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Ukrainische Unwahrheit

Im Vorfeld der Wahlen ist es üblich, den gutgläubigen Wähler zu bemitleiden, der nach Wahrheit und reiner Ehrlichkeit giert, aber aus irgendeinem Grunde ständig getäuscht wird. Sie lügen, die Halunken!

Das Volk wird in die Irre geführt, ihm wird Sand in die Augen gestreut, es wird versucht, ihm ein X für ein U vorzumachen. Ständig werden ihm Lügen erzählt!

Allerdings stellen wir, die wir die verlogenen ukrainischen Politiker rügen, uns selten eine einfache Frage: Könnten sie eigentlich nicht lügen?

Für die herrschende Partei wäre dies ein unzulässiger Luxus. Die Regierenden sind darauf angewiesen, die Wählerschaft davon zu überzeugen, dass alles in bester Ordnung ist. So kommt es darauf an, das Wünschenswerte für das Tatsächliche auszugeben, heroisch die Hrywnja zu stützen, auf jämmerliche Art und Weise Sozialleistungen aus dem Staatshaushalt abzuzweigen und mit aller Kraft Stabilität zu simulieren, obgleich das Land an der Schwelle zur Krise steht. Wie ginge es auch anders?

Dem Staatsmann, der mit dem Rücken zur Wand steht und sich genötigt sieht, der Bevölkerung die Wahrheit zu sagen (in der Regel beschränkt sich diese auf zwei Wörter – „kein Geld“), würde hier der Stempel des Volksfeindes aufgedrückt werden.

Man könnte meinen, Gott selbst habe den Gegnern der Partei der Regionen befohlen, Tacheles zu reden. Sie sprechen kühn über die herannahende Wirtschaftskrise, den Anstieg der außenwirtschaftlichen Schulden, die Verringerung der Goldreserven und ähnliche Katastrophen.

„Das Janukowytsch-Regime hat die Ukraine innerhalb von zwei Jahren in den faktischen Bankrott geführt“, konstatiert die Opposition. Und gleichzeitig verspricht sie, Renten und Gehälter anzuheben, abgeschaffte Vergünstigungen wieder einzuführen und die Anhebung des Rentenalters zurückzunehmen. Daraus ergibt sich ein wunderbarer Cocktail, der geradezu rührend ist in seiner Absurdität.

In der Tat sind freigiebige Sozialversprechen offenkundig nicht erfüllbar. Aber hat die Opposition eine andere Wahl? Obwohl die Opposition die nicht eintretende „Verbesserung des Lebens schon heute“ anprangert, kann sie der Bevölkerung nicht die Wahrheit darüber sagen, dass eine solche „Verbesserung“ im Prinzip unrealistisch ist. Wenn jedoch eine schnelle und radikale Verbesserung nicht absehbar ist und nur hartnäckiges und mühsames Arbeiten zur Lösung der Probleme bleibt, wer wird dann für die Oppositionsvertreter stimmen?

Die Wähler sind ebenso wahrheitsliebend wie die Märchenkönigin, die fordert: „Spieglein, mein! Sage mir die volle Wahrheit!“ Nach der gewissenhaften Erfüllung dieser Aufforderung folgt die unausweichliche feindselige Reaktion: „Ach, du abscheulicher Spiegel! Du lügst mich an!“

Für den Wähler ist die „Wahrheit“ nicht eine objektive Information, sondern das, was er gerne hören würde. Die Mehrheit der Ukrainer möchte vier attraktive Botschaften hören:

  1. Du verdienst ein besseres Leben – nicht aufgrund deiner persönlichen Qualitäten, sondern kraft deiner Zugehörigkeit zum „Volk“, zur „Nation“, zur „großen Kultur“ usw.
  2. An deinem Leid und Unglück sind alle außer dir selbst schuld.
  3. Irgendjemand ist verpflichtet, sich um dich zu kümmern und dich mit allem Nötigen zu versorgen.
  4. Dieser Jemand verfügt über magische Fähigkeiten und ist ebenso in der Lage, wirtschaftliche Wunder zu vollbringen.

