FacebookTwitterVKontakteTelegramWhatsAppViber

Die Wahl des reinen Gewissens

1 Kommentar
Wladimir Bukowski

Über das Leben Wladimir Bukowskis hätte man wie über das Leben eines Siegers schreiben können. Und tatsächlich erhielt er nach zwölf Jahren Haft in sowjetischen Lagern und Psychiatrien nicht nur die Freiheit zurück, sondern auch weltweite Anerkennung, war mit den berühmtesten Politikern und gesellschaftlichen Größen der modernen Welt befreundet, hatte einen realen Einfluss auf die Haltung des westlichen Establishments gegenüber Russland.

Er wurde zur historischen Figur, was soll man da sagen. Er war seiner Zeit so weit voraus, wie er ihr voraus sein konnte. Heute schätzen wir in der Ukraine die Unterstützung, die uns Vertreter der russischen Gesellschaft nach dem Überfall Putins erweisen.

Aber Bukowski unterstützte die Freiheit der Ukrainer schon im Jahr 1977, als diese Freiheit der Mehrheit der Einwohner der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik ziemlich egal war.

Eben zu diesem Zeitpunkt unterzeichnete er eine Deklaration, die vom Chefredakteur der Pariser „Kultura“ Jerzy Giedroyc vorgeschlagen wurde und in der er aufzeigte, „dass es keine wirklich freien Polen, Tschechen oder Ungarn geben wird, solange es keine freien Ukrainer, Weißrussen und Litauer und letztendlich keine freien Russen gibt.“ Wladimir Bukowski selbst hätte das Ergebnis seines Lebens nicht so zusammengefasst, gerade deshalb, weil er ein völlig ehrlicher, nicht selten bis zur Verärgerung seiner Umgebung, und kompromissloser Mensch war.

Wenn ich Bukowski nach dieser Deklaration gefragt hätte, hätte er wahrscheinlich daran erinnert, dass heute viele Vertreter der Eliten und der Gesellschaft in Ungarn, Polen und Tschechien überzeugt sind, dass sie auch ohne eine freie Ukraine hervorragend leben können und die Ukraine sich um ihre Richtungsentscheidung kümmern sollte. Ich höre das so oft in vielzähligen Diskussionen sogar mit Ukraine-Freunden in Warschau oder Prag, dass ich es satthabe, völlig offensichtliche Dinge zu erklären. Aber Bukowski hätte mir mit Sicherheit Vorwürfe gemacht, auch für die Illusionen meiner eigenen Mitbürger, die glauben, dass man mit Putins Russland reden und ruhig und frei leben könne, nicht verstehend, dass die Ukraine ohne ein demokratisches Russland dazu verurteilt ist, das Theater kriegerischer Handlungen der Diversion, im besten Fall eines „hybriden Krieges“, und des Triumphes einer billigen politischen Clownerie zu sein. Und ich wäre genötigt, ihm zum wiederholten Male recht zu geben.

Bukowski wäre jedoch noch kritischer gegenüber den Russen selbst. Für ihn wäre es unmöglich nicht zu bemerken, dass der Großteil seiner Landesbrüder in Russland sogar jetzt – und womöglich noch einige Jahrzehnte – nicht versteht, wofür er lebte, seine Sicherheit und Gesundheit riskierte, wofür er sich in Lagern quälte und die Zwangsbehandlung der Meister in der „forensischen Psychiatrie“ ertrug. Ein Großteil seiner Landleute – und wenn es nur seine Landsleute wären! – denken bis heute nostalgisch an das sowjetische Regime, an einfache Entscheidungen und das „WirsinddochBrüder“. Dem Großteil seiner Landsleute – und wenn es nur seine Landsleute wären! – erscheint die Sklaverei, in der wir lebten, immer noch nicht als Sklaverei. Und sie lehren diese dumme Weisheit ihren Kindern, die genauso in ihrer Mehrheit als hoffnungslose und nicht sehr weitsichtige „Sowjetleute“ aufwachsen, nur mit Kopfhörern. Putins Regime, das Regime Lukaschenkos, das Regime Nasarbajews, die Ergebnisse der Präsidenten- und Parlamentswahlen in der Ukraine 2019, sind klare Beweise dafür, dass es Bukowski nicht gelungen ist.

