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„Warum wir zu Hause sind“: Zwei Geschichten aus der Ostukraine

„Im Laufe des letzten Jahres kehrten tausende Familien mit Kindern zurück. Am Anfang kam es zwischen einigen Menschen zu Konflikten – diejenige, die Beschießungen erlebt hatten, waren nicht bereit, diejenige, die zurückkehrten, zu akzeptieren“, erzählt Irina Pribinskaja aus Staniza Luganskaja.

Sie floh und kehrte wieder zurück. „Mein vierjähriger Sohn weinte dauernd: Ich will nach Hause, schalte den Fernseher an und schau, ob der Krieg vorbei ist.“ Irina spricht sanft und ruhig darüber, ohne jemanden zu beschuldigen, „Wir stehen schon seit über zwei Jahren unter Beschuss, alle sind müde vom Krieg, ich will mich nur ausschlafen.“

Sogar die, die an neuen Orten Fuß gefasst haben (so wie der Unternehmer Bogdan Tschaban aus Donezk oder der Landschaftsdesigner Oleg Boschko aus Altschewsk), geben offen zu, dass es ihnen an vielen fehlt – am Freundschaftskreis, an der Beziehung zu Verwandtschaft, und einfach an der Landschaft der Heimat oder ihren Gerüchen. Und was schlimmer ist, diese permanente Sehnsucht nach der Heimat oder die reale physische Gefahr, weiß man nicht.

Deshalb bleiben viele auch unter gefährlichen Bedingungen, solange es möglich ist, zu Hause, so wie Sergej Pitschachtschi aus Sartana. Oder sie kommen, wie unlogisch das auch klingen mag, mit Kindern an die Frontlinie zurück, so wie Irina Pribinskaja. Sie verstehen, dass sie zu Geiseln der Situation geworden sind. Noch besser wäre es, wenn das nicht nur die Bevölkerung an der Frontlinie versteht, sondern alle, die sich nicht auskennen, aber pauschalisieren – „Sie alle wollten das doch selbst“.

Irina Pribinskaja aus Staniza Luganskaja

Manche sind hier geblieben, manche sind nun auf der anderen Seite, viele Familienbande wurden zerstört, damit sind viele Familien konfrontiert. Wir wissen alle, dass die Menschen dort einer Gehirnwäsche unterzogen werden. Mich rief eine Studienfreundin aus Lugansk an mit der alten Leier: „Der Rechte Sektor ist doch bei euch einmarschiert – töten sie, vergewaltigen sie? Ich antworte: „Ich gehe arbeiten, bringe mein Kind in die Kita, Soldaten haben zwei Kartons Fleischkonserven, drei Säcke Kartoffeln, Kondensmilch, Spielzeug und Bücher in die Kita gebracht. Wenn einer hier nicht gewesen ist, – was hat er für ein Recht, uns zu beschuldigen oder sagen, wie wir hier zu leben haben? Wir haben viele Arbeitslose. Unsere Ortschaft ist eine Eisenbahnortschaft. Die Verbindungen sind jetzt gesperrt. Andere Betriebe nehmen erst jetzt ihre Arbeit wieder auf. Wir waren eng mit Lugansk verbunden. Heute gibt es Menschen, die gezwungenermaßen dort weiter leben müssen, weil man die Familie ernähren muss. Was für Arbeit gibt es dort? Auf dem Markt. Oder im Dienstleistungsbereich – Friseur, Maniküre usw. Ich würde aber meine Nägel nicht machen lassen. Ich kann für dieses Geld eine Woche lang mein Kind ernähren. Ich habe aber auch keinen Bedarf dazu, habe wirklich andere Probleme.

Irina Pribinskaja aus Staniza Luganskaja

Die Beschießungen dauern schon über zwei Jahre. Seit dem 11. Mai 2014, nach dem berühmt-berüchtigten Referendum, war es hier nicht klar, wessen Kugeln hier über unsere Köpfe pfeifen. Später wussten wir schon, dass zu bestimmten Uhrzeiten geschossen wird, dass man nach 18 Uhr nicht weit vom Keller sein sollte und um 9 Uhr früh ganz ruhig Brot holen gehen kann, weil es ruhig war.

