FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Nachtwache in Kiew

0 Kommentare

Stellen Sie sich vor, Sie fahren nachts in Ihrem Auto zusammen mit drei Freunden. Jeder von Ihnen hat einen Helm sowie einen Baseballschläger oder einen einfachen Stock dabei. Sie fahren durch Berlin, Hamburg, München oder sogar durch das unsichere Frankfurt am Main. Draußen sind minus zehn Grad, und es schneit. Sie glauben, dass es schwer ist, sich so ein Wetter in Ihrer Stadt vorzustellen? Es gibt jedoch Dinge, die man sich noch schwerer vorstellen kann, ich würde sogar sagen, die sich der Verstand vorzustellen weigert.

Denn das Ziel Ihrer Nachtfahrt ist, erfahrene Banditen und kleine Randalierer zu fangen, die die Regierung auf die Straßen loslässt und ihnen je 20-40 Euro bezahlt. Für dieses Geld sollen sie Autos zertrümmern und alleingehende Fußgänger schlagen (häufiger) oder einfach einschüchtern (seltener). Als „Nachtwächter“ haben Sie noch eine Aufgabe – die Rettungswagen zu begleiten, die bei den Protestaktionen verletzte Menschen in Krankenhäuser fahren, denn diese Verletzten kommen oft gar nicht in den Kliniken an, stattdessen werden sie festgenommen und ins Gefängnis oder gar in den Wald verschleppt. Im besten Fall werden sie draußen herausgeschmissen, im schlimmsten getötet. Wo denn die Polizei sei, werden Sie fragen. Die Polizei arbeitet auch. Sie jagt nach solchen Volontären wie Sie und bringt sie in Untersuchungshaft. Sie versucht, die von Ihnen festgenommenen Banditen und Randalierer zu befreien. Sie lauert vor Wohnheimen auf Studenten und verhaftet sie (die Begründung dafür ist ganz einfach: wenn ein Student nachts heimkommt, bedeutet das automatisch, dass er auf dem Maidan war und die „Regimegegner“ unterstützt). Hin und wieder erfahren Sie, dass solche Volontäre wie Sie in eine Falle geraten sind: Man hat sie um Hilfe gebeten, aber als sie hinkamen, wartete schon die Polizei und die Sonderpolizeieinheit „Berkut“ auf sie. Ihre Autos werden zertrümmert, und sie werden festgenommen.

Unterwegs zum Maidan sammeln Sie weggeschmissene Autoreifen und bringen sie auf die Barrikaden. Dort werden sie ins Feuer geworfen, das Demonstranten von der Sondereinheit „Berkut“ trennt. Solange Reifen brennen, haben Sie eine Illusion, dass die „Berkut“ nicht vormarschiert.

Um 6.30 Uhr kommen Sie nach Hause und verschicken an Ihre Freunde SMS, dass Sie in Ordnung sind. Um 11.00 machen Sie die Augen auf, schauen auf die Decke und denken daran, dass man wieder den PC einschalten und Nachrichten lesen muss. Man hat Angst vor Nachrichten, aber man muss lesen, denn es besteht die Gefahr, dass schon morgen das Internet in der ganzen Stadt abgeschaltet wird! Und das ist kein Witz.

Das ist mein Kiew, eine der Hauptstädte in Europa mit den meisten Grünanlagen. Die Stadt, wo ich wohne und wo ich gerne Gäste aus der ganzen Welt empfange. Wenn dieser Schrecken einmal zu Ende ist, werde ich zu meiner Arbeit zurückkehren: Ich lektoriere zur Zeit die Übersetzung einer Monographie von meinem Freund Franco Nembrini. Dieses Buch – das sind Kommentare zu Dantes „Hölle“. Wie gerne ich schon endlich zum „Fegefeuer“ übergehen würde!

Wie auch soziologische Umfragen bestätigen, nennen die meisten Menschen, die schon seit zwei Monaten den Maidan nicht verlassen wollen, als den Hauptgrund für ihren Protest die Tatsache, dass die Regierung zur Gewalt griff. In diesem Kontext ist die Stellung der Kiewer Bürger gewissermaßen charakteristisch: Die meisten Einwohner der Hauptstadt sind ziemlich unpolitische Menschen, die jedoch alle „pro“ und „contra“ der Annäherung der Ukraine an die EU eine recht gute Vorstellung haben. Sie konnten nicht gleichgültig bleiben, als infolge der Gewaltanwendung von der Regierung auf Kiews Straßen Blut vergossen wurde. Trotz der schrecklichen Ereignisse der letzten Tage sind die meisten auf dem Maidan protestierenden Menschen überzeugt, dass die einzige Art zu beweisen, dass das Recht auf ihrer Seite ist, der Verzicht auf Gewalt ist und der Versuch, sich an legitime Mittel zu halten. Die am 16. Januar verabschiedeten diktatorischen Gesetze ließen uns jedoch keine Wahl: Wir haben verstanden, dass wir nun mit eigenen Kräften die Gesundheit und die Rechte der Menschen verteidigen müssen. Die Regierung drehte sich von dem Volk weg und spuckte friedlichen Demonstranten ins Gesicht, indem sie Banditen nach Kiew brachte und ihnen die Handlungsfreiheit gewährte. Es ist mir wichtig, zu betonen: Alle meine Handlungen haben schon lange keinen ideologischen oder politischen Charakter mehr. Ich habe keinen Wunsch, Russland zu „entfliehen“ und in die Arme der EU zu kommen. Aber ich will, dass Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde in der Ukraine respektiert werden – die Werte, die der europäischen Kultur zugrunde liegen. Ich bin in Kiew geboren und lebe hier. Ich bin Lektor im Verlag „Geist und Buchstabe“ («Дух и Литера»), der intellektuelle Literatur in Bereichen Philosophie, Geschichte, Theologie und Soziologie herausgibt.

