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Zu Paul Simons Attacke gegen mich in der “Jungle World”

Der Artikel “Kein Stipendium für die ‘First Lady‘“ in der Wochenzeitung „Jungle World“ Nr. 5, 2021, beleuchtet nicht nur die Biografie der ukrainischen rechtsradikalen Politikphilosophin und Asow-Aktivistin Olena Semenjaka. Der „Jungle World“-Autor Paul Simon befasst sich in diesem Beitrag u.a. auch mit meinen politischen Aktivitäten und Facebookkommentaren. Ich hätte solch einen Beitrag eher in der „Jungen Welt“ als in der „Jungle World“ erwartet.

Wie gut spricht Simon Ukrainisch? Kommentiert er doch hier eine über sieben Jahre andauernde vielschichtige innerukrainische Diskussion um eine adäquate wissenschaftliche Bewertung und politische Behandlung des Rechtsextremismus nach dem Euromaidan. Dabei geraten in Simons Beitrag Fische und Ichthyologen durcheinander: Rechtsextremismus wird kritisiert und Rechtsextremismusforschung gleich hinterher. In dieser Kombination gerät Simons Beitrag zu einer Verleumdung des Wiener Politologen Dr. Anton Shekhovtsov [Anton Schechowzow] und mir, die hier als Apologeten von Rechtsextremismus erscheinen.

Es geht in Simons Beitrag primär um die berüchtigte Asow-Bewegung in der Ukraine. Doch bleibt unerwähnt, dass Shekhovtsov und ich in Fachzeitschriften wie „Journal of Democracy“, „Osteuropa“ oder „Terrorism and Political Violence“ die ersten längeren – versteht sich, kritischen – Aufsätze zu Asow veröffentlichten. Stattdessen werden unsere Facebookeinträge und Pressekommentare zu komplizierten Fragen des russisch-ukrainischen Konflikts und wissenschaftlicher Freiheit durch Simon selektiv zitiert. Nicht nur der spezifisch innerukrainische, sondern auch der uneindeutige demokratiewissenschaftliche, bildungsphilosophische, verteidigungspolitische und präventionstheoretische Kontext unserer Aussagen wird, so ist der Eindruck, von Simon bewusst im Hintergrund gelassen. Es geht scheinbar darum, durch Vermengung von Rechtsextremismuskritik mit biografischen Details zu dessen langjährigen Erforschern letztere zu diffamieren. Das mag für das deutsche, insbesondere nicht Ukrainisch lesende Publikum gelungen sein.

Da Simons gesamte Kirschenpflückerei nicht dargelegt werden kann, soll hier nur eines berichtigt werden: Der „Jungle World“-Autor zitiert meine Facebookaussage, dass der ukrainische Rechtsextremismus seit 2014 „viel gebellt, aber bisher nicht gebissen hat“. Simon kontrastiert diese aus dem Englischen übertragene Metapher anschließend mit rechtsextremen Übergriffen auf ukrainische Feministinnen, Linke, Roma, LGBT usw. Meine Aussage bezog sich jedoch nicht auf diese Ereignisse, die ich unter anderem dadurch kenne, dass ich mit etlichen Personen aus den attackierten Milieus persönlich bekannt, ja teils befreundet bin. Meine Metapher meinte vielmehr die bisherige Abwesenheit bewaffneter innenpolitischer Aktivitäten der 2014 entstandenen Freiwilligenbataillone in der Ukraine und die erstaunliche, jahrzehntelange elektorale Impotenz des ukrainischen Rechtsextremismus.

