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“In der UdSSR gibt es keine Invaliden!..“. Derartiges haben Sie sicherlich noch nie gelesen

Als echtes Konzentrationslager, als sowjetisches Buchenwald bezeichnete man das Behindertenlager im Dorf Makorty im Sophia-Bezirk des Gebiets Dnipropetrowsk – „das ist eine echte Hölle: keine Behandlung, kein Essen. Man wird zu Tode geprügelt und dann Selbstmord durch Erhängen in den Büchern vermerkt“.

Was lesen wir? Ein seltenes Buch, das vor fünfundzwanzig Jahren in London erschienen ist. Name des Autors – Walerij Fefelow, sagt nur wenigen etwas, aber sein Werk „In der UdSSR gibt es keine Invaliden!…“ (Overseas Publications Interchange Ltd.-Verlag, 1986) ist ein unikales Dokument der Zeit. Etwas ähnliches haben Sie wahrscheinlich noch nie gelesen.

Erinnerungen eines durchschnittlichen Behinderten sind ein Nachweis über die „Millionen von Menschen, rechtlose und erniedrigte durch das System, in dem sie geboren wurden, aufwuchsen und existieren“. Es lohnt sich zu lesen, wenn nicht das Buch, dann nur diesen Überblick, für die, die immer noch die Illusion des kommunistischen Landes als “menschlichstes in der Welt” aufrechterhalten.

Was gibt es interessantes hier? Ein paar Worte über den Autor. Walerij Fefelow wurde 1949 in einem Städtchen Jurijew-Polskyj im Gebiet Wolodymyr geboren. Er arbeitete als Kinomechaniker und Elektrotechniker. In 1966 wurde er beauftragt eine Stromleitung zu reparieren, die man irgendwie vergessen hatte, vom Strom abzutrennen. Die Folge – Stromschlag, Sturz und Wirbelsäulenbruch. Seitdem das Leben in einem Rollstuhl.

Der Zusammenprall mit der Realität und die Unmöglichkeit eigene Rechte zu schützen bringt Walerij zusammen mit seinen Freunden 1978 dazu, die erste „Initiativgruppe für den Rechtsschutz der Invaliden“ in der UdSSR zu gründen.

Die Regierung reagierte ziemlich vorhersehbar – Durchsuchungen, Erpressungen, Festnahmen. Als einer der aktivsten wurde Fefelow im Mai 1982 des „Widerstands gegen die Staatsgewalt“ beschuldigt. Ihm drohten 5 Jahre Haft, jedoch kam jemandem aus dem KGB die Idee, Dissidenten ins Ausland zu schaffen. Die Bundesrepublik Deutschland war einverstanden, die Behinderten aufzunehmen.

„Wer von uns nach dem Krieg in Russland lebte, konnte überall in der Öffentlichkeit (auf den Bahnhöfen, Märkten, Plätzen) die verkrüppelten aus dem gerade erst beendeten Krieg sehen, Behinderte in löchrigen Klamotten, nicht selten mit Orden und Medaillen auf der Brust, die jetzt halbverhungert zum Betteln verurteilt waren.

Diese wohnungslosen Helden bettelten jetzt bei denen, für die sie den Frieden erkämpft hatten. Und plötzlich waren sie alle weg, die Straßen wurden von ihrem öden Aussehen gesäubert, und kaum jemand machte sich Gedanken, wohin sie verschwunden waren.

Man erzählt, dass Stalin sich einmal während der Fahrt durch das Nachkriegs-Moskau empört über so viele Invaliden auf den Straßen geäußert habe. Das wurde sehr buchstäblich verstanden durch seine Untergebenen, und es war eine der Ursachen zum Aussiedeln von wohnungslosen Invaliden aus Moskau….“

Nach dem Krieg gab es einige Konzentrationslager, wo man die ehemaligen Militärleute verwahrte. Eines der bekanntesten Lager ist die Spasska Behinderten-Kolonie für 15.000 Menschen nicht weit von Karaganda, und die Insel Walaam, im Ladogasee. In Spasska gab es 11-Stunden Arbeitstage und tägliche Märsche je 12 Kilometer zu den Steinbrüchen. Und dabei oft in Sommerkleidung, da es nicht gestattet war den Behinderten eine Winterarbeitskleidung auszugeben, da sie sowieso in den Papieren als „nicht Arbeitende“ eingetragen wurden.

1956 fand die erste Demonstration für die Rechte von Behinderten auf 30 motorisierten Rollstuhlen vor den Gebäuden des ZK KPRS und des Moskauer Rats statt. 1973 wollten Wassyl Holubjew und Iryna Wynohradowa, Behinderte aus Iwanowe, eine unionsübergreifende Organisation der Behinderten mit Störung der Bewegungsfunktionen gründen. Aber sie wurden zum KGB bestellt, wo ihnen strengstens verboten wurde, irgendwelche Schriften an mögliche Mitglieder zu verschicken, da es in der Kompetenz des Landes und dessen Regierungsorganen liege.

