FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Wird die Ukraine ohne ihren Osten überleben?

0 Kommentare

Die ukrainische Wirtschaft hängt weitaus mehr von politischer Stabilität und transparenten Spielregeln ab als von einzelnen Bergwerken und Fabriken. Die Abspaltung der Krim, Separatismus in den Regionen, der Konflikt mit Russland: All das schreckt Investoren ab, verzögert Reformen und ist somit fataler als der Verlust einzelner Unternehmen.

Der Mythos, der Donbass ernähre die Ukraine, beruht auf Statistiken, in denen nur ein Teil der Fiskalströme verglichen wird. Die ukrainische Zeitschrift „Ukraïnsʹkyj tyžden’“ („Die ukrainische Woche“) demonstrierte im Februar 2013 anhand von Berechnungen, dass das Bild vom Donbass als Ernährer der Ukraine zutrifft, wenn die Abgaben an den Zentralhaushalt und die Subventionen für die Region gegenübergestellt werden. Werden in die Berechnungen allerdings die Zuschüsse an Rentenfonds und Kohleindustrie mit einbezogen, so ergibt sich ein ganz anderes Bild.

Anteil einzelner Regionen am Bruttoinlandsprodukt der UkraineAnteil einzelner Regionen am Bruttoinlandsprodukt der Ukraine

Die Rechnung kann beliebig komplizierter gemacht werden. Ein Teil der ostukrainischen Unternehmen ist nämlich in Kiew registriert und zahlt dort Steuern. Zudem kann man noch die Vergünstigungen für einzelne Firmen, die Schattenwirtschaft sowie Tausende anderer Faktoren berücksichtigen. Die Kalkulationen sind endlos manipulierbar.

Mehr oder weniger zutreffende Aussagen über die Rolle der östlichen Gebiete kann man anhand ihres Anteils am BIP, nicht nur am Staatshaushalt machen. Um diesen Anteil ging es in einer im April 2014 veröffentlichten Studie der Kiewer Investmentgesellschaft ICU.

Berechnungen von Ökonomen der ICU ergaben, dass die Gebiete Donezk, Lugansk und Charkow vor zwei Jahren zusammen rund 21,4 Prozent zum BIP beitrugen. Angaben des Staatsdienstes für Statistik zufolge leben in diesen Regionen rund 20,6 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes.

Prognosen für das Wirtschaftswachstum der Ukraine ohne Krim und ohne OstenPrognosen für das Wirtschaftswachstum der Ukraine ohne Krim und ohne Osten

Der Osten hebt sich weder durch ein Wirtschaftswunder noch durch eine besonders schwerwiegende Krise von der restlichen Ukraine ab. Mit dem Verlust der östlichen Gebiete verliert die Ukraine 21,4 Prozent vom Gesamtvolumen des BIP. Das Wirtschaftsmodell an sich ändert sich jedoch nicht. Bürokratie, Korruption, Populismus bleiben die drei Konstanten der ukrainischen Wirtschaft.

Der Wirtschaftsmechanismus der Ukraine funktioniert in all ihren Gebieten fast identisch. Er weist Unterbrechungen auf, wovon das Staatsdefizit und das letztjährige Nullwachstum des BIP zeugen. Die wichtigste Aufgabe heute ist, die Funktion dieses Mechanismus in Ordnung zu bringen, Reformen durchzuführen. Ob mit den Ostgebieten oder ohne sie.

Demzufolge werden die Bewohner der übrigen Gebiete der Ukraine den Wegfall des Ostens nicht sofort zu spüren bekommen. Als erstes werden diejenigen darunter leiden, die dort ihre Waren verkaufen, Rohstoffe erworben oder ihre Fracht als Transitgut befördert haben. Über Jahre aufgebaute Wirtschaftsbeziehungen werden zerstört werden.