Da die aufgezählten Unsinnigkeiten wenig gemein haben mit der Realität, kann man ohne Lügen kaum auskommen. Die Nachfrage erzeugt entsprechendes Angebot und die Politiker lügen, weil die Bevölkerung dies möchte. Selbstverständlich akzeptiert der anspruchsvolle Wähler nicht jede Lüge, sondern nur überzeugende und glaubwürdige Lügen. Verlockende Versprechen müssen nicht den Tatsachen entsprechen, doch sollte diese Diskrepanz nicht gleich ins Auge springen.

Die Wählerschaft braucht Seifenblasen, die nicht wie Seifenblasen aussehen. Dass diese Aufgabe zu meistern schwierig ist, davon zeugt das wachsende Misstrauen und die zunehmende Desillusionierung der ukrainischen Wähler. Derjenige jedoch, der sich gezwungen sieht, die unangenehmen Wahrheiten auszusprechen, verliert noch schneller an Zustimmung als der stümperhafte Demagoge.

Sollte man die berüchtigte sowjetische Mentalität dessen beschuldigen? Ohne Zweifel verschärft der den Ukrainern in der UdSSR anerzogene Infantilismus das Problem, allerdings liegt es sehr viel tiefer. Das Bestreben, der unangenehmen Realität davonzulaufen, ist ein weitverbreitetes Merkmal der menschlichen Natur.

Den auf soziale Hilfen angewiesenen Amerikanern ist es ebenfalls unangenehm, wenn Herr Romney die Wahrheit über sie ausspricht und einige Leute seinen vor geschlossener Gesellschaft gehaltenen Vortrag in den Medien streuen. Eine Reihe von Spaniern und Griechen möchten ebenfalls nicht den faktischen Bankrott ihres Sozialstaats anerkennen. Von weniger entwickelten Ländern ganz zu schweigen.

Die aufgeklärte Intelligenz bezeichnet die Mitbürger gerne als Debile und als dummen Pöbel. In der Regel leugnen die Menschen die Realität jedoch nicht aus hoffnungsloser Dummheit, sondern aufgrund ihrer Schwäche und der unbarmherzigen Grausamkeit der wirklichen Welt. Dem Invaliden fällt es schwer die eigene Behinderung zu akzeptieren, dem Versager die eigene Talentlosigkeit, dem Glücklosen die eigene Bedeutungslosigkeit. Je ärmer das Land, je schwerer die wirtschaftliche Lage, je anstrengender und zermürbender die Arbeit, die erforderlich ist, um einen Ausweg aus der tiefen Grube zu finden, desto schwieriger ist es, die Wahrheit zu sagen und desto attraktiver erscheint die rettende Demagogie.

Betrug ist nicht immer mit zerstörerischem Populismus verbunden. Jedes beliebige Konstrukt, das vom Durchschnittsbürger mit großem Hurra aufgenommen wird, ist gleichzeitig auch mit illusorischem Dunst umgeben: Es ist unmöglich, alle zu befriedigen, welche Veränderungen zum Besseren auch immer im Lande vor sich gehen mögen.

Und wenn das Volk die begonnenen Reformen auch einmütig begrüßt, so bedeutet dies doch gleichzeitig, dass die Erwartungen an diese Reformen um ein Vielfaches höher sind.

Wenn die Bevölkerung Freiheit und ehrlichen Wettbewerb fordert, so bedeutet dies gleichzeitig, dass viele Menschen ihre Fähigkeiten, im Konkurrenzkampf zu bestehen, neu bewerten müssen.

Wenn das ganze Land voller Hoffnung in die Zukunft blickt, so bedeutet dies, dass irgendjemandes Hoffnung unweigerlich enttäuscht werden wird. Hinter der Zustimmung der Massen versteckt sich auf die eine oder andere Art immer auch die Täuschung.

Die progressive, postsowjetische Öffentlichkeit unter der Leitung von Frau Latynina trauert schon seit zwei Wochen um das verlorene Georgien. Die Bevölkerung sei den verlogenen Populisten von „Georgischer Traum“ auf den Leim gegangen! An allem sind die zurückgebliebenen Sowjetmenschen Schuld, die auf Almosen angewiesenen Lumpen-Proletarier, die allen Aufklärungs- und Umerziehungsversuchen getrotzt haben! Aber die grundlegende Arithmetik bezeugt, dass im Januar 2004 eben diese Lumpen-Proletarier für Saakaschwili gestimmt haben, in der Hoffnung, dass der gute und gerechte Mischa ihre Probleme für sie löst.

