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Der Skandal um Rossolinski-Liebe und der Zustand der ukrainischen Geschichtswissenschaften

Der Skandal anlässlich der Absage der Auftritte des deutschen Historikers Grzegorz Rossolinski-Liebe gewinnt weiter an Fahrt, er erfuhr bereits internationale Resonanz.

Zweifellos verdienen die Versuche, Herrn Rossolinski-Liebe den Mund zu verbieten, eine Verurteilung, der ein Recht darauf hat seine Ansichten zu verbreiten. Besonders unzulässig sind Drohungen physischer Gewalt gegen ihn, auf die er hingewiesen hat. Im Zusammenhang damit kann man jedoch auch nicht ignorieren, dass von Anfang an, von einem Skandal auszugehen war.

Die Leidenschaften wurden bereits durch Aufstellung der These über Stepan Bandera als „Faschisten“ und die OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) als „faschistische Organisation“ geweckt und ebenfalls durch die Ankündigung eines zweiten Vortrags von Herrn Rossolinski-Liebe, der sich auf Massenmorde an der Zivilbevölkerung durch die Banderiwzy konzentrierten sollte.

An der Behauptung selbst, dass die OUN der europäischen faschistischen Tradition angehört, gibt es nichts Neues. Viele westliche Historiker stimmen mit dieser These überein. Dabei kann man auf derart bekannte Experten zur Geschichte Osteuropas wie Timothy Snyder, John-Paul Himka,, Amir Weiner, Frank Golczewski und viele andere verweisen.

Eine andere Sache ist, dass niemand von ihnen den Begriff „Faschist“ bislang in die Überschrift ihrer wissenschaftlichen Arbeiten gestellt hat. Doch nutzen sie den Begriff für die Betonung der ideologischen Ähnlichkeiten der OUN mit europäischen faschistischen Bewegungen.

Als teilweise Ausnahme kann der Artikel Snyders Ein faschistischer Held im demokratischen Kiew gelten, der in seinem Blog auf der WWW-Seite des “New York Review of Books” erschien. Jedoch wurde dieser Beitrag für eine westliche Leserschaft geschrieben. In der Ukraine hat das Wort „Faschist“ die Funktion eines Schimpfwortes, dessen Anwendung die Möglichkeit einer normalen Diskussion ausschließt.

Letztlich gilt ähnliches für die politische Publizistik im Westen, wo der Terminus „Faschist“ oft verwendet wird, um einen politischen Vertreter rechts vom Zentrum zu beleidigen – sagen wir, den kanadischen Premierminister und Führer der Konservativen Steven Harper. Herr Rossolinski-Liebe weiß das genau, jedoch nutzt er den Begriff dort, wo er angemessen ist und auch dort, wo dies nicht der Fall ist und verursacht somit bewusst einen Skandal.

Um an das Thema ruhig heranzugehen, ist es wichtig sich bewusst zu machen, dass „Faschismus“ kein Schimpfwort ist. Faschismus war eine Modeideologie in den 1930er-40er Jahren und diese Ideologie erfasste die Imagination von Millionen von Menschen.

Die Westukraine und besonders Galizien und die ukrainische Diaspora in Europa wurden von diesem gesamteuropäischen Prozess mitgerissen – besonders in Hinblick darauf, dass der kulturelle Einfluss Deutschlands (und des deutschen Österreich) sehr stark war. Für politisch bewusste Galizier war Deutschland Europa. Letztendlich lässt sich die historische Zugehörigkeit zu Österreich (und die Österreicher wurden traditionell als „Deutsche“ bezeichnet) nicht einfach wegwischen.

In Galizien war der größte Popularisator des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus Dmytro Donzow. Er und sein Umfeld übersetzten Hitlers „Mein Kampf“ und die Grundsatzschrift „Der Geist des Faschismus“ von Mussolini; sie gaben Bücher heraus, in welchen mit großer Begeisterung von Hitler, Mussolini und ihrer Ideologie erzählt wird.

Donzow propagierte einen Kult der Stärke und andere faschistische Postulate. Für die Bestätigung der Richtigkeit seiner Ideen zitierte er ständig Hitler, Mussolini und andere Ideologen und Persönlichkeiten – ähnlich dem, wie orthodoxe Kommunisten es lieben, auf Lenin und Marx zu rekurrieren. Er widersprach seinen Gegnern, die behaupteten, dass die Ansichten dieses „Schwachkopfs“ nichts mit Faschismus gemein hätten.

