Wahlen verlaufen im Dorf gewöhnlich ziemlich ruhig, aber gleichzeitig auf gewisse Weise bedauerlich. In den Worten der Leute, die aus den Wahlkabinen kommen, ist Pessimismus zu hören.
„Die Wahlen werden kaum etwas verändern, aber wir werden hoffen“, so kann man die allgemeine Stimmung der Bewohner in den Dörfern des Gebietes Tschernigow am Wahltag beschreiben.
Am Morgen hasten alle zum Wahllokal. Sie geben ihre Stimme für die Kandidaten und Parteien ab, die ihnen gefallen haben. Sie sprechen ein-zwei Minuten mit Freunden oder Bekannten über die getroffene Wahl und gehen wieder nach Hause. Zum Abend sind die Wahllokale wieder leer.
„Früher waren die Wahlen ein Feiertag. Es wurden Konzerte auf den Dörfern organisiert, am Eingang zum Dorfklub wurden Süßigkeiten verkauft. Deshalb habe ich schon in der Kindheit davon geträumt, erwachsen zu werden und zur Wahl zu gehen“, teilt seine Erinnerungen ein Mitglied der Wahlkommission des Dorfes Bolschoe Ustje im Kreis Sosnizki mit.
Heute verlaufen die Wahlen eher traurig: Die Großmütter hoffen, dass es „wenigstens den Kindern und Enkeln im Leben besser gehen wird, aber wir haben schon nichts mehr zu hoffen.“ doch auch die jungen Leute haben keine besonderen Hoffnungen auf eine Veränderung der herrschenden Macht.
Gleichzeitig setzt ein Teil der Wähler seine Hoffnungen auf die Direktkandidaten, die ihrer Meinung nach näher am Volk sind und die Bedürfnisse der Bevölkerung besser kennen.
„Die Partei der Regionen hat alles schon längst aufgeteilt“
„Und ich sage, diese Wahlen werden nichts ändern. Ich bin schon 90 Jahre alt, habe so oft meine Stimme abgegeben, doch nichts hat sich verändert. Deswegen werde ich heute nicht zur Stimmabgabe gehen“, sagt uns ein Mann, der an diesem „bedeutungsvollen“ Tag die Kühe hütet.
Doch sein Freund geht zur Wahl, jedoch erst auf dem Weg nach Hause, von der Weide. Besondere Hoffnungen auf den Ausgang der Wahlkampagne hat er allerdings auch nicht. „Wir brauchen eine solche Regierung, wie wir sie früher hatten oder so eine wie in Belarus, dort kümmert sich Lukaschenko um die Menschen“, sagen die Männer traurig-verträumt.
Das Erscheinen der Journalisten von LB.ua in den Wahlbezirken wird unterschiedlich aufgenommen. Die Mitglieder der Wahlkommissionen freuen sich alle und bieten Getränke und Speisen an. andere fordern neben dem Ausweis für Journalisten den Personalausweis sowie eine Genehmigung für Aufnahmen. Dabei konnte keiner von ihnen auf unsere Frage antworten, bei wem wir diese Genehmigung bekommen sollen. Nichtsdestotrotz versicherte man uns allerorten, dass die Wahlen ruhig verlaufen, alle sind in den Liste und Verstöße wurden keine festgehalten.
So sagte man uns auch im Dorf Schowtnewoe im Kreis Mena. Doch wenn sie nicht vor der Kamera stehen, werden die Leute gesprächiger. Die örtliche Angestellte des Kulturhauses gab offenherzig zu, welcher Teil des Dorfes für wen stimmt, und dass sie, die für die „Partei der Regionen“ agitiert, nach Lage schon um zwei Uhr die Abrechnung über die getane Arbeit fertigstellte. „Wir zwingen niemanden, wir bieten den Leuten lediglich an, ihre Stimme abzugeben. Wer selbst nicht kommen kann, den fahren wir.“ So wurden die Stimmen im Dorf still aufgeteilt. Was soll es hier schon für Fälschungen geben! … Die Frau sagte auch, dass im Wahllokal „ein Mitarbeiter des SBU (ukr. Geheimdienst) auftauchte, von Ljaschko (A.d.Ü. Oleg Ljaschko, ist ein ehemaliger Abgeordneter des Blockes Julia Timoschenko, der bei diesen Wahlen direkt für die Radikale Partei Oleg Ljaschkos in das Parlament gewählt wurde), wie er sich vorstellte. Einen Dienstausweis zeigte er aber nicht. Er riss der Vertreterin der Wahlkommission die Wahlzettel aus der Hand und drohte ihr.“ Er erklärte, dass „hier eine Wahlfälschung vorliege“, dann fuhr er laut unserer Gesprächspartnerin weg und sie konnten sich nicht einmal die Nummer des Autos notieren.
