der Titel, eine vorläufige. Zum einen sind in ihm nicht die Zahlen für die sogenannten Spezialkontingente enthalten, d.h. der Inhaftierten, des NKWD und der Armee: „ohne Personenbestand der RKKA [der Roten Armee, Anm. des Übersetzers] und des NKWD“, wie es im Dokument an entsprechender Stelle heißt. Zum anderen wurde der Bericht am 15. Januar 1937 veröffentlicht, also lediglich neun Tage nach Beendigung der Volkszählung. Er basiert auf vorläufigen Daten, die telegrafisch aus den Rajonen übermittelt wurden. Selbst bei den straffen sowjetischen Vorgaben konnten aufgrund einer solch komplizierten Prozedur, wie sie eine Volkszählung darstellt, nach nur neun Tagen keine genauen und endgültigen Daten vorliegen. Diese wurden im Frühjahr 1937 fertiggestellt und die Organisatoren nach deren Bekanntmachung verhaftet und erschossen. Das Paradox besteht darin, dass sich vor dem Hintergrund der Anschuldigung, die „gefälschte“ Zählung von 1937 verwendet zu haben, die Berechnungen Serhijtschuks auf die Daten derselben Zählung stützen, genauer, auf deren vorläufige Ergebnisse.

c) Die Behauptung, das Material einer vermeintlichen unionsweiten Zählung der Landbevölkerung von 1931 nicht verwendet zu haben, findet sich ausführlich widerlegt in einem Artikel von Hennadij Jefimenko (veröffentlich am 10. Oktober 2016 auf dem Portal historians.in.ua). An dieser Stelle sollen deshalb nur die wesentlichen Elemente wiederholt werden. Im Jahr 1931 wurde lediglich die städtische Bevölkerung erfasst, eine unionsweite Zählung der Landbevölkerung hingegen hat in keiner Weise stattgefunden. Die Bevölkerungszahl der Ukraine mit Stand von Anfang 1932, die von Serhijtschuk für seine Berechnungen verwendet wird, stammt aus den „Handbüchern für grundlegende statistische Wirtschaftsdaten der Rajone“, herausgegeben für alle damaligen Oblaste. Die Bevölkerungszahlen in diesen Handbüchern rühren nicht von einer Volkszählung her (die es nicht gegeben hat), sondern aus aktuellem Material der Zentralen Gebietsverwaltungskommission. Die Herausgeber der Handbücher betonten dabei die Dringlichkeit der Zusammenstellung, die Unmöglichkeit einer detaillierten Überprüfung des Materials an Ort und Stelle sowie die Unmöglichkeit, „eine absolute Gewissheit und die Vollständigkeit der Daten zu garantieren.“

Es sollte an dieser Stelle noch hervorgehoben werden, dass jede Bevölkerungszahl für den Zeitraum zwischen Volkszählungen berechnet ist, das heißt einen bestimmten statistischen Toleranzbereich, oder mit anderen Worten, statistische Ungenauigkeiten besitzt. Der Grad an Ungenauigkeit ist dabei in bedeutendem Maße abhängig von der Qualität, mit der die statistische Erfassung organisiert, sowie von den sozio-ökonomischen Bedingungen, unter denen sie durchgeführt wird. In der internationalen Praxis wird deshalb die endgültige Bevölkerungszahl für die Jahre, in denen keine Zählung stattfindet, nach der Durchführung der nächstfälligen Zählung neu berechnet und angepasst. Unter Berücksichtigung des Höhepunkts der Kollektivierung, der Hungersnot und der hohen Rate freiwilliger und erzwungener Migration in jener Zeit, erweist sich die Zahl der Landbevölkerung mit Stand von 1932, wie sie in den Handbüchern des Jahres 1933 verwendet wird, als überhöht. Sie kann daher nicht als Grundlage für Berechnungen dienen, sondern lediglich als ergänzende Quelle. Zur Bekräftigung dieser These sei auf einen Bericht mit dem Titel „Zur Frage der Feststellung der Bevölkerungszahl für Anfang 1934“ verwiesen. Verfasst wurde der Bericht von M. Kurman, stellvertretender Leiter der Abteilung für Bevölkerung und Gesundheitswesen innerhalb der Verwaltung für wirtschaftliche Statistik im Gosplan der UdSSR, gerichtet war er an seinen Vorgesetzten S. Kaplun: „wir bitten zu berücksichtigen, dass einzelne Orte, im Besonderen die Ukraine und der Nordkaukasus, um die Senkung der allgemeinen Bevölkerungszahl schon zum 1. Januar 1933 nachfragen. Laut Meinung der ukrainischen Mitarbeiter sollte die Zahl der Bevölkerung in der Ukraine schon zum 1. Januar 1933 um 1.200.000 gesenkt werden.“

Getreideabgabe im Gebiet Kyjiw 1932Getreideabgabe von Bauern am Sammelpunkt „Sojus Chliba“ in der Stadt Kaharlyk, Oblast Kyjiw, 1932. Aus: „Nationales Gedenkbuch der Holodomoropfer 1932-1933 in der Ukraine“

