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Das Europa, das wir verlieren

EurointegrationQuelle: etno-vyshyvanka.kiev.ua
Am 1. Juli 2013 wurde Kroatien zum 28. Mitglied der Europäischen Union. Zur gleichen Zeit zu der die sich erweiternde EU die Verkörperung aller Träume war, bereitete sich die Ukraine auf den Gipfel von Vilnius vor und Janukowitsch wurde als Eurointegrator angesehen und nichts deutete auf die großen Erschütterungen hin.

Die vergangenen drei Jahre haben vieles verändert.

Europa, geplagt von Migranten und dem Brexit, hat den alten Glanz verloren. Und in der kämpfenden Ukraine ist eine Generation von Euroskeptikern herangewachsen, welche die EU als Brutstätte des #Verrats ansehen. In Wahrheit schien es bis vor kurzem, dass ihre Stimme zu schwach ist und nicht in der Lage ist die gewohnte eurointegratorische Rhetorik zu übertönen. Doch wie es aussieht deutet sich im gesellschaftlichen Bewusstsein ein Bruch an: Umstände, welche die Europäische Union diskreditieren, mehren sich sichtbar.

Erstens die leidgeprüfte Entscheidung über die Visafreiheit, wurde verschoben nach dem die Ukraine alle notwendigen Anforderungen erfüllt hat und sich auf eine baldige Belohnung freute. Zweitens, die allmähliche Milderung der europäischen Position zur Russischen Föderation, die Aufrufe zur Schwächung der Sanktionen, die Resolution des französischen Senats und die Erklärung von Herrn Steinmeier.

Schlussendlich der sattsam bekannte Brexit: unabhängig von den praktischen Folgen wurde er bereits für die EU zu einer Imagekatastrophe. All das kann die Reputation Europas in den Augen der aktiven Ukrainer unmöglich nicht untergraben.

Früher wedelten die einheimischen Romantiker und Populisten mit dem blauen Sternenbanner, dabei der Ukraine eine helle europäische Zukunft versprechend und die Realisten riefen dazu auf, die Europäische Union nicht zu idealisieren. Jetzt haben beide Seiten offensichtlich ihre Plätze getauscht. Die Realisten versuchen zu zeigen, dass die Unterstützung Brüssels wie gehabt nötig und wichtig ist. Und die Romantiker und Populisten werden vom besonderen ukrainischen Weg erzählen und von der Verwandlung in ein zweites Israel und vom verfaulenden Europa, auf das man nicht zurückblicken sollte.

Leider hat der neumodische ukrainische Euroskeptizismus die gleiche Natur, wie auch die vorherige Idealisierung der EU.

Er beruht ebenfalls auf schwacher Informiertheit und einer primitiv vereinfachten Weltwahrnehmung. In der Theorie bildet sich jeder von uns ein, ein Experte für die europäischen Probleme zu sein. Doch in der Praxis erwischen die traurigen Nachrichten aus der Europäischen Union die Ukraine überraschend und die wenigen Kundigen sind gezwungen den Übrigen zu erklären, warum der Ausgang des Referendums in den Niederlanden oder der Aufschub der Visafreiheit faktisch nicht von der ukrainischen Situation abhängen. Wir kennen Europa schlecht und können uns unserem Platz in der großen, schwierigen, sich ändernden Welt noch schlechter vorstellen.

Die Ansichten vieler Ukrainer erinnern an das ptolemäische Weltbild, nach dem Sonne, Sterne und Planeten sich um die Erde drehen. Es ist bequem für uns zu glauben, dass Kiew und Moskau sich im Zentrum des Universums befinden und die übrigen Weltprobleme vom ukrainisch-russischen Konflikt hervorgebracht wurden. Der islamische Staat, der die Europäer mit so viel Blut stört? Ein Kind des Kremls, von Putin kontrolliert! Die terroristischen Attacken in Paris? Dahinter stecken russische Geheimdienste! Die Terrorakte in Brüssel? Der Kreml hat sie organisiert, um die Aufmerksamkeit von Nadeschda Sawtschenko abzulenken! In der Regel wissen die Anhänger dieser bemerkenswerten Version nicht einmal, wer Salah Abdeslam ist und wollen sich auch nicht in die Details vertiefen.

