FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Auf der Suche nach der verlorenen Vergangenheit

0 Kommentare
Auf der Suche nach der verlorenen Vergangenheit

„Das hatten wir alles schon mal. Vor genau einhundert Jahren, im Jahr 1918. Eine kleine Handvoll Leute, die versuchten, die Ukrainische Volksrepublik zu gründen, wurde von einer populistischen, aggressiven, pro-kommunistischen Horde zerstört. Einschließlich, der Teilnahme von Söldnern aus Moskau. Das gab es schon. Und danach scheiterte der Staat der Ukrainischen Volksrepublik, Menschen fielen in die Sklaverei, Millionen von ihnen legten sich zu Grabe.“

Wie es zu erwarten war, wurden Ausflüge in die ukrainische Geschichte vor hundert Jahren zu einem Höhepunkt der aktuellen politischen Saison.

Der jüngste Auftritt von Jurij Luzenko auf ICTV (ukrainischer Fernsehsender, A.d.Ü.) ist in diesem Sinn typisch.

Obwohl, wenn gewünscht, könnte der Generalstaatsanwalt seine Rede folgendermaßen beenden: „Das gab es schon einmal. Danach brach die Ukrainische Volksrepublik zusammen, die Menschen gerieten in Sklaverei und mein Vater arbeitete zwanzig Jahre lang als Sekretär, als zweiter und erster Sekretär des Parteikomitees von Riwne, dann wurde er zum ersten Sekretär des Regionalkomitees ernannt und erhielt den Orden des Roten Bannern der Arbeit, das„Ehrenzeichen der Sowjetunion“ und den Orden der Völkerfreundschaft.“

Vor uns liegt das merkwürdigste Paradoxon des ukrainischen Nation building.

Im Allgemeinen kopiert die heutige Ukraine die Praxis der baltischen Staaten und Osteuropas in den 1990ern und frühen 2000ern Jahren. Aber diese Länder pflegten wirklich eine lebendige Verbindung mit ihrer vor-kommunistischen Vergangenheit – sowohl auf öffentlicher als auch auf persönlicher Ebene.

In Estland wurde Lennart Meri Präsident – Sohn eines unterdrückten estnischen Diplomaten. In Litauen: Valdas Adamkus, Sohn eines litauischen Offiziers und Teilnehmer des nationalen Widerstands während des Krieges.

In Lettland Vaira Vike-Freiberga, die zusammen mit ihren Eltern vor den sowjetischen Truppen geflohen ist. Die Familie von Vaclav Havel besaß Waldland, Häuser, Restaurants und ein Filmstudio in der bürgerlichen Tschechoslowakei.

Der ungarische Ministerpräsident Jozsef Antall war der Sohn eines prominenten Politikers, Minister in einer der letzten nicht-kommunistischen Regierungen.

In Bulgarien besetzte der ehemalige Ministerpräsident Simeon II. von Sachsen und Coburg-Gotha (Simeon Borissow Sakskoburggotski) den Sitz des Ministerpräsidenten.

Wir hatten nichts der gleichen, haben es nicht und werden es auch nicht haben.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Seltene Vertreter der nicht-sowjetischen Ukraine wie die verstorbene Jaroslawa Stezko spielten in der Innenpolitik eine symbolische und keine praktische Rolle.

Sogar Wjatscheslaw Tschornowil war genau der sowjetische ukrainische Dissident, der in der USSR (Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik) aufgewachsen und von ihr geprägt wurde.

Von dort kommen unsere Väter und Großväter, unsere Infrastruktur und Industrie, unsere Staatsstrukturen und kulturellen Marker, unsere Politiker, Blogger und De-Kommunisatoren.

Und unsere Verbindung zur Ukrainischen Volksrepublik oder dem ukrainischen Staates des Hetman Skoropadskij ist imaginär, von uns selbst erfunden. Tatsächlich waren diese staatlichen Einheiten zu flüchtig, um in unserem Leben eine echte Spur zu hinterlassen.

Anders als in Osteuropa oder im Baltikum haben wir nichts zu restaurieren. Und während man sich um die Ukrainische Volksrepublik sorgt, sehnen sich die Ukrainer nicht nach der realen Vergangenheit, sondern nach der alternativen Gegenwart.

