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Die Entmenschlichung der Ukrainer: Wie Ukrainer den Russen dabei helfen, die Ukrainer zu entmenschlichen

Enthumanisierung der Ukrainer - russische Propaganda

Erinnern wir uns an die Vorbereitung Russlands auf den hybriden Krieg und an die anti-ukrainische Propaganda während des Krieges. Es scheint, als wären dafür fast die gesamten gigantischen Medienressourcen eingesetzt worden. Die Rollen waren vorab bereits klar verteilt, die Themenvorgaben bereits versandt, die wunden Punkte bereits markiert. Hauptbotschaften wurden die Behauptungen, dass die Ukraine ein „Nichtganzstaat“ und dass die „Unabhängige“ sich schon so lange Zeit abstrampelt und sich nicht selbst helfen kann. Dass Ukrainer und Russen Brüder wären – nur das die ersteren verrückt geworden sind und von den bösen Amerikanern aufgestachelt beschlossen, das wunderbare gemeinsame Haus namens UdSSR zu verlassen.

Die UdSSR ist also nicht auseinandergefallen, sondern von ausländischen Agenten zu Fall gebracht und vernichtet worden und daher muss diese historische Ungerechtigkeit korrigiert werden. In Übersetzung in eine verständlichere Sprache bedeutete dies: Holen wir die Ukraine zurück, denn ohne sie haben wir kein Imperium. Und sie zurückzuholen kann man nur, indem man die Idee ihrer Unabhängigkeit diskreditiert und indem man die Träger des ukrainischen Nationalbewusstseins als amoralische Unmenschen darstellt. Putin brauchte für die totale Zustimmung seitens der russischen Gesellschaft für die Aggression gegen die Ukraine nur die Ukrainer vor den Augen ihrer Unterstützer zu entmenschlichen. So zu entmenschlichen, dass es bei Gelegenheit nicht schade wäre, sie zu töten. Der Arm sollte dabei nicht zucken und die vorwurfsvolle Reue nicht brennen.

Eine solche oberflächliche Bewertung der Ukrainer durch die Nachbarn könnte jedoch den gegenteiligen Effekt haben. Die Sache ist, wenn man lange wiederholt, dass ein ganzes Volk ohne Ausnahme schlecht, schwächlich und nicht selbstständig ist, kann das dieses Volk zu einer inneren Konsolidierung bringen, um den feindlichen Angriffen entgegenzuwirken. Aber genau dieser Aspekt war nicht Teil der russischen Propagandisten.

Ganz im Gegenteil hätten die Bewohner der verschiedenen Regionen gegeneinander ausgespielt und sich gegenübergestellt werden sollen. Hieraus wachsen auch die Beine langer historischer Erzählungen, Filme und Serien über wirkliche ukrainischen Arbeitstiere, die den Russen dabei halfen, die Sowjetunion aufzubauen, im Großen Vaterländischen Krieg zu siegen und „für den Frieden“ in der ganzen Welt zu kämpfen. In Wirklichkeit jedoch war es die Erschaffung eines sowjetischen Bildes eines sowjetischen Kleinrussen: hinterlistig, dümmlich, verräterisch, großbäuerlich, kleinkariert. Eine positive Figur war er nur unter den Bedingungen, dass neben ihm ein klügerer und gewandter russischer Bruder arbeitet. Nur unter dieses Bedingung konnte solch ein Ukrainer das Recht erhalten, sich der Liste der gemeinsamen „Siege“ zu bedienen. Ohne die mutige russische Führung hätte sich die Kutsche wieder in einen Kürbis verwandelt, und das prachtvolle Fräulein in eine schmutzige Magd.

Aber es gab noch ein historisches Hindernis auf dem Weg dieser gigantischen Manipulation. Solch eine Barriere wurde die Westukraine, die eine gewisse Zeit lang keinerlei Erfahrung mit russischen und sowjetischen Projekten hatte. Ganz im Gegenteil, ihre Bewohner stellten sich innerhalb weltlicher Konflikte auf die anti-russische und antisowjetische Seite. Verständlicherweise konnten sich ihre Nachkommen nach dem Zusammenbruch der UdSSR nicht mit der Rolle des amüsanten Kleinrussen oder der des kleineren Bruders abfinden, die „Für die Heimat“ oder „Für Stalin“ starben. Sie begannen, ihren eigenen antisowjetisches Diskurs zu entwickeln. Und das taten sie, bedauerlicherweise, oft grob und manchmal sogar auf eine primitive Art und Weise.