Wir haben auf uns aufgepasst, sind nicht außerhalb des Hofes gegangen. Seit Mitte Juli lebten wir ohne Strom, Telefon- und Fernsehverbindungen. Nachrichten – nur das Wetter. Am 18. August nahm die ukrainische Armee unsere Ortschaft ein. Endlich nahmen unsere Verwaltungsbehörden wieder die Arbeit auf, Lebensmittel wurden geliefert. Stromnetze wieder zu errichten war sinnlos – tagsüber reparierst du, nachts werden sie wieder zerstört. So blieben wir ohne Strom bis Mitte November. Krankenwagen gab es während Beschießungen keine. Das einzige Transportmittel, das durchkam, war der Brotwagen, der auch schon einige Schüsse abbekommen hatte. Brot wurde einmal am Tag geliefert. Die Leute wussten, dass sie um halb 9 vor dem Laden warten sollten. So haben wir Neuigkeiten ausgetauscht, wer was wo gehört hat, wie wir die Nacht überlebt haben.

Die Kindergärten waren ein Jahr lang geschlossen, vom Juni 2014 bis zum Mai 2015. Die Schulen haben versucht, aufzuhaben, auf eigene Gefahr. Eine Schule zum Beispiel wurde zwei Mal voll getroffen. Sie können sich vorstellen, was es heißt, zwei Monate lang im Winter ohne Strom, ohne Heizung und ohne Wasser zu leben. Wer Stromgeneratoren hat, konnte sein Handy laden und mindestens ab und zu Nachrichten gucken. Und wiederum, wissen Sie, welche wir hier noch haben?

Wir haben kein ukrainisches Fernsehen. Wir gucken (die russischen Sender) LifeNews, Rossija24. Was bekommen wir dort zu sehen? Ist doch klar…

Es gab Zeiten, wo es den Menschen gleichgültig wurde, Ukraine, Russland oder Malaysia. Hauptsache, es wird nicht mehr geschossen. Zwei Monate unter dauerhaftem Beschuss zu leben… Viele ältere Frauen flehten nur: „Ich wäre lieber tot. Wir können so nicht weiter.“

Jetzt wird mehr auf die Positionen der Soldaten geschossen, auf die Felder und Wälder. Früher wurden Ortschaften beschossen, Kindergärten, Schulen und Wohnhäuser. Und das Allerschlimmste ist, wenn man im Keller sitzt und nicht weiß, was draußen los ist, wer schießt und wann das aufhört. Man wünscht sich nur, dass das Licht angeht, um sich waschen zu können, das Essen zuzubereiten und die Wäsche zu waschen. Keller sind auch eine Glückssache. Für mich mit dem Kind was es einfach sicherer im Keller zu schlafen als neben dem Fenster. Obwohl mir auch klar war, dass wir keine Chance haben, wenn das Haus getroffen wird.

Ich saß im Keller von Ende November 2014 bis zum 14. Februar 2015. Das neue Jahr begingen wir so – alle haben Wunder erwartet, aber um 10 Uhr abends war das Licht weg und ja… es wurde wieder geschossen. Auch am 1. Januar wurde geschossen. Zu Besuch sind wir nicht gegangen. Aus dem Haus ging niemand ein weiteres Mal. Sogar zum Wasserholen nur sprungweise. Einmal ging der Nachbar Wasser holen und wurde von einer Granate getroffen, ja, es gibt den Nachbarn nicht mehr… ein Pechvogel. Es ist so schwierig zu begreifen, dass wir uns mittlerweile daran gewöhnt haben. Wurde einer getroffen? Och, wie schlimm, aber gut, dass es nicht einer von uns war. Und die Leute sind daran nicht schuld. Wenn der Beschuss beginnt, liegst du im Bett und denkst, wieder lassen sie dich nicht schlafen. Du denkst nicht darüber nach, dass du und dein Kind in Lebensgefahr sind und dass du weg musst, dich verstecken musst. Nein, du denkst nur, dass du nicht nicht schlafen kannst. Ich glaube, das ist keine normale Reaktion.