Der stellvertretende Minister für soziale Versorgung mit dem für sich sprechenden Namen Soldatenkow befahl sogar, alle derartige Gedanken ganz zu verwerfen: “Schon einmal wollte hier jemand eine Vereinigung der Behinderten gründen. Wenn Sie wüssten, was man mit ihm getan hat, dann würden Sie ihn um sein Schicksal nicht beneiden.”

Der Autor schreibt nicht nur über sich selbst. Ein anderer Leidensgenosse, Feisulla Hussajinow aus der tatarischen Stadt Chystopol, erlitt bei der Arbeit eine Wirbelsäulenverletzung. Die Ärzte stellten ihm die Diagnose, dass er nicht länger als eine Woche leben würde, „aber es vergangen Wochen und Monate, doch er starb nicht.“ Vor seinen Augen starben seine Zimmernachbarn, und dabei nicht durch Lähmung, sondern vor Mangel an Versorgung, furchtbare Wunden, die durch bewegungsloses Liegen verursacht wurden, – „Tag und Nacht lagen sie nass bei geöffneten Fenstern, und die Bettwäsche wurde nur vor dem Arztbesuch gewechselt.“

14 Jahre lang schrieb Hussajinow Briefe an alle möglichen Instanzen mit einer einzigen Bitte: von einer Wohnung im zweiten Stockwerk in eine im Erdgeschoss – möglichst mit Telefon – zu wechseln.

Die sowjetische Regierung, die fast jeden Monat ein Raumschiff ins Weltall schickte, und mit Millionen von Dollar die Hälfte der Diktatoren und Terroristen der Welt fütterte, war hier ratlos. Und die örtlichen „Volksdiener“ belächelten Feisulla Hussajinow nur – „schreibe nur, Du kannst jeden Tag schreiben.“-und drohten sogar, dass es „nur schlechter“ werden würde.

Beim Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR sagte man dem Mann zunächst, dass da alle Gesetze an seiner Seite sind, die Sache „unverzüglich“ bearbeitet werde. Das war gelogen – als er sich später mit außergewöhnlichen Problemen wieder an die Hauptstadt wandte, wurde das Gespräch sehr kurz: “Du kennst alle Gesetze, also bemühe dich in Deiner Stadt Tschistopole um deren Umsetzung. Hierher brauchst Du nicht mehr kommen, wir haben mit Dir nichts zu besprechen.”

Die Fortsetzung ist eine schreckliche Erzählung, wie ein Mensch nicht auf dem Fußgängerübergang die Gorkistraße in Moskau überqueren konnte (Rampen gab es natürlich keine) und ihm auch von niemandem geholfen wurde. Fisulla Hussajinow musste bis in die Nacht warten, um die schon verkehrsfreie Straße zu überqueren, um danach völlig entkräftet die Staatsanwaltschaft der UdSSR zu erreichen, wo er dann zu verschwinden “gebeten” wurde.

Sowjetische Rollstühle mit einem Gewicht von 37 kg stellte man für 5-7 Jahre zur Verfügung. Die passten nicht in den Fahrstuhl. Sie waren nicht zusammenklappbar, deshalb konnte man mit ihnen nicht reisen. Ohne einem Helfer konnte man nicht mal ein Hindernis oder auch nur sich selbständig hineinsetzen – “er rollt weg, und der Behinderte landet auf dem Boden”.

Auf die Frage, warum auf den Straßen so wenige Menschen in Rollstühlen und mit Krücken zu sehen waren, sagte ein Funktionär: „Die gesunden Menschen sind an die Behinderten nicht gewöhnt.“ Und es waren nicht Tausende, sondern Millionen. Der Statistik nach gab es in der Sowjetunion damals ca. 3 Millionen an den Rollstuhl gefesselte Behinderte.

In der UdSSR gab es 1.500 Häuser für Behinderte, in denen sie, wie Fefelow schreibt, “eingemauert” waren. Es war ihnen offiziell untersagt, Kinder zu haben. Hochschulstudium – fast unrealistisch, „es ist eine Hochschule, und kein Behindertenhaus“ – eine typische Absage der Verwaltungen.

Die einzige Existenzgrundlage war die Rente, die proportional zu den Arbeitsjahren errechnet wurde. Falls es keine Arbeitsjahre gab, z.B. bei von Geburt an Behinderten, waren es 25-40 Rubel, wobei der durchschnittliche Lohn im Lande 177 Rubel betrug.