Eine erste Version erschien am 25. Januar in La Stampa. Der russischen Version wurde noch dieser Absatz vorangestellt:

„Jetzt, eine Woche später, schlagen die von der Regierung bezahlten Randalierer Leute nicht nur in Kiew, sondern in anderen Großstädten der Ukraine und die Lufttemperatur ist viel niedriger als Minus 10 Grad. Aber nach wie vor bestehe ich auf der Unzulässigkeit der Gewalt und gebe keinem Gedanken an den Ausnahmezustand den Raum.”

27. Januar 2014 // Alexej Sigov

Quelle: Facebookeintrag

A.d.R. Zum Stand 2. Februar werden ukraineweit 36 Menschen laut der Seite Jewromaidan SOS vermisst. Dem Innenministerium liegen ganze neun Vermisstenanzeigen vor.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 5.4/7 (bei 5 abgegebenen Bewertungen)

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)-16 °C  Ushhorod1 °C  
Lwiw (Lemberg)-7 °C  Iwano-Frankiwsk-8 °C  
Rachiw-2 °C  Jassinja-1 °C  
Ternopil-9 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)-7 °C  
Luzk-11 °C  Riwne-12 °C  
Chmelnyzkyj-11 °C  Winnyzja-13 °C  
Schytomyr-19 °C  Tschernihiw (Tschernigow)-23 °C  
Tscherkassy-18 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)-16 °C  
Poltawa-18 °C  Sumy-20 °C  
Odessa-3 °C  Mykolajiw (Nikolajew)-8 °C  
Cherson-8 °C  Charkiw (Charkow)-23 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)-10 °C  Saporischschja (Saporoschje)-10 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)-13 °C  Donezk-12 °C  
Luhansk (Lugansk)-15 °C  Simferopol-3 °C  
Sewastopol-2 °C  Jalta-1 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Das sind Untermenschen, normale Menschen verhalten sich anders. Slava Ukraine Nachricht von Moderator Handrij volontaer45 wurde für diesen Beitrag verwarnt. Nazisprache ist hier unerwünscht! Un|ter|mensch,...“

„Hallo Lev, habe das im Internet gefunden, Probleme ist wohl die Grenzkontrolle ohne EU Pass, dann wird es eine Warterei von 2h..., Mein Browser hat mir das automatisch auf Deutsch übersetzt.“

„Hat eventuell jemand hier im Forum, Erfahrung mit der neuen Zugverbindung und dem Umstieg in Przemyel ?“

„Zuletzt war ich zweimal kurz hintereinander in Ustyluh/Zosin im Röntgenapparat (Polen), kostet halt jedes Mal auch noch ca. 15 - 20 Minuten..., das nervt. Nach Kiew würde ich ebenfalls die "nördliche"...“

„Kowel-Sarnyj-Korosten-Kiew, weil wesentlich weniger Verkehr als die A4-Route im Süden. Ach die Strecke kann man normal fahren? Da ist nur der Grenzübergang Dorohusk nicht möglich.“

„Das hat sich spätestens erledigt seitdem "die Russen" ein Teil der Russen von damals hinterhältig überfallen hat. Und ein Teil der Russen von damals über "den Russen" von heute genauso denkt. Heisst...“

„In diesem Zusammenhang würde mich ja Mal interessieren welche Rolle E-Autos in UA unter den derzeit herrschenden Bedingungen spielen ?“

„Gerade wir als Deutsche sollten uns jetzt hüten wieder in alte verhängnisvolle Denkmuster gegenüber "den Russen" zu verfallen !“

„Ja das könnte passen. Der stand da mitten im Wald auf der Strasse mit der Kalaschnikow um den Hals. Da waren es noch paar km bis zur Grenze. Hatte da nur den EU-Pass gezeigt, hat er mich durch gewunken....“

„Bin erst 2025 das erste Mal bei Uhryniv über die Grenze, der Blockposten ist Schätzungsweise 7 Kilometer von der Grenze weg. Ansonsten lässt sich noch vermuten ggf. Gibt da was in der Nähe, dass gerne...“

„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn. Uhryniv .... Ist das nicht der wo Armeeposten...“