Die Kleinstadt-Konspirologie ist unersetzbar, wenn du nicht danach strebst, die Welt zu verstehen und dich bemühst, diese in das eigene virtuelle Bild zu stopfen.

Wir hoffen, dass Europa im Rahmen des von uns erdachten Universums handelt wird und sind enttäuscht, wenn das nicht passiert.

In unseren Tagträumen ist die Ukraine eine europäische Bastion, welche die Zivilisation vor dem infernalischen Bösen der Welt schützt. Doch in der Realität bleibt Putin ein regionaler Schlägertyp und die Ukrainer, die mit der russischen Aggression konfrontiert wurden, sind den entwickelten Ländern Europas nicht näher gekommen. Man kann Mitleid mit uns haben, doch es gibt bisher nichts, wofür man uns schätzen sollte.

In unserer Vorstellung hat die unbezwingbare ukrainische Armee die Offensive des Aggressors aufgehalten und die feigen EU-Bürokraten haben sie dabei nur gestört. Doch in der Realität hat Russland im Donbass alle besonderen militärischen Aufgaben erfüllt – von der Rettung der Pseudorepubliken bis zur Säuberung des Donezker Flughafens und von Debalzewo – und ist nicht weiter gegangen, weil in Moskau nicht die entsprechende politische Entscheidung getroffen wurde. Der Kreml hat abgelassen, weil er eine weitere Konfrontation mit dem Westen fürchtete und darin besteht das Verdienst der europäischen Führer, die unsere kriegerische Öffentlichkeit verunglimpft.

Aus unserer Sicht sind die Europäer gleichgültig gegenüber dem ukrainischen Blutvergießen, egoistisch und dumm. Doch in der Realität ist das eine normale Position, die der Mehrzahl der Menschen eigen ist. Ja, für uns selbst ist der kriegerische Konflikt mit Beteiligung der Ukraine eine Frage von Leben und Tod. Doch um zu begreifen, wie die Vorgänge von der Seite wahrgenommen werden, reicht es zu sich an unsere Beziehung von regionalen Konflikten in anderen Teilen des Planeten zu erinnern.

Nordzypern ist von den Türken schon mehr als 40 Jahre abgetrennt worden und wie oft haben wir daran gedacht solange wir nicht selbst die Krim verloren? Haben wir der syrischen Metzelei viel Aufmerksamkeit geschenkt, solange dort unser Feind Wladimir Wladimirowitsch (Putin) nicht einstieg? Wie aufmerksam haben wir die blutigen Schlachtereien in Afrika verfolgt? Vor zehn Jahren haben die Wahlen zur Werchowna Rada für uns unvergleichbar mehr bedeutet, als irgendein Krieg in Waziristan des atombewaffneten Pakistans und das war vollkommen naheliegend. Dafür sind wir jetzt aufrichtig beleidigt, wenn das europäische Publikum die Ukraine vergisst und andere Probleme in den Vordergrund gelangen.

Um so schwerer die Ukrainer an das vorgestellte Bild des Weltgefüges gebunden sind, um so schwieriger ist der Dialog mit dem realen Europa zu führen.

Die Krise durchlebend, mit neuen Herausforderungen konfrontiert sein, sich im Laufe ändernd, wird die Europäische Union immer weniger mit den ukrainischen Illusionen, Idealen und Erwartungen gemein haben. Die einzige Möglichkeit Europa nicht endgültig zu verlieren ist es damit zu arbeiten, was da ist. Nicht von der Kooperation mit der EU das Wünschenswerte zu erwarten, sondern das maximal Mögliche zu nehmen. Schlussendlich bringt jeder Tag antirussischer Sanktionen in unserer Situation mehr praktischen Nutzen, als hunderte Posts über „das neue Israel“ mit tausenden Likes.

Natürlich kann man einen anderen Weg gehen. Die ukrainische Diplomatie in die Hände von Populisten geben, stolz die Tür zuschlagen, Brüssel mit all seinen Empfehlungen zum Teufel schicken, die Europäer zu Schwächlingen und Verrätern erklären, für sie die Visapflicht wieder einführen usw. Der Applaus der Sofa-Kriegerschaft ist garantiert. Doch das wird das alles nur ein #Sieg in der virtuellen Welt sein, die wir uns selbst ausgedacht haben.

1. Juli 2016 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Andreas Stein  — Wörter: 1166

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