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Im Morgenrot der Gerechtigkeit

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Gerechtigkeitsmorgenröte

Am 4. Juli feiern die Vereinigten Staaten den Unabhängigkeitstag – möglicherweise der freudenloseste in den vergangenen Jahrzehnten. Ein Fest, das von der Corona-Krise und den fortgesetzten Bürgerkonflikten getrübt wird.

Das, was auf der anderen Seite des Ozeans stattfindet, geht an den ukrainischen sozialen Netzwerken nicht vorbei. Und es schien so, dass unsere Öffentlichkeit mit dem fremden Protest mitfühlen sollte, den eigenen revolutionären Geist, die Traditionen von Wradijewka [spontane Proteste nach der Vergewaltigung und versuchten Ermordung einer Frau durch Polizisten in der Ortschaft Wradijiwka im Gebiet Mykolajiw Ende Juni – Anfang Juli 2013, A.d.Ü.] und des Maidans, die Erfahrung der spontanen Entkommunisierung und Dekolonisierung [damit sind die Denkmalstürze – vor allem Lenins – während und nach den Winterprotesten 2013/2014 gemeint, A.d.Ü.] berücksichtigend.

Jedoch die Mehrheit der Kommentatoren bewertete die Ereignisse in den USA als Exzess von Randalierern und Vandalen. Dabei stimmten die negativen Kiewer Bewertungen praktisch mit den Moskauern überein.

Natürlich ist die Ablehnung von Black Lives Matter am einfachsten mit rassistischen Vorurteilen erklärbar. Doch derartige Ablehnung rufen auch andere westliche Unruhen hervor – beispielsweise die Aktionen der „Gelbwesten“ in Frankreich. Und faktisch liegt das Problem um einiges tiefer.

Das, was der Westen als Kampf für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung ansieht, wird im postsowjetischen Raum als Kampf für unverdiente Präferenzen aufgefasst.

Der Tod von George Floyd wird als tragischer Vorfall gesehen, aber nicht als schreiende Ungerechtigkeit.

Weitaus mehr trifft das einheimische Publikum die üppige Beisetzung von Floyd im vergoldeten Sarg oder die 13 Millionen US-Dollar, die der Familie des Toten zukamen. Aus der Sicht vieler Ukrainer ist das wirklich ungerecht.

In den sozialen Netzwerken gibt die Mittelschicht den Ton an. Selfmademen und Selfmadewomen postsowjetischer Prägung. Atlanten, die ihre Schultern derart weit ausbreiteten, wie es in der depressiven Ukraine möglich war. [Bezugnahme auf den Roman von Ayn Rand „Atlas Shrugged“ (1957), der Bibel der Wirtschaftsliberalen. A.d.Ü.]

Sie sind es gewohnt stolz auf sich und ihre Leistungen zu sein. In ihrem Weltbild ergibt sich der eingenommene Platz aus persönlichen Fähigkeiten und persönlichen Anstrengungen. Und die direkte Abhängigkeit zwischen Getanem und Erhaltenen bedeutet echte Gerechtigkeit.

Jedoch im realen Leben scheitert diese schöne Formel zu oft. Die Geburt in der Familie eines Oligarchen oder einflussreichen Staatsbediensteten bedeutet mehr als hartnäckige Arbeit. Die Geburt in der Familie eines Professors oder Schewtschenko-Laureaten [gemeint ist der Schewtschenko-Preis für Kultur und Kunst, A.d.Ü.] mehr als intellektuelle oder schöpferische Fähigkeiten.

Und die Geburt in einem wohlsituierten Land bedeutet mehr als der Lebensweg, der in einem problematischen Staat gegangen wurde.

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„Nur acht Tage nach der Geburt und schon Schweizer!“ – Es wird erzählt, dass der Schriftsteller Thomas Mann diese ironische Bemerkung fallen ließ, als er das Baby seiner Züricher Bekannten sah.

Es waren die 1930er. Flüchtlinge aus Hitler-Deutschland waren in ganz Europa und versuchten die notwendigen Dokumente für eine Aufenthaltserlaubnis, einen neuen Pass zu bekommen – und oftmals erfolglos. Doch der Junge aus Zürich war bereits per Geburtsrecht Nationalsozialismus und dem sich nähernden Krieg entronnen.

Obgleich die düsteren 1930er in der Vergangenheit blieben, sind ungleiche Startbedingungen nicht verschwunden.

Die einheimische Mittelschicht bleibt eine Geißel des eigenen Staats mit seiner ewigen nachholenden Entwicklung.

Man kann in der Ukraine Berge versetzen, doch das Endergebnis erweist sich nach westlichen Maßstäben als hinreichend bescheiden.

Bei vergleichbaren Fähigkeiten und vergleichbaren Anstrengungen erhält der Einwohner des entwickelten Landes wesentlich mehr. Dieser Vorteil, der dem Europäer oder Amerikaner über das Geburtsrecht zufällt, mindert das Erreichte unserer Selfmademen und Selfmadewomen. Schafft psychologisches Unbehagen.

