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Der Raub Europas

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Der Raub Europas - Michail Dubinjanski

Paris und Berlin, Wien und Barcelona, Kopenhagen und Lissabon, Florenz und Brügge … Vor einem Jahr wurde dieser geografische Reichtum, der für die ukrainische Mittelschicht komplett zugänglich war, dieser wieder genommen. Das goldene Zeitalter der Visafreiheit, der Billigflieger und europäischen Wochenenden blieb in der Vergangenheit.

Das, was im März 2020 als temporäre außerordentliche Maßnahme erschien, hat innerhalb von zwölf Monaten die Umrisse einer neuen Ordnung erlangt – zur ziemlichen Enttäuschung unserer Landsleute.

Die Sehnsucht nach dem verlorenen Europa lässt sich anschaulich in den Streitereien über Impfstoffe verfolgen, die sich im ukrainischen Facebook entfalten.

Zum Teil wird Impfstoff nicht so sehr als Instrument im Kampf gegen Covid-19, sondern als potenzielles Mittel für die Fortbewegung gesehen.

Tausende aktive Ukrainer diskutieren nicht die Möglichkeit irgendein Leben zu retten, sondern lediglich die freie Einreise in den Schengenraum.

Offensichtlich ist, das Europa sie nicht mit weltanschaulichen Orientierungspunkten lockt – etwa der Sorge um Schwache und Verletzliche – sondern etwas bodenständigerem.

Der Eiffel-Turm und das Brandenburger Tor, die Wiener Cafés und die venezianischen Kanäle erweisen sich als wichtiger als die berühmten europäischen Werte.

Also lohnt es sich einen Umstand zu berücksichtigen, der häufig von der geschwollenen eurointegratorischen Rhetorik verdeckt wird.

Von der Sache her ist die Bindung an Europa eine typische unvollendete Figur, die der Ukraine als Erbe von der sowjetischen Zivilisation zufiel. Das ist nicht nur die Suche nach der Zukunft, sondern vor allem ein Gruß aus der Vergangenheit.

Entgegen den Ansprüchen auf Originalität und Eigenständigkeit blieb die sowjetische Kulturmatrix immer eurozentriert. Die Helden Dumas waren immer attraktiver als die Helden [Arkadi] Gaidars.

Die Prosa Remarques wurde höher gehandelt als die Prosa [Michail] Scholochows, die Meister der italienischen Renaissance riefen mehr Ehrfurcht hervor, als die Meister des sozialistischen Realismus.

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Zugängliche Inhalte gab es in der UdSSR genug, damit ein gebildeter Unionsbürger Europa schätzen und die Verwandtschaft mit den Europäern aus den gelesenen Romanen und den gesehenen Kinofilmen spüren konnte.

Der Eiserne Vorhang erlaubte es sich mit Europa vertraut zu machen, doch tat er es zweidimensional. Es existierte auf Bücherseiten, Fotografien, auf den Fernsehbildschirmen und es zu berühren erschien als unmöglich.

Der sowjetische Mensch liebte es aus der Ferne: wie eine Kinodiva von der Titelseite einer Zeitschrift. Und übergab diese platonische Bindung an den postsowjetischen Menschen.

Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Imperiums blieb Europa zweidimensional für die die übergroße Mehrheit unserer Mitbürger. Die Gefangenen des totalitären Regimes verwandelten sich in Geiseln des eigenen Elends. Europa wurde weiter aus der Ferne gekannt, geschätzt und geliebt.

Doch in den wohlhabenden 2000ern und 2010ern geschah eine Wende: Das zweidimensionale Bild begann, sich in etwas Dreidimensionales und Greifbares zu verwandeln. Gewöhnliche Bürger, die in der UdSSR geboren wurde, konnten endlich das lang Bekannte berühren.

Die Akropolis mit den antiken Ruinen und den Vatikan mit der Päpstlichen Schweizergarde, Münchner Kneipen und Pariser Bistros, die Meerjungfrau von Anderson in Dänemark und das Kon-Tiki-Floß in Norwegen – eine ganze Welt, die der postsowjetischen Mittelschicht wohl bekannt war, erschien ausladend und reliefartig.

Das Eintauchen in diese brachte wesentlich mehr Emotionen, als das Studium des vorher Unbekannten. Und das gab den Massenreisen nach Europa den Vorrang vor den geliebten anderen Reisen.

