FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Ein Weg für die Überlebenden

0 Kommentare

Immer öfter kehre ich zurück in meine Vergangenheit, zu meinen teuren Freunden, die noch leben und von ihrer traurigen Zukunft noch so gar nichts ahnen. Da, bei der Baracke dort, da seh‘ ich sie: den lächelnden Dmitrij Bassarab, Jewgenij Prischlak ganz konzentriert, Ionas Matusewitschus etwas gebückt… In der Zone, da wollte ich ein Drama schreiben über Sisyphus, der seinen Stein auf die Bergspitze gerollt hatte. Über den verlorenen Sisyphus, dem der Sinn des Lebens abhanden gekommen ist. Ich hab’s nicht gemacht… Nicht geschafft. Geschrieben habe ich aber viel. Täglich. Immer.

Ich habe überlebt. Aber die anderen, die gibt’s nicht mehr. So nah waren sie mir, so unverzichtbar. Hingehen, sie umarmen und gemeinsam schweigen. Mit jemandem schweigen zu können, ist ein großes Glück. Einfach nur schweigen. Nicht sprechen, nicht über ihren baldigen Tod, nicht über die unmenschliche Folter in der Straf-Zone (ja, Pidgorodezkij, der wusste von seinen 37 Jahren Knast und Lager auch nichts). Ich habe überlebt, aber das Siysyphus-Drama immer noch nicht geschrieben. Vieles andere schreibe ich, täglich, immer. Ich bin dazu verpflichtet, weil ich überlebt habe. Damit sie nicht in Vergessenheit geraten.

Wer hat gewonnen? Stalin oder Breschnew? Oder etwa die alten Lagerinsassen, deren Jugend im Gulag begann? Eines weiß ich mit Sicherheit: Der Tyrann gewinnt dann, wenn sich auf den Gräbern der Opfer namenlose Hügel befinden. Ich bin ein Überlebender, stelle die Schilder auf, zur Erinnerung. So wie ich’s kann, wie ich’s weiß. Mit Herz und Verstand. Und die anderen Schilder, die auf einen mit Unkraut zugewachsenen Weg zeigen, einem Weg für die Lebenden. Für die gedächtnislosen, verlorenen Lebenden, die dem Führer immer treu sind. Ich lebe in einem gedächtnislosen Land.

Immer öfter kehre ich in die Vergangenheit zurück. Zu denen, die gesiegt haben, über sich selbst, ihr Leben, ihre Angst. Jahre des Widerstandes verbrachten sie in Wäldern und Bergen, in Erdlöchern bei Nacht, dann 25 Jahre Haft in Gefängnissen und Lagern. So sah es aus, ihr Leben. Einfache Leute, nicht sehr gebildet, wenig belesen, wollten sich keiner Geschichte widmen. Schwer hab‘ ich’s ohne sie in diesem gedächtnislosen Land. Sehr schwer. Ich bin immer noch der Fremde, der Einsame. Wie auch damals, vor meinem Arrest und der Verurteilung im Jahr 1972. Verurteilt: Ein fremder, einsamer, nicht mehr ganz junger, russischsprachiger Jude, der sich selbst als Ukrainer sieht. Die alten Lagerinsassen – das waren meine Leute.

Der weise Camus hatte davor gewarnt: Kehre nie dahin zurück, wo du deine Jugend verbracht hast. Aber ich kehre immer häufiger dorthin zurück, immer öfter und öfter. Keine Träume, sondern Erinnerungen. Nicht, weil ich die Chroniken der Zone WS 389/35 lese, sondern ich hab‘ die geschrieben, ich hab‘ den Abtransport in die Freiheit vorbereitet. Erinnerungen, die sind am ehrlichsten. Die eigenen, subjektiven Erinnerungen. Ich bin kein Historiker, das sind meine subjektiven Erinnerungen. Ich lebe auf dem Friedhof? Ja, kann sein. Auf einem Friedhof mit bespuckten Gräbern, wo ich Schilder aufstelle. Eine sehr eigenartige Tätigkeit, der ich da nachgehe – sich erinnern, schreiben und Schilder aufstellen.

Camus hat über Sisyphus geschrieben. Ein großartiger Text übers Heldentum. Aber er blieb unveröffentlicht in der SU. Alber Camus war kein „Anti-Sowjet“. Er zerstörte die Grundlage totalitärer Ideologien. Die der Nazis und der Sowjets. 1972 warf man mir anti-sowjetisches Verhalten vor und propagandistisches Lesen und Verbreiten der Werke Alber Camus. Ja, so ein Land war das. Eines, das Angst hatte vor Camus und seinem Sisyphus.