Donzow rief zur Übernahme der Politik des Dritten Reiches durch die Ukrainer auf, darunter der Nutzung deutscher Methoden zur Lösung der „Judenfrage“. Beinahe jeder seiner Artikel, die nach 1933 bis Anfang des Krieges geschrieben wurden, propagierte Faschismus und verbreitete Hass gegenüber den Juden. Man kann sagen, dass Donzow eine ukrainische Version des Faschismus geschaffen hat.

Donzow hatte überaus großen Einfluss auf das Denken der galizischen Jugend, besonders der Mitglieder der Landesexekutive der OUN, die sich später im Banderaflügel der OUN abtrennte. Die Banderiwzy selbst erinnerten sich in den Nachkriegsmemoiren daran, wie sie in jenen Zeiten Donzow begeistert und unkritisch von „vorn bis hinten“ durchlasen.

Letztendlich war Donzow nicht der einzige, der Faschismus in Galizien propagierte. Die Zusammenarbeit mit dem nazistischen Deutschland verstärkte die ideologischen Anleihen. Am Ende der 1930er Jahre hatte die OUN alle notwendigen Attribute einer faschistischen Organisation erworben und ihre Ideologie ähnelte derjenigen anderer faschistischer Bewegungen. Anleihen wurden selbst bei den Ritualen gemacht – bis zur Einführung des faschistischen Grußes unter den Organisationsmitgliedern.

Eines der übernommenen Elemente war die Idee der Notwendigkeit einer Anwendung rassischer Kriterien zur Lösung des „Judenproblems“. Unter anderem beschrieb dies einer der OUN-Ideologen, Wolodymyr Martynez, in seinem Buch mit dem Titel „Sollten wir uns um die Reinheit der Rasse sorgen?“ detailliert.

Dazu schrieb Jaroslaw Stezko im Juli 1941: „(Ich) bestehe auf dem Punkt der Vernichtung der Juden und halte es für zweckmäßig die deutschen Methoden der Ausrottung der Judenheit in die Ukraine zu bringen, dabei ihre Assimilation ausschließend“. Ein anderer führender Banderiwez, Stepan Lenkawskyj, behauptete: „In Bezug auf die Juden werden wir alle Methoden anwenden, welche zu deren Vernichtung führen“. Dabei folgten sie lediglich der älteren Donzow-OUN-Tradition.

Letztendlich erkannten die Mitglieder der OUN selbst ihre gedankliche Zughörigkeit zu den europäischen faschistischen Bewegungen an. So versicherte der Führer der OUN, Andrij Melnyk, im Mai 1939 dem deutschen Außenminister Ribbentropp, dass seine Organisation ihrer Weltanschauung nach zur selben Art von Bewegungen gehört, wie auch der deutsche Nationalsozialismus und der italienische Faschismus.

Noch konkreter drückte sich einer der Ideologen der OUN, Jaroslaw Irschan, 1938 aus: „Der ukrainische Nationalismus operiert mit dem Termin ‘Nationalismus’ in jener Bedeutung, wie der deutsche und italienische Nationalismus die Termini ‘Nationalsozialismus’ oder ‘Faschismus’ gebraucht. Für den Nationalismus gilt: Faschismus, Nationalsozialismus, ukrainischer Nationalismus usw. sind unterschiedliche nationale Ausprägungen ein und derselben Bewegung“.

Aus anderen OUN Publikationen kann man entnehmen, dass sie die Begriffe „Nationalismus“ und „Faschismus“ oft als Synonyme verwendet haben.

Wenn wir das alles berücksichtigen, so fällt die OUN unter die Klassifikation „generischer Faschismus”, den die westliche Historiographie als Begriff für derartige europäische Bewegungen verwendet, wie den italienischen Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus, jedoch auch für ähnliche Bewegungen in Ungarn, Rumänien, Frankreich und anderen Ländern.

In dieser Bestimmung gibt es nichts antiukrainisches. Letztendlich gibt es eine reiche ukrainische demokratische Tradition, die seit den 1930ern Donzow und die OUN als Faschisten bezeichnete und die vor ihrem schlechten Einfluss warnte. Gemäßigtere ukrainische Persönlichkeiten beklagten den Einfluss des Faschismus der OUN und von Donzow auf die ukrainische studentische Jugend, was eine Vielzahl an “Mussolinchens and Hitlerchens” produziere.

In der Nachkriegszeit wiesen nicht nur gemäßigtere Galizier auf den faschistischen Charakter der OUN hin, sondern auch eine Reihe von ostukrainischen Persönlichkeiten aus dem sowjetischen Paradies, wie Iwan Bahranyj. Demokratisch eingestellte Ukrainer protestierten gegen die Einwanderung des „ukrainischen Faschisten“ Donzow nach Nordamerika.