4. Unsere ernsthaftesten Bedenken ruft aber noch nicht einmal die Qualität der Daten hervor, sondern die Methodologie zur Berechnung der Opferzahl von sieben Millionen. Diese jedoch ist der Schlüsselaspekt für die Erfassung der Bevölkerungsverluste. Leider erscheint es Amateuren im Bereich demografischer Statistiken, dass die Beurteilung demografischer Verluste eine relativ einfache Sache darstellt: man müsse nur den Unterschied zwischen zwei Bevölkerungszahlen finden und diesen als Verlust durch die Hungersnot deklarieren. So basieren auch die Berechnungen Serhijtschuks auf der Differenz zwischen den Bevölkerungszahlen aus dem Jahr 1932 und aus der Volkszählung 1937. Diese Differenz erreicht laut seinen Berechnungen die Zahl sieben Millionen nicht (6,7 Millionen), weshalb er noch 700.000 aus dem vermuteten natürlichen Bevölkerungswachstum für die Jahre 1935-1936 hinzufügt. Doch lassen wir diese Ergänzung, die keinerlei Beziehung zu den Verlusten durch den Hunger besitzt, unbeachtet und betrachten die Methodik der Berechnung an sich etwas genauer.

Erstens: die Veränderung der Bevölkerungszahl im genannten Zeitraum stellt nicht gleich die Verluste durch den Hunger dar, da diese eine Bilanz aus mehreren Komponenten in sich trägt: der natürlichen und der migrationsbedingten Bevölkerungszunahme und -abnahme. Als dritte Komponente in der zahlenmäßigen Veränderung der Landbevölkerung sollte außerdem berücksichtigt werden: die Verringerung der Zahl an Bauern in Folge der sogenannten Neuklassifizierung von Ortschaften, als Dörfer administrativ zu Städten geworden sind. Im Ergebnis dieser Neuklassifizierung hat sich die Zahl der ländlichen ukrainischen Bevölkerung im Jahr 1936 ganz wesentlich verringert (um eine Million Menschen).

Zweitens: eine demografische Bilanz stellt ein relativ einfaches und gleichzeitig stabiles logisches System dar. Gibt es eine Abnahme an einem Ort, muss es ein Wachstum an einem anderen geben, was es nicht erlaubt, die Zahlen zu manipulieren. Der Unterschied zwischen der Zahl sieben Millionen und der Einschätzung des Ptuchy-Instituts von 3,9 Millionen beträgt ungefähr drei Millionen. Vorausgesetzt, diese drei Millionen zusätzlich verstorbener Bauern hat es tatsächlich gegeben, würde dies die gesamte demografische Bilanz verändern. Eine Angleichung wäre nur in zwei Fällen möglich: a) die Zahl der ländlichen Bevölkerung im Jahr 1937 müsste um drei Millionen niedriger sein, als in der Volkszählung festgehalten, was eine absolut unrealistische Annahme darstellt; b) der erhebliche Zuwachs der städtischen Bevölkerung im Zeitraum zwischen den Volkszählungen hätte nicht stattgefunden aufgrund der ukrainischen Bauern, die in die Stadt geflüchtet sind, sondern aufgrund Zugezogener von außerhalb der Ukraine. Um also auf die Zahl sieben Millionen zu gelangen und dabei die städtische Bevölkerungszahl beizubehalten, wie sie in der Volkszählung von 1937 festgehalten wurde, hätten zwischen 1932 und 1936 unbedingt drei Millionen Menschen von jenseits der Landesgrenzen in die ukrainischen Städte „überführt“ werden müssen. Diese Annahme wird weder von statistischen Daten bekräftigt, noch von Archivdokumenten. Die statistischen Bewertungen zeigen, dass der Anteil an Außenmigranten im Migrationssaldo der ukrainischen städtischen Bevölkerung ungefähr 20 Prozent beträgt, wodurch in keinem Fall eine Zahl von drei Millionen erreicht wird.

Das Migrationssaldo der städtischen und ländlichen Bevölkerung der Ukraine haben wir auf Grundlage komplizierter und arbeitsaufwendiger Berechnungen erhalten: a) der Bilanz des Bevölkerungsaustauschs durch Migration zwischen der Ukraine und allen anderen Republiken der UdSSR im Zeitraum von 1926 bis 1939; b) der Korrektur der Migrationsstatistik der städtischen Bevölkerung; c) der Bewertung von neun Strömen in der ländlichen Migration (Häftlinge, Entkulakisierte, organisierte Umsiedlungen u.s.w.). Eine detaillierte Übersicht über die Berechnung der Migrationskomponenten ist in unseren Veröffentlichungen dargelegt.

