FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Die Ukraine – ein “deutsches Projekt”?

0 Kommentare

In der jetzigen Situation um die Ukraine sind eine Menge von Problemen zutage gekommen, die früher das Thema der Debatte relativ enger Kreise waren. Darunter fand sich ein für das russische konservative Denken zu Beginn des XX. Jahrhunderts kennzeichnender Diskurs, der die Existenz der Ukraine als Einzelstaat verweigerte und diese eigentlich als eine unnatürliche Schöpfung der deutschen Regierung ansah, die einem Teil der russischen Menschen davon überzeugte, ein eigenständiges Volk zu sein. In dieser Hinsicht führt die russische konservative Publizistik gern die Worte des Generalstabschef der Ostfront, General Max Hoffmann an, er habe “die Ukraine erfunden”.

Diese Äußerung Hoffmanns wurde von Anfang an falsch verstanden. Er hoffte damit nur seine Rolle beim Abschluss des Friedensvertrags von Brest-Litowsk hervorzuheben, den Deutschland als einzigen Ausweg zur Fortsetzung des Krieges an der Westfront betrachtete. Mit dem Versuch, etwas dem Vordrang der sowjetischen Vertreter entgegenzusetzen, fiel Hofmann ein, auf den jungen ukrainischen Staat zu setzen, “da sich durch ihr Auftreten eine Möglichkeit bot, sie gegen die Petersburger Delegation ausspielen zu können” (Die Aufzeichnungen des Generalmajors Max Hoffmann. Bd. 2. Berlin 1929. S. 207). So “erfand” er die Ukraine, um die damalige Lage zu retten.

Es wurde aber ziemlich bald klar, dass die deutsche Regierung nur über sehr geringe Daten bzw. Praxis über die Gebiete verfügte, auf deren Kosten sie plante, den Krieg wenn schon nicht gewinnen, aber zumindest dessen Verlauf zu ändern. Die deutsch-ukrainische Handelsorganisation, die Deutschland mit Getreide versorgen sollte, war so Hoffmann, «auf dem Papier glänzend, nur schaffte sie verhältnismäßig wenig Ergebnisse» (Ibid. S. 221). Für das langfristige Projekt, als das die Ukraine, wie bereits erwähnt, galt, wäre diese Anerkennung gleichbedeutend mit dem Scheitern, wenn Berlin sich wirklich mit der Organisation der ukrainischen Staatlichkeit beschäftigt hätte.

Heute nach über hundert Jahren können wir sehen, dass die unabhängige Ukraine wieder ihren Blick auf Deutschland richtet und hofft, dass die Bundesrepublik an ihrem Schicksal Anteil nehmen wird. Das Auswärtige Amt äußerte, Berlin sei daran interessiert, der Ukraine wirtschaftlich und politisch zur Hilfe kommen. Die russischen Konservativen mögen wieder einmal erklären, dass Deutschland, mit den USA zusammen, wieder die Ukraine “erfinden”, da ihrer Ansicht nach Kiew, in Anbetracht des tragischen Ringens im Osten, seine letzten Tage erlebt. Die schwereren Umstände der heutigen Ukraine werden aber zugleich das wirkliche “deutsche Projekt”, nämlich die Neuordnung nach deutschem Muster, für sie in greifbare Nähe rücken können.

Betont sei, dass heute der Nationalstaat immer noch als einziges normatives Modell der politischen Organisation gilt, trotz der offensichtlichen Erosion dieser durch verschiedene wirtschaftliche und politische Prozesse. In diesem Fall besteht der Fehler der ukrainischen Nationalisten demnach darin, dass die Entwicklung eines Nationalstaates nach dem Muster Anfang XX. Jahrhunderts nicht mehr möglich ist, aus zwei Gründen. Erstens, sind sowohl die Gesellschaften, als auch die Wirtschaftssysteme in der modernen Welt, ohne Rücksicht auf den einzelnen Staat, selbst sehr ungleichmäßig. Im Ergebnis ist es nicht rationell, alles auf eine Einheitsverwaltung mit klarem Gegensatz “Zentrum – Regionen” zu beschränken. Zweitens, verfügt jede Region im Prinzip über die Möglichkeit, mit der Außenwelt eben ohne Genehmigung des Zentrums zu kommunizieren.

Für die Ukraine gewinnen diese zwei Gründe eine zusätzliche Bedeutung. Die ukrainische Gesellschaft ist viel heterogener, als die deutsche. Es ist deswegen zu beachten, dass die ukrainischen “Bundesländer”, im Falle des Einsatzes eines Bundesmodells, nicht nur die politische, wirtschaftliche und rechtliche, sondern auch die kulturelle Autonomie, insbesondere im Bereich der Sprachenpolitik, genießen sollten. Nicht zu vergessen ist jedoch, dass es in der ukrainischen Gesellschaft viele widersprüchliche Spannungslinien in politischen, ethnischen und sprachlichen Fragen gibt. In diesem Zusammenhang, neben der angeblichen Föderalisierung des Landes nach deutscher Art und Weise, braucht man auch eine Aufsichtsbehörde nach dem Vorbild eines Bundesverfassungsgerichts.