Derartige Beispiele lassen sich einige anführen. Eine andere Sache ist, dass das ukrainische Publikum sie in der Regel nicht kennt. Die demokratische intellektuelle Tradition der Zwischenkriegsperiode ist weitestgehend unbekannt. Stattdessen fallen die Beispiele des putinschen Russland oder der russophilen Kreise der Ukraine ins Auge, die in ihren Propagandaaktionen alle als „Faschisten“ bezeichnen, die ihnen nicht gefallen.

In diesem Kontext wurde der Vortrag von Herrn Rossolinski-Liebe als ein Element der Propagandakampagne des Kremls wahrgenommen. Mit seinem demonstrativ provozierendem Verhalten verstärkte er nur diese Vorstellung.

Nicht zu vergessen ist auch dieses delikate Moment, dass die Vortragsreise von Vertretern des Landes organisiert wurde, das ein faschistisches Okkupationsregime in der Ukraine in der Zeit des Zweiten Weltkrieges in der Ukraine errichtete, in unserer Zeit den Beitritt der Ukraine zur NATO blockierte und generell von der ukrainischen Allgemeinheit als Lobbyist des Kremls und als am antiukrainischsten eingestelltes Land in Europa wahrgenommen wird.

Die Organisation eines Vortrags mit Ratschlägen an die Ukrainer, wer von ihnen ein Faschist ist und wer nicht, wird von vielen als Akt deutscher Überheblichkeit, Geringschätzung der Ukraine und Zuspiel für den Kreml aufgefasst. […]

Wichtig anzumerken ist, dass die ukrainische Gemeinschaft in Nordamerika bewusst eine kritische Diskussion der Geschichte der OUN vermeidet. Das kann man teilweise damit erklären, dass viele ukrainische Organisationen entweder von Mitgliedern oder Sympathisanten der OUN, ehemaligen Mitgliedern der Waffen-SS oder Personen, die während des Krieges in deutschen Organisationen arbeiteten, gegründet wurden. Sie selbst oder ihre Nachfahren halten auch weiter starke Positionen inne.

Ebenso gibt es viele, die meinen, dass eine derartige Diskussion den Ukrainern selbst schadet und die Anschuldigungen vonseiten anderer ethnischer Gruppen verstärkt, vor allem von Juden und Polen. Zudem versuchen sie selbst den wenigen Kanadiern ukrainischer Abstammung den Mund zu verbieten, die diese Frage diskutieren.

Der kanadische Historiker John-Paul Himka wurde von der ukrainischen Öffentlichkeit/Gemeinschaft zum „Feind Nr. 1“ erklärt und erfährt beständige Hetze und Druck wegen seiner historischen Studien und seiner öffentlichen Positionen. Er wird als „Verräter“ aufgefasst, der den „Fremden“ dient. Derweil ist die ukrainische Gemeinschaft kein monolithischer Block und viele verstehen, dass die Ukrainer selbst eine kritische Diskussion benötigen.

[….]

Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Öffnung der Archive im Westen erschienen eine Menge an interessanten Arbeiten zur ukrainischen nationalistischen Bewegung, die in ernster wissenschaftlicher Manier ausgeführt wurden.

Jedes Jahr erscheinen neue Monographien oder Artikel zu diesem Thema. Die zeitgenössische westliche Historiographie zeigte, dass die OUN noch vor Beginn des sowjetisch-deutschen Krieges Pläne zur physischen Beseitigung, faktisch für einen Genozid nationaler Minderheiten ausgearbeitet hatte – besonders von Juden und Polen, und in bestimmtem Maße von Russen.

In den ersten Wochen haben die OUN selbst oder die örtlichen Milizen, die vom Banderaflügel der OUN organisiert und kontrolliert wurden, offensichtlich auf Veranlassung der SS in der Westukraine Judenpogrome organisiert, in denen tausende Juden umkamen.

Im Weiteren beteiligte sich die ukrainische Polizei, in der die Banderiwzy einen bedeutenden Einfluss ausübten, besonders in Wolhynien, am nazistischen Holocaust, bevor sie im März 1943 auf Befehl der Führung der OUN in die Wälder gingen. Kurz danach begann die neuformierte UPA (Ukrainische Aufstandsarmee) mit der Vernichtung „fremd-ethnischer“ Elemente in Wolhynien, vor allem von Polen, aber auch von deutschen und tschechischen Kolonisten, Juden, die sich in den Wäldern verbargen, und „unrichtigen“ Ukrainern.

