FacebookTwitterVKontakteTelegramWhatsAppViber

Warum sie uns schlagen

0 Kommentare

Zuletzt – zeitlich gesehen aber ganz sicher nicht von der Grausamkeit her – erlaubt der brutale Übergriff auf Journalisten beim Kiewer-Swjatoschinsker Gericht über eine planvolle „Säuberung“ des Territoriums von all denen zu sprechen, die die Wahrheit über die Vorgänge im Land sagen könnten. Der Angriff auf Journalisten auf der Bankowaja (Sitz des Präsidenten), die grausame Gewaltanwendung gegen Tanja Tschornowol, jetzt dieser neue Unsinn – und wir verstehen sehr wohl, dass dies keineswegs Zufälle sein können. Während in anderen Ländern der Ruf „Ich bin Journalist!“ während Massenprotesten dazu verhilft, sich der Aggression durch die Spezialeinheiten zu entziehen, so bedeutet er in der Ukraine heute eine zusätzliche Stimulation zur Gewaltanwendung, was heißt, es könnte eine Instruktion geben, die fordert, gerade mit Vertretern unseres Berufsstandes besonders brutal umzugehen.

Auf die Frage nach dem „Warum?“ fällt die Antwort nicht schwer – weil es sich um Janukowitsch handelt. Vom ersten Tag nach dem Sieg des Kandidaten der Partei der Regionen bei den Präsidentenwahlen an wurde alles getan, um den Informationssektor zu marginalisieren und ihn nach russischem Vorbild zu säubern. In dieser Hinsicht gelang der Regierung viel. Es gab von Hand ausgesuchte Fernsehsender von Oligarchen, eine Reihe gekaufter populärer Druckerzeugnisse und Internet-Ressourcen. Im Ergebnis unterteilt sich die „große“ ukrainische Journalistik in drei Gruppen.

Die ersten zwei Gruppen von ihnen haben selbst überhaupt keine Verbindung zur Journalistik. Eine ist die offene Dienerschaft der Regierenden, die ihren sehnlichsten Wunsch noch nicht einmal verheimlicht, denen zu gefallen, die die Musik bestellen. Diese Leute sind nicht mal denen gefährlich, die dem derzeitigen Präsidenten und seinem Zirkel dienen, oder denen, die mit dem gleichen Feuereifer auch dem Nächsten dienen werden, seinen Vorgänger mit demselben Dreck verratend, mit dem sie ihn jetzt loben. Für diese Leute ist der Journalismus eine Spielart des Regierungshandelns oder des ältesten Gewerbes, an sie irgendwelche Ansprüche zu stellen ist sinnlos, da jedwede Anzeichen von Moral bei ihnen per Definition verkümmert sind. Von ihnen wird man sich in Zukunft nur trennen können im Fall, dass eine neue Regierung die Dienste prinzipienloser, sich selbst diskreditierender Leute nicht annehmen will und die Journalisten selbst verstehen, dass es wichtig ist, die Ehre des Berufsstandes zu schützen und nicht solche aufzunehmen, die diese Ehre mit Füßen treten, wie die Kollegen.

Die zweite Gruppe ist schwieriger in ihrer Zusammensetzung und ihrem Charakter, wo doch schon die Zusammenstellung der Mannschaft kein einfaches Unterfangen ist. Diese Leute sind Provokateure, zuhause in noch relativ objektiven und oppositionellen Massenmedien. Zum Glück zwangen die Geschehnisse der letzten Wochen viele von ihnen zu zeigen, mit wem sie wirklich zusammenarbeiten und wie viel ihnen professionelle Qualität wert ist. Doch diese Menschen sind für die Gesellschaft die gefährlichsten von allen, weil sie hauptsächlich Werkzeuge der Regierung sind. Wo die offene Dienerschaft nichts nützt, ist der Provokateur das liebste Werkzeug der Regierung. Aber, wir unterstreichen, einer denkenden Regierung. In den letzten Wochen hat die Regierung aufgehört zu überlegen und alle wurden zu „Berkut“ (Sondereinheit der Miliz). Wer aber kein „Berkut“ ist, der ist auch schon nicht mehr Regierender.