Zu bedenken allerdings ist, dass das Verständnis der etwaigen Veränderungen der politischen Struktur in der Ukraine zwischen den Eliten, u.a. im Kreise der zuständigen Entscheidungsträger reifen soll. Die Eliten müssen dafür eine gewisse intellektuelle Stufe erreicht haben. Die am Steuer der Macht anwesende auffällige Schicht von Managern mit einer Sozialisation aus der spätsowjetischen Zeit kann diese Aufgabe offensichtlich erschweren, deren Lösung selbst reaktiv beginnen wird und neue soziale Umwälzungen, bis zum Sturz der führenden Elite, in absehbarer Zukunft hervorrufen kann. In diesem Sinn könnte das reale, nicht mythische deutsche Projekt für die Ukraine als Rettungsmittel wirken.

25. August 2014 // Dr. Ihor Barinow

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 3.7/7 (bei 6 abgegebenen Bewertungen)

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)22 °C  Ushhorod22 °C  
Lwiw (Lemberg)21 °C  Iwano-Frankiwsk21 °C  
Rachiw16 °C  Jassinja16 °C  
Ternopil20 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)21 °C  
Luzk20 °C  Riwne21 °C  
Chmelnyzkyj19 °C  Winnyzja18 °C  
Schytomyr18 °C  Tschernihiw (Tschernigow)17 °C  
Tscherkassy20 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)18 °C  
Poltawa16 °C  Sumy15 °C  
Odessa24 °C  Mykolajiw (Nikolajew)23 °C  
Cherson23 °C  Charkiw (Charkow)17 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)21 °C  Saporischschja (Saporoschje)19 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)19 °C  Donezk17 °C  
Luhansk (Lugansk)16 °C  Simferopol20 °C  
Sewastopol22 °C  Jalta22 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Gestern 6 Stunden warten vor der Grenze Richtung Polen in Krakowez mit dem Kleinbus. Abfertigung ging dann schnell da auch Passagiere mit EU-Pass dabei waren“

„Bin am Montag 15.6.26 um 8 Uhr in Urgyniw ausgereist, das erste Mal an einem Montagmorgen ca. 15 Fahrzeuge vor mir, bin sonst der Erste oder Zweite, egal, nach ca 20 Minuten wurde dann die nächste Welle...“

„Derzeit, ist es überall sehr voll an den Grenzen Ukraine/ Polen. Zb. Krakovets 100 PKW ca. 10 h Wartezeit. Wollen Montag rüber, versuchen es sehr früh.“

„Haben noch vor der Grenze im Wohnmobil geschlafen. 600 km am Stück mit 90 km/h, da wollten wir nicht noch stundenlang an der Grenze stehen. War am Abend voll 55 PKW, laut Info. Am Montag früh gegen 10...“

„Der Blockposten zwischen Ustyluh und Urgyniw an der Oblastgrenze hat mich, das war jetzt aber nur einmal, auch nach 23 Uhr passieren lassen, lässt für mich den Schluss zu, auch hier ist 24/7 passierbar.“

„Kann nur zum Blockposten vor USTYLUH sagen, der ist geöffnet 24/7 und der Blockposten vor URGYNIW schließt von 23.00 Uhr bis 04:00 Uhr. (Fahrtrichtung Grenze/Ausreise); Wer in Richtung Landesmitte fährt,...“

„Ja, der Grenzübergang in Ustyluh ist echt toll geworden, ich habe letztens den Spaß gemacht und angedeutet, dass wohl jetzt die Polen eifersüchtig sind auf diese Arbeitsplätze. Die Zöllnerin hat zustimmend...“

„Fahre am Sonntag nach Lwiw und will noch am späten Abend einreisen. Hat da jemand Erfahrung wegen der Wartezeiten und ist dann die Weiterfahrt wegen der Sperrstunde nicht möglich ?“

„Montag letzte Woche 11 Uhr, komplett, von Schranke zu Schranke in 21 Minuten, optimal. Ansonsten für diesen Zeitpunkt 30 bis max 40 Minuten einplanen“

„Ich schau immer bei ... ... , finde es nicht schlecht, liegt meiner Meinung nach nie KRASS daneben, DIE gemeldeten Zahlen kann man zumindest für eine seriöse Entscheidungsfindung heranziehen.“

„Hallo Handrij, Bin letzten Freitag am Abend um 22 Uhr ausgereist. In 40 Minuten total, am Freitag! Ich schildere nochmals den Ablauf, damit der optimale Ablauf nachvollziehbar wird. Ankunft vor dem Grenzübergang,...“