Nach einer Welt, in der unser Land kein zerrüttetes imperiales Fragment sein würde, sondern ein gut ausgestatteter Nationalstaat wie die Tschechische Republik, Polen oder Finnland.

Es scheint, dass man die ukrainische Staatlichkeit in den Jahren 1917-1921 hätte verteidigen sollen, so würde sich die Ukraine heute nicht von anderen EU-Ländern unterscheiden.

Die Tatsache, dass wir in dieser alternativen Realität wir selbst nicht erschienen wären, geprägt von der sowjetischen Zivilisation, stört niemanden.

Der aktive Teil der Gesellschaft trauert den verlorenen Chancen nach und identifiziert sie mit der verlorenen nicht-sowjetischen Vergangenheit. Und versucht soweit wie möglich, die beleidigende Ungerechtigkeit zu korrigieren.

Die sogenannte „Wiederherstellung des historischen Gedächtnisses“, die der ukrainischen Mittelschicht imponiert, ist meistens ein Protest gegen unsere reale, aber abstoßende Geschichte.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Gegen die graue und düstere Erbärmlichkeit, welche die Ukrainer von der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik geerbt haben. Gegen eine Welt, in der alles vorherbestimmt ist; wo jeder sich mit seinem angeborenen Status abfinden muss und wo man sein eigenes Schicksal nicht ändern kann.

Anstelle dessen kommt die begehrte Wahlfreiheit.

Deine wirklichen Vorfahren sind die sowjetische Nomenklatur, die entrechteten Kolchos-Bauern, das Kanonenfutter des Genossen Stalin? Das hindert dich nicht daran, sich mit ukrainischen Offizieren, edlen Intellektuellen, furchtlosen Studenten und Gymnasiasten, welche die Ukrainische Volksrepublik verteidigten, verwandt zu fühlen.

Dreckige Baracken, stinkende Gemeinschaftswohnungen, gesichtsloser Plattenbau-Dschungel – sind deine wahre Vergangenheit? Und dir steht es frei, eine andere Vergangenheit zu wählen, mit respektablen Bürgerhäusern, gemütlichen Kaffeehäusern und einer blau-gelben Fahne über der Kuppel der Zentralen Rada?

Deine Geschichte zwingt dich, im post-sowjetischen Sumpf zu vegetieren und sich mit einem halbkolonialen Status zufrieden zu geben?

Und du wählst dem entgegen ein anderes Leben und versuchst, die Ukraine in einen vollwertigen europäischen Staat zu verwandeln.

„Wer die Vergangenheit kontrolliert, der kontrolliert auch die Zukunft“. Dieses Orwellsche Zitat paraphrasierend, kann das Credo der aktiven Ukrainer wie folgt formuliert werden: „Wer in der Wahl der Vergangenheit frei ist, ist auch frei in der Wahl der Zukunft.“

Im Gegensatz zur sowjetischen Geschichte bindet uns ein alternatives nationales Narrativ nicht das widerlich gewordene und erstarrte.

Nehmen wir an, dass die überwältigende Mehrheit in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik geboren wurde und das wir nichts mit der unabhängigen Ukraine von vor hundert Jahren zu tun haben – aber diese mythologisierte Ukraine hat mit unseren gegenwärtigen Idealen und unseren Träumen von einem anderen Land zu tun.

Es ist sehr wichtig, den wahren Grund zu erkennen, warum eine gebildete Mittelschicht bereitwillig die neue ukrainische Vergangenheit akzeptiert hat.

Nicht wegen der erwachten „Stimme des Blutes“ oder der „Gene“.

Nicht wegen der stürmischen Tätigkeit von Abgeordneten, Beamten oder Angestellten des Ukrainischen Instituts für nationale Erinnerung.

Sondern vor allem dank der inneren Freiheit, die wir mit der Wahl der verlorenen nicht-sowjetischen Geschichte verbinden.

Aber wenn die Freiheit unsere Zeitgenossen zu einem neuen historischen Mythos führte, so ist die Unfreiheit durchaus in der Lage, die nächste Generation von Ukrainern davon abzubringen.

Es reicht, dass dieser nationale Mythos mit einer aufgehalsten offiziellen Anordnung, mit einer trübseligen Pflichtübung, mit staatlicher Falschheit assoziiert wird.

Mit Rückständigkeit, Mittelmäßigkeit und Engstirnigkeit.

