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Das „Ich“ und das „Wir“

Im Dezember 1962 fand ein Treffen zwischen Nikita Chruschtschow und der kulturschaffenden Intelligenzija statt. Nachdem der erste Sekretär der KPdSU die sowjetischen Schriftsteller, Künstler, Bildhauer und Filmschaffenden angehört hatte, erklärte er Folgendes: “Nun haben wir Sie angehört und manches diskutiert, aber wer soll die Entscheidungen treffen? Die Entscheidungen trifft in unserem Land das Volk. Doch wer ist das Volk? Das ist die Partei. Und wer ist die Partei? Das sind wir. Das heißt, dass auch wir die Entscheidungen treffen werden, ich werde die Entscheidungen treffen. Haben Sie verstanden?“

Der Übergang vom abstrakten Begriff „Volk“ zum schlichten „Ich“ gelang Nikita Chruschtschow mit Leichtigkeit. Die heutigen ukrainischen Politiker überwinden diese Distanz sogar noch schneller und erfolgreicher.

Über das Volk wird viel gesprochen, überall wird mit dem Begriff „Volk“ um sich geworfen, jeder will dem Volk dienen, doch im Grunde führt alles auf den persönlichen Vorteil und das Wohl der Staatsdiener hinaus. Warum passiert das alles?

Wenn man über die sozialen Wechselwirkungen diskutiert, orientiert man sich leicht an gängigen Klischees. Wir gewöhnen uns schnell an Begriffe wie „Nation“, „Staat“, „Wirtschaft“ oder „Klasse“ und denken nicht mehr darüber nach, was sie bedeuten. Diese abstrakte Terminologie verselbständigt sich schließlich und lässt das mit ihr verbundene Menschliche außen vor. Sobald wir in diese Falle tappen, bringen die begabtesten Köpfe die absurdesten Hirngespinste hervor.

Beispielsweise schrieben bärtige Denker des 19. Jahrhunderts allen Ernstes über die „Diktatur des Proletariats“, obwohl die Absurdität dieser Idee offensichtlich ist.

Was bedeutet denn der Begriff des „Proletariats“? Die Gesamtheit von Arbeitern. Die absolute Mehrheit dieser Arbeiter kennt sich weder persönlich, noch haben sie jemals voneinander etwas gehört. Wie können Millionen einander völlig unbekannter Menschen eine umfassende Gemeinschaft bilden und die Funktionen einer Diktatur übernehmen? Richtig: gar nicht.

Aus diesem Grund kam es zu keiner „Diktatur des Proletariats“, sondern zu einer Diktatur einzelner Genossen, die mit dem Proletariat rein gar nichts zu tun hatten. Jedenfalls waren weder Lenin, noch Stalin Arbeiter.

Aus objektiven Gründen besitzen Völker, Nationen und sonstige Massen oder Klassen keinen gemeinsamen Verstand und keinen gemeinsamen Willen und sie können keine Entscheidungen treffen. Das ist ein Vorrecht konkreter Personen – des Wählers, des Verbrauchers, des Geschäftsmannes, des Beamten, des Politikers.

Das Handeln des Homo Sapiens ist stets bedingt durch persönliche Motive, sogar wenn die Menschen anders denken. Die Ukrainer ärgern sich über merkantile Führungseliten, die nur auf sich selbst fixiert sind, aber auch der idealistische Politiker dient nicht dem Volk, er dient lediglich der eigenen Vorstellung vom Volk.

Die subjektiven Vorstellungen des Regierenden können stark von den Interessen der Bürger abweichen. Die Wahrscheinlichkeit dieser Divergenz wird immer größer, wenn der einzelne Bürger des allgemeinen Wohls willen in seiner Entscheidungsmacht beschränkt ist.

Das 20. Jahrhundert wurde zum Jahrhundert des siegreichen Kollektivismus. Millionen von Menschen glaubten an die gemeinsame Freiheit, die gemeinsame Regierungsmacht, das gemeinsame Eigentum und den bedingungslosen Vorrang des Kollektiven vor dem Individuellen. Die strahlende Utopie schien zu greifen nah. Doch überall auf der Welt, vom sowjetischen Russland zum tropischen Afrika, von Birma bis Algerien, von Osteuropa bis Nordkorea geschah dasselbe. Die „Macht des Volkes“ wandelte sich stets zur Diktatur einer einzelnen Person um.

Das ist keine Abfolge fataler Fehlentwicklungen, sondern ein objektives Gesetz. Je eifriger das Individuum durch das Volk, die Nation oder ein anderes kollektives Organ unterdrückt wird, umso übertriebener kommt es an die Oberfläche.

Wenn man versucht, die Individualität der Masse unterzuordnen, kommt dabei ein Enver Hoxha oder Kim Il-Sung heraus!

Das authentische „Ich“ steht häufig im Konflikt mit dem fiktiven „wir“. Und die Ukraine ist eines der Länder, in dem diese Dissonanz besonders deutlich ist.

Es ist schwierig, etwas weniger Passendes zu finden, um eine Einheit zu bilden, als die ukrainische Gesellschaft. Die Ukraine erinnert an eine zerfetzte Decke, die von der ehemaligen Heimat zusammengeflickt wurde. Jeder hat seine eigenen kulturellen Besonderheiten, Werte und Helden. Niemand möchte nach fremden Vorstellungen leben.

