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Eine Etüde in postkolonialen Tönen

Nun hat also das Jubiläumsjahr 2011 begonnen. In diesem Jahr wird die unabhängige Ukraine zwanzig und es sind ebenfalls zwanzig Jahre seit dem Zerfall der Sowjetunion vergangen. Für die Einen der tragische Untergang der gemeinsamen Heimat. Für die Anderen die Erfüllung des jahrhundertealten Traums von der Freiheit.

Die Ukraine wird häufig als postkolonialer Staat bezeichnet. Natürlich hatte ihr abhängiger Status in den Zeiten des Russischen Imperiums und der Sowjetunion seine Spezifik, aber man sollte nicht das Offensichtliche verleugnen: Sehr vieles verbindet unser Land mit den ehemaligen Kolonien Großbritanniens und Frankreichs. Und solche Fragen, wie die der Entwicklung der ukrainischen Kultur oder des nationalen Befreiungskampf der UPA, sollte und muss man im weltweiten Kontext betrachten.

Leider sind die Begriffe des „Kolonialismus“ und des „Antikolonialkampfes“ zu eng mit den abgedroschenen, ideologischen Stereotypen der 1950er und 1960er Jahre verbunden. Und häufiger erinnern die Erörterungen über die postkoloniale Ukraine an eine fünfzig Jahre alte Karikatur der Kukryniksy (sowjetisches Künstlerkollektiv). Obwohl wir, die wir im XXI. Jahrhundert leben, die Möglichkeit haben, viele Dinge tiefer und breiter zu betrachten.

Die erbitterten Streitigkeiten auf den Ruinen eines jeden Imperiums – des britischen, des französischen oder des sowjetischen – entfalten sich nach Schema F. Die Nationalisten beschuldigen die ehemaligen Kolonialisten der Ausbeutung der natürlichen Reichtümer, des Despotismus der Statthalter und der Verdrängung der traditionellen Kultur.

Die Imperialisten lobpreisen Infrastruktur, Bildung, Medizin und soziale Stabilität. Nun ja, beide Seiten haben auf ihre Art Recht.

Der Kolonialismus ist eine zu schwierige und widersprüchliche Erscheinung, um ihn für etwas eindeutig Gutes oder Böses zu halten. Und genauso schwer steht es um eine entsprechende Bewertung der Dekolonisation.

Indem sie die Staatlichkeit erreicht hatten, erhielten die Völker der Erde die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Aber damit einhergehend wurde die Entkolonialisierung zu einer schwerwiegenden humanitären Katastrophe, die Millionen Menschenleben forderte.

Wirtschaftlicher Verfall, soziale Degradierung, menschenfeindliche Regime, ethnische Säuberungen, blutige Bürgerkriege – davon hatten die begeisterten Unabhängigkeitskämpfer sicher nicht geträumt.

„Die Nationen und Staaten sind aus ihrem Jahrhunderte währenden Schlaf erwacht! Die alte Ära des weißen Mannes, der den Planeten mit seinen Kriegen verwüstet hat, ist vorbei. Eine andere, durchdachtere und menschlichere Ära ist angebrochen“. Heute wirken diese, auf der Afro-asiatischen Konferenz in Bandung im Jahre 1955 ausgesprochenen, Worte wie eine böse Verhöhnung…

Die frohen Hoffnungen, die mit dem Zerfall der Sowjetunion verbunden waren, erfüllten sich ebenfalls nicht. In den letzten zwei Jahrzehnten konnten sich die Ukrainer davon überzeugen, dass die Unabhängigkeit beileibe kein Allheilmittel sondern höchstens eine Chance ist. Und um diese Chance entsprechend zu nutzen, muss man die Emotionen beiseite schieben, sich von den gewohnten Dogmen verabschieden und Fakten und Logik sprechen lassen. Dann stellen sich viele Probleme, die auf die eine oder andere Weise mit dem Kolonialismus zusammenhängen, in einem neuen Licht dar.