Mit Beschränktheit, Perspektivlosigkeit und der Unmöglichkeit sich vorwärts zu bewegen.

Mit all dem, was uns dazu gezwungen hat, die widerwärtige sowjetische Vergangenheit aufzugeben.

14. April 2018 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzerin:   Yuliya Komarynets — Wörter: 1011

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 5.5/7 (bei 2 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)-6 °C  Ushhorod4 °C  
Lwiw (Lemberg)0 °C  Iwano-Frankiwsk0 °C  
Rachiw0 °C  Jassinja0 °C  
Ternopil-1 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)0 °C  
Luzk-2 °C  Riwne-2 °C  
Chmelnyzkyj-1 °C  Winnyzja-3 °C  
Schytomyr-5 °C  Tschernihiw (Tschernigow)-12 °C  
Tscherkassy-7 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)-6 °C  
Poltawa-9 °C  Sumy-15 °C  
Odessa1 °C  Mykolajiw (Nikolajew)-4 °C  
Cherson-3 °C  Charkiw (Charkow)-18 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)-6 °C  Saporischschja (Saporoschje)-7 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)-7 °C  Donezk-11 °C  
Luhansk (Lugansk)-14 °C  Simferopol-1 °C  
Sewastopol-1 °C  Jalta0 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Das sind Untermenschen, normale Menschen verhalten sich anders. Slava Ukraine Nachricht von Moderator Handrij volontaer45 wurde für diesen Beitrag verwarnt. Nazisprache ist hier unerwünscht! Un|ter|mensch,...“

„Hallo Lev, habe das im Internet gefunden, Probleme ist wohl die Grenzkontrolle ohne EU Pass, dann wird es eine Warterei von 2h..., Mein Browser hat mir das automatisch auf Deutsch übersetzt.“

„Hat eventuell jemand hier im Forum, Erfahrung mit der neuen Zugverbindung und dem Umstieg in Przemyel ?“

„Zuletzt war ich zweimal kurz hintereinander in Ustyluh/Zosin im Röntgenapparat (Polen), kostet halt jedes Mal auch noch ca. 15 - 20 Minuten..., das nervt. Nach Kiew würde ich ebenfalls die "nördliche"...“

„Kowel-Sarnyj-Korosten-Kiew, weil wesentlich weniger Verkehr als die A4-Route im Süden. Ach die Strecke kann man normal fahren? Da ist nur der Grenzübergang Dorohusk nicht möglich.“

„Das hat sich spätestens erledigt seitdem "die Russen" ein Teil der Russen von damals hinterhältig überfallen hat. Und ein Teil der Russen von damals über "den Russen" von heute genauso denkt. Heisst...“

„In diesem Zusammenhang würde mich ja Mal interessieren welche Rolle E-Autos in UA unter den derzeit herrschenden Bedingungen spielen ?“

„Gerade wir als Deutsche sollten uns jetzt hüten wieder in alte verhängnisvolle Denkmuster gegenüber "den Russen" zu verfallen !“

„Ja das könnte passen. Der stand da mitten im Wald auf der Strasse mit der Kalaschnikow um den Hals. Da waren es noch paar km bis zur Grenze. Hatte da nur den EU-Pass gezeigt, hat er mich durch gewunken....“

„Bin erst 2025 das erste Mal bei Uhryniv über die Grenze, der Blockposten ist Schätzungsweise 7 Kilometer von der Grenze weg. Ansonsten lässt sich noch vermuten ggf. Gibt da was in der Nähe, dass gerne...“

„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn. Uhryniv .... Ist das nicht der wo Armeeposten...“

„"RESPEKT " ist vermutlich das "Fremdwort" schlechthin für einen Russen. Meine Erwartungshaltung wurde " leider " nicht enttäuscht, faschistisches Russenpack, ist bleibt was es ist, ein Haufen voller...“

„Wieso Respekt? Werden die Russenfaschisten mit Absicht gemacht haben - wie kann man auch die Feiertage wie im Westen nutzen ....“

„Ja, das ist interessant, eigentlich sollen ja mit unter, Männer vor der Annäherung zur Grenze abgehalten werden und natürlich dann die Flucht außer Landes. Du hast recht, im Sommer hatte ich in Astey...“

