FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Auf der Suche nach dem Volk

0 Kommentare

„Wir wollen ein Regime, unter dem es etwas zu essen gibt!“, wenn man den Polizeiberichten glauben darf, genoss diese Losung im zehnten Jahr der französischen Revolution unter den unzufriedenen Bürgern große Popularität.

Das heldenhafte Volk, welches die finstere Bastille gestürmt, den König gestürzt und die Freiheit verehrt hatte, eben dieses Volk wünschte sich nun eines: un régime ou l’on mange!

Der untückische Wunsch befriedigte General Bonaparte, der die Revolution erstickt, die Wirtschaft aber stabilisiert hatte. Die überzeugten Republikaner riefen das Volk vergeblich zum Aufstand gegen den neuen Tyrannen auf: Die einfachen Franzosen, welche die Bastille zerstört hatten, waren vom despotischen Regime, unter dem es zu essen gab, vollkommen begeistert…

In der post-orangenen Ukraine entstand eine ganz ähnliche Situation. An ihren Computerbildschirmen sitzend leimt die progressive Öffentlichkeit die apathische Menschenmasse, welche außerhalb der Grenzen der brodelnden, virtuellen Welt lebt. Warum ist das Volk so passiv, teilnahmslos und erträgt die unerhörten Streiche Janukowtischs?

Warum stellt sich das Volk in seiner Mehrheit nicht gegen die Beschneidungen der demokratischen Freiheiten und den Tausch der staatlichen Souveränität gegen russisches Gas? Warum gehen die Leute nicht auf die Straße? Wohin ist das entschlossene, patriotische Volk verschwunden, das massenhaft für die ukrainische Unabhängigkeit gestimmt hat? Wo ist das heroische Volk, das die orangene Revolution unterstützte?

Nebenbei ist das gesuchte Volk nirgendwohin verschwunden und hat sich auch nicht verändert: Seine Prioritäten sind immer noch die gleichen.

Im Jahr 1789 konnte man die Schwierigkeiten der französischen Revolution nicht getrennt von der Finanz- und Lebensmittelkrise betrachten. Der einfache Mann unterstützte die revolutionären Losungen so begeistert, weil er glaubte, dass Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit die automatische Erlösung von Hunger und Elend bedeuten würden.

Zunächst hofften die breiten Massen, dass es Brot geben würde, wenn man die Bastille nehmen und den König von Versailles nach Paris bringen würde. Danach erwarteten sie Brot von der Republik und der Guillotine. Aber die schicksalhaften Taten transformierten sich eben nicht sehr schnell in materiellen Wohlstand.

Die Konstitutionalisten wurden von den Girondisten abgelöst, die Girondisten von den Jakobinern, die Jakobiner vom Direktorium, aber Brot gab es noch immer nicht und die wachsenden Bedürfnisse veranlassten das Volk dazu, seine Wünsche genauer zu formulieren: schon nicht mehr Liberté, Égalité, Fraternité, sondern einfach ein Regime, unter dem gegessen wird.

Im Jahr 1991 fiel es den hiesigen Nationaldemokraten nicht leicht, die offensichtliche Wahrheit zuzugeben: Es hätte keine unabhängige Ukraine gegeben, wenn die UdSSR ihre eigenen Bürger hätte füttern können.

Solange das sowjetische Regime die Leute gerade noch mit Lebensmitteln und Konsumgütern versorgen konnte, hatten die ideologischen Kämpfer für die Freiheit keine Chance, zum Volk durchzudringen. Jedes Dissidententum wurde erfolgreich im Keim erstickt. Aber dann kam der Kollaps der sowjetischen Wirtschaft und die nationaldemokratische Intelligenz machte sich augenblicklich an die Unterstützung der Volksmasse. Der Spießbürger unterstützte die Abspaltung der Ukraine nicht aus dem Wunsch heraus, sein Schicksal selbstständig zu lenken, sondern weil er hoffte, einen höheren Lebensstandard zu erhalten, ein Stückchen vom legendären Gold des Hetmans, Fleisch und Speck, die vorher von Moskau verputzt worden waren, im Überfluss.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

So traurig es ist, ohne die niederen „Wurstlosungen“ hätte die Idee der Unabhängigkeit keine des ganzen Volkes werden und triumphal siegen können.

