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Revolution der Werte

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Jaroslaw Hryzak, Historiker und Publizist, Professor an der Ukrainischen Katholischen Universität [Lemberg], Mitglied des Redaktionsrates verschiedener wissenschaftlicher Zeitschriften: Ab Imperio, Harvard Ukrainian Studies, Slavic Studies, Ukraina Moderna.

Durch den Krieg im Donbass sind die Vorgänge des Euromajdans bei vielen in Vergessenheit geraten, obgleich seit Beginn der Proteste noch nicht einmal ein Jahr vergangen ist.

Am 21. November wird die Ukraine sich daran erinnern, wie auf dem zentralen Platz der Hauptstadt die ersten Demonstranten erschienen, zu denen nach und nach alle stießen, die mit der Ablehnung Janukowytschs, die Assoziation mit der Europäischen Union zu unterzeichnen, mit der Korruptheit der Regierung und der offenen Verlogenheit der Entscheidungsträger nicht einverstanden waren.

Inzwischen analysieren jetzt Historiker die Vorgänge des vergangenen Herbsts, studieren den Majdan nicht nur als ein Revolutions-Geschehen, als Beispiel der Selbstorganisation, als künstlerisches Phänomen, sondern erforschen auch die Revolution der Werte der Ukrainer.

Den folgenden Text schrieb der bekannte Historiker Jaroslaw Hryzak für das [im Kyjiwer Verlag Osnywy erschienene] Buch „Euromajdan – History in the making“, das annähernd 200 Fotos verschiedener Fotografen, aber auch den Text des Philosophen Taras Ljutyj enthält.

Am Freitag [den 14. November] wird in Kyjiw seine Vorstellung stattfinden. [Die Internet-Zeitung] „Ukrajinska Prawda. Schyttja“ veröffentlicht eine gekürzte Version des Aufsatzes von Hryzak, der vollständige Text ist im Buch zu lesen.

Es heißt, den Euromajdan habe man nicht vorhersehen können. Ich wage dem zu widersprechen. Ich war einer von denjenigen, die schrieben, dass in der Ukraine die Revolution in der Luft hängt (Februar 2012). Im Frühling 2013 prophezeite ich: Dies könnte in den nächsten Monaten der Fall werden.

Historiker sind unnütze Propheten. Sie sind nicht dafür geeignet, die Zukunft vorherzusehen. Sie können selbst die Gegenwart nicht verstehen, solange sie nicht Vergangenheit geworden ist. Die Vergangenheit ist alles, was sie wissen.

Wenn Geschichte die Historiker selbst etwas lehren kann, dann Bescheidenheit. Moderne Historiker stellen die Bedeutung der Mikrogeschichte über die der Makrogeschichte, sie vermögen also auf die Vergangenheit nicht durch das Teleskop, sondern durch das Mikroskop zu blicken.

Glücklicherweise gibt es noch Wissenschaften, die nicht an solche Einschränkungen gebunden sind. Sie denken immer noch global. Eine von diesen ist die Soziologie.

Im Grunde fußten meine Bemerkungen über das Herannahen der Revolution in der Ukraine auf den Daten des World Values Survey. Hierbei handelt es sich um eine Grundlagenforschung, die am Vorabend der 80er Jahre von dem amerikanischen Soziologen Ronald Inglehart begonnen wurde. Nach dem Fall der Berliner Mauer hat sie seither fast die gesamte Weltkugel erobert, einschließlich Russland, die Ukraine und andere postkommunistische Länder.

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Grundlage dieser Forschung ist eine einfache These: Politische Veränderungen sind mit wirtschaftlichen Veränderungen verbunden. Auf einem hungrigen Magen kann man nur schwer eine Demokratie aufbauen. Und umgekehrt sind Länder mit funktionierender Demokratie hauptsächlich wohlhabende Länder. Diese Verknüpfung ist aber nicht von direkter, sondern von indirekter Art.

Damit sich die Demokratie verfestigt, ist es notwendig, dass eine Veränderung bei den gesellschaftlichen Werten stattfindet. Werte der Selbstverwirklichung und der offenen Gesellschaft müssen auftreten. Sie sind wie Schmieröl, die die Verbindung zwischen den Zahnrädern des Wirtschaftswachstums und der Demokratisierung erleichtert.

Wenn es sie nicht gibt, bricht die Maschine auseinander und wird angehalten. Die Geschlossenheit oder Offenheit der Gesellschaft misst Inglehart durch das Stellen einfacher Fragen: „Kann man den Menschen glauben?“, „Was ist für Sie wichtig, Sicherheit oder Lebensqualität?“, „Wie stehen Sie zu Homosexualität?“, „Für wie glücklich halten Sie sich?“, „Wie oft unterschreiben Sie Petitionen?“.