Es kommt noch ein Umstand hinzu, über den man mit lauter Stimme sprechen muss: Die Ukraine wurde zu einen besetzten Land. Ja, im wahrsten Sinne besetzt, da die Absprachen von Putin und Janukowitsch zu einer echten ökonomischen Okkupation des Landes geführt haben. Daher folgt die Regierung nicht mehr sich selbst oder findigen Beratern aus den eigenen Reihen, sondern russischen „Kreativen“. Deshalb stiegen aus dem Fernsehen pro-russische Experten des Leids zu und weitere in der Ukraine noch nicht gesehene Einflüsterer. Deshalb wurde Wiktor Medwedtschuk, wie in dem alten Lied unter dem die Ukraine schon mehrfach besetzt wurde, aus dem Nichts augenblicklich Alles.

Nun, und die liebste russische Beschäftigung ist die Diskreditierung und Vernichtung ehrlicher Journalisten, die dritte und tatsächlich einzige Berufsgruppe, die uns geblieben ist. Nicht, dass diese Journalisten sowieso schon fast marginalisiert sind, nicht, dass ihnen im Unterschied zu den Dienern und Angestellten nur die Internet-Ausgaben, Internet-Fernsehsender und sozialen Netzwerke geblieben sind; die Angst Moskaus vor der Wahrheit ist so groß, dass sie mit dieser Angst letztendlich auch Kiew anstecken konnte. Darum schlagen sie uns – weil ihnen das von Russland geraten wird. Und ihnen selbst gefällt das natürlich auch sehr, weil sie dazu erzogen wurden, Politik ausschließlich als grobe Kraft zu verstehen und nicht als verantwortungsvollen Dialog.

In dieser Szenerie gibt es nur einen kleinen Fehler. Und der hängt damit zusammen, dass die Ukraine in Wirklichkeit nicht Russland ist. Es geht nicht nur um einen anderen Zustand der Gesellschaft und die faktische Distanzierung der Regierung vom Land, das sie versucht zu lenken, sondern um das Fehlen von Energieressourcen.

Putins Säuberung des Journalismus und dessen Rückkehr in seine folgsamen und nahen Dienste für den altersschwachen Staatsapparat hingen zusammen mit der Erhöhung der Preise für die Energieressourcen. Ja, es fand ein Tausch, Rechte gegen Geld, statt. Aber in Russland geschah dies, zumindest in Moskau, immer im Zentrum der demokratischen Stimmung. Deshalb geht es nicht einmal darum, dass die Russen ihren Diensten vertrauen, sondern darum, dass sie Politik nicht interessiert. Und so lautet das Gesetz jeder Autorität: wenn du Bürger belügen willst, die du bestiehlst, dann teile wenigstens einen Teil der Beute mit ihnen. Nimm nicht alles.

Diese Möglichkeit hat die ukrainische Regierung einfach nicht mehr. Faktisch lebt unser Land von russischen Zuwendungen, die zurückgegeben werden müssen. Bei Russland Geld zu borgen bis zur Unendlichkeit wird nicht möglich sein, nicht, weil der Kreml es nicht geben will, sondern weil es neue Milliarden einfach nicht geben wird: die russische Wirtschaft selbst geht zugrunde, angekündigt durch die Stagnation vor einigen Jahren und ohne Ausweg für mehrere Jahrzehnte. Deshalb kann man nur im Fernsehen erfolgreich vom traumhaften Leben und der genialen Regierung erzählen; der Kühlschrank erzählt den Ukrainern die harte Wahrheit, nicht zu vergleichen mit den Kommentaren des radikalsten Oppositionspolitikers und des ehrlichsten aller Journalisten. Die Regierung hat keine Chance, die Wirtschaft des Landes vor dem Zusammenbruch zu bewahren, und das hat indirekt sogar Nikolai Asarow zugegeben, als er nach einigen Jahren des Märchens von der Verbesserung der Lebensumstände angab, dass die russische Hilfe unser Land gerettet hat. Aber wir verstehen, dass das keine Rettung war, sondern nur die Verzögerung des Zusammenbruchs.