Das, was im Westen als gewöhnlicher Tourismus angesehen wurde, erlangte im postsowjetischen Raum eine ideologische Last.

Die Verwandlung des zweidimensionalen Europas in ein dreidimensionales wurde als Aufholen des in den totalitären und posttotalitären Zeiten Versäumten aufgefasst.

Wie eine Entschädigung für all das, was unsere Großeltern, unsere Eltern und wir selbst im zarten Alter nicht erhielten. Wie die Eintreibung von Schulden der hingeschiedenen UdSSR, die ihren Untertanen nur erlaubte, Europa aus der Ferne zu lieben, doch diese nicht an den europäischen Körper ließ.

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Als der Kreml das Spiel zur Wiedergeburt des sowjetischen Imperiums begann und die Ukraine darauf verzichtete, daran teilzunehmen, erlangten die Reisen nach Europa einen besonderen Symbolismus.

Der Erhalt der Visafreiheit 2017 wurde als ukrainische Belohnung für den demonstrativen Bruch mit der sowjetischen Vergangenheit angesehen – ein Bruch, der mit Revolution und dem hybriden Krieg mit der Russischen Föderation bezahlt wurde. Der prätentiöse „endgültige Abschied“, verlautbart von Pjotr Alexejewitsch [Poroschenko], fiel mit den Gefühlen einer Vielzahl von Ukrainern zusammen.

Und dann kam die Corona-Krise. Und für einen wesentlichen Teil der Gesellschaft bedeutet diese nicht Angst um sich selbst und Nahestehende, sondern vor allem der Raub eben dieses Europas, das noch vor kurzem erreichbar und greifbar war.

Der Vorschlag in den Onlinemodus überzugehen und aus der Distanz Rom und Amsterdam zu genießen, wird in der Ukraine schmerzhafter aufgenommen, als in den Ländern, die den Eisernen Vorhang nicht kannten. Zu offensichtlich und symbolisch ist die Parallele zu unserer Vergangenheit.

Das lebendige Europa erwies sich erneut als zweidimensionales und es ist nicht wichtig, dass das derzeitige zweidimensionale Bild farbenprächtiger und vielfältiger ist, als das, was in den sowjetischen Jahren oder den elenden 1990er Jahren existierte.

Das Geschehen erscheint so oder so als erniedrigende Rückkehr in die Sowjetzeit. Zumal die Schengenschließung die Ukrainer mit den ehemaligen Nachbarn in der imperialen Wohngemeinschaft gleichsetzte, die nicht den gleichen antisowjetischen Eifer an den Tag legten.

Die Visafreiheit, die als Auszeichnung für die Abkehr von der UdSSR und ihren Moskauer Epigonen angesehen wurde, ist faktisch eingefroren: und wir haben keinerlei Vorteile mehr gegenüber den Bürgern Russlands, Belarus oder Kasachstans.

Dieses psychologische Moment wurde bereits von unseren Gegnern bewertet. Erörterungen über „keine Ausreise“ und ein „Covid-Ghetto“ werden zur geliebten These der kremltreuen Propaganda in der Ukraine.

Reale Misserfolge beim Kampf mit Covid-19 werden für die Entwertung der Wahl der europäischen Entwicklung genutzt, die vor sieben Jahren getroffen wurde. Und diese Entwertung riskiert ein neues Niveau zu erreichen, wenn die russische Mittelschicht früher als die ukrainische zum fassbaren Europa zurückgelangen kann.

Ein derartiges Szenario ist überhaupt nicht fantastisch: wenn man das Konzept der Covid-Pässe berücksichtigt, die Impfraten in Moskau und Kiew vergleicht und die Anstrengungen der Nachbarn Sputnik V zu verbreiten.

Heute wirkt die Nichterreichbarkeit Europas für die Ukrainer wie die Folge der Pandemie und zum Teil als Ergebnis der staatlichen Inkompetenz. Die Schuld fällt auf das Coronavirus und das Se[lenski]-Team.

Doch eine mögliche Anerkennung des russischen Impfstoffs in der EU und mögliche Bevorzugungen für Russen werden in der Ukraine als europäischer Verrat aufgefasst werden.

Und das bedeutet einen neuen Ausbruch an Euroskepsis in unserer Gesellschaft. Und ein weiterer Schlag für die europäischen Werte, die sich auch so vor dem Hintergrund der unerreichbaren europäischen Sehenswürdigkeiten verlieren.

14. März 2021 // Michail Dubinjanski

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 1057

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