„War über die Feiertage in der Ukraine in Luzk bei der Familie, die Russen sind schon blöde Arschlöcher, Luzk als Stadt zählt meiner Ansicht nach auch eher noch zu den ruhigeren Plätzen im Kriegsgebiet,...“

„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn.“

„Grenzübergang Urgyniw - Dolgobytschuw Wollte in der Nacht von Samstag 3.1.26 auf Sonntag 4.1.26 am Grenzübergang Urgyniw um ca 2 Uhr ausreisen, daraus wurde aber nichts, da wir am "Blockposten" - Kontrollpunkt...“

„Was wohl die Russen davon halten, dass die Ukrainer beinahe schon nach belieben jede Raffinerie erfolgreich angreifen können, Putins Residenz aber so derartig gut gesichert ist, sodass sie angeblich 91...“

„Was wohl die Ausgebombten aus Dnipro oder die Bauern im Kursker Gebiet denken wenn sie erfahren würden daß sich ihre Kriegsherren selbst gegenseitig nur mit Samthandschuhen anfassen ?“

„Also bisher habe ich nichts davon gelesen dass es entsprechende Angriffe gab. Letztes Jahr gab es mal ein Ziel in der Nähe vom Präsidentenpalast. ... denke mal das läuft auf Gegenseitigkeit hinaus...“

„Mal ganz abgesehen davon daß dieses behauptete Ereignis vermutlich nur als Vorwand konstruiert wurde um sich vor ernsthaften Friedensverhandlungen drücken zu können: Putin scheint wohl ein schlechter...“

„Bin am 24.12.25 in Zosin/Ustyluh in die Ukraine eingereist, war das erste und einzige Auto, in ca. 45 Minuten durch gewesen. Ausreise nach Polen, ca. 10 PKW zu der Zeit.“

„Typisch Russenkasper welche vom korrupten Putin und der Machtelite um ihn herum verarscht werden. Zu mehr als zivile Ziele in Städten zu zerstören reicht es nicht.“

„Warum sollten die sich auch trollen?? Für mich ist es immer wieder eine Offenbarung, wenn man mal wieder feststellen kann, mit welch limitierten Fähigkeiten und Qualitäten jene Russlandfans unterwegs...“

„Hallo Hendrij, habe mal ne Frage zu der neuen Zugverbindung Leipzig - Krakau - Przemyel. Wir fahren ja seit vielen Jahren immer mit dem Wohnmobil und im Winter mit dem Bus nach Lwiw. Da wir unweit von...“

„Meine Ehefrau ist eine Ukrainerin, und ich kenne sie schon seit dem 4. Oktober 2016. Das ist der Grund, weshalb ich mich als deutscher Zivilist in der Ukraine aufhalte. Als Gerhard Schröder noch Deutschlands...“

„Irgendwas stimmt mit dieser Meldung wohl nicht. Katar ist schon seit mehreren Jahren in der Tat aus der OPEC ausgetreten. Warum wird diese offenbar längst überholte Nachricht jetzt wieder aufgewärmt...“

„Danke. Ergänzend dazu habe ich heute gelesen daß es wohl auch noch eine Truppe "Achmat Ost" im Gebiet Saporischschija geben soll.“

„Achja, das Großmaul Kadyrow.ist auch noch da. Das Blatt scheint sich zu wenden. Von den angeblichen Heldentaten seiner Kadyrowzy in der Ukraine ist ja schon länger nichts mehr zu hören. Weiß jemand...“

„@kobmicha Besonders helle scheinst Du nicht zu sein. Falsches Forum für Dich, geh Dich bei den Russen anbiedern, Troll.“

Newsletter jeden Morgen

Sie möchten täglich über Neuigkeiten auf der Seite benachrichtigt werden? Dann ist vielleicht ein Kurzüberblick mit den wichtigsten Beiträgen der vergangenen 24 Stunden für Sie interessant. Der Versand erfolgt jeden Tag 6.00 Uhr morgens.




Nach dem Eintrag Ihrer E-Mailadresse erhalten Sie eine E-Mail zum Bestätigen Ihrer Adresse und können dann die Eintragung abschließen (so genanntes "Double Opt-In-Verfahren"). Ihre E-Mailadresse wird dabei nur auf unserem Server in Deutschland gespeichert und nicht an Dritte übermittelt.