Soll ich mein Sisyphus-Drama noch schreiben? Ich bin mir nicht sicher.

20. Januar 2012 // Semjon Glusman – Arzt, Mitglied des Kollegiums des Staatlichen Gefängnisdiensts der Ukraine

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Maria Ugoljew — Wörter: 596

Maria Ugoljew ist freischaffende Journalistin und Übersetzerin. Sie hat erst Slawistik, Kunstgeschichte sowie Musikwissenschaft in Greifswald und Brno studiert und dann bei einer Lokalzeitung volontiert. Heute lebt sie in Berlin.

Kontaktformular




Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 5.0/7 (bei 1 abgegebenen Bewertung)

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)13 °C  Ushhorod17 °C  
Lwiw (Lemberg)14 °C  Iwano-Frankiwsk14 °C  
Rachiw12 °C  Jassinja12 °C  
Ternopil14 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)17 °C  
Luzk14 °C  Riwne13 °C  
Chmelnyzkyj14 °C  Winnyzja16 °C  
Schytomyr12 °C  Tschernihiw (Tschernigow)10 °C  
Tscherkassy14 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)13 °C  
Poltawa12 °C  Sumy11 °C  
Odessa17 °C  Mykolajiw (Nikolajew)15 °C  
Cherson15 °C  Charkiw (Charkow)13 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)17 °C  Saporischschja (Saporoschje)15 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)14 °C  Donezk13 °C  
Luhansk (Lugansk)15 °C  Simferopol13 °C  
Sewastopol15 °C  Jalta15 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Der Blockposten zwischen Ustyluh und Urgyniw an der Oblastgrenze hat mich, das war jetzt aber nur einmal, auch nach 23 Uhr passieren lassen, lässt für mich den Schluss zu, auch hier ist 24/7 passierbar.“

„Kann nur zum Blockposten vor USTYLUH sagen, der ist geöffnet 24/7 und der Blockposten vor URGYNIW schließt von 23.00 Uhr bis 04:00 Uhr. (Fahrtrichtung Grenze/Ausreise); Wer in Richtung Landesmitte fährt,...“

„Ja, der Grenzübergang in Ustyluh ist echt toll geworden, ich habe letztens den Spaß gemacht und angedeutet, dass wohl jetzt die Polen eifersüchtig sind auf diese Arbeitsplätze. Die Zöllnerin hat zustimmend...“

„Fahre am Sonntag nach Lwiw und will noch am späten Abend einreisen. Hat da jemand Erfahrung wegen der Wartezeiten und ist dann die Weiterfahrt wegen der Sperrstunde nicht möglich ?“

„Montag letzte Woche 11 Uhr, komplett, von Schranke zu Schranke in 21 Minuten, optimal. Ansonsten für diesen Zeitpunkt 30 bis max 40 Minuten einplanen“

„Ich schau immer bei ... ... , finde es nicht schlecht, liegt meiner Meinung nach nie KRASS daneben, DIE gemeldeten Zahlen kann man zumindest für eine seriöse Entscheidungsfindung heranziehen.“

„Hallo Handrij, Bin letzten Freitag am Abend um 22 Uhr ausgereist. In 40 Minuten total, am Freitag! Ich schildere nochmals den Ablauf, damit der optimale Ablauf nachvollziehbar wird. Ankunft vor dem Grenzübergang,...“

„Falls dann da eine Erweiterung der APP kommt oder was neues, werde ich natürlich ausprobieren und dann berichten. Hab mir jetzt mal die APP geholt, derzeit funktionieren ja nur Busse und LKW, im Grunde...“

„Ich vermute Geldmacherei! Immerhin kostet die bescheuerte Karte über 1000 Hrivnas+ Krankenversicherung für 2000 Hrivnas und ungefähr 300 Euro Absicherung beim Ernstfall, die aber kein Arzt der Ukraine...“

„Bekannte (UA) ist gestern gegen 17 Uhr wieder in Korczowa eingereist - ca. 1h“

„Bin gestern Nachmittag um 15.00 Uhr Kiewzeit am Grenzübergang Zosin / Ustiluh eingereist. 12 PKW in der Schlange nach ca. 20 Minuten war ich im Grenzbereich, da erstmals die EU Spur nur EU Kennzeichen,...“