FacebookTwitterTelegramVKontakteMail

Glaube aus Angst und Liebe

0 Kommentare

Ich hatte das Glück, Bibler1 noch persönlich kennenzulernen. Zu den frühen Gorbatschow-Zeiten machte mich eine Moskauer Freundin mit einem stillen Menschen bekannt, der mir auf meine dumme Frage über die Zukunft folgendes antwortete: „Die Ideologie – das ist eine für alle. Die Moral hingegen bleibt immer etwas persönliches.“ So konnte nur ein Philosoph antworten. Ein leibhaftiger und nicht so einer, der an einer handelswirtschaftlichen Fachoberschule den Marxismus-Leninismus lehrte.

Später habe ich viel von Bibler gelesen. Ich hatte versucht, mich mit seiner Weisheit vollzustopfen, mich mit ihr zu stärken. Sie klang beispielsweise so: „Das Gefühl der eigenen Wertschätzung bringt noch keine Moral hervor, aber es ist die Voraussetzung, ohne die ein moralisches Benehmen nicht einmal im Keim entstehen kann.“ Damals, am Anfang unserer staatlichen Unabhängigkeit, hatte ich unsere Vorzeige-Patrioten von Universitäts-Chefs mehrfach versucht dazu zu überreden, Bibler nach Kiew einzuladen, zu den Studenten. Leider hatte es nie geklappt, denn der große Bibler sprach kein Ukrainisch. So wie auch all die anderen weisen Menschen, die bereit waren, ihr Wissen in die Ukraine zu bringen. Schade, hätte die Einimpfung fremder Weisheiten doch unsere provinzielle Elite ernüchtern lassen.

Vor langer, langer Zeit, noch vor Glasnost und Perestrojka und noch vor unserer Staatsgründung, im vierten Jahrhundert, sagte der Theologe Athanasius von Alexanderia: „Gott kann alles, doch er kann den Menschen nicht retten ohne den Menschen.“ Gut zweitausend Jahre später, und der Gedanke ist immer noch genauso aktuell. Mein Kollege Karl Jaspers, ein bekannter deutscher Psychiater (und ein hervorragender Philosoph noch dazu!), schrieb in der Mitte des 20. Jahrhunderts: „Gott sagt den Menschen nicht direkt, was er von ihnen möchte. Es gilt die Demut vor der Unwissenheit. Auf die Fragen Hiobs gibt es keine Antworten. Den Gipfel dieser Demut verkörpert der alte Weise Jeremia.“

Ich weiß, ich bewege mich nun auf verbotenem Terrain. Darüber wird in der Ukraine wenig gesprochen – und wenn ja, dann nie laut. Zwar entstehen Hunderte neue Kirchenhäuser, doch die Gläubigen werden immer weniger. Ob innerhalb des Priestertums oder unter den Kirchengängern. Bei mystischen, religiösen Erfahrungen ist man dazu veranlagt, zu schweigen, weil es nur dann zu einer göttlichen Verschmelzung mit dem Absoluten kommt. Beim Glauben an Götzen oder im Heidentum braucht es keine Moral. Dort genügt das reine Ritual. Dort heißt Glaube Angst. Etwas ganz anderes ist der Glaube aus der Liebe heraus. Der Glaube ist, wie die Moral, immer etwas persönliches. Demnach unterliegen moralische Anschauungen wie auch menschliche Ideale und Ziele keiner gesetzlichen Definition. Das Recht darf in die innere Freiheit nicht eindringen, denn mit juristischen Mitteln lassen sich keine Voraussetzungen für Liebe und Güte schaffen.

Die Moral ist immer etwas persönliches. Mein ältester Freund und Lehrer Iwan Aleksejewitsch Switlytschnyj2 lebte dieses Prinzip. Sogar damals im Lager, wo das Leben von ganz anderen alltäglichen Verhaltensmustern diktiert worden war. Er philosophierte nicht, sprach von keinem Absoluten, sprach keine patriotischen Banalitäten aus. So lebte er. Ich hatte wirklich Glück mit meinem Lehrer. Außerdem hatte ich das Glück, im Lager einen wirklich gläubigen Menschen kennenzulernen: den tiefsinnigen, aufrichtigen Christen Stepan Memtschur. Ja, im Lager war das. Dort, wo man schneller das Falsche erkennt.

So viele weise und aufrichtige Menschen sind uns vorausgegangen! Lernen sollten wir von ihnen, uns an sie erinnern. Doch stattdessen warten wir auf Anweisungen von Oben. Ob aus den Palästen des Absoluten oder aus der Administration des Präsidenten. Gott, das Absolute, spricht uns nie direkt an. Um etwas von seinem Wissen zu erhalten, ist Kraft notwendig – nicht nur intellektuelle, sondern auch moralische. Unser Präsident hingegen, spricht selten mit uns, denn er hat es schwer mit uns, ach, wie schwer.