In eben diesem Jahr haben viele ukrainische Lumpen-Proletarier die Orangene Revolution unterstützt, da sie sehnsüchtig auf das Teilen der Reichen mit den Armen und auf eine Verwandlung ihres Landes in einen wohlhabenden Staat der Europäischen Union gewartet hatten. Zu Beginn der neunziger Jahre hatten die Lumpen-Proletarier den Demokraten applaudiert und für die Unabhängigkeit gestimmt, da sie darauf gesetzt hatten, nach einigen Jahren in einem zweiten Frankreich aufzuwachen…

Wann immer es gelingt, die durchschnittliche Bevölkerungsmasse freiwillig oder unfreiwillig in die Irre zu führen, wird sie immer zu einem wertvollen Hilfsmittel für die progressiven Kräfte. Dann reden Letztere über das „weitsichtige Volk“ und brüsten sich mit der „breiten Unterstützung“ vonseiten der Bevölkerung. Die praktische Erfahrung zeigt, dass zu siegen unmöglich ist, ohne die infantile Masse anzuziehen. Nur auf die fortschrittlichen Yuppies gestützt, kommt man eben nicht weit.

Es drängt sich eine zynische, aber offensichtliche Schlussfolgerung auf: Der Mensch, den es geradezu danach giert, betrogen zu werden, muss betrogen werden. Zwar gewährt die Demagogie keine Garantie auf Erfolg, aber sie eröffnet immerhin die Chance auf eine breite Unterstützung. Die destillierte Wahrheit hingegen hinterlässt überhaupt keine Chancen.

Wenn also die Wahrheit für euch das teuerste ist, wenn ihr es nicht wagt, gegen die Logik und die Fakten zu verstoßen, falls das Spiel auf Kosten der Schwächen anderer für euch nicht akzeptabel ist, dann also, in diesem Fall sollte man sich in die Angelegenheiten der politischen Führungspersönlichkeiten besser nicht hineinmischen. Begnügt euch mit der eingeschränkten Beliebtheit unter denjenigen, die die Dinge erfolgreich und selbstsicher voranbringen und die des Schutzes der Illusion nicht bedürfen.

Übrigens gibt es auch einen dritten Weg. Der unvergessene Wladimir Iljitsch hat wirklich an die Schaffung des kommunistischen Paradieses geglaubt. Der unvergessliche Adolf Aloisowitsch hat aufrichtig daran geglaubt, dass die Deutschen als künftige höchste Rasse den Krieg um die Weltherrschaft gewinnen werden. Und der Genosse Mao hat nicht am Erfolg seines Großen Sprungs nach vorn gezweifelt. Diese prominenten Politiker haben die Menschen in die Irre geführt und sich selbst gleich mit. Es war alles sehr natürlich, überzeugend und ehrlich. Dem Volk hat es gefallen!

12. Oktober 2012 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzerin:   Christine Rosenberger — Wörter: 1338

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Leserkommentare

kauschat in Unser Sudetenland

«Interessanter Vergleich: tatsächlich so einige Parallelen. Noch hat "der Westen" nicht die Annektion auch offiziell akzeptiert....»

Wolfgang Krause in Wir müssen hier leben

«Verglichen mit anderen Kommentaren ist dieser erfreulicherweise so geschrieben das er den Versuch wagt unterschiedliche Meinungen...»

Густаво Фан Хоовен in Wir müssen hier leben

«Zunächst vermittelt der Artikel den Eindruck einer neutralen Zustandsbeschreibung. Die Bezeichnungen "pro-sowjetisch" und...»

«Ich finde den Kommentar des Übersetzers nicht ganz glücklich, da er dazu einlädt, Dinge zu "vereinfachen". Ob die Antwort...»

«Würden sich die Menschen der Ukraine doch auf die Machnobewegung besinnen, die ganze Welt könnte Hoffnung schöpfen. Der...»

«WAS soll denn an dem was der Autor geschrieben hat unfassbar sein? Ich lese da keinen Widerspruch. Wenn du eine solche Phrase...»

«Danke für Ihre Darstellung der Hintergründe der Vertriebenen Gesetze und für die Einordnung der Russlanddeutschen. Es...»

KOLLEGGA mit 150 Kommentaren

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