Die meisten Ukrainer sind eingefleischte Individualisten. Sie schätzen das Private und Familiäre, neigen nicht zur Unterordnung und reagieren sehr empfindlich auf jegliche Eingriffe in ihre Finanzen. Das alles ist bekannt und es wird sogar in der satirischen Folklore thematisiert: „Mein Haus steht am [Orts-] Rand [und ich weiß von nichts]“ (Neu Hinzugezogene bauten ihre Häuser am Ortsrand und wussten wenig über das Geschehen im Dorf, K.J.), „wo zwei Ukrainer sind, dort sind drei Hetmane“ (Hetman: Im 16. Jahrhundert der zweithöchste Feldherr bei den Saporoger Kosaken und Donkosaken, K.J.) oder „was ich nicht essen kann, da beiße ich rein“ [damit es niemand anderes essen kann, K.J.].

Nichtsdestotrotz glaubt das Land des überzeugten Individualismus an die lichte Zukunft, gebaut auf dem Fundament kollektivistischer Gesellschaftsmodelle. Der ukrainische Individualist hört sich mit Freude Reden an über die heilige Nation und die Größe des Staates, über Nationalisierung und den Willen der Nation, über den staatlichen Druck und das Herbeiführen der Ordnung durch die eiserne Hand.

Der ukrainische Staatsbürger stimmt dem zu, alles ist richtig, so muss es gemacht werden! Jedoch haben die feurigen Appelle in den Massenmedien und den sozialen Netzwerken nichts gemein mit den wirklichen Prioritäten und der ukrainischen Lebensweise. Das ist wie der Traum eines Schwergewichtboxers, eine Ballerina zu werden.

Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist dermaßen groß, dass jegliche Modelle undurchführbar erscheinen.

Der durchschnittliche Ukrainer weiß genau, dass sein „Haus am Rande steht“. Doch dabei wird angenommen, dass alle am Rande gebauten Häuser um ein festes Zentrum herum stehen. Und diejenigen, die im „Zentrum“ sitzen und über entsprechende Vollmachten verfügen, bauen ihre Häuser wiederum irgendwo in Kontscha-Saspa, wo die ukrainischen „oberen Zehntausend“ wohnen oder in Meschigorje, wo auch Janukowitsch seine Datscha hat.

Das sind keine bösen Fremdlinge aus einem Paralleluniversum, sondern unsere eigenen Leute! Sie verhalten sich so, wie sich ein typischer ukrainischer Bürger verhalten würde, wenn er uneingeschränkte Macht erhält.

Ukrainer werden oft beschuldigt, sich wie Großgrundbesitzer zu verhalten. Doch ist diese Diagnose wirklich so schlimm? Der russische Premierminister Pjotr Stolypin (1862-1911) hielt einen verlässlichen Großgrundbesitzer für die wichtigste Säule und Hoffnung des Imperiums. Diese bodenständige Logik funktioniert durchaus erfolgreich in vielen Ländern Osteuropas. Problematisch wird es dann, wenn versucht wird, aus dem Großgrundbesitz einen Kolchos zusammenzuschustern, mit der Hoffnung auf wundersame kostenlose Zuwendungen.

Leider kommt das ersehnte süße Leben nicht aus dem Nichts, solange der Massenerhaltungssatz noch geltend ist. Dafür gibt es einen Vorsitzenden des Kolchoses, der sich zum allmächtigen Grundbesitzer verwandelt. Es gibt einen Dorflumpen mit seiner hohen Überzeugung, dass alle ihm Essen, Trinken und Kleidung geben müssen. Und es gibt den unterdrückten Arbeiter, der keinerlei Motivation zur produktiven Arbeit hat und davon träumt, aus dem Kolchos zu fliehen.

Der ukrainische Pseudokollektivismus kann nicht erfolgreich sein, da es ein Versuch ist, sich selbst zu belügen. Hinter dem Ausruf „wir“ versteckt der Ukrainer seine eigenen Komplexe, Ambitionen, Vorteile, Neidgefühle und das Streben, seine eigenen Sorgen auf jemand anderes zu schieben sowie das Umfeld an sein Ego anzupassen. Doch vor dem eigenen „Ich“ kann man sich nicht verstecken und so bekommt das Land auch das, was es hat.

Statt einer einheitlichen und bewussten Nation bekommt das Land einen Wiktor Juschtschenko, statt einer guten und gerechten Hand einen Wiktor Janukowitsch und statt eines sozial gerechten Staates einen verarmenden Steuerzahler und einen verfettenden Beamten.

Wie entkommt man diesem Teufelskreis? Es gibt leider nur eine Möglichkeit: die Theorie wenigstens etwas an die Praxis anzugleichen. Die Ukraine bekommt eine Chance, wenn in der Gesellschaft ein neues Paradigma entsteht, das nicht so weit entfernt ist von der Realität.

Es ist unklug, als passionierter Individualist kollektivistische Losungen auszusprechen. Es ist sinnlos, zur gezwungenen Umerziehung der Mitbürger aufzurufen, wenn man selbst nicht von jemandem umerzogen werden möchte. Es kann kein effektives System entstehen, ohne dass man sich zunächst mit den eigenen Motiven, Prioritäten, Tugenden und Makeln auseinandersetzt.

Nur wenn man sein wahres „Ich“ anerkennt, kann man eine für beide Seiten günstige Zusammenarbeit mit dem anderen „Ich“ erreichen.

Natürlich ist es einfacher, seine eigenen Probleme hinter lauten Beschwörungen zu verstecken: „Die Macht dem Volk!“, „Die Nation ist das Höchste!“, „Alles ist zu enteignen und dem Volk zu übergeben!“. Man sollte sich nicht wundern, wenn aus diesem „Wir“ das maßlos aufgeblasene „Ich“ irgendwelcher Staatsmänner emporwächst.

20. April 2012 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzerin:   Katharina Jaroschak  — Wörter: 1424

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