Weitere Umfragen zeigten, dass trotz der kulturellen Nähe der Ukraine und Russlands, im 21. Jahrhundert die beiden Länder sich in unterschiedliche Richtungen gegangen sind, wie zwei Schiffe, die die Strömung auseinandergetrieben hat. Die Mehrheit der Russen wählte die Werte des Überlebens, die Mehrheit der Ukrainer die Werte der Selbstverwirklichung.

Nach den Worten Ingleharts erhebt sich im zweiten Fall die Demokratie über den Autoritarismus. Urteilt man nach seinen Ergebnissen, so entsprach das Aufrücken Wladimir Putins an die Macht in Russland den Wünschen und Einschätzungen der Mehrheit der Russen: Dort, wo der Wert des Überlebens dominiert, wünscht die Bevölkerung eine „starke Hand“. Daher ist das Putin-Regime zutiefst in Russland verankert.

Dies kann man nicht von Wiktor Janukowytsch und die Ukraine sagen. Bei den Präsidentschaftswahlen 2010 kam er an die Macht, und dies erschien wie ein Systemfehler, wie ein Ausfall der Maschine.

Sein Sieg war die konterrevolutionäre Revanche für seine Niederlage während der Orangen Revolution 2004. Wie ein typischer Konterrevolutionär hatte er nichts vergessen, aber auch nichts gelernt. Viele Analytiker waren überzeugt, dass er in Wahrheit ein „Lehrling“ sei. Und dass der Janukowytsch von 2010 ein ganz anderer Mensch sei als der Janukowytsch von 2004. Er lernte Ukrainisch, meisterte die demokratische und europäische Sprache.

Die demokratische und europäische Rhetorik waren allerdings nichts anderes als Sand in die Augen.

Die Stunde der Wahrheit war sein Weigern, die Vereinbarung über die Assoziation mit der Europäischen Union auf dem Gipfel von Vilnius vom 28.-29. November zu unterschreiben. Als die Stimmung bereits von großen Protesten geprägt war, die durch die übermäßige Gier Janukowytschs und seiner Führung um Macht und Reichtum ausgelöst war, da spielte die Nichtunterzeichnung die Rolle jenes letzten Tropfens, welcher die Lawine des revolutionären Protests auslöste.

Kleine Geschichte der ukrainischen Unabhängigkeit

All dies sind große Pläne. Aber in der Geschichte werden Pläne nie automatisch umgesetzt. Sie sind stets Ergebnisse menschlicher Wahl. Die Ukraine hatte für ihr Recht auf eine unabhängige Existenz beim Referendum am 1. Dezember 1991 abgestimmt.

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Damals stimmten für die politische Selbstständigkeit 91 Prozent der ukrainischen Bürger. Ihre Entscheidung zugunsten nationaler Unabhängigkeit wurde weitgehend von der Einschätzung des wirtschaftlichen Wohlergehens diktiert. Im Jahre 1990 prognostizierte die Deutsche Bank, dass von allen Republiken der UdSSR die Ukraine die besten Chancen habe für eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung hat.

Die ersten Jahre der ukrainischen Unabhängigkeit verwandelten sich allerdings für die Ukrainer zu einem Alptraum. Es reicht darauf hinzuweisen, dass 1993 die Inflation in der Ukraine sich auf 10.200 Prozent belief und damit nach Einschätzung der Weltbank die höchste der Welt war.

1994 widmete die Zeitschrift The Economist ein ganzes Heft der Ukraine unter der Groß-Überschrift „Geburt und möglicher Tod eines jungen Staates“.

Die ökonomische Krise fiel mit der politischen zusammen. Die unterschiedlichen Regionen der Ukraine trennten eine unterschiedliche Sprache und verschiedene Sichten der Geschichte und entsprechend verschiedene Sichten der Zukunft des Landes, im Bündnis mit Europa oder im Bündnis mit Russland.

Ende 1993 machte der CIA die Prognose, dass die Ukraine sich auf Hochtouren auf einen Bürgerkrieg zwischen einem ukrainischsprachigen Westen und einem russischsprachigen Osten zubewegt, bei dem im Vergleich der jugoslawische Krieg wie ein friedliches Picknick aussehen werde.