Wir hatten auch versucht, wegzugehen, sind dann aber nach einem Monat zurückgekehrt. Mein Sohn weinte immer: „Warum sind wir nicht zu Hause? Ich will nach Hause, schalte den Fernseher an, vielleicht ist der Krieg schon vorbei.“

Als wir zurück waren, begann hier intensiver Beschuss. Einmal saßen wir im Keller und ich fragte meinen Sohn, ob er Angst hätte: „Hast du Angst?“ Er antwortete: „Ich bin zu Hause, warum soll ich Angst haben.“ Im Keller war meine Familie, meine Eltern, die Nachbarsfamilie, zwei Schwestern, die eine hatte ein kleines Kind, zwei Omas, also 10-15 Leute insgesamt. Ich habe als erstes den Erwachsenen verboten zu schreien. Ich sagte zu ihnen: “Keine Tränen bitte, macht den Kindern keine Angst.“

Das Schachspiel, Bücher, und Zeichentrickfilme, wenn man die Möglichkeit hatte, den Laptop aufzuladen. Das war aber selten der Fall. Mein Kind war damals vier Jahre alt, wir haben Buchstaben gelernt, ich las ihm russische und ukrainische Bücher vor. Der „Kobsar“ (die Gedichtesammlung von Taras Schewtschenko) war schön bunt, er mochte es am liebsten.

Manche Sachen waren meinem Sohn schwer zu erklären. Er fragte zum Beispiel: „Mama, warum schießt man auf uns? Weil wir schlecht sind? Warum haben wir keinen Strom? Warum ist er weg? Kommt er nie wieder zurück?“ Zur gleichen Zeit hören wir eine Explosion und er sagt: „Mama, hab keine Angst. Das ist die 120er, die zielt nicht auf uns.“ Das ist, wenn Kleinkinder die Waffen nach ihren Geräuschen erkennen… Ich weiß, dass er das irgendwo hört und dann wiederholt. Aber ich sehe nichts Gutes daran. Vielleicht klingt das zynisch, wir sind aber hier alle schon zynisch geworden, man soll nur an die Kinder denken, was wir für sie noch tun können. Wenn ich ehrlich bin, versuche ich nicht an den Tod zu denken. Ich habe alle Fotos weggeräumt, alles, was noch an früher erinnern könnte.

Denn wenn du plötzlich beschossen wirst, kommt dein Kind zu dir und wischt dir die Tränen ab, sieht dich mit verständnisvollem Blick an und sagt: „Mama, weine nicht, alles wird wieder gut.“ Ich will nicht, dass das tiefer und tiefer in mein Kind hinein dringt. Später erfährt er sowieso alles. Auch wenn ich es ihm nicht erzählen werde. Aber nicht jetzt. Jetzt kann ich es ihm nicht erklären, und er kann es nicht verstehen, wie es dazu kam. Und so ist es bei jedem Lehrer, jedem Elternteil, wir können jetzt unsere Kinder nur vor all dem Negativen, das über uns plötzlich heruntergestürzt hat, behüten.

Als die Schulen wieder geöffnet hatten, haben wir angefangen, Fenster und Dächer zu reparieren und die Wände zu tapezieren, denn glauben Sie mir, es ist ein schreckliches Bild, wenn die Vorhänge vor verkohlten Wände flattern.

Als der Kindergarten öffnete, kam auch die Hoffnung. Irgendwo donnert es… Aber mach dir keine Sorgen, der Kindergarten hat doch offen. Alles wird wieder gut, die Kinder gehen in die Schule, in den Kindergarten, die Omas backen ihre Piroschki-Kuchen. Die Gruppe, der Unterricht, die Kommunikation, das alles holt die Kinder ins normale Leben zurück. Wenn sie nach dem Beschuss wieder in die Schule gehen oder zum Sport- oder Musikunterricht, wenn sie einfach gemeinsam ein Buch lesen können. Wir brauchen Kinderspielplätze, jetzt sind sie zerstört. Wir brauchen Theateraufführungen, Workshops, Wettbewerbe. Glauben Sie mir, in diesen zwei Jahren war ich kein einziges Mal im Kino. Dafür muss man nach Sewerodonezk fahren, und unbedingt vor 18 Uhr zurück sein, bevor der Kontrollpunkt zumacht. Als wir das „Festival des Friedens“ hatten, war ich von dem Gedanken gefangen, dass ich schon zwei Jahre lang nicht gesehen habe, wie Menschen lachen.

