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Born in the USA oder Warum ziehen es ukrainische Politiker vor, dass ihre Kinder nicht in der Ukraine geboren werden?

Die Geschichte der Geburt des Kindes von Infrastrukturminister Wolodymyr Omeljan in den USA rief einen Sturm der Entrüstung in den sozialen Netzwerken hervor. Aber nicht nur Omeljan alleine: ukrainische Staatsbedienstete, Abgeordnete und sogar Ex-Präsidenten ziehen es vor, dass ihre Sprösslinge außerhalb unseres Landes zur Welt kamen. Die Internet-Zeitung LB.ua untersuchte die Gründe der Weigerung der Mächtigen dieser Welt in der Ukraine zu gebären sowie die Privilegien der Kinder der „Elite“.

Wolodymyr Omeljan mit Ehefrau Switlana BewsaWolodymyr Omeljan mit seiner Ehefrau Switlana in New York

Zweimal «durch Zufall»

Der junge „Reformminister“ Omeljan, der den Ukrainern europäische Straßen, Low-Cost-Flüge zu erschwinglichen Preisen und Ausmerzung der Bestechung in einem der einträglichsten Wirtschaftsbereiche verspricht, wurde zum Helden neuen „Verrats“. Seine Ehefrau, die bekannte Designerin Switlana Bewsa, hat in den USA eine Tochter geboren.

Auf der Facebook-Seite des Staatsangestellten wurden über dreitausend äußerst emotionale Kommentare geschrieben. Die Meinungen gingen auseinander: Jemand gratulierte dem Minister zur Fortsetzung der Sippe, jemand konstatierte totales Misstrauen des Ministers zu seinem Land, der seinen Kindern die Staatsangehörigkeit der USA von Geburt an sichern wollte.

Auf der letzten Sitzung des Ministerkabinetts fragte LB.ua Wolodymyr Omeljan, welche Beweggründe seine Familie bei der Wahl des Geburtsorts seiner Kinder hatte, nämlich die USA. Der Minister wollte dennoch nicht mitteilen, ob er die Zukunft seiner Kinder in der Ukraine oder außerhalb von der Ukraine sieht, und wenn doch in der Ukraine, dann warum er sich um den Erhalt des amerikanischen Passes mit der Geburt kümmerte. Die Pressesprecherin des Ministers verweigerte das Gespräch und fügte hinzu, dass der Minister dieses Thema nicht mehr kommentiere.

Inzwischen versuchte sich der Staatsbedienstete bei Facebook auf jede Weise zu rechtfertigen. Er erklärte die Entbindung seiner Frau in den USA, das wäre reine Zufälligkeit. Das könnte man noch glauben, falls auch das erste Kind von Omeljan nicht in den USA geboren wurde.

Der Minister bestand aber weiter auf seiner Version des Zusammentreffens von Umständen. Er sagte, die Ehefrau wäre noch in Februar einfach zu einer Modenschau nach New York geflogen. Sie fühlte sich dort schlecht und auf Weisung der Ärzte sollte sie dort bis zur Geburt bleiben.

Auf dem Foto der Augenblick der Bekanntschaft des Sohns Marko mit seiner neugeborenen Schwester AnnaAuf dem Foto der Augenblick der Bekanntschaft des Sohns Marko mit seiner neugeborenen Schwester Anna

Das alles war seinen Worten nach auch noch kostenfrei gewesen. Er versicherte, dass sie die Versicherungspolice Medicaid nutzten. Dieses amerikanische staatliche Sozialprogramm für medizinische Hilfe versorgt Personen, deren Einkünfte unter der offiziellen Armutsgrenze liegen. So ist dieses Programm im Grunde genommen ein wohltätiges Programm. Um sie zu erhalten, muss man unter anderem eine Bestätigung seiner bescheidenen finanziellen Möglichkeiten vorlegen.

Dabei meldete der Minister selbst für das vergangene Jahr über eine Million Hrywnja (circa 32.000 Euro) an, und seine Frau verdiente offiziell eine Million Hrywnja, sie besitzt GmbH „Mark.Сom“, zwei Autos einen BMW X5, einen Ford Fusion Comfort, einige Immobilienobjekte und 70.000 US-Dollar in bar.

„Es ist offensichtlich, dass sie der Kategorie der Einkommensschwachen nicht angehören. Das heißt, wenn der Minister die Wahrheit über die kostenlose Geburt sagt, kann das für die Familie von Omeljan mit Sanktionen seitens der USA enden. Gemäß der Gesetzgebung der USA droht mindestens ein Einreiseverbot. Eine Deportation, wenn dieser Verstoß noch zum Moment des Aufenthalts im Lande festgestellt wurde. Nachfolgend ein vieljähriges Verbot für den Erhalt von amerikanischen Visa“, erzählte LB.ua einer der führenden Anwälte der ukrainischen Vertretung einer amerikanischen Holding in Kyjiw.