In einem bin ich mir sicher: Würde Iwan Aleksejewitsch2 noch unter uns sein, wären wir irgendwie anders. Wie wären besser, aufrichtiger, oder so etwas in der Art. Bibler und all die anderen letzten Mohikaner mit russisch-europäischem Intellekt hätten bis zur Erschöpfung, bis zur Heiserkeit vor unseren Studenten gestanden. Ungeachtet dessen, dass sie kein Ukrainisch sprechen. Und siehe da, auch unsere Wahlvorlieben wären andere. Dann gäbe es solche gesetzgebenden Selbstbefriedigungen wie die von Herrn Tschetschetow nicht. Und auch keine sprachlichen Initiativen wie die von Kiwalow-Kolesnitschenko.

14. Oktober 2013 // Semjon Glusman

Quelle: Lewyj Bereg

1 Wladimir Solomonowitsch Bibler, russischer Philospoh, lebte von 1918 bis 2000.

2 Iwan Aleksejewitsch Switlytschnyj, ukrainischer Poet, Literaturwissenschaftler, lebte von 1992 bis 1992.

Übersetzerin:   Maria Ugoljew — Wörter: 711

Maria Ugoljew ist freischaffende Journalistin und Übersetzerin. Sie hat erst Slawistik, Kunstgeschichte sowie Musikwissenschaft in Greifswald und Brno studiert und dann bei einer Lokalzeitung volontiert. Heute lebt sie in Berlin.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Telegram, Twitter, VK, Facebook, RSS und per Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 6.0/7 (bei 2 abgegebenen Bewertungen)

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Haben Präsident Wolodymyr Selenskyj und die ukrainische Regierung nach dem Abschuss der ukrainischen Boeing 737 bei Teheran korrekt gehandelt?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen
Kiewer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew

Karikaturen

Andrij Makarenko: Selenskyj lässt den Dschinn aus der Flasche

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)-1 °C  Ushhorod-3 °C  
Lwiw (Lemberg)-2 °C  Iwano-Frankiwsk-1 °C  
Rachiw-3 °C  Jassinja-2 °C  
Ternopil-3 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)0 °C  
Luzk-2 °C  Riwne-2 °C  
Chmelnyzkyj-4 °C  Winnyzja-3 °C  
Schytomyr-3 °C  Tschernihiw (Tschernigow)-3 °C  
Tscherkassy-1 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)0 °C  
Poltawa0 °C  Sumy0 °C  
Odessa-2 °C  Mykolajiw (Nikolajew)-1 °C  
Cherson-1 °C  Charkiw (Charkow)-3 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)-4 °C  Saporischschja (Saporoschje)-3 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)-3 °C  Donezk-1 °C  
Luhansk (Lugansk)-1 °C  Simferopol0 °C  
Sewastopol3 °C  Jalta-3 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Das ist nur meine Meinung bzw. Erfahrung, suche Dir eine Frau, welche auch Deine Sprache versteht, besser gesagt aus Deiner Heimat. Der größte Teil der Frauen hier, hat sich dem System nach 1990 bis...“

„...ja und? Es gibt keine Asylgründe.“

„Dieser Artikel in dem Blatt ist doch nur Nonsens, keine Fakten werden genannt, wie zb.: Finanziert die Familie ihren Lebensunterhalt selbst, wie sind die Sprachkenntnisse usw. und so fort. Wenn das alles...“

„In solchen Fragen sind die Botschaften, bzw. Konsulate sowieso immer die einzig ausschlaggebenden Institutionen. In einem Forum, wo kaum mal jemand nach Südostasien kommt, eine solche Frage zu stellen,...“

„Hallo, falls die Frage bez. Adoption noch aktuell ist, weiss ich was dazu. Ich wohne in der Ukraine, habe frueher mit einer Adoptionsvermittlungsstelle mitgearbeitet und die Familie, die in der Ukraie...“

„Das muß natürlich ein armer Irrer sein, der so etwas tut, und glauben würde ich die Summe von 3.500 € auch nicht, vielleicht meinte er ja Griwna? Fairarweise muß ich aber auch sagen, daß ich diese...“

„Bin auf der Suche nach der Sage der Berehynia. Könnte jemand vielleicht knapp erzählen, worum es in ihrer Sage ist und welche Geschichten/Mythen und "Märchen" sich um sie ranken? Gibt es vielleicht...“

„Hallo, mein Vater wurde in Schadowa oder Umgebung Ukraine geboren. Ich suche jemanden der dort in Nähe wohnt der Deutsch und Ukrainisch spricht. Der Lust hast zu forschen ein schwieriger Fall den der...“

„Wir sind jetzt wieder mit Odri / Kaufmann für 76 € ( 2 Personen und 70 kg Gebäck) nach Lviv gefahren. Es war eine Superfahrt von Sylvester zum Neujahr. 14 Uhr los und schon 3 Uhr in Lviv, also in nur...“

„Soll ich auch bei der Anzeige eine Bezahlung mit anbieten ?“