I

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Welche Perspektive bieten die Methoden der UPA und anderer nationaler Befreiungsbewegungen? Sollen wir den bewaffneten Terror im Sinne der Zukunft der Nation zulassen? Lassen wir alle unnötige Sentimentalität beiseite. Das Problem besteht in etwas anderem: Die Zukunft, die mit derartigen Methoden erkämpft wird, erweist sich kaum als wolkenlos.

Wohin führt die Machtübernahme durch jene, die man noch gestern als „Banditen“ und „Terroristen“ bezeichnete? Zu ernsthaften Veränderungen im gesellschaftlichen Bewusstsein. Es erfolgt eine Legitimation der bewaffneten Gewalt als Instrument des politischen Kampfes, und infolge dieser Legitimation wird der unabhängige Staat ausgerufen.

Das selbstständige Israel entstand dank des Terrorismus und kämpft nun schon viele Jahre mit den Arabern, die sich die Methoden der illegalen Zionisten angeeignet haben. Der treffenden Äußerung eines Historikers nach wurden die palästinensischen Kämpfer zu unehelichen Kindern der jüdischen „Irgun“.

Das unabhängige Algerien wurde von den unbarmherzigen Partisanen der Nationalen Befreiungsfront geschaffen, heroisierte ihren Kampf und erhielt im Ergebnis einen verheerenden Bürgerkrieg, der mehr als 100.000 Menschleben kostete. Die Aktivisten der Islamischen Befreiungsfront erwiesen sich als würdige Schüler der FNO.

Ein ähnliches Bild beobachten wir in Vietnam, Indonesien, Angola, Mosambik, Haiti und vielen Ländern Südamerikas… Sogar das europäische Irland, welches das britische Joch mit terroristischen Methoden überwunden hatte, versank alsbald in einem Bruderkrieg.

Der unabhängigen Ukraine wurde das Rüstzeug zum Leben 1991 nicht von selbstlosen Aufständischen gegeben, sondern von den gelandeten, demokratischen Patrioten. Aber sollte man deswegen betrübt sein?

II

An allem sind die verdammten „Eindringlinge“ Schuld, die Russifizierung, der zersetzende Einfluss Moskaus und das Vergessen der nationalen Traditionen! Derartige Ansichten, die im patriotischen Milieu sehr verbreitet sind, glänzen nicht durch Neuheit und Originalität. Vor uns steht die antikoloniale Theorie, welche von linken Kreisen in der Mitte des XX. Jahrhunderts aktiv propagiert wurde.

In den fünfziger und sechziger Jahren überzeugte man sich davon, dass die sozial-ökonomischen Probleme der unabhängigen Länder eine Folge dieser kürzlichen Unabhängigkeit selbst waren, und der darauf folgende Kampf mit dem kolonialen Erbe der Schlüssel zur Blüte. Leider erwies sich die Realität als weitaus schwieriger als alle schlanken Dogmen. Jene Anführer, die sich bemühten, die Doktrin in die Praxis umzusetzen – wie, zum Beispiel, der erste Präsident Ghanas, Kwame Nkrumah – erlebten ein vernichtendes Fiasko.

Natürlich kann man auch nach Jahrzehnten alles Elend der ehemaligen Kolonien mit der nicht ausreichend sorgfältigen Beseitigung der kolonialen Überbleibsel erklären. Aber hier liegt das Paradox: Beim Staatsaufbau waren beileibe nicht jene erfolgreich, die eifriger als andere mit dem Erbe der Kolonialherren gekämpft hatten.

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Der singapurische Reformator Lee Kuan Yew schämte sich nicht, zuzugeben: „Wir nutzten jene Vorzüge, die uns Großbritannien hinterlassen hatte“.

Der indonesische Anführer Sukarno merzte eifrig alle Folgen der holländischen Anwesenheit aus und führte sein Land damit in den ökonomischen Kollaps und ein blutiges Gemetzel.

Präsident Khama lernte bei den Kolonialherren, heiratete eine Engländerin und wurde mit einem Orden des Britischen Imperiums ausgezeichnet, aber das hinderte ihn nicht daran, Botsuana in ein sich dynamisches entwickelndes Land zu verwandeln.

Präsident Mobutu proklamierte die Ideologie des „reinen zairischen Nationalismus“, verbot europäische Kleidung und führte eine Kampagne zur Umbenennung fremdländischer Namen in traditionelle, aber erlöste sein Volk irgendwie trotzdem nicht von Armut, Korruption und Rechtlosigkeit.