Rechtsradikale sind in der Ukraine seit 2014 öffentlich hochpräsent. Sie profitieren gesellschaftlich enorm vom russischen Krieg gegen die Ukraine und ihrem lautstark propagierten Beitrag zur ukrainischen Landesverteidigung seit sieben Jahren. Allerdings hat ihr Zugang zu Schusswaffen seit Beginn des Krieges bislang in der Ukraine nicht zu einem Freikorpsphänomen ähnlich dem in der Weimarer Republik des Zwischenkriegsdeutschlands geführt. Zwar hat es einzelne Schießereien auch außerhalb des Frontgebietes im Donezbecken gegeben, an denen Rechtsextreme beteiligt waren. Die zahlreichen Warnungen, dass die 2014 entstandenen Freiwilligenbataillone, welche teils von Rechtsextremisten gegründet wurden, eine Quelle innenpolitischer Instabilität werden würden, haben sich aber nicht bewahrheitet. Stattdessen sind die Bataillone fast vollständig in die regulären Streitkräfte integriert worden.

Auch hat das viele „Bellen“ der Rechtsextremisten die ukrainischen Wähler bislang wenig beeindruckt. Elektoral hat Rechtsradikalismus in der Ukraine über nunmehr drei Jahrzehnte – mit Ausnahme der Parlamentswahlen 2012, bei denen die Freiheitspartei 10,44% errang – keinen gesamtnationalen „Biss“ gehabt. Dies steht in bemerkenswertem Gegensatz zu etlichen Mitgliedsstaaten der EU seit 1991. Ganz zu schweigen von solchen europäischen und mit der Ukraine vergleichbaren – d.h. ebenfalls orthodox-slawischen sowie von Krieg geplagten – Ländern wie Serbien oder Russland, wo Rechtsextremisten seit 1991 wiederholt erhebliche Wahlerfolge einfuhren.

Der von Simon affirmativ zitierte ukrainische linke Forscher Wolodymyr Ischtschenko und viele weitere linke Kommentatoren in und außerhalb der Ukraine sind mit ihrem über Jahre andauernden öffentlichen Alarmismus bezüglich des zweifellos existierenden und gewalttätigen, jedoch elektoral vergleichsweise unbedeutenden ukrainischen Rechtsextremismus nicht nur auf dem analytischen Holzweg. Sie bewegen sich seit 2014 in gefährlicher Nähe zum Haupttenor der Kremlapologetik für die russische Gebietsannexion und militärische Aggression gegenüber der Ukraine. Putin verkündete in seiner Rede zum feierlichen Anschluss der Krim und Sewastopols am 18. März 2014, dass „Nationalisten, neo-Nazis, Russophobe und Antisemiten einen Putsch“ in der Ukraine vollzogen hätten.

Die sich an Russlands verdeckte Invasion anschließende gesellschaftliche Legitimation etlicher ukrainischer rechtsextremer Gruppen durch ihre Teilnahme an der Vaterlandsverteidigung im Donezbecken hat ihre politischen Chancen kaum verbessert. Die teils schwere Bewaffnung von Bataillonen mit rechtsextremer Beteiligung, so etwa des viel beachteten Asow-Regiments, hat bislang keine merkliche Bedeutung für die ukrainische Innenpolitik erlangt. Bei insgesamt vier gesamtnationalen Wahlen 2014 sowie 2019 erlitten sowohl die ukrainischen rechtsradikalen Parteien als auch deren Direkt- und Präsidentschaftskandidaten zumeist peinliche Wahlniederlagen; sie verfügen derzeit über eine weibliche Abgeordnete im nationalen Parlament.

Selbst nach dem triumphalen Sieg des offen jüdischstämmigen Kandidaten Wolodymyr Selenskij mit 73 Prozent bei den Präsidentschaftswahlen 2019 erscheint die Ukraine sowohl in den Kremlmedien als auch in vielen westlichen linken Kommentaren weiterhin als besonderer Hort des Faschismus in Europa. Wer immer diese komplizierte Gemengelage differenzierter zu betrachten sucht, ist ein „Faschismusverharmloser“ – so MdB Ulla Jelpke 2014 in der „Jungen Welt“ zu einer von mir organisierten gemeinsamen Stellungnahme relevanter ukrainischer Politikexperten zur damals hyperventilierenden Presseberichterstattung über ukrainischen Rechtsextremismus. Mit der Ad Hominem-Attacke Simons stimmt die „Jungle World“ in diesen Chorus ein.

