FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Das Jahr des (nicht-)großen Umschwungs

0 Kommentare

Selenski
Das stürmische Jahr 2019 ist ans Ende gelangt und hat dabei die Erwartungen der ukrainischen Gesellschaft doch nicht erfüllt. Die diametral entgegengesetzten Erwartungen, die im vergangenen Frühling geboren wurden.

Die einen erwarteten vom vergehenden Jahr einen kompletten Neustart des staatlichen Organismus. Die Befreiung von Lüge, Korruption, Armut und Krieg. Den Triumph neuer Werte, neuer Prinzipien und neuer Regeln.

Die anderen erwarteten von eben jenem Jahr den Fall in den populistischen Abgrund, wirtschaftlichen Kollaps, eine schändliche Kapitulation vor Moskau, den Zusammenbruch der ukrainischen Staatlichkeit und andere derartige Schrecken.

Am Ende hat das Land keine wunderbaren „Siege“ und auch keine globalen „Verrate“ gesehen. Die Haupterrungenschaften der vorhergehenden Regierung blieben an Ort und Stelle. Deren Hauptmängel ebenfalls.

Neue negative Züge gibt es zur Genüge, doch bisher sind sie nicht katastrophal. Es gibt einzelne positive Tendenzen, doch bisher sind sie nicht sehr beeindruckend. Und dieses undeutliche Ergebnis stimmt nicht mit dem emotionalen Hintergrund überein, von dem die Wahlen 2019 begleitet waren.

Der Wahlkampf von Wladimir Selenski [Wolodymyr Selenskyj] war auf reinen, ungetrübten, zur Schau gestellten Emotionen aufgebaut. Den Ekel vor dem regierenden Establishment. Den Glauben an die magischen Fähigkeiten eines von außen kommenden Menschen. Einer tollen Hoffnung, welche die Skepsis besiegt. Einer Euphorie, die Millionen Herzen ergreift.

Und die Kampagne von Pjotr Poroschenko [Petro Poroschenko] wurde zum Versuch dem emotionalen Anschein etwas rationales zu geben. Hinter dem soliden „Denk nach!“ verbarg sich das herzzerreißende „Fürchte dich!“ Die gezielte Anspannung der Leidenschaften wurde als der Triumph des nüchternen Urteils ausgegeben. Die fünf Minuten Hass wurden in die Form tiefgründiger Analyse gekleidet.

Sogar die Erzählung über die anstehende Aussiedlung von Rentnern und Büroangestellten nach Sibirien wurde von rituellen Auftritten begleitet: „Sehr ruhig, ohne Hysterie. Sie kennen mich, ich war nie hysterisch. Ich teile nur eine Information – das ist alles.“

Die unangemessene Begeisterung der Sieger, die für den Favoriten gestimmt hatten, ist immer noch zu spüren. Doch noch mehr ist das Trauma zu spüren, das die Besiegten durchlebten.

Wir haben eine wahrnehmbare Schicht an Bürgern erhalten, die objektiv einer psychologischen Nachsorge bedürfen, doch halten sie sich dabei für den vernünftigeren Teil der Gesellschaft.

Und diese Schicht generiert wie gehabt den Informationshintergrund, der auf die Wahrnehmung Selenskis und seiner Politik einwirkt. Dabei wirkt er überhaupt nicht so, wie es die Gegner von Wladimir Alexandrowitsch [Selenski] gerne hätten.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Innerhalb von sieben Monaten vermochten es die Vertreter der neuen ukrainischen Regierung nicht nur einmal Skandale zu verursachen. Sich als inkompetent und unsauber zu zeigen. Eine Menge an Dummheiten zu veranstalten. Eine Vielzahl an Missbrauchsfällen zu vollziehen. Doch erscheinen alle Sünden des Se!Teams bereits als nicht mehr so ernsthaft: Denn sie verschwinden vor dem Hintergrund der apokalyptischen Prognosen, die von der Verliererseite verlautbart wurden.