Im Ergebnis entsteht der Eindruck, dass es nicht um eine wissenschaftlich begründete Einschätzung des Bevölkerungsverlustes in der Ukraine infolge des Holodomer geht, sondern um eine Anpassung der Berechnungen an die im Vorhinein verkündete pseudowissenschaftliche Zahl sieben Millionen. Denn mit welchem wissenschaftlichen Anstrich sie auch immer versehen sein mag, durch statistische Berechnungen lässt sie sich nicht verifizieren. Die Behauptung gegenüber dem Ptuchy-Institut, „falsifizierte“ Daten zu verwenden oder die Verluste durch den Hunger absichtlich zu gering zu veranschlagen, sieht selbst nach einer „Falsifizierung“ aus, verschuldet durch die Inkompetenz ihrer Urheber. Mit einer Einschätzung der Bevölkerungsverluste sollten sich nicht Hobbydemografen beschäftigen, sondern Spezialisten und Wissenschaftler insbesondere aus den Bereichen der Demografieforschung und Statistik. Denn um zuverlässige und glaubwürdige Ergebnisse zu erzielen ist es unabdingbar, moderne Methoden der demografischen Analyse zu verwenden und sich mit den Besonderheiten der statistischen Erfassung jener Zeit auszukennen, oder zumindest die elementare Logik demografischer Berechnungen zu beherrschen.

Die Einschätzung des Bevölkerungsverlustes auf eine Höhe von 3,9 Millionen Menschen durch die Spezialisten des Ptuchy-Insituts erfolgte nicht auf Grundlage der Differenz zweier Bevölkerungszahlen, sondern durch die Bearbeitung einer gewaltigen Menge statistischer Daten. Dies machte es möglich, eine sogenannte demografische Rekonstruktion umzusetzen, das heißt eine breit angelegte Wiederherstellung der demografischen Dynamik in der Ukraine und ihren Regionen für jedes Jahr zwischen den Volkszählungen 1926 und 1939. Durchgeführt wurde hierbei auch die nicht unkomplizierte Beurteilung der Anzahl nicht erfasster Geburten und Tode sowohl in der Vorkrisenzeit als auch in der Zeit des Hungers. Die Methodik zur Berechnung dieser, als auch der demografischen Bilanz sowie der Beurteilung des Bevölkerungsverlusts in der Ukraine infolge des Hungers 1932-1934 ist transparent und zugänglich in ukrainischen und internationalen Veröffentlichungen.

Das Problem ist aus unserer Sicht jedoch bedeutend größer. Ungeachtet der Bemühungen der sowjetischen Machthaber, den Holodomor als Fakt sowohl aus der wissenschaftlichen Forschung, als auch aus dem nationalen historischen Gedächtnis zu verdrängen, wurden diese Ereignisse nicht vergessen. Der moderne Prozess einer Wiederherstellung des Gedenkens an diese Tragödie und ihre historische Aufarbeitung sind jedoch recht häufig widersprüchlich. Zum heißesten Konfliktpunkt in diesem Erinnerungsraum wurde ausgerechnet die Diskussion um die Zahl der menschlichen Verluste infolge des Holodomor. Die Spezialisten des Ptuchy-Instituts „haben sich erlaubt“, mit der unbegründeten, aber sehr verbreiteten Zahl sieben Millionen nicht einverstanden zu sein. Damit haben sie, so scheint es, ein äußerst sensibles und schmerzhaftes Thema unter den historischen Mythen berührt. Bekanntlich hat der sozialistische Totalitarismus keinerlei Pluralismus zugelassen, weder der Ideologie noch in der Wissenschaft. Zu sowjetischen Zeiten wurde Geschichte ausschließlich von der marxistisch-leninistischen Position aus gedeutet. Doch auch in der neuen ukrainischen Geschichte ist es recht schwer, sich von vielen Stereotypen zu befreien, wenn wissenschaftliche Begründbarkeit durch eine „einzig mögliche und richtige“ Zahl ersetzt, wenn Unzuverlässigkeit mit patriotischem Fanatismus bedeckt wird. Soll denn tatsächlich die Zahl sieben Millionen ein Beweis für die stalinschen Verbrechen darstellen, die Zahl vier Millionen aber nicht? Zeugen denn wirklich sieben Millionen von dem Genozid am ukrainischen Volk durch eine Terror-Hungersnot, vier Millionen Opfer sind als Beweis aber zu wenig?

P.S.: Das wissenschaftliche Kollektiv des Ptuchy-Instituts für Demografie und Sozialforschung der Akademie der Wissenschaften der Ukraine, Prof. Oleh Wolowyna von der University of North Carolina sowie das Harvard Ukrainian Research Institute setzen ihre Forschungen zur Demografie des Holodomor fort.

Unsere wissenschaftlichen Publikationen sind in ukrainischer und in englischer Sprache zugänglich auf der Seite: http://www.inform-decisions.com/holodomor .

Die Forschungsergebnisse bilden die Grundlage für das demografische Modell des interaktiven Holodomor-Atlas, erstellt von der Harvard University im Rahme des Projektes „MAPA: Digital Atlas of Ukraine“ .

14. Oktober 2016 // Natalija Lewtschuk

Quelle: Dserkalo Tyschnja

Übersetzer:    — Wörter: 3553

Matthias Kaufmann - Studium der Geschichte und Ethnologie in Leipzig und Kasan. Im Anschluss längere Stationen in Berlin, Ufa und Barnaul. Derzeit als Mitarbeiter im Bereich "Länderkompetenz Russland und Ukraine" bei BAYHOST (Bayrisches Hochschulzentrum für Mittel-, Ost- und Südosteuropa) in Regensburg.

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