Deshalb hat die Verfolgung ehrlicher Journalisten praktisch keinen Sinn, wenn man den Sinn des sadistischen Vergnügens nicht zählt, mit dem Übergriffe, Einschüchterungsversuche oder Kompromittierung derer stattfinden, die nicht lügen. Die Regierung muss begreifen, dass sie kein Geld für eine Diktatur hat. Ja, man kann ein Land ohne Journalisten haben, aber keines ohne Wirtschaft.

12. Januar 2014 // Witalij Portnikow

Unseren Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Anja Blume — Wörter: 1075

Anja Blume ist Sozialpädagogin und übersetzt - zwischen eigener poetischer Tätigkeit - auch immer wieder Märchen und Lieder aus dem Russischen ins Deutsche. Ehrenamtlich ist sie im Bereich der internationalen Jugendarbeit tätig.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Facebook, Google News, Telegram, Twitter, VK, RSS und per Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 3.3/7 (bei 3 abgegebenen Bewertungen)

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Wie wird das Jahr 2022 für die Ukraine?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen
Kiewer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)1 °C  Ushhorod1 °C  
Lwiw (Lemberg)1 °C  Iwano-Frankiwsk1 °C  
Rachiw0 °C  Jassinja-3 °C  
Ternopil2 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)3 °C  
Luzk2 °C  Riwne2 °C  
Chmelnyzkyj-0 °C  Winnyzja2 °C  
Schytomyr0 °C  Tschernihiw (Tschernigow)1 °C  
Tscherkassy-0 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)-0 °C  
Poltawa-0 °C  Sumy-1 °C  
Odessa1 °C  Mykolajiw (Nikolajew)1 °C  
Cherson1 °C  Charkiw (Charkow)-0 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)-1 °C  Saporischschja (Saporoschje)0 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)0 °C  Donezk1 °C  
Luhansk (Lugansk)-0 °C  Simferopol3 °C  
Sewastopol4 °C  Jalta4 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„. . . da machen die gerne Fotos von sich vor dem Lambo oder Ferrari wird dann in Facebook oder Whatsapp für die Heimat gepostet, dass wäre der eigene . . . Na ja, die meisten sind ja schon wieder weg...“

„Irgendiw tut es weh so einen Mist zu lesen ....-“

„Habe heute wieder mal etwas gestöbert im Netz und fand dort diesen Artikel, aus dem ich hier zitiere: " Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) haben der Lieferung...“

„mbert, Antworten auf deine Einwände. Sämtliche Wahlen in der Ukraine, waren möglicherweise frei aber nie offen. Wer hat die Wahlen als frei und offen eingestuft ? Nicht die Menschen der Ukraine. Die...“

„Da bin ich mal gespannt ob das klappt, falls ja, dann hätte man es auch schon einmal früher versuchen können und ansonsten finde ich es trotzdem gut, denn, Versuch macht klug!“

„Viel entscheidener wäre ein Umbau des bahnnetzes auf europäische Spurweite“

„Ich hab' denen dann paar Videos gezeigt, auch von der BY - PL - Grenze, da wurden sie doch etwas leiser . . . So viel mal " auch ins Ausland gehen " . . . Sehe das immer wieder in frankfurt, da machen...“

„Die Ursache ist eine ganz einfache. Innerhalb der Eu zahlt bei zahnersatz die Kasse Ihren Pflichtteil, innerhalb der gesamten EU, egal wo. gibt es Problem, zum Beispiel Gewährleistungsansprüche, so geht...“

„wer Russland und die Ukraine als Demokratie bezeichnet, hat kein Recht über Politik zu reden. Russland ist ein Demokratie-Rest an der Schwelle zur Diktatur. Die Ukraine ist eine Demokratie. Wer das verkennt,...“