Sie taten es, ohne über die basalen weltansichtlichen Wertvorstellungen zu reflektieren. Vor allem in Hinblick auf die „Kämpfer für die Freiheit der Ukraine“, zu denen alle Teilnehmer die in die Konflikte des Zweiten Weltkrieges verwickelt waren, gezählt wurden, ohne dieser einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Unter ihnen gab es ehemalige Hilfspolizisten [der Deutschen], die aktiv an der Ermordung der Zivilbevölkerung beteiligt waren. Aber auch Angehörige der Wehrmacht oder sogar der SS. Der antisowjetische Diskurs war hervorragend dafür geeignet, den Westen der Ukraine zu mobilisieren, ging jedoch auf eine schreckliche Konfrontation mit dem historischen Gedächtnis des Großteils der Bevölkerung der Ukraine. Es kam gar zur bedrohlichen inneren Situation. Die Strategen des Kremls konnten natürlich nicht anders, als diese Situation auszunutzen.

Es sollte jedoch auch erwähnt werden, dass nicht nur Russen sich als geschickte böse Genies herausstellten, sondern das hier auch Ukrainer selbst ordentlich Hand anlegten mit ihrer Sturheit, Unnachgiebigkeit und Verbohrtheit. Anstatt für die Erreichung eines inneren Konsens zu arbeiten, hofften die Anhänger beider gegensätzlicher historischer Narrative darauf, dass mit Hilfe der Politik die Gegner dazu verpflichtet werden könnten, gerade ihren Helden-Diskurs anzuerkennen. Gerade das war die Zeitbombe. Eine Explosion aufgrund der Konfrontation des Westens und des Ostens des Landes war lediglich eine Frage der Zeit und drohte all das zu beseitigen, was sich Ukraine nannte.

Das Spiel mit der historischen Identität wurde so ernst, dass sie zur stärksten Waffe in den Händen von Fachmännern wurde. Es ist klar, dass für Putin der sowjetische und imperiale Diskurs auch deshalb so wichtig war, weil er auf die Wiedergeburt des Imperiums hoffte und somit auch die Wiedererlangung des Status Russlands als einer Supermacht. Diese Fragen sind ihm ebenfalls auch deshalb wichtig, da das moderne Russland außer historischer „Errungenschaften“ nichts hat, worauf es stolz sein könnte. Diese „Errungenschaften“ sind ebenfalls fragwürdig, weil man dazu gezwungen ist, den Stalinismus zurechtfertigen, ebenso die sowjetische Außenpolitik mit der Unterstützung des globalen Terrorismus und die grausame Unterdrückung von Freiheitsbestrebungen in den praktisch okkupierten Ländern des „sozialistischen Lagers“.

Um die „Autorität“ Russland wiederzuerlangen, hätte man versuchen können, die Welt mit der Entwicklung einer modernen Waffe zu ängstigen. Aber auch dies ist aufgrund des Fehlens einer hochtechnologischen Wirtschaft nicht möglich. Die ruinierte soziale Sphäre machte es zu einem komplett unattraktiven Rohstoffanhängsel und nicht zu einem anziehenden Zentrum. Gerade deshalb sah die Taktik des hybriden Krieges Russlands gegen die Ukraine nicht nur die Annexion der Krim vor, oder den Einsatz russischer Truppen im Donbass, sondern auch eine Kampagne für die Massenentmenschlichung der Ukrainer und der Ukraine in den mächtigen propagandistischen Medien. Russische Sender machten leicht Beispiele der Verherrlichung der SS-Division „Galizien“ in der Ukraine ausfindig, um dann in die ganze Welt hinaus zu schreien, dass in der „Unabhängigen“ es gerade zu einer Wiedergeburt des Nationalsozialismus und Faschismus kommt.