Später wurde die Vernichtung der Polen im San-Einzugsgebiet und dem Gebiet der Lemken fortgesetzt. Der bekannte Historiker Timothy Snyder zeigte, dass die Vernichtung der Wolhynienpolen an die vorhergehende Vernichtung der wolhynischen Juden erinnerte, offensichtlich weil die ukrainische Polizei, die nunmehr den Kern der UPA stellte, ihre beim Holocaust erworbenen Erfahrungen anwendete.

Es existiert eine reiche ukrainische Erinnerungsliteratur über den Terror der Banderiwzy – besonders seitens der Melnikanhänger – gegen die eigenen ukrainischen Opponenten. 1943 nahm der Terror absurde Formen an, als Nachbarn miteinander durch Verleumdungen beim Sicherheitsdienst der OUN abrechneten. Der Terror weitete sich gar auf religiöse Minderheiten (Baptisten) und auf Ostukrainer aus, etwa auf ehemalige Kriegsgefangene und Deserteure, die in den Dörfern lebten, da sie prosowjetischer Sympathien verdächtigt wurden.

Dieser Terror rief sogar Proteste in den Reihen der OUN selbst hervor, denn er widersprach der Idee der Einheit. Deutsche Geheimberichte belegen, dass die ersten Verhaftungen von Banderiwzy durch die Deutschen im September 1941 auf Bitten von Vertretern ukrainischer Organisationen vorgenommen wurden, die vom Terror der OUN (B) eingeschüchtert waren. Einige Memoiren ukrainischer Persönlichkeiten bestätigen diese Umstände. Natürlich wollten die Deutschen zu dieser Zeit keine Konkurrenten beim Recht darüber zu entscheiden, wer bestraft werden soll und wer nicht.

Es irren sich diejenigen, die hoffen, dass es gelingen wird, diese Seiten der ukrainischen Geschichte zu übergehen. Es wurde bereits sehr viel veröffentlicht, und jedes Jahr wird es mehr. Gleichzeitig herrscht unter ukrainischen Historikern, mit nur wenigen Ausnahmen, Stille.

Äußerst interessante Untersuchungen erscheinen, so zum Beispiel die Arbeiten des westukrainischen Historikers Maksym Hon, der auf der Basis einer Analyse polnischer Polizeiberichte zeigte, dass die OUN ihre antijüdischen Aktionen nicht erst Ende Juni 1941 begann und auch nicht im September 1939, sondern bedeutend früher: Anfang der 1930er, und zwar mit dem Ziel die Juden vom ukrainischen Boden zu vertreiben. Jedoch schenkt diesen Studien kaum jemand Aufmerksamkeit.

Vielmehr bestimmt der Historiker Wolodymyr Wjatrowytsch den Diskurs, der es für angemessen hält, Tatsachen zu verschweigen, zu nivellieren oder für nicht authentisch zu erklären, die seinen Thesen widersprechen (eine kritische Übersicht des wissenschaftlichen Ansatzes von Wjatrowytsch kann man im Artikel von John-Paul Himka finden, den er für die „Ukrajina Moderna“ geschrieben hatte).

Wenigstens erkennt Wjatrowytsch das Vorliegen von Problemen an. Andere bemerken diese überhaupt nicht.

So zum Beispiel Serhij Kwit, der jetzige Präsident der Kiewer Mohyla-Akademie, dem es in seiner großen Monographie zu Donzow gelang, dessen Propaganda des Faschismus und seinen radikalen Antisemitismus nicht zu erwähnen, obwohl dies in beinahe jedem der Artikel, die Donzow in seinem „Wisnyk“ in den 1930er Jahren schrieb, bemerkbar war.

Der Kult der OUN-UPA in der Westukraine und unter der pronationalen Intelligenz der übrigen Ukraine richtet ernsthaften Schaden an, der das Land spaltet. Während noch Anfang der 1990er Jahr die Sitscher Schützen Objekte der Verehrung darstellten und sich die politisch aktiven Galizier dessen bewusst waren, dass die OUN und UPA keinesfalls eindeutige Erscheinungen sind, so wurden im Weiteren alle Zweifel beiseite geschoben.

Ähnlich der Beziehung von Afroamerikanern zum verächtlichen Wort „Nigger“, wendeten die Galizier und die übrigen bewussten Ukrainer das verächtlich-feindliche „Banderowez“, das sie an ihre Adresse von Seiten russischer Nationalisten oder der „eigenen“ Russophilen hörten, in eine positive Selbstidentifikation um.