Zwingt zum Leiden an der ungerechten Welt, in der äußere Umstände sich als wichtiger als persönliche Anstrengungen erweisen.

Und hier kommen Leute zu Hilfe, die dem verstorbenen George Floyd ähneln. Die in Ländern der „goldenen Milliarde“ leben, doch soziale Verlierer bleiben. Ihr Beispiel überzeugt, dass nicht alles in diesem Leben durch äußere Umstände definiert wird: persönliche Leistungen sind auch etwas wert.

Man kann im erfolgreichsten Staat des Erdballs auf die Welt kommen, doch für das weitere Wachstum ist das zu wenig. Man kann einen amerikanischen Pass besitzen, doch ein Außenseiter und Drogenabhängiger sein, vor dessen Hintergrund das zielstrebige Publikum aus Kiew oder Lwiw vorteilhaft aussieht. Und das bedeutet, dass es in der Welt doch einen Platz für Gerechtigkeit gibt!

Probleme der Rassendiskriminierung interessieren bei uns kaum jemanden. Dafür wärmt die Existenz von sozial Niedrigstehenden im Westen die Seele der postsowjetischen Mittelschicht. Hilft dabei an den eigenen Lebenserfolg zu glauben, der den Umständen zum Trotz erreicht wurde.

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Doch jeder Aufruhr der westlichen Untenstehenden und die Nachgiebigkeit gegenüber den Untenstehenden von Seiten der westlichen öffentlichen Meinung verletzen unsere eigenwüchsigen Atlanten.

Wenn es für eine Verwandlung in eine weltweite Ikone ausreicht, als dunkelhäutiger Amerikaner geboren, zu einem Kleinkriminellen zu werden und durch die Hand eines Cops zu sterben, wo ist dann die Gerechtigkeit?

Geförderte Loser aus erfolgreichen Staaten rufen mehr unbewusste Eifersucht hervor als Top-Manager mit astronomischen Gehältern oder Magnate mit fantastischen Gewinnen.

Wie kolossal auch die Kluft zwischen den Bewohnern der Wall Street und dem postsowjetischen zweitklassigen Unternehmer auch sein mag, man kann sie immer mit persönlichen Anstrengungen erklären. Indem man die Augen vor den günstigen Umständen verschließt, die den fremden Erfolg begleiteten.

Doch der Erfolg der Erniedrigten und Gekränkten ist offensichtlich zu sehr an die wohlsituierte Atmosphäre gebunden, die sie umgibt.

Das Opfer von Polizeiwillkür in der Ukraine wird niemals Disney-Aktien von Hollywood-Stars als Geschenk erhalten.

Der revoltierende Ukrainer wird niemals die Präferenzen erhalten, auf die ein Teilnehmer einer amerikanischen Revolte zählen kann. Das ist zu offensichtlich und allzu ungerecht.

Das treibt zur Ablehnung fremder Proteste und animiert dazu ihre Niederlage zu wünschen. Im Inneren hofft der einheimische Beobachter, dass die westlichen Elenden unten bleiben: vorteilhaft die eigenen bescheidenen Leistungen zur Geltung bringend.

Leider sieht es so aus, als ob für unsere verletzliche Mittelschicht keine guten Nachrichten absehbar sind. Im wohlhabenden Teil des Planeten zeichnet sich ein unzweideutiger Trend ab. Die Untenstehenden sind mit ihrem Status unzufrieden und fordern dessen Revision.

Die oben sind psychologisch bereit ihnen entgegenzukommen und für die Beschwichtigung der unten zu bezahlen.

Die Idee eines bedingungslosen Einkommens erhält vor dem Hintergrund von Pandemie und Lockdowns ein zweites Leben.

Wahrscheinlich ist, dass im Westen sich die Kluft zwischen Reichen und Armen verringern wird: doch parallel dazu wird der Kontrast zwischen reichen und armen Ländern steigen. Zwischen denen, die in der Lage sind eine wohlsituierte materiell abhängige Schicht zu unterhalten und denen, die sich ein solches Vergnügen nicht leisten können.

Es ist ein Paradox, doch je mehr die westlichen Gerechtigkeitsapologeten erreichen, um so stärker verschärft sich das Gefühl der Ungerechtigkeit in der Ukraine.

Je mehr Präferenzen der erfolglose Einwohner der USA oder Westeuropas erhält, um so stärker werden unsere eigenen früheren Erfolge abgewertet.

Und um so häufiger kommen die Ukrainer auf die Idee, dass nur eine Art von persönlicher Anstrengung wirklich wertvoll ist: die Anstrengung, die es erlaubt sich von der leidgeprüften Heimat zu verabschieden.

4. Juli 2020 // Michail Dubinjanski

Quelle: „Ukrainskaja Prawda:https://www.pravda.com.ua/rus/articles/2020/07/4/7257984/

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 1150

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