Russland machte eine ähnliche Krise durch. Aber im Unterschied zur Ukraine lag die Hauptlinie des Konfliktes nicht zwischen Regionen, sondern zwischen der Macht Präsident Jelzins und dem oppositionellen Parlament. Die Temperatur der Spannung war in der Ukraine und in Russland hoch. Die Auflösung der Krise geschah aber auf diametral entgegengesetzte Weise. Im Oktober 1993 gab Jelzin in Russland den Befehl, das Parlament mit Panzern zu beschießen. In der Ukraine vollzog sich im Sommer 1994 ein friedlicher Machtwechsel: Der Kandidat des Westens und erste ukrainische Präsident Leonid Krawtschuk gab sich während vorgezogener Wahlen friedlich Leonid Kutschma geschlagen, den der russischsprachige Osten unterstützte.

Dieser Unterschied spielte eine entscheidende Rolle bei den auseinandergehenden Entwicklungslinien der Ukraine und Russlands. Wie der russische Historiker Dmitrij Furman schrieb, „die Ukraine bestand, wenn man so sagen darf, die Prüfung zur Demokratie, welche wir [die Russen] faktisch im Oktober 1993 umstürzten“.

Seit Ende der 90er Jahre und bis zur Weltkrise des Jahres 2008 wuchs die Ökonomie der Ukraine beständig. Vergleichende Forschungen zeigen aber, dass jedes Jahr ökonomischer Entwicklung zur Stabilisierung junger Demokratien beiträgt.

Natürlich war die ukrainische Demokratie weit entfernt von den Standards der westlichen Welt. Politische Wahlen waren begleitet von Manipulationen, die Korruption erreichte ungeahnte Höhen, Journalisten, die das eine wie das andere zu enthüllen versuchten, mussten schweigen oder man fand sie umgebracht. Dies war eine unvollkommene, aber gleichwohl doch eine Demokratie.

Die am meisten überzeugende empirische Bestätigung war der häufige und im wesentlichen friedliche Machtwechsel nach beinahe allen ukrainischen Wahlen. Dies war eine Leistung, die mit Ausnahme der drei baltischen Staaten keiner der ehemaligen sowjetischen Republiken gelang.

Zehn Jahre relativer Demokratie und relativen Wohlstandes ermöglichten wenig bemerkbare aber weitreichende Veränderungen.

Ich beziehe mich auf die eigene Erfahrung: Die erste Prognose über die Möglichkeit einer Revolution in der Ukraine hörte ich 2001 aus dem Mund des bekannten Kyjiwer Soziologen Jewhen Holowacha. Er berichtete von der Befragung zu gesellschaftlichen Stimmungen, die er mit seinen Kollegen seit Anbeginn der 90er Jahre durchführte. Als man die Ukrainer im Rahmen dieser Befragung interviewte, wie sich ihre wirtschaftliche Situation im Vergleich zu dem vorangehenden Jahr verändert habe, da antworteten sie beständig: schlechter, schlechter, und schlechter.

Die Wende von den 90er auf die 2000er Jahre zeigte eine neue Tendenz: man fuhr fort, sich über die ökonomische Situation zu beklagen, als man sie aber befragte, ob sie seit dem vergangenen Jahr einen Computer, ein Auto, eine Wohnung usw. gekauft hätten, da antwortete die Mehrzahl mit „ja“. Dies bedeutete nicht, dass sie die Unwahrheit sprachen. Nur unterschied sich das Niveau der Befriedigung ihrer Bedürfnisse stark von ihren Erwartungen. Dies aber bedeutete, dass in der Ukraine eine neue Mittelschicht entstanden war, die eine neue Lebensqualität wünscht.

Vor allem wird diese sich nicht mit kosmetischen oder kurzzeitigen Veränderungen zufriedengeben, sie wird ökonomische und wirtschaftliche Reformen einfordern. Wenn aber die politische Führung diesen Forderungen nicht entsprechen wird, prognostizierte Holowacha, dann muss man eine politische Revolution erwarten.

Damals im Jahre 2001 hörte ich diese Prognose mit Skepsis. Für drei Jahre verhinderte die friedliche Orangene Revolution Wiktor Janukowytsch, an die Macht zu kommen. Später las ich, dass die Thesen Holowachas sich mit dem Argumenten Ingleharts überschnitten: ein entscheidender „Sprung“ der Demokratie ist eher möglich in denjenigen Gesellschaften, in denen eine große Nachfrage nach Freiheit ihr institutionelles Angebot übersteigt.