Ein Haushaltsloch? Eine Bagatelle im Vergleich zum prognostizierten „bis Ende des Jahres erwartet das Land ein Staatsbankrott und der Dollar wird 50 oder sogar 100 Hrywnja kosten.“

Eine Stärkung des Oligarchen Kolomoiski? Kein Unglück im Vergleich zum versprochenen „nach den Wahlen wird die Privatbank sofort an Benja [Igor Kolomoiski] zurückgegeben und wir werden in der ganzen Welt die Hand aufhalten.“

Misserfolge in der Außenpolitik? Eine Kleinigkeit im Vergleich zum angekündigten „niemand wird mit dem Clown reden und die Ukraine wird weggeworfen, und uns die Visafreiheit genommen.“

Unheilbringende Gesetzesinitiativen? Nichts im Vergleich zum angekündigten „das gesamte Büroplankton [umgangssprachlicher Ausdruck für Büroangestellte] wird nach Sibirien verfrachtet.“

Wie viele reale Fehleinschätzungen das Staatsoberhaupt auch zuließ, so wird er die negative Planke nicht erreichen, die von den fremden Kopfgeburten geschaffen wurde. Der schnellfüßige Se!Achilles ist nicht in der Lage die Schildkröte des „Verrates“ einzuholen: mit den Anstrengungen der blindwütigen Hater wird sie immer vorn liegen.

Wäre der anfängliche Fluss an Hass gegenüber Selenski etwas kleiner gewesen, dann hätte es Wladimir Alexandrowitsch schwerer. Der ukrainische Staatsführer würde allein den positiven Erwartungen der eigenen 73-Prozent-Wählerschaft gegenüberstehen.

Diese Erwartungen sind übermäßig überhöht, widersprechen nicht selten einander und sind nur schwerlich praktisch zu realisieren.

Im Kontrast zu den Erwartungen des Volkes würde die Politik von Se[lenski] als offene Enttäuschung aussehen. Doch dem Präsidenten zu Hilfe kommen die ebenso sehr überhöhten – nur negativen – Erwartungen der relativen 25 Prozent. Und im Kontrast zu diesen sieht Selenski vorteilhaft aus.

Nehmen wir den kürzlichen Gipfel der Normandie-Vier in Paris. Mit welchen riesigen Resultaten und diplomatischen Wundern er auch gekennzeichnet wurde.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Von der Sache her blieben die Seiten auf ihren Positionen, die sie auch vorher einnahmen. Doch im Vorfeld des Pariser Treffens wurde eine Kapitulation Kiews bereits als vollzogene Tatsache vorgebracht und der Hysteriegrad in der ukrainischen Gesellschaft auf ein Höchstmaß gebracht.

Im Ergebnis wirkte das Fehlen des erwarteten „Verrats“ bereits selbst wie ein strahlender „Sieg.“ und nach dem wenig ergebnisreichen Treffen mit Putin stiegen die Umfragewerte von Se[lenski] spürbar.

Das ständige „Wölfe! Wölfe!“, das von den Hassern Selenskis geschrien wird, bringt gegengesetzte Früchte. Doch das Publikum, das den Garanten nicht verdaut hat, ist nicht in der Lage auf die irrationale Strategie zu verzichten: da dieses es schaffte, hart an die eigene Rationalität zu glauben. Der Patient, der sich selbst für den Arzt hält, kann nicht genesen.

Tausende Denunzianten der neuen Regierung erwiesen sich als in einer emotionalen Falle eingeschlossen – jedoch in diese Falle riskieren auch die freiwilligen Anwälte von Se[lenski] zu gelangen.

Uns ist das Prinzip „wenn Jewtuschenko gegen die Kolchose ist, dann bin ich dafür!“ sehr vertraut. Wenn der nördliche Nachbar gezielt dein Land in den Schmutz zieht, dann will man schweren Herzens die ukrainischen Probleme und Mängel gern kleiner machen.

Wenn ein relativer Kisseljow oder Solowjow von der „faschistischen Junta“ in Kiew erzählen, dann beginnen wir die Augen vor den realen Aktionen der einheimischen Radikalen zu verschließen. [Gemeint sind die Vorzeigemoderatoren des russischen Staatsfernsehens Dmitri Kisseljow und Wladimir Solowjow, A.d.Ü.]

Wenn die besiegte Seite damit fortsetzt, Galle zu spucken und das acht Monate nach den Wahlen, dann tritt bei vielen der Wunsch auf sich für die Sieger einzusetzen. Sogar in den Situationen, in denen es die Sieger offensichtlich nicht verdienen.