Die bekannte ukrainische Anwältin Walentyna Telytschenko nimmt zugleich an, dass Omeljans Familie „mit heiler Haut“ davonkommen kann.

„Ich schließe nicht aus, dass für Nicht-Bürger diese Versicherung auch ohne Prüfung von Einkommen und Vermögen angewandt wird. Die Sanktionen gegen die Verletzung sind im Grunde genommen aber nicht tödlich. Zukünftig könnte Omeljan und seiner Familie wegen dieser Verstöße gegen die Versicherungsbedingungen von Medicaid einfach das amerikanisches Visum entzogen und entsprechend Rechte auf die Einreise in die USA verwehrt werden“, kommentierte sie LB.ua gegenüber.

Wiktor Juschtschenko mit Ehefrau Kateryna, den Töchtern Sofija, Chrystyna und Sohn Taras Wiktor Juschtschenko mit Ehefrau Kateryna, den Töchtern Sofija, Chrystyna und Sohn Taras

Von Juschtschenko bis Ljowotschkin

Der Fall mit Omeljan ist sehr typisch für unsere politische Elite. Die Geburt von Kindern im Westen für den Erhalt der Staatsangehörigkeit der führenden Länder der Welt gehören zum guten Ton unter denen, die jeden Tag vom Patriotismus und dem Dienst an der Ukraine auf den Bildschirmen erzählen.

Wie LB.ua aus seinen Quellen erfuhr, wurden alle Kinder von Ex-Präsident Wiktor Juschtschenko von seiner Ehefrau Kateryna in Amerika geboren. Hier kann man das natürlich auf die amerikanischen Wurzeln seiner Ehefrau zurückführen. Aber die Tatsache bleibt bestehen: Der „patriotischste“ unter den ukrainischen Präsidenten ist sich nicht ganz der hellen Zukunft der Ukraine sicher.

Die Kollegen von Wolodymyr Omeljan, die im Ministerkabinett mit ihm sind, stehen auch nicht zurück. So ist die Tochter der Vize-Ministerpräsidentin für europäische Integration Iwanna Klympusch-Zinzadse – Solomija – US-Bürgerin. Die Tochter des Ersten Vize-Ministerpräsidenten Stepan Kubiw erhielt wirtschaftliche Hochschulausbildung in Kanada und blieb dort wohnen – trotz der Versicherungen ihres Vaters, dass die ukrainische Wirtschaft großes Potenzial hat. Die Kinder des amtierenden Finanzministers Olexandr Danyljuk haben die Staatsbürgerschaft von Großbritannien.

„Der Erhalt der Untertanenschaft Ihrer Majestät der Königin war am Anfang in Russland unter den Oligarchen des ersten Ranges sehr populär. Jetzt ist das auch ein Trend für ukrainische Staatsbeadienstete, die Ihren zweiten britischen Pass nicht zur Schau stellen. Außerdem muss man in England Immobilien haben, die nebenbei gesagt zu den teuersten in der Welt gehören. Das Kind erhält auch automatisch die Staatsangehörigkeit, wenn es auf dem Territorium des Landes im Laufe von zehn Jahren lebt“, erklärte der Internetzeitung LB.ua eine der Juristinnen, die nicht erst seit einem Jahr in England tätig ist.

Andrij Artemenko mit seiner Ehefrau Oksana Kutschma und den Söhnen Witalij (links) und EdwardAndrij Artemenko mit seiner Ehefrau Oksana Kutschma und den Söhnen Witalij (links) und Edward

Die Parlamentarier bevorzugen für ihre Kinder auch Entbindungsheime in der EU oder in den USA. Der gerade flüchtige Ex-Parlamentsabgeordnete Andrij Artemenko aus der Radikalen Partei Oleh Ljaschkos hat die Geburten seines Sohns und seiner Tochter in den USA nicht verheimlicht. Der Sohn des Abgeordneten Wjatscheslaw Konstantinowskyj von der Volksfront, der seinen „Rolls-Royce“ verkaufen und an Front gehen wollte, besitzt auch den Pass eines Staatsbürger von Amerika.

Die Abgeordnete der Partei Oppositionsblock Julija Ljowotschkina, Schwester des Ex-Leiters der Präsidialverwaltung der Ukraine in der Regierungszeit von Wiktor Janukowytsch, hat ihr Kind in Österreich geboren, wo auch wie in Deutschland seit 2000 das Bodenrecht (Ius soli) in Kraft trat: Sogar falls beide Eltern Ausländer sind, kann das Kind die deutsche (sic!) Staatsangehörigkeit nach der Geburt erhalten, wenn es im Laufe von acht Jahren ständig im Lande wohnt.