An Attraktivität für Investoren wird die Ukraine auch aufgrund eines weiteren Instabilitätsfaktors an der Grenze einbüßen. Das Land verliert ein Fünftel seiner Bürger, das sind Arbeitskräfte und Konsumenten. Letztendlich bricht der Löwenanteil an Industrie und Ressourcen weg. Das legt die Wirtschaft zwar nicht lahm, schwächt sie aber doch erheblich.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Und wie sieht die Wirtschaftslage in den Regionen im Falle ihrer Abspaltung von der Ukraine aus? Das zeigt uns der Fall Krim. Nach ihrer Annexion hat sich die Zahl der Touristen dort halbiert, viele internationale Firmen haben die Arbeit eingestellt, und die Preise sind deutlich gestiegen. Luftverkehr existiert ausschließlich mit Russland, das Bankensystem kränkelt: Visa und MasterCard werden in den Geschäften nicht mehr angenommen. Auslandsreisen und sogar Reisen in die Ukraine sind für die Bewohner der Krim erschwert.

Doch etwas Gutes gibt es: Angestellte im öffentlichen Dienst und Pensionäre bekommen nun mehr. Mit wirtschaftlichen Erfolgen der Krim hat das allerdings nichts zu tun.

Der Fiskus der annektierten Republik ist heute zu 95 Prozent von finanziellen Hilfen aus Moskau abhängig. Das ist nicht die Einschätzung der Ukraine, sondern das gab der sogenannte Finanzminister der Krim, Wladimir Lewandowskij, auf einer Tagung des örtlichen Parlaments bekannt. Die Geschäftswelt der Krim zahlt so gut wie keine Steuern mehr, schreibt die russische Wirtschaftszeitung „Wedomosti“. Lewandowskij hofft, dass sich die Krim bis Ende des Jahres zu 40 bis 50 Prozent selbst versorgen können wird: „Das ist natürlich nicht akzeptabel und wir müssen Schritte einleiten, damit wir unsere Staatskasse selbst füllen können“. Interessant wird sein, welche der ortsansässigen Unternehmer von diesen Schritten zuerst erfahren.

29. Mai 2014 // Andrej Janizkij

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Julia Ender — Wörter: 658

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 5.0/7 (bei 4 abgegebenen Bewertungen)

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)7 °C  Ushhorod5 °C  
Lwiw (Lemberg)5 °C  Iwano-Frankiwsk6 °C  
Rachiw4 °C  Jassinja2 °C  
Ternopil5 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)7 °C  
Luzk5 °C  Riwne5 °C  
Chmelnyzkyj5 °C  Winnyzja6 °C  
Schytomyr5 °C  Tschernihiw (Tschernigow)5 °C  
Tscherkassy8 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)8 °C  
Poltawa8 °C  Sumy8 °C  
Odessa10 °C  Mykolajiw (Nikolajew)10 °C  
Cherson8 °C  Charkiw (Charkow)8 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)9 °C  Saporischschja (Saporoschje)8 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)9 °C  Donezk8 °C  
Luhansk (Lugansk)11 °C  Simferopol11 °C  
Sewastopol13 °C  Jalta10 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„App funktioniert nur bedingt wieder Drohnensymbole etc. werden momentan noch nicht angezeigt“

„Hallo in die Runde. Das Thema passt nicht so, aber ich habe zum Thema ukrainischer Führerschein sonst nichts gefunden. Wie ich erfahren habe, muss ich nach 2 Monaten Aufenthalsgenehmigung in der Ukraine...“

„ Mal was Neues, gestern wurde der Grenzposten Uhryniw mit Drohnrn "bedroht", jedenfalls wurde der Grenzposten geschlossen. Was dann zu erheblichen Wartezeiten an den Grenzübergängen geführt hat.

Also, jetzt werde ich wohl auch noch die grenznahen Luftalarme kalkulieren müssen.

Interessant war, google maps wusste Bescheid, ich aber, mit meinen Dickkopf, bin halt doch erst mal nach Uhrymiw gefahren.

Also Luftalarm spielt jetzt zusätzlich eine Rolle.


“

„Ich habe mal sie Einreise in die UA (aus Polen), am Grenzübergang Uhryniw gemacht. Inzwischen 3 Mal am Freitagabend 21 Uhr MEZ. Nur zwei bis drei PKW, was schon gut ist. Aber der Hit ist, dort gibt es...“