Der Text wurde drei Mal via die Webseite von „Jungle World“ an die Webredaktion der Zeitung geschickt mit Bitte um Veröffentlichung – jedoch ohne Erfolg.

Autor:    — Wörter: 864

Dr. Andreas Umland (1967) ist seit 2010 Dozent am Fachbereich Politikwissenschaft der Kyjiwer Mohyla-Akademie (NaUKMA) und seit 2021 Analyst am Stockholmer Zentrum für Osteuropastudien (SCEEUS) des Schwedischen Instituts für Internationale Beziehungen (UI).

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Kommentare

#3 von Malcolmix
Wo habe ich das gesagt?

#2 von Handrij
Das heißt, weil das Label "Rechter Sektor" völlig beliebig ist, sollte Nazi-Lena ihr Stipendium erhalten und weiterhin fein bei den teutschen Kameraden auftreten dürfen und überhaupt gibt es ja kein Naziproblem in der Ukraine, weil es in 'schland ja noch viel schlimmer ist. Ungefähr so? Ist das die Themenvorgabe innerhalb der Majdansekte?

#1 von Malcolmix
Naja. Ein weiteres Mitglied des Pravyj Sektor hat es schon noch in die Verchovna Rada geschafft. Ilya Kiva aus Poltava. Der ist über die Liste des prorussischen Oligarchen Medvedchuk "Oppositionsblock - für das Leben" in die Verchovna Rada gewählt worden. So viel zu dem typisch westlichen Versuch, die Ukraine mit simplen Vorurteilen verstehen zu wollen, dem Paul Simon nicht widerstehen konnte...

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„Inzwischen hat sich ja auch die Tagesschau etwas eingehender mit diesem Thema befaßt. Demnach seien indirekte Geldflüsse zum Kreml der Grund für das erfolgte Verbot der Serie. Ich schätze jedenfalls...“

„ Ist die Meldung überhaupt aktuell, die "Welt" schrieb offenbar schon 2023 über genau dieses Thema ?


„Kennt jemand vielleicht die Hintergründe dafür ? Soweit ich das sehe handelt es sich doch um eine völlig harmlose Kinderserie ohne jede Spur von Propaganda oä ?“

„ Was meint "erneut" ??
Bislang glaubte ich daß man sich als Reisender zumindest in unmittelbarer Grenznähe sicher fühlen konnte ?


„Bei Ankunft am Blockposten im Internet (nakordoni.eu) 4h Wartezeit und 40 PKW am Grenzübergang, einen Teil der Wartezeit sitzt man am Blockposten ab, die halten die PKW Warteschlange von dem eigentlichen...“

„Auch wenn ich diese Verbindung toll finde, hätte ich ehrlicherweise Angst, von Polen aus in die Ukraine zu reisen. Die Polen werden immer gewaltsamer gegen Ukrainer und ukrainische Projekte. Außerdem...“

„Ich dachte z.B. Krakovetz hat diese Spur nicht, jedenfalls bin ich in 2025 mit allen anderen bei den Ukrainern durchgeschleust worden, anschließend bei den Polen EU Spur..“

„ Hallo julib77,

Bzgl. Ausreisen mit PKW nach Polen möchte ich Dir deutlich widersprechen, ich weiß nicht woher Du Deine Informationen beziehst.