Indem man in verschiedenen Sprachen die Nachricht in den Weltinformationsraum wirft, in der Ukraine wären rechtsextreme Tendenzen im Kommen, gelang es Russland sehr leicht, bei leichtgläubigen Europäern ein negatives Bild über die Ukraine zu formen. Es gab ja auch keine Versorgungsstörungen mit Bildern vor Ort. Bereits zu Zeiten des Maidans gab es wie zufällig Figuren mit rechtsextremer Symbolik, mit entsprechenden Ausrufen und Gesten. Man muss zugeben, dass es der russischen Propaganda lange Zeit gelang, das zu vereinigen, was unvereinbar ist. Einerseits ängstigten sie ihre Zuschauer und Zuhörer damit, dass der feindliche und aggressive Hitlers Plan fortführende Westen einen rechtsradikalen Umsturz in der Ukraine organisiert hatte, und anderseits stellten sie eben den Westen als den verlässlichsten Partner Russlands dar.

Allgemein verdienen die russischen propagandistischen Fernsehprogramme eine nähere Analyse, aber heute geht es um die Entmenschlichung. So wurden noch lange vor der russischen militärischen Aggression und der Annexion der Krim in diesen Fernsehprogrammen die Ukrainer aufgeteilt. Alle „Westler“ waren „Bandera-Leute“, also Faschisten und Nazis. Um auch nur einen Hinweis auf einen Konsens in der ukrainischen Gesellschaft zu verhindern, wurde eine grobe Technik angewandt, als wären es die heutigen „wir“ es gewesen, die im Ersten und im Zweiten Weltkrieg an der Front kämpften. Dass ausgerechnet „wir“ die Reinkarnation nicht nur unserer Vorfahren, sondern aller guten Menschen, die auf diesem Territorium lebten, wären. Und dass diese Tatsache uns dazu verpflichtet, der kanonischen Linie der Vorfahren treu zu bleiben. Und niemals von dieser abweichen. Wenn also dein Urgroßvater oder dein Großvater Rotarmisten waren, musst du alles Westukrainische verachten und dich dessen Einflüssen wiedersetzen. Solche eine Herangehensweise in den Fall der Ukraine restaurierte augenblicklich fast alle Linien der historischen Entgegensetzung. Du agiertest wie ein mobilisiertes Objekt, warst entweder ein „Bandera-Mann“ oder ein Rotarmist. Etwas anderes gab es nicht. Und ihr werdet euch niemals versöhnen.

Dementsprechend wurden, in der viel stärker einflussreichen russischen Propaganda, die Westukrainer nur als Diener der Nationalsozialisten, blutige Mörder der Zivilbevölkerung und allgemein als die geborenen Bösewichte schlechthin dargestellt. Diese Propaganda ernannte Nachfolgeorganisationen, die angeblich direkt aus der Gruppe der Kollaborateure des Zweiten Weltkriegs stammen. Markierten mit Hilfe dieser die ganze gegenwärtige ukrainische Bewegung und begangen gegen diese Bewegung einen echten vielfältigen Krieg. Es wurden sogar primitive „genetische“ Theorien angewandt, dass die Nachkommen der aus dem ehemaligen Galizien stammenden Menschen überhaupt keine Ukrainer wären. Dass es ein künstlich hervorgebrachtes Volk sei, für das eine anti-russische Einstellung kennzeichnend war. Und die Haupteigenschaften waren die Geneigtheit zum Verrat, Opportunismus und Undankbarkeit. Dabei wird darauf verwiesen, dass es der Sowjetmacht unter Führung des mutigen russischen Volkes gelang, diese Wilden etwas zu zivilisieren. Aber die wilde anti-russische Natur kam wieder zum Vorschein und gewann die Oberhand.

Genau hier kommt es zur größten Manipulation der russischen Propaganda. Alles so darzustellen, als ob alle „normalen“ Ukrainer zu Geiseln eines Haufens von „Bestien“ wurden. Die Unterteilung in „normale“ – also pro-russische oder jene, die nur einen leichten ethnographischen Unterschied zu Russen haben – und in „Bestien“, die nur daran denken, die freien Proletarier des Donbass zu versklaven, indem man ihnen die ukrainische Sprache und die Liebe zu Bandera aufzwingt, ist der Hauptinitiator von Antagonismen in der ukrainischen Gesellschaft.