Die Größe der Mittelklasse schätzte man auf fünf bis 30 Prozent. Wichtig ist aber nicht ihre Quantität, sondern ihre Qualität. In Gesellschaften wie der russischen oder ukrainischen bestimmt die Richtung der Entwicklung nicht eine gleichgültige oder ambivalente Mehrheit, sondern eine motivierte Minderheit, so eine wie die neue Mittelschicht.

In weitem Umfang war der Majdan des Jahres 2004 ihre Revolution.

Zwischen dem Majdan von 2004 und dem Euromajdan 2014 gibt es viele Ähnlichkeiten. Zumindest ihr einziger leitender Hauptakteur, gegen den Menschen in Kyjiw 2004 und 2014 protestierten: Wiktor Janukowytsch. Ihm schreibt man bereits eine wichtige Rolle in der ukrainischen Geschichte zu.

2004 ließen die Ukrainer Janukowytsch wissen, was sie nicht wollen, und das war seine Präsidentschaft. 2014 vermochte er die Ukrainer nicht zu verstehen, was sie wollen, nicht nur eine Änderung des Präsidenten, sondern eine Änderung des gesamten Systems, dessen Symbol er war.

Diese Veränderung im Bewusstsein der Massen ist in weitem Umfang verbunden mit dem Aufkommen einer neuen Generation. Man nennt sie „Generation der Unabhängigkeit“, denn die Mehrheit ihrer Vertreter wurde zwischen 1985 und 1995 geboren. Sie erinnern sich kaum oder gar nicht an die sowjetischen Zeiten. Entsprechend sind sie frei vom sowjetischen Erbe. Die Mehrzahl von ihnen nahm nicht teil am Majdan von 2004, denn damals waren sie noch kleine Kinder. Sie sind aufgewachsen mit Computern und sozialen Netzwerken. Deshalb lehnt diese Generation die vertikale Hierarchie ab und ist eine Generation der „horizontalen Beziehungen“, eben so, wie das bei Facebook und Twitter ist.

Ebenso ist dies auch die am besten ausgebildete Generation, die es je in der Ukraine gegeben hat. Die höhere Bildung ist in der Ukraine beinahe die Regel, und nach der Zahl der Studentinnen und Studenten zählt die Ukraine zu den Top 10 Prozent der Welt unter den vergleichbaren Jahrgängen.

Verständlicherweise bedeutet Quantität nicht unbedingt Qualität. Eher umgekehrt: Die Standards der ukrainischen Universitäten sind nicht sehr hoch, Bildung bleibt einer der korruptesten Bereiche. Dieser starke Kontrast zwischen der Quantität und der Qualität reflektiert den umstrittenen Status der Jugend an. Nach den formalen Merkmalen und den Verhaltensweisen sind die jungen Ukrainer potenzielle Mittelschicht. Faktisch ist es aber so, wenn sie nicht einflussreiche Eltern und viel Geld im Rücken haben, dann sind ihre Chancen auf eine würdige Karriere und ein würdiges Leben ziemlich gering.

In dieser Hinsicht ähnelt ihr Leben dem ihrer europäischen Altersgenossen, die so wie sie eine neue gesellschaftliche Gruppe des „Prekariats“ darstellen, Mittelklasse nach Gewohnheiten, Proletariat nach Möglichkeiten.

Soziologische Forschungen zeigen auf, dass nach ihren Werten die jungen Ukrainer den jungen Polen, Slowaken oder Briten näher sind als ihren Eltern oder Großeltern. Man kann die These wagen, dass die Ukraine gerade eine Kluft der Generationen erlebt ähnlich der, welche es im Westen in den 60er Jahren gab.

Der Euromajdan von 2014 war ihre Revolution. Sie begann mit Studenten-Streiks. Unter ihren Losungen war von 1968 bekannt „Il est interdit d’interdire“, es ist verboten zu verbieten, und zu ihrer Ausstattung zählten Guy Fawkes-Masken.

Somit ähnelte der Euromajdan 2014 stärker der Occupy-Bewegung, den Massen-Protesten auf dem Taksim-Platz in Istanbul oder auf dem Bolotnaja-Platz in Moskau, Unruhen in Brasilien oder Studenten-Streiks in Bulgarien, als dem Majdan von 2004.

Jedenfalls zeigte der Euromajdan 2014, wie weit die Ukraine in den vergangenen 20-25 Jahren vorangeschritten ist, von einer ehemaligen provinziellen und isolierten Sowjetrepublik zu einem Land, das sich vollständig geöffnet hat zur Außenwelt, mit allen damit zusammenhängenden positiven und negativen Folgen.