Wir alle befanden uns für diesen einen Moment in dem friedlichen Vorkriegs-Staniza-Luganskaja. Es wurde das Denkmal „Staniza Luhanska – das Zentrum des Friedens“ eröffnet, die Ausstellung der angewandten Kunst, es kamen viele Vereine aus dem ganzen Oblast, Sergej Schadan (Serhij Zhadan), Anschelika Rudnizkaja und und und… Die Feldküche. Einem frischgebackenen Brautpaar und der neugeborenen Marijka wurde gratuliert. Heute haben wir in Staniza Luganskaja 560 Vorschulkinder und 2471 Schulkinder, 10-15 Kinder im Alter von zwei Jahren. Wir leben, bekommen Kinder und ziehen sie groß. In den Kindergärten arbeiten Psychologen mit Kunst-Therapien, bauen posttraumatische Störungen ab. Kinder kann man schnell ablenken und begeistern. Im Sand spielen, Blumen malen, draußen scheint die Sonne, die Mama ist da – alles Schlechte ist schon vergessen und alles ist gut. Mit größeren Kindern, die alles sehen und verstehen, ist es anders, viel schwieriger. Seit dem letzten Jahr sind ca. 80 Prozent aller Kinder in den Sommer- und Winterferien weggefahren, in die Karpaten, in die Bukowina, nach Kiew, Ternopil und Odessa. Es ist schön, dass es möglich ist, sie von hier wegzubringen, dass sie wegfahren, sich ertüchtigen, dass sie wirklich fröhlich und mental gesünder wieder zurückkommen.

Vor dem Krieg konnte sich nicht jeder leisten, weiter als nach Lugansk zu reisen. Ihnen soll es zu Hause auch gut gehen, denn du kommst aus dem Märchen zurück, hierher zurück. Alle Kinder, die weg waren, pflegen Kontakte mit neuen Freunden, per Vkontakte, Odnoklassiki, über Facebook. Sie schreiben einander auch Briefe. Die Schule Nummer 1 von Staniza Luganskaja nimmt an einem polnisch-litauischen Projekt teil. Kinder und Lehrer waren schon in Litauen. Das alles macht Hoffnung. Unser Kreis nimmt an einem Austauschprogramm teil, unsere Lehrer tauschen mit Lehrern aus der Westukraine, sie kommen nach Belowodsk, unsere Lehrer fahren zu ihnen. Zu uns nach Staniza Luganskaja laden wir noch nicht ein, wir wissen nicht, was morgen auf uns zukommt. Wir haben gelernt, so zu leben. Manchmal schießen sie die ganze Nacht. Am nächsten Morgen geht die Sonne auf, Leute stehen auf, bringen sich in Ordnung, gehen in die Arbeit, Kinder gehen in die Schulen und Kindergärten, schlafen während des Unterrichts, weil sie nachts nicht geschlafen haben. Alle wissen jetzt, es ist halb neun, bald geht es weiter mit dem Beschuss.

Im Laufe des letzten Jahres sind tausende Familien mit Kindern nach Staniza Luganskaja zurückgekehrt. Anfang kam es zwischen einigen Menschen zu Konflikten – diejenige, die die Beschießungen erlebt hatten, waren nicht bereit, diejenige, die zurückkehrten, zu akzeptieren. Wir sind hier so arm dran… Unter Kindern gibt es so was nicht, obwohl der Unterschied auch spürbar ist. Diejenigen, die hier geblieben waren, sind untereinander befreundet, diejenigen, die zurückkamen, sind ruhiger. Jetzt werden die Erwachsenen toleranter zueinander. Sie verstehen, dass wir nur Geiseln der Situation sind. Streitereien bringen nichts. Wir müssen Annäherungsschritte zueinander machen, einem fremden Kind die Hand geben. Nur zusammen können wir überleben. Ein Beispiel, neulich saßen zehn Familien im Keller, und nur einer durfte für alle Brot holen. Viele kommen zurück und sagen: „Pfeif auf die „Lugansker Volksrepublik“! Hier bin ich zu Hause!“ Ich verstehe die Menschen nicht, die Freischärler wurden. Warum? Wofür? Für die Ideen? Hatten sie zu wenig Nervenkitzel? Jetzt ist endlich das Gefühl da, dass es Zeit ist, mit dem Kriegsspielen aufzuhören. Und dann kommt mir gleich die Frage in den Sinn – wofür so viele Tote? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass wir uns vereinen sollten und für den Frieden einsetzten sollten, und uns selbst verteidigen sollten, die Zukunft unserer Kinder, unserer Siedlung. Und nicht warten, bis jemand für uns alles entscheidet. Wir müssen die Verantwortung in die eigenen Hände nehmen.