Schau einfach hier einmal Thread nach "An welchem Grenzübergang geht's am schnellsten? Da musst Du nicht suchen, der steht derzeit auch immer weit oben. Auch wenn wir da, nur über die Abläufe und die Wartezeiten berichten, findest Du nicht einen Kommentar darüber, dass Ukrainer schlecht behandelt werden. (2025 bis heute, ca. 25 Ein- und Ausreisen)

Ich kann nur sagen, ich beobachte keinerlei Repressalien, ganz im Gegenteil, die Ukrainer werden respektvoll behandelt, ist stelle keinen Unterschied zu mir als Deutschen fest. Das einzig berichtenswerte ist, dass die meisten Ukrainer-Innen fotografiert werden, bei der Ein - und Ausreise. Dieser Vorgang läuft professionell ab, ich kann dabei keine "Erniedrigung " beobachten, es wird gelacht und gescherzt dabei und die Frauen richten ihre Haare etc. Damit es ein 'schönes" Bild gibt.

Bzgl. Ungarn kann ich nur von einer Einreise berichten in 2025 (noch unter Orban), an dem mir sehr gut bekannten Grenzübergang "Lushanka" (Berehove HU), die Ausreiseseite kann man beobachten, ich kann nichts berichten, d.h. für mich normale Abläufe bei der Ausreise, wie auch bei der Einreise. Normale PKW Schlange, ganz im Rahmen. Kurz um, mir ist damals nichts aufgefallen. Alles war SICHER, wie die letzten 70 Mal, als ich den Grenzübergang von 2004 an bis 2025 überquert habe. Ein- und Ausreise.


„Ich werde am Sonntag ca. 12 Uhr auch wieder in Uhryniw Ausreisen. Dazu mal eine Frage, in Uhrnyiw gibt es ja die besagte EU-Spur, die ja durchweg bei den Ukrainern und den Polen die Ausreisezeit doch erheblich...“

„Auch wenn ich diese Verbindung toll finde, hätte ich ehrlicherweise Angst, von Polen aus in die Ukraine zu reisen. Die Polen werden immer gewaltsamer gegen Ukrainer und ukrainische Projekte. Außerdem...“

„Ups, ja. Irgendwie war zwar die Rede von einem durchgängig buchbaren Fahrschein, aber das bedeutet in der Tat wohl nicht auch zugleich eine unterbrechungsfreie und bequeme Fahrt mit der Bahn. Schade“

„Ja auf dem Papier sieht das wohl alles sehr einfach aus. Offenbar hat Leo da den Mund etwas zu voll genommen, scheint übrigens typisch für die private Verkehrsbranche zu sein. Soweit ich sehe hat sich...“

„Ja auf dem Papier sieht das wohl alles sehr einfach aus. Offenbar hat Leo da den Mund etwas zu voll genommen, scheint übrigens typisch für die private Verkehrsbranche zu sein. Soweit ich sehe hat sich...“

„ Obwohl der Leo-Express angeblich seit Juni den Betrieb auf dieser Strecke aufgenommen hat wird die "Bahnfahrt" über Przemysl nach UA wohl noch lange Zukunftsmusik bleiben.
Wie zu lesen ist gibt es noch nichtmal für das polnische Streckennetz eine Zulassung so daß derzeit dort wohl noch mit Bussen gefahren wird.


„изображение.png изображение.png Da muß man wohl mit den Daten etwas herumspielen ... Da wird wohl noch nicht täglich gefahren. Trotzdem Danke.“

Der Link zum Anbieter ist ja da.
Ist korrekt, aber ich finde man hätte trotzdem im Text gleich darauf hinweisen können.
War aber nicht "böse" gemeint ...
Bis jetzt sind die Tickets auch noch nicht auf der Webseite buchbar - warum auch immer ...
Hab´s versucht - bekomme aber immer angezeigt "auf dieser Strecke fahren wir nicht" :-([smilie=dntknw.gif]

„Man sollte aber explizit dazu schreiben, daß es ein Zug von LeoExpress ist - und nur auf deren Webseite kann man die Fahrkarten kaufen. Zumindest ist es die erste Umsteigefreie Verbindung von Deutschland...“

„Vielen Dank, mit einem Briefchen meiner Frau im Gepäck gab es keine Probleme“