Diejenigen, die sagen, dass ich die Ukraine hier nur der schönen Worte wegen anführe, dass die Ukraine doch schließlich eine Demokratie sei und es nicht korrekt sei unseren neuen Präsidenten mit Lukaschenko und Putin zu vergleichen, erinnere ich daran, dass Wladimir Bukowski sich gegen autoritäre Tendenzen im Leben der russischen Gesellschaft keineswegs nur in Zeiten der Sowjetunion gestellt hat und bei weitem nicht erst, als sich das Putin-Regime formte. Er reagierte auch scharf auf den Autoritarismus Jelzins, damals als ein großer Teil der Bevölkerung und der Persönlichkeiten der Gesellschaft und der Journalisten – darunter auch ich – meinten, dass die Bewegung in die richtige Richtung geht und nur mitleidig lächelten, als wir seine Invektiven hörten. Im Ergebnis werden wir nun unser ganzes Leben lang diesen Ausgangspunkt suchen – und vielleicht sogar finden, vielleicht haben wir ihn sogar schon gefunden – an dem sich jeder von uns geirrt hat und es zuließ, sich benutzen zu lassen. Irgendwer hatte für diesen Fehler schon mit dem Leben bezahlt, irgendwer mit verdorbener Reputation und Karriere, irgendwer wurde marginalisiert. Und nur Bukowski konnte über diese Niederlage mit reinem Gewissen nachdenken. Und ich denke, vielleicht ist eben dieses reine Gewissen die Gewähr für den Erfolg des Lebens, auch dann, wenn deine politische Mission offensichtlich im Misserfolg endet?

28. Oktober 2019 // Witalij Portnikow, Journalist

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Anja Blume — Wörter: 726

Anja Blume ist Sozialpädagogin und übersetzt - zwischen eigener poetischer Tätigkeit - auch immer wieder Märchen und Lieder aus dem Russischen ins Deutsche. Ehrenamtlich ist sie im Bereich der internationalen Jugendarbeit tätig.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Facebook, Google News, Telegram, Twitter, VK, RSS und per Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 6.0/7 (bei 2 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

#1 von Anonymous
Ukraine ist da wo die griechisch-katholische Kirche ist.
Zuerst der Geist dann der Rest.
Erst wenn die griechisch-katholische Kirche in der "Ukraine"
mehr als 25 Millionen Mitglieder hat,
dann kann die kleinrussische Oligarchie uns nichts mehr anhaben.
Semper Fidelis !
(Motto der ukrainischen Stadt Lviv
AMEN.

Kommentar im Forum schreiben

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Wie endet der russische Angriffskrieg in der Ukraine?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen
Kiewer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)9 °C  Ushhorod12 °C  
Lwiw (Lemberg)10 °C  Iwano-Frankiwsk11 °C  
Rachiw11 °C  Jassinja9 °C  
Ternopil10 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)13 °C  
Luzk9 °C  Riwne11 °C  
Chmelnyzkyj10 °C  Winnyzja10 °C  
Schytomyr8 °C  Tschernihiw (Tschernigow)8 °C  
Tscherkassy11 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)11 °C  
Poltawa9 °C  Sumy9 °C  
Odessa16 °C  Mykolajiw (Nikolajew)14 °C  
Cherson14 °C  Charkiw (Charkow)11 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)13 °C  Saporischschja (Saporoschje)14 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)12 °C  Donezk15 °C  
Luhansk (Lugansk)12 °C  Simferopol12 °C  
Sewastopol15 °C  Jalta16 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Für whatsapp braucht man das Telefon mit der Nummer nicht. Man kann prinzipiell von jedem Smartphone mit anderer Nummer unter dieser Nummer sozusagen antworten. Man muss nur einmal beim Einrichten auf...“

„@AndyR Bist du dir sicher, dass dieses Schreiben wirklich von dieser Jana kommt? Solche Russischfehler macht kein Muttersprachler. Das sieht so aus, als ob das irgendein Typ mit rudimentären Russischkenntnissen...“

„@AndyR Bist du dir sicher, dass dieses Schreiben wirklich von dieser Jana kommt? Solche Russischfehler macht kein Muttersprachler. Das sieht so aus, als ob das irgendein Typ mit rudimentären Russischkenntnissen...“

„Btw. der russische Teil des Dokuments sieht wie eine zusammengestümperte automatische Übersetzung ins Russische aus. Und für alle Mitlesenden. Ab heute sollen die Grenzkontrollen zwischen den besetzten...“

„Die Separatistenbehörden schreiben Briefe auf Englisch und mit Summen in USD. Lach die Tante aus und verschwende keine Zeit mehr mit dem Schwachsinn. Sie müsste auch Karmasina heißen und nicht Karmasin....“