Im Jahr 2004 wurde ohne Zweifel die nach Bürgerrechten und Freiheit dürstende, wohlhabende Mittelklasse zu Kern und Seele der orangenen Revolution. Aber diesem Kern wäre es nicht gelungen, Millionen einfacher Ukrainer um sich zu scharen, wenn dem Spießbürger nicht auch ein verlockender, materieller Bonus in Aussicht gestellt worden wäre: Die Liquidierung der berüchtigten Oligarchen, die Aufteilung zwischen den Reichen und Armen und die schnelle Umwandlung der Ukraine in ein lebenswertes, europäisches Land.

Die massenhafte Unterstützung demokratischer Losungen nährte sich aus überhöhten sozialen und ökonomischen Erwartungen. Im Ergebnis verwandelte sich die Regierung der orangenen Demokraten in eine restlos populistische Attraktion, die jäh von der Weltfinanzkrise getroffen wurde.

Unabhängigkeit und Demokratie wurden als Mittel zum Erhalt konkreter, materieller Güter empfunden und nur deswegen konnte im Volk eine so breite Unterstützung erkämpft werden. Heute spielt die berühmte „Stabilität“, welche Janukowitsch und seine Mitstreiter in Aussicht stellen, eine ganz ähnliche Rolle. Der wirtschaftliche Aufschwung scheint die Regionalen zu begünstigen und solange die neuen Machthaber in der Lage sind, das Volk zu füttern, muss man auf der Bankowaja vor nichts Angst haben.

Natürlich kann sich schon morgen alles wieder verändern. Wenn sich die sozial-ökonomische Situation in der Ukraine plötzlich verändert, so wird das Phantom der Opposition dem enttäuschten und verärgerten Spießbürger in Fleisch und Blut übergehen. Dann winkt Präsident Janukowitsch einiges: sowohl die pro-russische Politik als auch die skandalösen, humanitären Initiativen, die Arbeitsbeschaffung der im Donbass gebürtigen und den Angriff auf die demokratischen Freiheiten wird man ihm vorwerfen.

In der Tiefe ihrer Seele brennen die kultivierten Hasser Janukowitschs auf eine baldige Verschlechterung der ökonomischen Situation – auf dass das unreife Volk sein Augenlicht wiedererlange und in Bewegung komme. Es gibt diesen traditionellen Antagonismus zwischen Intelligenz und Volk, deren Wünsche zu häufig und grundlegend auseinander gehen.

Die vorgerückten Intelligenzler verteidigen die liberale Demokratie nicht deswegen, weil sie der Universalschlüssel zum allgemeinen Glück ist, sondern in erster Linie weil dieses politische Modell ihnen persönlich imponiert.

Für die Leser Pawitschs und die Verehrer Andruchowitschs sind Gedankenfreiheit, Freiheit des Wortes und Freiheit der Selbstverwirklichung tatsächlich unabdingbar. Hierher kommt auch die Liebe der Intelligenz zu demokratischen Werten. Daran ist nichts Anrüchiges: Jeder hat seine Prioritäten und es ist nur natürlich, dass der gebildete Teil der Bevölkerung das für sich selbst komfortabelste politische System wählt.

Aber auch der bescheidene Spießbürger hat seine persönlichen Prioritäten, so dass es dumm wäre, sich von Proletariern und Pensionären beleidigt zu fühlen, die bereit sind, ihre Bürgerrechte für Ordnung und die Garantie auf ein Stück Brot zu opfern. Ein solches Opfer ist prinzipiell möglich, was Mussolini, Park Chung-hee, Putin und andere autoritäre Kameraden bewiesen haben.

Es fällt dem ideologischen Intellektuellen jedoch schwer, sich mit einem derartigen Benehmen der breiten Volksmasse abzufinden. Wenn das Volk auf der Jagd nach materiellem Nutzen unsere persönlichen Losungen unterstützt, so erklärt man es zum Träger höherer Weisheit und ein primitives Weibsbild wird als heiliges Orakel wahrgenommen. Aber wenn auf der Jagd nach eben jenem Nutzen eben dieses Volk sich unter ein feindliches Banner stellt, so verwandelt es sich augenblicklich in eine verachtenswerte und dumme Viehherde…

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Man sollte aus dem Volk kein sakrales Idol machen oder den Kirchenbann über es verhängen. Das Volk ist weder Gott noch Teufel, weder das Gute noch das Böse, sondern einfach die objektive Realität. Das ist eine heterogene und vielschichtige Wirklichkeit, die ihre Besonderheiten, Qualitäten und Unzulänglichkeiten hat. Man kann sie lieben, aber auch kritisieren und verspotten. Das Einzige, was sich nicht zu tun empfiehlt, ist, die Realität namens „Volk“ zu ignorieren.