Ein anderes Mitglied der Wahlkommission gibt ungern zu: „Alles ist schon längst von der Partei der Regionen aufgeteilt worden, sie sind in die Häuser gegangen und haben auch Geld gezahlt.“ Auf unsere Nachfrage, man müsse doch noch wissen, wem das Geld gezahlt wurde, sagte man: „Sie wissen es.“
Pamjat Lenina wählt Ljaschko
Die Reise durch den Kreis Mena war durchaus interessant. Am Anfang in der Kreisstadt trafen wir auf eine Stimmabgabe zu Hause.
Eine ältere Frau sagte sofort, dass sie den Text in den Wahlzetteln nicht sehen kann, aber für die „Regionalen“ stimmen will. Deshalb bat sie die Mitglieder der Wahlkommission, ihr die entsprechende Nummer in der Liste zu zeigen.
Die Wahlbeobachter berieten sich nur kurz und beschlossen „wenn sie nichts sieht, aber genau ihren Wahlwunsch mitteilt, dann ginge das“. Im Übrigen wählte die alte Dame den Direktkandidaten mit Hilfe der Lupe schon selbst aus, ohne „Vorsagen“.
In dieser Zeit bekam der Vorsitzende des Wahlkomitees einen überraschenden Anruf aus dem benachbarten Wahllokal: Vor dem Wahllokal seien Vertreter eines Direktkandidaten, des vorgeblich unabhängigen Michael Golizy. Sie bieten Geld für die „benötigten“ Stimmen. Doch als wir dort ankamen, versicherte man uns, dass alles ruhig ist, kein Auto und kein Geld vom Kandidaten dagewesen wären.
„Ich werde nicht zur Wahl gehen, ich warte hier auf meine Frau. Ich denke, dass unsere Stimmen nichts entscheiden werden“, sagt LB.ua ein Mann, der neben dem Wahllokal steht. Auf unsere Verwunderung, wie es ein kann, dass „die Frau wählen geht, und Sie nicht“, sagt er einfach: „Sie werden im Krankenhaus einfach gezwungen, für die „Regionalen“ zu stimmen.“ Kommentare sind überflüssig. Entsprechende Beweise darüber, dass Mediziner und Pädagogen gezwungen wurden, nicht nur abzustimmen, sondern über die getroffene Wahl Bericht abzugeben, hörten wir in dieser Region nicht nur einmal. Von einigen wurden sogar Quittungen eingeholt, doch die Leute haben Angst, offen als Zeugen aufzutreten. Sie schätzen ihren Arbeitsplatz.
Auf der einen Seite kann man das „mangelnde Bürgerbewusstsein“ der Dorfbewohner verurteilen. Sie beklagen das schwere Leben, warten auf eine bessere Zukunft wenigstens für ihre Kinder und Enkel und verkaufen dabei ihre Stimme für 100 bis 200 Hrywnja (ca. 10-20 Euro) oder geben dem Druck der Mächtigen nach.
Doch wenn man die Probleme der Dorfbevölkerung wirklich kennt, lässt sich mit Entschlossenheit sagen: Wenn man darüber nachdenkt, womit man die Familie ernähren soll und womit man die Kinder im Winter in die Schule schicken soll, sind diejenigen Bedürfnisse, die an der Spitze der Maslowschen Bedürfnishierarchie stehen, nicht so wichtig.
Die Leute sind dem Kandidaten tatsächlich dankbar, der ein paar Farbbüchsen für den Dorfklub gibt, welcher schon Jahre nicht mehr renoviert wurde, oder Geld für das örtliche Ärzte- und Hebammenhaus, in dessen Apotheke häufig die am nötigsten gebrauchten Medikamente fehlen. Dafür werden sie stimmen. Das ist das wahre Leben auf dem ukrainischen Dorf, so primitiv und durchschaubar es uns auch aus der Höhe unseres Großstadtblicks erscheinen mag.