Was dem Land und der Gesellschaft zu empfehlen ist, ist eine tatsächlich rationale Kritik der Se!Präsidentschaft. Eine Kritik, die auf den Handlungen des Regierungsteams basiert und nicht auf der verinnerlichten Beziehung zur Persönlichkeit Wladimir Alexandrowitsch [Selenski] oder Pjotr Alexejwitsch [Poroschenko]. Eine Kritik, die nicht mit den Traumata des Wahlkampfes 2019 verbunden ist. Manchmal verlangt die Zukunft es, von der kürzlichen Vergangenheit zu abstrahieren. Und wahrscheinlich ist dies das Beste, was man dem politisierten Ukrainer am Vorabend des neuen Jahres 2020 wünschen kann.

30. Dezember 2019 // Michail Dubinjanski

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 1075

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 6.3/7 (bei 3 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)-3 °C  Ushhorod1 °C  
Lwiw (Lemberg)1 °C  Iwano-Frankiwsk1 °C  
Rachiw-1 °C  Jassinja-1 °C  
Ternopil0 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)0 °C  
Luzk3 °C  Riwne2 °C  
Chmelnyzkyj0 °C  Winnyzja0 °C  
Schytomyr-1 °C  Tschernihiw (Tschernigow)1 °C  
Tscherkassy-6 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)-3 °C  
Poltawa-3 °C  Sumy-4 °C  
Odessa1 °C  Mykolajiw (Nikolajew)2 °C  
Cherson3 °C  Charkiw (Charkow)-4 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)0 °C  Saporischschja (Saporoschje)3 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)0 °C  Donezk0 °C  
Luhansk (Lugansk)0 °C  Simferopol3 °C  
Sewastopol5 °C  Jalta5 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Gestern Freitagnacht auf Samstag, 2 Uhr Kiewzeit, habe ich bei Zosin/Ustyluh ins Klo gegriffen, ca. 12 bis 15 PKW und pro Einlas nur 5 PKW..., der weitere Ablauf bei den Polen, unerträglich langsam, das...“

„Meine derzeitige Ein- und Ausreisestrategie sieht wie folgt aus, Einreise am Grenzübergang in Ustyluh, zuletzt beide Grenzen in 18 Minuten passiert, Lichtgeschwindigkeit. 1 Uhr in der Nacht (Kiewzeit)...“

„..... Mir liegen von meinen Eltern unterzeichnete Generalvollmachten in deutscher Sprache vor. ..... Grundsätzlich wirst du mit Vollmachten in deutscher Sprache bei einem ukrainischen Konsulat nicht weit...“

„2016? Das Konsulat ist doch in Hamburg. Warum rufst dort nicht an?“

„Sehr geehrte Damen und Herren, meine Eltern sind ukrainische Staatsbürger und leben seit 2008 mit einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, genauer gesagt in Hamburg. Im Juni 2016 läuft...“

„Hallo an ALLE, ich vermute meine Beteiligung hier entspricht nicht meinen Erwartungen und Hoffnungen. Mein Anliegen war in Erfahrung zu bringen,was ich beachten muss,wenn ich mit einer ukrainischen Frau...“

„Das sind Untermenschen, normale Menschen verhalten sich anders. Slava Ukraine Nachricht von Moderator Handrij volontaer45 wurde für diesen Beitrag verwarnt. Nazisprache ist hier unerwünscht! Un|ter|mensch,...“

„Hallo Lev, habe das im Internet gefunden, Probleme ist wohl die Grenzkontrolle ohne EU Pass, dann wird es eine Warterei von 2h..., Mein Browser hat mir das automatisch auf Deutsch übersetzt.“

„Hat eventuell jemand hier im Forum, Erfahrung mit der neuen Zugverbindung und dem Umstieg in Przemyel ?“

„Zuletzt war ich zweimal kurz hintereinander in Ustyluh/Zosin im Röntgenapparat (Polen), kostet halt jedes Mal auch noch ca. 15 - 20 Minuten..., das nervt. Nach Kiew würde ich ebenfalls die "nördliche"...“