„Leider kein Ukrainisch, etwas Russisch, das ließ an VHS am Wohnort realisieren. Vor dem Krieg hatte ich Ukrainisch vor zu lernen, da die Ukraine immer mehr ein Lebensmittelpunkt wurde. Jetzt ist es anders...“

„Dank an Handrij... der weiß immer Rat. Ich wollte das nicht so deutlich sagen, social engineering ist ein Wirtschaftszweig! Am Ende weißt Du nicht mal ob das Geld Deiner Bekannten zufließen wird oder...“

„Dank an Handrij... der weiß immer Rat. Ich wollte das nicht so deutlich sagen, social engineering ist ein Wirtschaftszweig! Am Ende weißt Du nicht mal ob das Geld Deiner Bekannten zufließen wird oder...“

„Denkst ja selbst dass dies nicht möglich ist. Hatte heute früh von welchen gelesen die sind halt über Russland nach Belarus. Und da war jetzt die Frage ob sie die weiterreisen lassen in die EU. Ich...“

„Ist immerhin möglich dass da jemand in die eigene Tasche wirtschaften will. Nur mich würde ja mal interessieren über welche Grenze es da gehen soll. In Richtung Ukraine oder Richtung Russland? In Richtung...“

„Ist immerhin möglich dass da jemand in die eigene Tasche wirtschaften will. Nur mich würde ja mal interessieren über welche Grenze es da gehen soll. In Richtung Ukraine oder Richtung Russland?“

„... Ich bin mir nur unsicher, ob das wirklich so ist das bei der Ausreise aus Donetzk verlangt wird die "Schulden" zu begleichen. Das kommt mir irgendwie komisch vor. Tja, wie das nun mal so ist, wenn...“

„Welcher Grenzer auf diesem Planeten kennt die Steuerschulden der Landeseinwohner und das gerade dann in Donezk, welche Steuerschulden, Russische, Ukrainische? Es erscheint mir von sehr weit hergeholt zu...“

„Ja. das ist wohl war. Die Gefahr in Gefangenschaft zu geraten ist groß. Und das sie in Richtung Ukraine ausreisen"darf" ist ja eigentlich auch komisch.“

„... Ich bin mir nur unsicher, ob das wirklich so ist das bei der Ausreise aus Donetzk verlangt wird die "Schulden" zu begleichen. Das kommt mir irgendwie komisch vor. Tja, wie das nun mal so ist, wenn...“

„Ja. Das ist richtig, ich habe Yana schon mehrfach in Deutschland getroffen. Honigfalle ist vielleicht auch der falsche Begriff. Ich sollte vielleicht noch erwähnen, das hier in dem Fall von beiden Seiten...“

„Das Wesen von Honigfallen oder Scam beurht doch darauf, dass sich die Kontakte nie von Angesicht zu Angesicht treffen. Du hast deine Yana aber offenkundig schon ein paar Mal in deiner Heimat treffen können....“

„Hallo zusammen, ich komme mal gleich zur Sache und "nerve" euch wahrscheinlich, weil diese oder ähnliche fragen hier mit Sicherheit zu hauf gestellt und behandelt worden sind. Durch die aktuell Entwicklung...“

„So wie du schreibst verstehe ich nur Bahnhof. was willst du eigentlich? Mein Eindruck ist du hast von gar nichts eine Ahnung, verstehst nur die Infos welche deine Freundin bekommt falsch.“

„Hallo Bernd Nein es geht mir vor allem, wie sie hier bleiben kann. Ein Corona Test kommt aber definitiv nicht in Frage. Es ist sogar gesetzlich so beschlossen, das es nicht gemacht werden muss. Aber wie...“

„Hallo Oliver, geht es Dir um den Coronatest? Oder um die Anzahl der Tage in den man in den Schengenraum als TOURIST einreisen darf? Auf diese Frage lautet die Antwort, maximal 90 Tage innerhalb von 180...“

„Moin Meine Freundin kommt aus Kiew. Seit dem Krieg ist sie im Mai ( für 16 Tage ) im Juni/Juli (ca 50 Tage) und im September ( 23 Tage) in den Schenken Raum eingereist. Im September war sie 14 Tage hier...“

„Gut ist es im Anschluss an die ukrainische Ehe in D eine deutsche Heiratsurkunde zu beantragen. Das läuft beim deutschen Standesamt einfach ab. Bei mir gab es schon Gelegenheiten wo sich das als nützlich...“