Sergej Pitschchtschi, Anästhesist aus Sartana bei Mariupol

Dieses Geschoss, das in unseren Hof gefallen war, haben wir aufgesammelt, ein Teil fiel zum Nachbarn, ein Teil neben mein Haus, der Sprengstoff zum anderen Nachbarn in den Garten… Wir haben Fotos und ein Video aufgenommen. Tagsüber sieht man das nicht, man hört es nur. Nachts kann man sogar die „Grads“ (BM-21, Mehrfachraketenwerfersystem) sehen. Wenn man aus den Haubitzen schießt, macht das ein spezifisches Geräusch, als ob man die Luft schneiden würde. Und wenn es in der Luft kreischt, dann schießt man aus Mörsern.

Sergej Pitschchtschi aus Sartana

Als Sartana zuletzt beschossen wurde, waren zwölf Häuser betroffen. Zum Glück, kam nur ein Mensch dabei ums Leben. Das ist natürlich kein Glück. Aber gut, dass es nicht viele waren. Dieser Mann ist aus Donezk hierher gekommen, hatte sich hier ein Haus gekauft, er war auf der Stelle tot.

Jetzt wird weniger geschossen. Und wir kennen uns besser aus und verstehen, woher es ungefähr kommt und wohin es geht, ob es gefährlich ist oder nicht. Alle kommen dann auf die Straße und besprechen den Beschuss, besonders Männer, die früher beim Militärdienst waren.

Es ist ruhiger geworden. Ich packe aber meine Erste-Hilfe-Tasche nicht aus. Ich habe alles gekauft, vom Verbandsmaterial bis zu verschiedenen Lösungsmitteln. In Sartana haben wir einen großen Bombenkeller – die neue Schule… Er ist nicht zwar nicht so ganz gut konstruiert, aber naja. Und einen Keller zu Hause hat ja auch jeder.

Ich schaue oft 1+1 (ukr. Fernsehsender), obwohl ich weiß, dass auch sie nicht die ganze Wahrheit erzählen. Jeden Tag höre ich dort, dass die Separatisten das und dies beschossen hätten, besonders in unsere Richtung. Hier ist es aber ganz anders, die ukrainischen Kanonen haben geschossen, die der „Donezker Volksrepublik“ (DNR) haben zurückgeschossen. Das haben wir so beobachtet, gehört und gesehen. Wie kann man dann den Medien glauben? Alle Sender, sowohl russische als auch ukrainische erzählen das, was sie erzählen möchten.

Die OSZE habe ich in Sartana nicht gesehen. Ich würde sie zu mir nach Hause einladen, als eine europäische Organisation, die den Einsatz verbotener Waffen dokumentiert. Sie sollen hören und bestimmen, denn jeder hier weiß, wo wer steht.

Mir persönlich sind folgende Sachen wichtig – ein guter Job für ein würdiges Gehalt, und dass meine Familie und meine Freunde in Frieden leben. Mein Gehalt ist derzeit 3000 Hrywnja (ca. 107 Euro), für mehr als einen vollen Job. Ich habe Frau, Kinder und Mutter zu Hause. Von meinem Gehalt wird ein Betrag für den Krieg automatisch abgezogen. Das will ich nicht zahlen. Ich will diesen Krieg nicht. Ich fürchte, dieses Geld wird nicht für den Schutz der friedlichen Zivilbevölkerung ausgegeben, sondern um sich selbst zu bereichern, sich die Taschen vollzustopfen.