„mbert, wer Russland und die Ukraine als Demokratie bezeichnet, hat kein Recht über Politik zu reden. Sämtliche heute unabhängige Länder der früheren Sowjetunion, sind korrupte Oligarchien. Einige...“

„Na ja, dann mal ganz sachlich, Spiegel als Quelle, H.-J. Friedrichs Mister Tagesthemen und Prof. Dr. Norbert Bolz, der über Gesinnungs-Journalismus referiert, das passt doch. Man mag ja gerne die öffentlich...“

„[Ironie an]Wer schreit, hat Unrecht[/Ironie aus] SELBAAH !!!“

„GESINNUNGS-JOURNALISMUS [...] ERZIEHUNGS-JOURNALISMUS [...] TEUERSTEN Merke: OHNE MASSIVEN EINSATZ VON GROSSBUCHSTABEN KOMMT DIE MESSAGE EINFACH NICHT AN. SIE WIRD IGNORIERT. MAN WIRD NICHT ERNST GENOMMEN....“

„Nicht England, Estland. Alte NVA-Haubitzen wohl. Ist auch nicht von gestern. Und mit Angst hat das auch nix zu tun.“

„Vorkuta, Du hast Probleme mit Mainstream-medien, warum? Öffentlich rechtliche Fernseh- und Rundfunkanstalten verlogen? Warum hast Du mit diesen Medien ein Problem? Ganz einfach: Man schaue sich mal an,...“

„@ NATO - Osterweiterung & Michal Gorbatschow: Gut, daß wir mal darüber gesprochen haben. Ich empfinde es als außerordentlich vorteilhaft, daß hier im Forum so viele Politik-Wissenschaftler vertreten...“

„. . . indem man soviel wie möglich in die Breite (auch ins Ausland) geht . . . Nur mal was das Ausland angeht: Ich lebe seit 11 Ja. im Ausland, nicht in DE, bin nur manchmal zu Besuch. Jetzt war ich 4...“

„Putin hat letztes Jahr seine Auffassung dazu geschrieben, die voller geschichtlicher Fehler ist. Würde man dieser Argumentation folgen, so müsste sich Putin Kiew unterwerfen. Auch der VErgleich zwischen...“

„Putin hat letztes Jahr seine Auffassung dazu geschrieben, die voller geschichtlicher Fehler ist. Würde man dieser Argumentation folgen, so müsste sich Putin Kiew unterwerfen. Auch der VErgleich zwischen...“

„Naja Putin tut gut an seine persönliche Sicherheit zu denken, denn die Anzahl seiner Feinde wächst enorm. ich vermute irgendwie, dass er ein paar persönliche Schwierigkeiten hat, die nichts mit der...“

„Wer beschützt uns... die Frage war eher eine rhetorische Frage, Herr Putin stellt Forderungen bzgl. "seiner" Sicherheit, im Grunde müssten wir ja diese Fragen stellen und Forderungen dazu formulieren,...“

„Es ist schon bedrückend, dass das alles in so wenigen Händen liegt (Politiker) und dann noch einzelne die Macht haben dabei noch richtig am Rad zu drehen. Mich treibt eigentlich nur die Frage um, wer...“

„Wie gesagt die Idee hat ein wenig Charme, für mich aber nur will sie Herrn Putin vor wahre unlösbare Probleme stellen würde. Trotzdem lehne ich so eine Aktion ab, einfach aus dem Grund, es wäre Unrecht...“

„Was Putin möchte ist sehr klar eine Sowjetunion 2.0 Irgendwie verstehen einige nicht, dass alleine die Ukraine entscheidte und das hat man zu akzeptieren. Russland hat dort keineswegs hineinzureden. Die...“

„Die "russische" Mehrheit, die in dieser Region lebt, ist jedoch mit den Leistungen der verschiedenen Regierungen in Kiew, nicht zufrieden. Woher hast Du dieses "Wissen"? Zunächst einmal, gibt es in der...“