Nach der Reise durch die Dörfer wird klar, warum Oleg Ljaschko hier auf jeden Fall gewinnen wird – die Wähler lieben ihn tatsächlich. Im Dorf mit dem schönen Namen Pamjat Lenina (ungefähr: Erinnerung an Lenin) sagte man uns, dass der wichtigste Radikale des Landes persönlich da war, mit den Leuten sprach und dem Klub geholfen hat. Und eine Frau aus der Wahlkommission sagt, dass sie für ihn gestimmt hat, weil „er wie ich auch aus dem Kinderheim ist, sich aber durchgebissen hat.“ In Makoschino gefällt den Großmüttern der „Radikale“ einfach deshalb, weil er sie zur Stimmabgabe chauffieren ließ.
In Sosnize sagte eine ältere Frau LB.ua „welch guter Mensch Igor Rybakow ist“, der die Kraft der Heiligen herbeibrachte und half, die Kirche zu sanieren. Natürlich wird die alte Frau einem Kandidaten, dank dem sie im Winter in einer warmen Kirche zu Gott beten wird, anstatt vor Hunger dahinzuvegetieren, ihre Stimme sehr gern geben.
Hightech in kleinen Dörfern
In allen Dörfern, die wir am Wahltag besucht haben, sagen die Mitglieder der Wahlkommissionen einstimmig, dass die Beobachtungskameras zuverlässig funktionieren. „Ich habe mich sogar schon im Internet sehen können“, loben sie. Dabei wissen die Mitglieder der Wahlkomitees, die traditionsgemäß ältere Frauen sind, über die technische Seite der Arbeit der Kameras wenig. „Man hat uns gesagt, wie wir einschalten müssen, und wir haben eingeschaltet. Wir haben angerufen und gefragt, ob sie funktionieren. Man hat uns gesagt, dass alles normal ist. Wir sind beruhigt.“, sagt uns ein Mitglied der Kommission im Dorf Pamjat Lenina im Gebiet Mena.
Sogar in dem kleinen Dörfchen Maloe Ustje, in dem es nicht mehr als 50 Wähler gibt und wo die Wahlkommission in einem alten unbewohnten Haus ist, ist die Kamera zuverlässig ans Internet gekoppelt und hält alles fest, sagt man.
Wann aber die lang ersehnte Zeit der „Verbesserung“ kommen wird, konnte uns auf unserer Reise niemand sagen. Doch einen Hinweis bekamen wir: „Meine verstorbene Großmutter sagte mir voraus, wenn 2013 eine Frau in der Ukraine an die Macht kommt, dann wird alles gut“, teilte uns seine Prognose ein Mann aus Pamjat Lenina mit.
Also warten wir das Jahr 2013 ab.
30. Oktober 2012 // Natalja Meched
Quelle: Lewyj Bereg


Forumsdiskussionen
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„ Hallo julib77,
Bzgl. Ausreisen mit PKW nach Polen möchte ich Dir deutlich widersprechen, ich weiß nicht woher Du Deine Informationen beziehst.
Schau einfach hier einmal Thread nach "An welchem Grenzübergang geht's am schnellsten? Da musst Du nicht suchen, der steht derzeit auch immer weit oben. Auch wenn wir da, nur über die Abläufe und die Wartezeiten berichten, findest Du nicht einen Kommentar darüber, dass Ukrainer schlecht behandelt werden. (2025 bis heute, ca. 25 Ein- und Ausreisen)
Ich kann nur sagen, ich beobachte keinerlei Repressalien, ganz im Gegenteil, die Ukrainer werden respektvoll behandelt, ist stelle keinen Unterschied zu mir als Deutschen fest. Das einzig berichtenswerte ist, dass die meisten Ukrainer-Innen fotografiert werden, bei der Ein - und Ausreise. Dieser Vorgang läuft professionell ab, ich kann dabei keine "Erniedrigung " beobachten, es wird gelacht und gescherzt dabei und die Frauen richten ihre Haare etc. Damit es ein 'schönes" Bild gibt.
Bzgl. Ungarn kann ich nur von einer Einreise berichten in 2025 (noch unter Orban), an dem mir sehr gut bekannten Grenzübergang "Lushanka" (Berehove HU), die Ausreiseseite kann man beobachten, ich kann nichts berichten, d.h. für mich normale Abläufe bei der Ausreise, wie auch bei der Einreise. Normale PKW Schlange, ganz im Rahmen. Kurz um, mir ist damals nichts aufgefallen. Alles war SICHER, wie die letzten 70 Mal, als ich den Grenzübergang von 2004 an bis 2025 überquert habe. Ein- und Ausreise.