Natürlich weiß ich noch, wie alles begann. Das war schrecklich. Wir waren darauf nicht vorbereitet. Wir waren früher nicht in solchen Situationen. Wenn man dich plötzlich zu Hause anruft und sagt, du musst schnell kommen, es gibt sehr viel Arbeit. In Sartana leben eine Krankenschwester und zwei Krankenpflegerinnen. Alle Krankenwagen waren überfüllt. Da ich aber ein Auto hatte, habe ich natürlich alle eingesammelt, sie warteten schon auf der Straße, und es ging schnell ins Krankenhaus. Die Aufnahme war für so viele Verletzte nicht vorbereitet. Unser Chirurg ist ein guter, erfahrener Arzt. Er bestimmte, wer wohin gehört, wer noch warten kann und wer nicht mehr, wer sofort operiert werden muss. Damals gab es viele Militärangehörige, Offiziere, Soldaten, einen Kommandanten. Und auch zivile Verletzte. DNRler, glaube ich, nur zwei. Ukrainische Soldaten lagen in der Notaufnahme, wie haben sie nicht in die Chirurgie verlegt, nach der Stabilisierung wurden sie dann auch schnell nach circa vier Tagen nach Dnepropetrowsk oder Kiew verlegt, damit sie von DNRler nicht in Gefangenschaft genommen werden konnten. Einer hatte eine Durchschusswunde am Bauch. Ein anderer war am Bein verletzt. Der dritte am Kopf, aber nicht schwer. Einer wurde mit der Trage in den Krankenwagen gebracht, der andere hinkte zwar, konnte aber laufen. Er hatte mehrere Verletzungen, aber keine schweren. Wir sind immer vorher nach draußen gegangen, um zu gucken, ob keiner da ist, und führten die Soldaten dann nach draußen. Sie hatten Angst in ihren Augen, sogar auf dem OP-Tisch. Wir haben solche Geräte wie ein Laryngoskop oder einen Tubus für die Intubation, die wie Waffen ausschauen. Ein Soldat hat sich sehr erschreckt. Wir haben ihn beruhigt und ihm gezeigt, was das ist. Er war in einem Schockzustand.

Das Wichtigste in der Militärchirurgie ist schnelle und richtige Aufteilung der Verwundeten. Die Diagnose in der ersten Phase ist das Wichtigste, wenn ein Mensch in die Aufnahme kommt, und du entscheidest, wann er dran kommt, wie er atmet, welche Verletzungen hat er. Alles Weitere ist das Können – Anästhesie, Operation, alles läuft weiter nach dem üblichen Schema. Wenn du am Anfang die richtige Entscheidung triffst… Wir haben damals auf zwei Tischen gearbeitet, alles sofort dokumentiert. In solchen Momenten bleibt dein Körper immer wach, du hast keine Zeit, an die Müdigkeit zu denken. Das kommt später. Danach entspannt man sich und fängt an, alles zu verstehen. In kritischen Situationen empfindet man aber keine Angst.

Für mich persönlich ist das etwas Unausweichliches. Ich glaube an das Schicksal. Ich bin Mediziner und glaube noch mehr an Schicksal. Und ich glaube an Gott. Von uns selbst hängt wenig ab. Wenn ein Menschen sterben soll… Wir kämpfen uns durchs Leben, aber wenn man loslassen muss, dann muss man auch loslassen. Es ist nicht immer unbedingt notwendig, am Leben festzuhalten. Jeder hat seine eigene Bestimmung.

Ich tanze jetzt natürlich sehr wenig, nur zu Hause mit meiner Frau. Ich habe wenig Zeit. Ich arbeite zu Hause wie hier. Meine Frau tanzt auch. Wir haben in Griechenland zusammen Choreografie gelernt, haben uns dort kennengelernt, kamen hierher und heirateten. Ich will nicht lügen. Ich habe früher, ehrlich gesagt, die „DNR“ unterstützt. Jetzt habe ich meine Sicht auf die Dinge geändert. Wir haben zwei Kinder, der Kleine ist drei, wir erzählen ihm, dass da draußen Donner grollt. Die ältere ist vierzehn und versteht alles. Als Sartana beschossen wurde, sagte sie: „Lasst uns vielleicht zur Oma auf die Krim fahren?“ Ich werde aber nicht weggehen. Ich bin hier in Sartana geboren und aufgewachsen. Und egal, wohin ich gehe, kann ich mich dort nicht länger als zwei Wochen aufhalten. Und meine Mutter? Ich werde meine Mutter nie zurücklassen. Das Haus, das wir gebaut haben. Was heißt es, ein Haus auf dem Land zu haben? Das ist alles, das ist das Leben. In einer kleinen Stadtwohnung gibt es das nicht. Ich will das nicht zurücklassen. Ich kann meine Frau und Kinder wegschicken und selber hier bleiben… Ich weiß es nicht.

6. Dezember 2016 // Olga Michajljuk unter Mitarbeit von Natalja Pertschischena

Quelle: Ukrajinska Prawda – Schyttja

Übersetzerin:   Tatjana Reshchynska-Praschl  — Wörter: 3518

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