„"RESPEKT " ist vermutlich das "Fremdwort" schlechthin für einen Russen. Meine Erwartungshaltung wurde " leider " nicht enttäuscht, faschistisches Russenpack, ist bleibt was es ist, ein Haufen voller...“

„Wieso Respekt? Werden die Russenfaschisten mit Absicht gemacht haben - wie kann man auch die Feiertage wie im Westen nutzen ....“

„Ja, das ist interessant, eigentlich sollen ja mit unter, Männer vor der Annäherung zur Grenze abgehalten werden und natürlich dann die Flucht außer Landes. Du hast recht, im Sommer hatte ich in Astey...“

„War über die Feiertage in der Ukraine in Luzk bei der Familie, die Russen sind schon blöde Arschlöcher, Luzk als Stadt zählt meiner Ansicht nach auch eher noch zu den ruhigeren Plätzen im Kriegsgebiet,...“

„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn.“

„Grenzübergang Urgyniw - Dolgobytschuw Wollte in der Nacht von Samstag 3.1.26 auf Sonntag 4.1.26 am Grenzübergang Urgyniw um ca 2 Uhr ausreisen, daraus wurde aber nichts, da wir am "Blockposten" - Kontrollpunkt...“

„Was wohl die Russen davon halten, dass die Ukrainer beinahe schon nach belieben jede Raffinerie erfolgreich angreifen können, Putins Residenz aber so derartig gut gesichert ist, sodass sie angeblich 91...“

„Was wohl die Ausgebombten aus Dnipro oder die Bauern im Kursker Gebiet denken wenn sie erfahren würden daß sich ihre Kriegsherren selbst gegenseitig nur mit Samthandschuhen anfassen ?“

„Also bisher habe ich nichts davon gelesen dass es entsprechende Angriffe gab. Letztes Jahr gab es mal ein Ziel in der Nähe vom Präsidentenpalast. ... denke mal das läuft auf Gegenseitigkeit hinaus...“

„Mal ganz abgesehen davon daß dieses behauptete Ereignis vermutlich nur als Vorwand konstruiert wurde um sich vor ernsthaften Friedensverhandlungen drücken zu können: Putin scheint wohl ein schlechter...“

„Bin am 24.12.25 in Zosin/Ustyluh in die Ukraine eingereist, war das erste und einzige Auto, in ca. 45 Minuten durch gewesen. Ausreise nach Polen, ca. 10 PKW zu der Zeit.“

„Typisch Russenkasper welche vom korrupten Putin und der Machtelite um ihn herum verarscht werden. Zu mehr als zivile Ziele in Städten zu zerstören reicht es nicht.“

„Warum sollten die sich auch trollen?? Für mich ist es immer wieder eine Offenbarung, wenn man mal wieder feststellen kann, mit welch limitierten Fähigkeiten und Qualitäten jene Russlandfans unterwegs...“

„Hallo Hendrij, habe mal ne Frage zu der neuen Zugverbindung Leipzig - Krakau - Przemyel. Wir fahren ja seit vielen Jahren immer mit dem Wohnmobil und im Winter mit dem Bus nach Lwiw. Da wir unweit von...“

„Meine Ehefrau ist eine Ukrainerin, und ich kenne sie schon seit dem 4. Oktober 2016. Das ist der Grund, weshalb ich mich als deutscher Zivilist in der Ukraine aufhalte. Als Gerhard Schröder noch Deutschlands...“

„Irgendwas stimmt mit dieser Meldung wohl nicht. Katar ist schon seit mehreren Jahren in der Tat aus der OPEC ausgetreten. Warum wird diese offenbar längst überholte Nachricht jetzt wieder aufgewärmt...“

„Danke. Ergänzend dazu habe ich heute gelesen daß es wohl auch noch eine Truppe "Achmat Ost" im Gebiet Saporischschija geben soll.“

„Achja, das Großmaul Kadyrow.ist auch noch da. Das Blatt scheint sich zu wenden. Von den angeblichen Heldentaten seiner Kadyrowzy in der Ukraine ist ja schon länger nichts mehr zu hören. Weiß jemand...“

„@kobmicha Besonders helle scheinst Du nicht zu sein. Falsches Forum für Dich, geh Dich bei den Russen anbiedern, Troll.“

Newsletter jeden Morgen

Sie möchten täglich über Neuigkeiten auf der Seite benachrichtigt werden? Dann ist vielleicht ein Kurzüberblick mit den wichtigsten Beiträgen der vergangenen 24 Stunden für Sie interessant. Der Versand erfolgt jeden Tag 6.00 Uhr morgens.




Nach dem Eintrag Ihrer E-Mailadresse erhalten Sie eine E-Mail zum Bestätigen Ihrer Adresse und können dann die Eintragung abschließen (so genanntes "Double Opt-In-Verfahren"). Ihre E-Mailadresse wird dabei nur auf unserem Server in Deutschland gespeichert und nicht an Dritte übermittelt.