Leider ziehen es die unverbesserlichen Intelligenzler vor, eben dies zu tun. Sie begeistern sich für schmale, ideologische Schemen – liberale, nationalistische, linke usw. – in denen dem abstrakten Volk die Rolle der Hauptbewegungskraft zugewiesen wird. Aber es wird bald klar, dass das Volk irgendwie nicht richtig reagiert: Allen theoretischen Gebilden zuwider beeilt es sich nicht, nationale Werte zu verteidigen, die Demokratie zu schützen oder mit der verfluchten Bourgeoisie zu kämpfen. Und die hochtrabenden Träume fallen buchstäblich wie Kartenhäuser zusammen.

Abstrakte Ideen zum Staatsaufbau der Ukraine zu sammeln und danach vergeblich das Volk zu suchen, das man in diese Pläne einfügen müsste, ist eine spannende, aber leider perspektivlose Beschäftigung. Möglicherweise ist es angebracht, einen Taktikwechsel vorzunehmen und Rettungskonzepte auszuarbeiten, die von der gegebenen Realität ausgehen.

23. Juli 2010 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Stefan Mahnke — Wörter: 1229

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 6.5/7 (bei 4 abgegebenen Bewertungen)

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)33 °C  Ushhorod31 °C  
Lwiw (Lemberg)30 °C  Iwano-Frankiwsk30 °C  
Rachiw24 °C  Jassinja25 °C  
Ternopil29 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)30 °C  
Luzk29 °C  Riwne28 °C  
Chmelnyzkyj30 °C  Winnyzja30 °C  
Schytomyr30 °C  Tschernihiw (Tschernigow)29 °C  
Tscherkassy30 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)32 °C  
Poltawa31 °C  Sumy29 °C  
Odessa29 °C  Mykolajiw (Nikolajew)31 °C  
Cherson32 °C  Charkiw (Charkow)29 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)32 °C  Saporischschja (Saporoschje)31 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)31 °C  Donezk30 °C  
Luhansk (Lugansk)28 °C  Simferopol25 °C  
Sewastopol30 °C  Jalta26 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„In der Region Lwiw, wo ich unterwegs bin, sind 10 Hrywen unterschied je Liter keine Seltenheit. Ausgangs Lwiw z.B., kostete ein Liter Diesel 58,5 UAH und in Jaworiw habe ich für 49 UAH getankt. Tanke...“

„Hallo, Ich wollte einmal fragen ob ihr Tipps zum günstigen Tanken in der Ukraine habt? Gibt es Apps zum Preise vergleichen? Bei meiner Suche habe ich soetwas nicht gefunden. Oder gibt es spezielle Marken...“

„@naru gut zu wissen, dass die EU Privilegien weiter gelten, ich war mir nur nicht sicher, allerdings geht es eben nur wenn man mit EU Pass reißt und kein ukrainische Staatsbürger mit im Auto sitzt. Mir...“

„Das ist mit klar. Es gibt keinen Friedensvertrag mit Putin. Darum sollte es auch gar nicht mehr gehen. Der einzige Zweck eines Angebotes eines Vertrages durch die Ukr. soll die moralische Überlegenheit...“

„Interessant, dass es das nicht mehr geben soll, bzw. keinen Vorteil bringen soll. Ich bin im März über Krakowez nach UA eingereist. An der ersten Schranke auf der Autobahn waren alle gleich. Auf dem...“

„@naru also damit ich Deine Frage aber genau beantworte, ich gehe aber davon aus, dass Du mit ukrainischen Staatsbürgern im Auto diesen Service, sprich EU Spur wirst NICHT wahrnehmen dürfen. Habe mich...“

„Aus eigener Erfahrung muss ich jetzt aber noch einen Einwand machen, zum Grenzübergang Dorohusk–Jahodyn (Ягодин) In beide Richtungen gab es 2021 noch eine EU Spur, die waren beide erheblich schneller,...“