Wenn man dies alles mit den Hekatomben an Verfluchungen gerichtet an alle möglichen und unmöglichen, allen realen und mythischen, historischen und modernen Nazis und Faschisten, die unaufhörlich auf die Köpfe der Konsumenten russischer propagandistischer Produkte niederrasseln, multipliziert, dann kann man sich nur ungefähr das Ausmaß des Hasses auf Ukrainer und die Ukraine selbst vorstellen. Es kam soweit, dass neunzig Prozent der Sendezeit „ukrainischen“ Themen gewidmet waren. Die Missachtung, Wut und Verfluchung alles Ukrainischen schrieb sich auf Jahre in die russischen Fernsehsender ein.

Außerdem, als die propagandistische Flut weniger zu werden begann, begann man für die Fernsehsendungen „mächtige“ falsche Blödmänner mit Tschub [traditionelle Haartracht der ukrainischen Kosaken] und ohne einzukaufen. Das hauptsächliche Leitmotiv dieser Sendungen war es, die intellektuelle Minderwertigkeit der Ukrainer, sowie ihre moralische Prinzipienlosigkeit zu zeigen. Um zu zeigen, dass Ukrainer gegen Russen immer verlieren, und dass es ohne Russen gar nicht ginge.

Als mit der Zeit der Umfang der russischen Propaganda sich in der Ukraine verringerte und das Interesse an derartigen „Shows“ sank, kamen ukrainische Partner – die Sender von Wiktor Medwedtschuk – zu Hilfe. Dieselbe antiukrainische Propaganda, nur maskiert als alternative Information der Bevölkerung, doch tatsächlich die Bedienung der politischen Tätigkeit der Oppositionsplattform für das Leben [Wahlverein von Medwedtschuk, A.d.R.]. Das Schlimmste, was in dieser Situation geschehen konnte, ist das, dass es den genannten Sendern gelang die russische Erfahrung auf den ukrainischen Boden zu übertragen. Mit dem Unterschied, dass jetzt die mächtige Propagandamaschine zur Dehumanisierung der politischen Gegner im Inneren des Landes arbeitete.

Bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen kam es in einem harten Zweikampf dazu, dass hier die beiden Modelle zur zukünftigen Entwicklung der Ukraine zusammentrafen. Recht schnell wurden sie zu zwei unvereinbaren politischen Lagern. Einer von ihnen übernahm nach der verheerenden Niederlage des fünften Präsidenten der Ukraine und dank der Einführung des Propaganda-Arsenals des Fernsehsenders „Prjamyj“ die russische Methode vollständig. Diesmal gegen das verhasste neue Regierungsteam. Gleich auf den ersten Blick ist ersichtlich, dass ihre propagandistische Arbeit von der russischen „kopiert“ wurde. Dass diese ein Klon ihrer russischen Schwester ist, da ihre Arbeit von den gleichen russischen Experten angepasst wurde.

Die Moderatoren unterscheiden sich in gar nichts von ihren russischen Kollegen. Die gleichen beleidigenden Kommentare, miese Angriffe gegen Politiker und ihre Verwandten. Hetze bei jeder Gelegenheit. Versuche die Menschenwürde zu erniedrigen. Einseitige Auswahl von „Experten“. Und die ständige Lüge für die nächste Lüge. Jetzt sind die Fernsehsender von Wiktor Medwedtschuk und Petro Poroschenko kaum mehr zu unterscheiden. Sie machen gemeinsame Sache. Aber welche?

Es ist einfach so, dass die Ukrainer sich selbst entmenschlichen. Ohne die Hilfe Putins und Russlands. Sie sprechen sich gegenseitig ihren Patriotismus ab. Sie halten ihre Gegner für inkompetent, primitiv und käuflich. Zu nichts fähig. Nicht kultiviert und zivilisiert. Freuen sich über Fehler und Misserfolge anderer und hoffen darauf, dass „nichts gelingen wird“. Es scheint, als würden sie euphorisch nur auf eine universale Katastrophe warten. Als wären sie Schlafwandler, von Macht und Geld verzaubert, langsam ins Niemandsland abgleitend und die Ukraine mitziehend.

22. Mai 2020 // Wassyl Rassewytsch

Quelle: Zaxid.net

Übersetzerin:   Yuliya Komarynets — Wörter: 1997

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