Erfolgreich waren jene, die Patriotismus und Pragmatismus organisch miteinander verbanden. Es scheiterten jene, die glaubten, dass die zielgerichtete Liquidierung alles von außen Eingeführten helfen würde, alle Probleme zu lösen.

Die Mühlen der Geschichte kann man nicht anhalten, und es ist dumm, von der Restauration eines untergegangenen Imperiums zu träumen.

Aber ebenso töricht ist es, die unabhängige Ukraine auf Grundlage einer lange bankrotten Konzeption errichten zu wollen.

III

Das Abrücken von der primitiven Formel „Alles wegen der abscheulichen Kolonialherren!“ hilft dabei, die Probleme zu erkennen, die wirklich mit der imperialen Vergangenheit zusammenhängen. Und das schärfste von ihnen ist das Stammessystem.

Die Grenzen der unabhängigen Staaten, welche vorher einfach Bestandteil des Imperiums waren, sind häufig die Frucht der kolonialen Tätigkeit. Das heutige Territorium der Ukraine wurde ebenfalls von Zaren und Generalsekretären geschaffen, von Katharina der II. bis Nikita Chruschtschow.

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Aber eine derartige „Ansammlung von Boden“ ist eine Zeitbombe.

Die Kolonialmacht zieht die Grenzen, ausgehend von der ökonomischen Zweckmäßigkeit und ignoriert dabei vollkommen alle ethnisch-kulturellen Unterschiede. Im Ergebnis erweisen sich die ehemaligen Kolonien in der Unabhängigkeit als völlig inhomogene Gebilde. In dieser Hinsicht unterscheidet die Ukraine nur wenig von Nigeria, Kongo, Indonesien und Malaysia.

Eine bunte kulturelle Landschaft verlangt Gleichbehandlung, bürgerliche Gleichberechtigung und die Fähigkeit, Kompromisse zu finden. Im entgegen gesetzten Fall entartet das gesellschaftspolitische Leben in einen Stammeskampf, der den Staat von innen zerstört.

Ähnliche Bilder sind typisch für den afrikanischen Kontinent, wo die guineische Partei der Einheit und des Fortschritts die Interessen des Susu-Volkes repräsentiert, die Ruandische Patriotische Front die Interessen der Tutsi und die Demokratische Front Burundis die Interessen der Hutu.

Leider ist es den Ukrainern nicht gegeben, von oben herab auf das tropische Afrika zu schauen. Wir leben in einem Land, in dem anstelle von Liberalen und Sozialdemokraten Lwiw mit Donezk konkurriert.

In dem die „Linken“ die patriarchalischen Werte des Südostens verteidigen und die „Rechten“ für die Interessen Galiziens eintreten. Wo Oppositionalität als Unterstützung einer bestimmten Sprache und bestimmter historischer Helden verstanden wird, und die Regierungsmannschaft immer eine ganz bestimmte Region der Ukraine repräsentiert.

Durch die Bemühungen von Politikern und humanitärer Intelligenz wurde das Prinzip des bürgerlichen Verantwortungsbewusstseins durch jenes der ethnisch-kulturellen Identität ersetzt, und diese Situation verschärft sich mit jedem Jahr.

Auch die starrköpfigen Reanimatoren des Imperiums und die eifrigen Kämpfer gegen das koloniale Erbe, die sich um die Wiedergeburt einer bestimmten, genuinen Ukraine bemühen, gießen damit Öl ins Feuer.

Versuche, den gestrigen oder vorgestrigen Tag zurückzubringen, vertiefen nur die weitere Spaltung unserer Gesellschaft und verschärfen die schlimmsten postkolonialen Leiden.

Ein Land, das sich um wirkliche Unabhängigkeit bemüht, sollte nicht in die Vergangenheit sondern in die Zukunft blicken. Die derzeitigen Machthaber sind dazu nicht fähig. Möglicherweise erweisen sich ihre Gegner als klüger?

01. Januar 2011 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Stefan Mahnke — Wörter: 1420

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