Theoretisch man konnte für eine Behandlung in den Westen kommen. Ein Arbeiter aus der Stadt Trojizka nahe Moskau, vergeudete seine Zeit, um die Angestellten zu erreichen, bis er endlich folgendes hörte: “Wir werden dem Westen niemals erlauben, politisches Kapital aus der Behandlung Ihres Kindes zu schlagen, selbst wenn es ihrem Kind das Leben kosten würde.“

Als ein echtes Konzentrationslager, als sowjetisches Buchenwald, bezeichnete man das Behindertenlager im Dorf Makorty im Sophia-Bezirk des Gebiets Dnipropetrowsk – „Umsonst eilst du dich dahin, Landsmann, in das Krematorium! Da ist eine Hölle: keine Behandlung, kein Essen. Diese Tiere versuchen Dich in Jenseits zu schicken, aber ohne Laute, damit alles schön verdeckt bleibt: sie prügeln Dich zu Tode, und schreiben dann, er hat sich erhängt“. Der Lagerleiter Hodynnyk sagte den armen offen ins Gesicht: „ihr seid ein unerwünschter Ballast unserer Gesellschaft“.

Es wird eine Geschichte über Boryslaw Moskal aus dem Berezhansk-Bezirk des Gebietes Ternopil erzählt. Er wurde in einem Zimmer zusammen mit geistig behinderten Menschen platziert. Sich zu beklagen war unter Androhung einer Überführung in eine Abteilung mit psychisch “wilden” verboten.

Ein anderes Beispiel der Fürsorge des Landes: Der Kriegsveteran Iwan Honchar aus dem Konstjantyniw-Bezirk im Gebiet Donezk verlor sein Bein im Krieg. Aber dies reichte nicht, um als schwer behindert eingestuft zu werden, er wurde als Invalide 3. Grades “infolge einer Gesamterkrankung” betrachtet und erhielt eine Rente von 70 Rubel. Um zu überleben, arbeitete er auf einem Bauernhof und lud auf einem Bein springend 50kg schwere Milchfässer auf.

Heute bringen die paralympischen Wettkämpfe niemanden zum Staunen. Woher sollten sowjetische Leute zu jener Zeit auch wissen, dass während in der UdSSR die Behinderten nicht einmal für Menschen gehalten wurden, im Westen große Sportwettkämpfe stattfanden.Auf die Frage der Organisatoren von Wettkämpfen in der britischen Stadt Stock-Mandewill antwortete einer der Funktionäre mit der Phrase, die zum Titel des Buchs wurde – „In der UdSSR gibt es keine Invaliden“.

Am 24. August 1978 gründeten Fefelow, Hussainow und Jurij Kisseljow eine “Initiative für den Rechtsschutz der Behinderten der UdSSR”.

In der Erklärung an die Regierungen der Länder, die das Helsinki Abkommen unterzeichnet hatten, an die UNO und an Radiosender hieß es: “Der jahrelange Kampf für die Gründung einer Organisation der Behinderten in der UdSSR hat sich als völlig nutzloses Wenden an die offiziellen Stellen herausgestellt … Bestenfalls blieben Briefe unbeantwortet, in schlimmeren Fällen endeten sie in Drohungen, sogar Repressalien … Wir wenden uns mit der Bitte an Sie, von der Regierung der UdSSR zu verlangen, dass die Rechte behinderter Menschen respektiert werden und ihre soziale Lage verbessert wird. Wir wenden uns an alle Behinderten in der UdSSR mit dem Aufruf, sich ihrer eigenen Menschenwürde zu erinnern, sich zu Initiativgruppen für gegenseitige Hilfe zusammenzutun und aktiv für die Bildung einer eigenen Organisation zu kämpfen – im völligen Einklang mit dem Paragraphen 51 der Verfassung der UdSSR.”

Es folgte ein Hin und Her mit dem System, Drohungen zu “schließen”, schließlich das Angebot der Emigration, das man nicht abschlagen konnte. Jedoch warnte der KGB-Funktionär Malikow die Ehefrau Fefelows noch vor der Abreise: “denken Sie nicht, dass sie im Westen in Sicherheit sind, wenn nötig kriegen wir Sie auch dort…”.

Engagement für die Menschenrechte, die Arbeit am Buch und Hilfe für seine Freunde – damit war das Leben Walerij Fefelows in Frankfurt am Main erfüllt. Im Dezember 2008 hörte sein Herz auf zu schlagen.

Zitat: Außerstande einen Behinderten in einen Rollstuhl zu setzen, schämt sich der Staat seiner Erscheinung und versucht ihn aus den Augen zu schaffen! Und das ist nur konsequent: eine Gesellschaft, die sich selbst als ideal ansieht, muss alles ordentlich sein: die Kleidung, die Auslagen, die Fassaden. Das ist als ob entlang der makellosen Reihe der Militärmusiker und Tribünen plötzlich irgendeine verkrüppelte Kreatur entlang kriecht oder auf einem selbstgebauten Brettchen mit Rollen entlang rollt. Wer hat das zugelassen? Weg damit! Weg damit! Weg damit!

30. Dezember 2011 // Wachtang Kipiani

Quelle: Istorytschna Prawda

Übersetzung: Roman Howerla

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