Lehren für Europa

Als erster rief zu den Massenprotesten in Kyjiw der ukrainische Journalist Mustafa Najem auf, der Afghane von seiner Herkunft her ist. Die ersten, die von Scharfschützen-Kugeln auf dem Euromajdan umkamen, waren der Armenier Serhij Nihojan und der Weißrusse Mychajlo Schysnewskyj. Unter den anderen Umgebrachten waren später noch ein Armenier und noch ein Weißrusse, aber auch zwei Georgier und ein Bürger Russlands.

Gemeinsam mit den anderen Opfern zählen sie zu der sogenannten „Himmlischen Hundertschaft“. Zur ihr gehören ein Doktor, ein Rock-Sänger, ein Theater-Regisseur, ein Architekt, ein Computer-Programmierer, ein Sportler, einige Künstler und Geschäftsleute. Die russische Propaganda hat sie ihrer Identität beraubt, fasste sie unter einem Charakteristikum zusammen, ukrainischer Nationalist oder noch schlimmer als dies: Faschist.

Genau darauf zielt die Berechnung Wladimir Putins: seine Gegner zu entmenschlichen und zu dämonisieren, aus ihnen Faschisten und Nationalisten zu machen. Aber es gibt Grenzen jeglicher Manipulation, nicht selten wird der Manipulierende selbst ihr Opfer.

Putin ist davon überzeugt, dass die Hauptfrage in der Ukraine die Nationalfrage bleibt, im Zentrum der Nationalfrage aber die Sprachfrage steht. Er plante eine eigene Enklave des russischsprachigen Gebietes in der Ukraine zu errichten, das 2004 für Janukowytsch stimmte. Er rechnete sich aus, dass sogleich nach dem an den Sieg des Euromajdans erfolgten Einrücken seiner Armee auf die Krim die russischsprachige Bevölkerung der Ukraine von Charkiw bis Odessa Schutz vor den „Kyjiwer Faschisten“ suchen und die russischen Krieger mit Blumen begrüßen würde.

Das hat aber nicht stattgefunden. Nicht nur nicht in Charkiw oder Odessa, sondern selbst die Nachbarn des Donbass Dnipropetrowsk und Saporischschja blieben der russischen Aggression feindlich.

Der Euromajdan 2014 war zweisprachig, ukrainisch und russisch. Genau das charakterisiert die letzten zehn Jahre in der Ukraine. In ihrem Zentrum gibt es keinen Kampf um Sprache oder andere Merkmale der Identität, sondern um die Werte der offenen Gesellschaft. Die Ukrainer nennen sie, ob zu Recht oder nicht, europäische Werte. Und sie sind bereit für sie viel zu geben, sogar ihre Gesundheit und ihr Leben.

Der Euromajdan 2014 ist das bessere Europa 2014. So schrieben westliche Intellektuelle in ihrem Schreiben an ihre Regierungen Anfang 2014. Sein Sieg eröffnet nicht nur Chancen für die Ukraine, sondern für ganz Europa.

Das moderne Europa vereint sich um Interessen. Aber die europäische Solidarität kann man nicht ausbauen, ohne die Bereitschaft der Europäer in Krisenzeiten sogar ein Teil ihrer Interessen zugunsten von Werten zu opfern. Dies ist es, was die Ukrainer den Europäern beibringen können.

Vorausgesetzt ist natürlich, dass Europa bereit ist, diese Lektion zu lernen.

7. November 2014 // Jaroslaw Hryzak

Quelle: Ukrajinska Prawda – Schyttja

Übersetzer:    — Wörter: 2603

Christian Weise trägt seit 2014 übersetzend und gelegentlich schreibend bei zu den Ukraine-Nachrichten. Im Oktober 2020 erschienen von ihm zwei literarische Übersetzungen: Vasyl’ Machno, Das Haus in Baiting Hollow. Leipziger Literaturverlag und Yuriy Tarnawsky, Warme arktische Nächte. Ibidem, Stuttgart. Im Januar 2020 bereits erschien seine Übersetzung des Bandes Verfolgt für die Wahrheit. Ukrainische griechisch-katholische Gläubige hinter dem Eisernen Vorhang. Ukrainische katholische Universität, Lwiw.

Mit ukrainischen Themen ist er seit 1994 vertraut, als er erstmals Kiew und Lemberg besuchte und sich zunächst mit kirchengeschichtlichen Fragen beschäftigte. Wenn nicht Pandemien hindern, bereist er etwa fünfmal im Jahr die Ukraine.

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