Dabei ist offensichtlich, dass dies eine eigentümliche Antwort auf die Sakralisierung des Mythos über den Großen Vaterländischen Krieg im putinschen Russland war, der keinen Platz für eine ukrainische Identität ließ.

Doch diese Identifikation polarisiert die Ukraine noch mehr. Als Resultat der gemeinsamen Anstrengungen von Stalin, der die Polen verjagte, und Hitler, der die Juden vernichtete, und unter Mithilfe der lokalen Nationalisten wurde das multiethnische Galizien zu einer überwiegend monoethnischen Region.

Die übrige Ukraine wird sich niemals positiv auf eine Organisation beziehen, welche die Abschlachtung nationaler Minderheiten organisierte. Ebenso widerspricht der OUN-UPA Kult in der Westukraine manifest dem europäischen Image dieser Region.

Die moderne europäische Identität basiert auf der Zurückweisung der eigenen totalitären Traditionen – sowohl der faschistischen als auch der kommunistischen – und nicht ihrer Heroisierung. Übrigens wurde die Ukraine während der Zeit der Präsidentschaft Juschtschenkos wiederholt vom Westen daran erinnert, dass der OUN-UPA-Kult und eine europäische Orientierung nicht miteinander vereinbar sind.

Dieser Kult verursacht ebenso die Verbreitung neofaschistischer Ansichten in der Westukraine. Einige profaschistische Websites führen Zitate aus Arbeiten von OUN-Ideologen an, die sich begeistert über den Faschismus äußern oder die Übereinstimmungen des ukrainischen Nationalismus mit dem Faschismus betonen, wie in dem oben erwähnten Artikel von Jaroslaw Irschan.

Wohin das führt, kann man sich leicht vorstellen. Zuerst wird die Jugend zu einer Heroisierung der OUN erzogen, danach beginnt sie sich mit entsprechenden Werken ihrer Idole vertraut zu machen und fängt an die Welt durch ihre Augen zu sehen. Um sich das Ergebnis vor Augen zu führen, reicht es, sich die Fackelmärsche zu Ehren der UPA mit neonazistischen Symbolen, wie der Wolfsangel, anzuschauen. Mittels des OUN-UPA-Kults ist eine tolerante, europäische Ukraine nicht zu erreichten. Eher das Gegenteil.

Offensichtlich ist ebenfalls, dass nicht die gesamte Geschichte der UPA Verurteilung verdient. Gerade UPA-Dokumente zeigen, wie Ende 1943 bis Anfang 1944 eine Masse an Freiwilligen zu ihnen kam, um der Einberufung in die Rote Armee zu entgehen oder mit dem Ziel der Bekämpfung des blutigen stalinschen Regimes. Sie standen in keinerlei Beziehung zur vorhergehenden Vernichtung der polnischen oder jüdischen Bevölkerung. Viele von ihnen starben heldenhaft in den Kämpfen mit dem NKWD und verübten keinerlei Verbrechen an der Zivilbevölkerung.

Diese Leute verdienen Anerkennung. Selbst in der Führung der OUN tauchten Leute auf, die sich kritisch zu den faschistischen Elementen ihrer Ideologie verhielten. Sie waren wenige, aber es gab sie. Man könnte etwa den aus der Ostukraine stammenden Josyp Posytschanjuk erwähnen. Historiker sollten eine Antwort darauf geben, welchen Anteil diese Personen hatten.

Derweil bedarf die Ukraine einer kritischen fachlichen Diskussion der OUN. Die Vermeidung einer offenen Diskussion über die OUN und die verübten Massenmorde an der Zivilbevölkerung provinzialisiert die ukrainischen Geschichtswissenschaften noch mehr, entfernt sie von westlicher Forschung und schafft anstelle dessen ein Vakuum, das von Forschern genutzt wird, die mit dem Hammer anstelle eines Skalpells bei diesem delikaten Thema arbeiten, sich dabei über Skandale einen Namen machend.

Und das bedeutet, dass es derartige Skandale auch weiterhin einen nach dem anderen geben wird.

4. März 2012 // Taras Kurylo

Taras KuryloTaras Kurylo, studierte an der historischen Fakultät der Universität von Lwiw und der Kiewer Mohyla-Akademie und erlangte den Doktorgrad in Geschichte (Ph.D.) an der University of Alberta in Edmonton (Kanada)

Quelle: Istorytschna Prawda

Übersetzer:   Andreas Stein  — Wörter: 2774

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