Sache liegt nicht in der Medizin

„Tatsächlich steht das Niveau der medizinischen Dienstleistungen in der Ukraine dem westlichen nicht nach, wenn man Geld hat“, sagt im Interview für LB.ua eine der Geburtshelfer-Gynäkologen einer populären ukrainischen Klinik für Reproduktionsmedizin.

Ihren Worten nach kostet das Geburtsbegleitungs-Paket in Kyjiw ab 2000 US-Dollar aufwärts.

„Wenn man will, braucht man nirgendwohin fliegen. Überdies in Anbetracht aller Risiken des über 12-stündigen Flugs nach Amerika. Daher liegt es nicht an der Angst das Kind zu verlieren oder Komplikationen bei der Entbindung zu bekommen oder in der Angst vor schlechten Ärzten, sondern in dem Wunsch bestimmte Sonderrechte zu erhalten, wie z. B. Staatsangehörigkeit, Status, Sicherheit. Das ist ja kein Geheimnis, wie Amerika bis zum äußerten jeden seinen «Durchschnitts-Ryan» rettet. Was man über die Ukraine im Vergleich dazu nicht sagen kann, denn bis heute ist die genaue Anzahl derjenigen, die in den Kellern der Lugansker und Donezker Volksrepubliken sitzen, nicht bekannt“, klagt die Ärztin, die übrigens mit ihrer ganzen Familie vor vier Jahren aus Donezk umgezogen ist und heute für die Hauptstadt ganz anständig bei einer populären Klinik verdient.

„Die Geburt im Ausland ist ein gutes Geschäft. Es gibt eine große Anzahl von Firmen, die in der Ukraine solche Dienstleistungen erbringen. Nicht nur unsere Politiker, sondern auch wohlhabende Ukrainer, Geschäftsleute und alle Topmanager der Holdinggesellschaften von sogenannten Oligarchen gebären massenhaft und schon seit langem in den USA. In der Regel in Miami, wo medizinische Dienstleistungen vier- bis siebentausend US-Dollar kosten, und das ganze Paket mit mindestens zweimonatlichen Aufenthalt, Flüge und Verpflegung zusammen mit dem Ehemann beläuft sich auf 20-40.000“, sagt eine Interviewpartnerin LB.ua, die gut mit dem Markt der Dienstleistungen für Geburten in Übersee bekannt ist.

Ihren Worten nach ist die Motivierung der Geburt des Kindes nicht in der Ukraine sehr klar und einfach: Wenn man in einem anderen Land gebärt, sichert man dem Kind einen zweiten Pass und gibt ihm von Anfang an eine bessere Zukunft sowie breitere Möglichkeiten als in der Ukraine. Wirtschaftliche Instabilität, Korruption, politische Turbulenzen und allgemeine Unbestimmtheit sind die Gründe, warum die vermögenden Ukrainer möglichst weit weg von der Ukraine gebären, sich absichernd, dass ihre Kinder in komfortableren Ländern aufwachsen und studieren. Die Ukraine komfortabel für das Leben zu machen fällt unserer sogenannten „Elite“ aus irgendwelchen Gründen nicht ein. Viel einfacher ist über den Vakuumtunnel Hyperloop in der Ukraine, deren helle Zukunft und die eigene Ergebenheit gegenüber der Ukraine zu erzählen.

3. Mai 2018 // Anna Steschenko

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Maria Watschko — Wörter: 1529

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Leserkommentare

«WAS soll denn an dem was der Autor geschrieben hat unfassbar sein? Ich lese da keinen Widerspruch. Wenn du eine solche Phrase...»

«Danke für Ihre Darstellung der Hintergründe der Vertriebenen Gesetze und für die Einordnung der Russlanddeutschen. Es...»

«Schloss Pidhirzi ... DAS Märchenschloss .... so wie ich es mir als Kind immer vorgestellt habe. Verwunschen .... Dornröschen...»

«es war keine gute geste sondern der "vertriebenen gesetz" ermöglichte den russlanddeutschen nach deutschland zu kommen..zum...»

«Weiß nichts über die anderen westlichen Reproduktionskliniken, aber meine Ehefrau und ich haben eine Erfahrung in dem Kinderwunschzentrum...»

«Putin katapultiert sich alleine mit seiner Außenpolitik ins Abseits. Solange das so ist braucht man über ander unwichtige...»

«"Nach dieser Philosophie wird das Schicksal eines Menschen im Moment seiner Geburt festgelegt. Wirst du als Junge geboren,...»

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