„Kowel-Sarnyj-Korosten-Kiew, weil wesentlich weniger Verkehr als die A4-Route im Süden. Ach die Strecke kann man normal fahren? Da ist nur der Grenzübergang Dorohusk nicht möglich.“

„Das hat sich spätestens erledigt seitdem "die Russen" ein Teil der Russen von damals hinterhältig überfallen hat. Und ein Teil der Russen von damals über "den Russen" von heute genauso denkt. Heisst...“

„In diesem Zusammenhang würde mich ja Mal interessieren welche Rolle E-Autos in UA unter den derzeit herrschenden Bedingungen spielen ?“

„Gerade wir als Deutsche sollten uns jetzt hüten wieder in alte verhängnisvolle Denkmuster gegenüber "den Russen" zu verfallen !“

„Ja das könnte passen. Der stand da mitten im Wald auf der Strasse mit der Kalaschnikow um den Hals. Da waren es noch paar km bis zur Grenze. Hatte da nur den EU-Pass gezeigt, hat er mich durch gewunken....“

„Bin erst 2025 das erste Mal bei Uhryniv über die Grenze, der Blockposten ist Schätzungsweise 7 Kilometer von der Grenze weg. Ansonsten lässt sich noch vermuten ggf. Gibt da was in der Nähe, dass gerne...“

„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn. Uhryniv .... Ist das nicht der wo Armeeposten...“

„"RESPEKT " ist vermutlich das "Fremdwort" schlechthin für einen Russen. Meine Erwartungshaltung wurde " leider " nicht enttäuscht, faschistisches Russenpack, ist bleibt was es ist, ein Haufen voller...“

„Wieso Respekt? Werden die Russenfaschisten mit Absicht gemacht haben - wie kann man auch die Feiertage wie im Westen nutzen ....“

„Ja, das ist interessant, eigentlich sollen ja mit unter, Männer vor der Annäherung zur Grenze abgehalten werden und natürlich dann die Flucht außer Landes. Du hast recht, im Sommer hatte ich in Astey...“

„War über die Feiertage in der Ukraine in Luzk bei der Familie, die Russen sind schon blöde Arschlöcher, Luzk als Stadt zählt meiner Ansicht nach auch eher noch zu den ruhigeren Plätzen im Kriegsgebiet,...“

„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn.“

„Grenzübergang Urgyniw - Dolgobytschuw Wollte in der Nacht von Samstag 3.1.26 auf Sonntag 4.1.26 am Grenzübergang Urgyniw um ca 2 Uhr ausreisen, daraus wurde aber nichts, da wir am "Blockposten" - Kontrollpunkt...“

„Was wohl die Russen davon halten, dass die Ukrainer beinahe schon nach belieben jede Raffinerie erfolgreich angreifen können, Putins Residenz aber so derartig gut gesichert ist, sodass sie angeblich 91...“

„Was wohl die Ausgebombten aus Dnipro oder die Bauern im Kursker Gebiet denken wenn sie erfahren würden daß sich ihre Kriegsherren selbst gegenseitig nur mit Samthandschuhen anfassen ?“

„Also bisher habe ich nichts davon gelesen dass es entsprechende Angriffe gab. Letztes Jahr gab es mal ein Ziel in der Nähe vom Präsidentenpalast. ... denke mal das läuft auf Gegenseitigkeit hinaus...“

„Mal ganz abgesehen davon daß dieses behauptete Ereignis vermutlich nur als Vorwand konstruiert wurde um sich vor ernsthaften Friedensverhandlungen drücken zu können: Putin scheint wohl ein schlechter...“

Newsletter jeden Morgen

Sie möchten täglich über Neuigkeiten auf der Seite benachrichtigt werden? Dann ist vielleicht ein Kurzüberblick mit den wichtigsten Beiträgen der vergangenen 24 Stunden für Sie interessant. Der Versand erfolgt jeden Tag 6.00 Uhr morgens.




Nach dem Eintrag Ihrer E-Mailadresse erhalten Sie eine E-Mail zum Bestätigen Ihrer Adresse und können dann die Eintragung abschließen (so genanntes "Double Opt-In-Verfahren"). Ihre E-Mailadresse wird dabei nur auf unserem Server in Deutschland gespeichert und nicht an Dritte übermittelt.