„So schlecht ist der Vorschlag sicherlich nicht! Die Abrüstung der Waffen/Militärgeräte könnte die Ukraine und Helfer... Nato in der Art umgehen, dass das ganze Material z.B. in Polen eingelagert wird,...“

„Von der Ukraine kommend und nach Polen ( EU) einreisend, gibt es keine direkte EU Spur. Alle stehen, außer CD, in einer Schlange und wie von Handrij geschrieben, wird man in einer Abfertigsspur zugewiesen....“

„Seit den visumfreie Reisen in den Schengenraum für Ukrainer sind mir da gar keine speziellen EU-Spuren mehr aufgefallen. Gibts das überhaupt noch?“

„Kurze Frage. Muss man bei der Einreise in die EU, an der polnischen Grenze, mit deutschen Fahrer und deutschen Kennzeichen, aber weiteren Ukrainern im Auto, auf die Spur für alle, oder darf man auf die...“

„Zur Diskussion - könnte so ein realistisches Angebot der Ukraine an Russland aussehen? Wie würde Russland reagieren - auf einige Forderungen/(fiktiven) Ängste Russlands wird hier ansatzweise Rücksicht...“

„Was will Faschisten-Russland schon eskalieren? Haben die nicht sogar Truppen von den NATO-Grenzen abgezogen weil es eng wird?“

„Den direkten Konflikt mit Russland gibt es doch schon lange. Natürlich ist das kein heißer Konflikt. Aber, gesprengte Pipelines, diverse Hackerangriffe, Morde an in Europa lebenden russischen Migranten...“

„Die Einwanderung ist inzwischen leichter geworden. Siehe: unbefristete-aufenthaltsgenehmigung-ein ... 48448.html Ansonsten halt der übliche Kram: Ehe, KInd, ukrainische Ahnen, Ostfronteinsatz. Aber dann...“

„Die temporäre Aufenthaltsgenehmigung hat vor allem den Nachteil, dass du für die jeweilige Erneuerung jedes Mal eine Grundlage brauchst, deren Bedingungen sich ändern können. Mit einer befristeten...“

„In der Praxis habe ich auch noch von keinem Einwanderer hier gehört, dass er seinen ausländischen Führerschein umgetauscht hat. Allenfalls, dass sich Leute einen zweiten ukrainischen zugelegt haben....“

„Liebe Alle ich habe an anderer Stelle einiges zum Thema gelesen, jedoch nicht die wirklich passende Antwort gefunden. Vielleicht hier? Muss man wirklich, wenn man eine Aufenthaltserlaubnis für die Ukraine...“

„Hat jemand eine Idee wie ich mein Bike von köln beispielsweise nach krementschuk schicken kann? Gibt es jemanden der Transporte in die Ukraine macht? Dankeeee“

„Hatte gestern so eine Situation. Nach einer Mautstelle, stand polnische Policia und verfolgte mich anschließend mit Blaulicht. Bitte folgen, das war in Kattowitz. Sie meinten, ich hatte kein Licht an,...“

„Hallo Forengemeinde, bin heute früh 6 Uhr über Korczowa in die Ukraine eingereist. 1,5 h ohne Probleme. Straßen, sind teilweise sehr marode“

„Scheidungsurteile sind unbegrenzt gültig. Auch nach 10 oder 20 Jahren. Aus dem einfachen Grund, weil der Inhalt, also die Entscheidung, sich ja nicht mit Zeitablauf ändert. Normalerweise jedenfalls nicht....“

„Klingt irgendwie nach Wunschkonzert. Die Person erscheint mir wenig Schutz zu benötigen, reist ja immer hin und her. Paragraph 24 bedeutet, Du benötigst den Schutz, Du bleibst hier, Du lernst Deutsch,...“

„Ja das ist Blödsinn dass die Waffen nicht gegen Russland selbst eingesetzt werden sollten. Die bekloppten Russen-Faschisten fragen doch auch nicht ob sie ukrainische Zivilisten mit Iran-Drohnen beschiessen...“

„Hallo Waldi, im Grunde bin ich voll bei Dir! Da aber die Unterstützer der Ukraine ihre Rüstungsindustrie nicht hochfahren, die Produktion von Munition ist viel zu gering, wird es wohl nichts mit einem...“