“
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Ich werde am Sonntag ca. 12 Uhr auch wieder in Uhryniw Ausreisen. Dazu mal eine Frage, in Uhrnyiw gibt es ja die besagte EU-Spur, die ja durchweg bei den Ukrainern und den Polen die Ausreisezeit doch erheblich...“
julib77 in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Auch wenn ich diese Verbindung toll finde, hätte ich ehrlicherweise Angst, von Polen aus in die Ukraine zu reisen. Die Polen werden immer gewaltsamer gegen Ukrainer und ukrainische Projekte. Außerdem...“
Awarija in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Ups, ja. Irgendwie war zwar die Rede von einem durchgängig buchbaren Fahrschein, aber das bedeutet in der Tat wohl nicht auch zugleich eine unterbrechungsfreie und bequeme Fahrt mit der Bahn. Schade“
MHG1023 in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Ja auf dem Papier sieht das wohl alles sehr einfach aus. Offenbar hat Leo da den Mund etwas zu voll genommen, scheint übrigens typisch für die private Verkehrsbranche zu sein. Soweit ich sehe hat sich...“
Awarija in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Ja auf dem Papier sieht das wohl alles sehr einfach aus. Offenbar hat Leo da den Mund etwas zu voll genommen, scheint übrigens typisch für die private Verkehrsbranche zu sein. Soweit ich sehe hat sich...“
Awarija in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„ Obwohl der Leo-Express angeblich seit Juni den Betrieb auf dieser Strecke aufgenommen hat wird die "Bahnfahrt" über Przemysl nach UA wohl noch lange Zukunftsmusik bleiben.
Wie zu lesen ist gibt es noch nichtmal für das polnische Streckennetz eine Zulassung so daß derzeit dort wohl noch mit Bussen gefahren wird.
“
MHG1023 in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„изображение.png изображение.png Da muß man wohl mit den Daten etwas herumspielen ... Da wird wohl noch nicht täglich gefahren. Trotzdem Danke.“
MHG1023 in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„
Ist korrekt, aber ich finde man hätte trotzdem im Text gleich darauf hinweisen können.War aber nicht "böse" gemeint ...
Bis jetzt sind die Tickets auch noch nicht auf der Webseite buchbar - warum auch immer ...
Hab´s versucht - bekomme aber immer angezeigt "auf dieser Strecke fahren wir nicht"
“
MHG1023 in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Man sollte aber explizit dazu schreiben, daß es ein Zug von LeoExpress ist - und nur auf deren Webseite kann man die Fahrkarten kaufen. Zumindest ist es die erste Umsteigefreie Verbindung von Deutschland...“
Eric in Recht, Visa und Dokumente • Re: Deklaration gebrauchter Kleidung beim Zoll
„Vielen Dank, mit einem Briefchen meiner Frau im Gepäck gab es keine Probleme“
Anuleb in Recht, Visa und Dokumente • Re: Seit Anfang des Jahres haben die Zollbeamten Verstöße im Wert von fast 11 Milliarden aufgedeckt
„Am besten wäre natürlich, wenn die Frau mit dabei ist. Alleinreisende Männer stehen schließlich immer unter Verdacht.“
Frank in Recht, Visa und Dokumente • Re: Seit Anfang des Jahres haben die Zollbeamten Verstöße im Wert von fast 11 Milliarden aufgedeckt
„Kein Zoll. Du musst an sich nur sagen dass das privat ist und du nicht damit handeln willst. So lange das nicht Originalverpackt ist und ersichlich das nicht neu sollte es keine Probleme geben“
Eric in Recht, Visa und Dokumente • Deklaration gebrauchter Kleidung beim Zoll
„Hallo Leute, ich weiß nicht, ob ich hier richtig bin mit meiner Anfrage. Ich möchte 4 Umzugskartons mit gebrauchter Straßen Kleidung bei der Einreise in die Ukraine mitnehmen. Es ist gebrauchte Kleidung...“
lev in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Wir sind mit unserem Wohnmobil, wie geplant am Montag 15.6. in Krakovets rüber. Sehr zeitig los gegen 5 Uhr in der Früh. Mit sehr sehr wenig Verkehr, super bis zur Grenze. Nur 8 PKW vor der Schranke....“
Frank in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Gestern 6 Stunden warten vor der Grenze Richtung Polen in Krakowez mit dem Kleinbus. Abfertigung ging dann schnell da auch Passagiere mit EU-Pass dabei waren“