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Auf der Suche nach der verlorenen Vergangenheit

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Auf der Suche nach der verlorenen Vergangenheit

„Das hatten wir alles schon mal. Vor genau einhundert Jahren, im Jahr 1918. Eine kleine Handvoll Leute, die versuchten, die Ukrainische Volksrepublik zu gründen, wurde von einer populistischen, aggressiven, pro-kommunistischen Horde zerstört. Einschließlich, der Teilnahme von Söldnern aus Moskau. Das gab es schon. Und danach scheiterte der Staat der Ukrainischen Volksrepublik, Menschen fielen in die Sklaverei, Millionen von ihnen legten sich zu Grabe.“

Wie es zu erwarten war, wurden Ausflüge in die ukrainische Geschichte vor hundert Jahren zu einem Höhepunkt der aktuellen politischen Saison.

Der jüngste Auftritt von Jurij Luzenko auf ICTV (ukrainischer Fernsehsender, A.d.Ü.) ist in diesem Sinn typisch.

Obwohl, wenn gewünscht, könnte der Generalstaatsanwalt seine Rede folgendermaßen beenden: „Das gab es schon einmal. Danach brach die Ukrainische Volksrepublik zusammen, die Menschen gerieten in Sklaverei und mein Vater arbeitete zwanzig Jahre lang als Sekretär, als zweiter und erster Sekretär des Parteikomitees von Riwne, dann wurde er zum ersten Sekretär des Regionalkomitees ernannt und erhielt den Orden des Roten Bannern der Arbeit, das„Ehrenzeichen der Sowjetunion“ und den Orden der Völkerfreundschaft.“

Vor uns liegt das merkwürdigste Paradoxon des ukrainischen Nation building.

Im Allgemeinen kopiert die heutige Ukraine die Praxis der baltischen Staaten und Osteuropas in den 1990ern und frühen 2000ern Jahren. Aber diese Länder pflegten wirklich eine lebendige Verbindung mit ihrer vor-kommunistischen Vergangenheit – sowohl auf öffentlicher als auch auf persönlicher Ebene.

In Estland wurde Lennart Meri Präsident – Sohn eines unterdrückten estnischen Diplomaten. In Litauen: Valdas Adamkus, Sohn eines litauischen Offiziers und Teilnehmer des nationalen Widerstands während des Krieges.

In Lettland Vaira Vike-Freiberga, die zusammen mit ihren Eltern vor den sowjetischen Truppen geflohen ist. Die Familie von Vaclav Havel besaß Waldland, Häuser, Restaurants und ein Filmstudio in der bürgerlichen Tschechoslowakei.

Der ungarische Ministerpräsident Jozsef Antall war der Sohn eines prominenten Politikers, Minister in einer der letzten nicht-kommunistischen Regierungen.

In Bulgarien besetzte der ehemalige Ministerpräsident Simeon II. von Sachsen und Coburg-Gotha (Simeon Borissow Sakskoburggotski) den Sitz des Ministerpräsidenten.

Wir hatten nichts der gleichen, haben es nicht und werden es auch nicht haben.

Seltene Vertreter der nicht-sowjetischen Ukraine wie die verstorbene Jaroslawa Stezko spielten in der Innenpolitik eine symbolische und keine praktische Rolle.

Sogar Wjatscheslaw Tschornowil war genau der sowjetische ukrainische Dissident, der in der USSR (Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik) aufgewachsen und von ihr geprägt wurde.

Von dort kommen unsere Väter und Großväter, unsere Infrastruktur und Industrie, unsere Staatsstrukturen und kulturellen Marker, unsere Politiker, Blogger und De-Kommunisatoren.

Und unsere Verbindung zur Ukrainischen Volksrepublik oder dem ukrainischen Staates des Hetman Skoropadskij ist imaginär, von uns selbst erfunden. Tatsächlich waren diese staatlichen Einheiten zu flüchtig, um in unserem Leben eine echte Spur zu hinterlassen.

Anders als in Osteuropa oder im Baltikum haben wir nichts zu restaurieren. Und während man sich um die Ukrainische Volksrepublik sorgt, sehnen sich die Ukrainer nicht nach der realen Vergangenheit, sondern nach der alternativen Gegenwart.

Nach einer Welt, in der unser Land kein zerrüttetes imperiales Fragment sein würde, sondern ein gut ausgestatteter Nationalstaat wie die Tschechische Republik, Polen oder Finnland.

Es scheint, dass man die ukrainische Staatlichkeit in den Jahren 1917-1921 hätte verteidigen sollen, so würde sich die Ukraine heute nicht von anderen EU-Ländern unterscheiden.

Die Tatsache, dass wir in dieser alternativen Realität wir selbst nicht erschienen wären, geprägt von der sowjetischen Zivilisation, stört niemanden.

Der aktive Teil der Gesellschaft trauert den verlorenen Chancen nach und identifiziert sie mit der verlorenen nicht-sowjetischen Vergangenheit. Und versucht soweit wie möglich, die beleidigende Ungerechtigkeit zu korrigieren.

Die sogenannte „Wiederherstellung des historischen Gedächtnisses“, die der ukrainischen Mittelschicht imponiert, ist meistens ein Protest gegen unsere reale, aber abstoßende Geschichte.

Gegen die graue und düstere Erbärmlichkeit, welche die Ukrainer von der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik geerbt haben. Gegen eine Welt, in der alles vorherbestimmt ist; wo jeder sich mit seinem angeborenen Status abfinden muss und wo man sein eigenes Schicksal nicht ändern kann.

Anstelle dessen kommt die begehrte Wahlfreiheit.

Deine wirklichen Vorfahren sind die sowjetische Nomenklatur, die entrechteten Kolchos-Bauern, das Kanonenfutter des Genossen Stalin? Das hindert dich nicht daran, sich mit ukrainischen Offizieren, edlen Intellektuellen, furchtlosen Studenten und Gymnasiasten, welche die Ukrainische Volksrepublik verteidigten, verwandt zu fühlen.

Dreckige Baracken, stinkende Gemeinschaftswohnungen, gesichtsloser Plattenbau-Dschungel – sind deine wahre Vergangenheit? Und dir steht es frei, eine andere Vergangenheit zu wählen, mit respektablen Bürgerhäusern, gemütlichen Kaffeehäusern und einer blau-gelben Fahne über der Kuppel der Zentralen Rada?

Deine Geschichte zwingt dich, im post-sowjetischen Sumpf zu vegetieren und sich mit einem halbkolonialen Status zufrieden zu geben?

Und du wählst dem entgegen ein anderes Leben und versuchst, die Ukraine in einen vollwertigen europäischen Staat zu verwandeln.

„Wer die Vergangenheit kontrolliert, der kontrolliert auch die Zukunft“. Dieses Orwellsche Zitat paraphrasierend, kann das Credo der aktiven Ukrainer wie folgt formuliert werden: „Wer in der Wahl der Vergangenheit frei ist, ist auch frei in der Wahl der Zukunft.“

Im Gegensatz zur sowjetischen Geschichte bindet uns ein alternatives nationales Narrativ nicht das widerlich gewordene und erstarrte.

Nehmen wir an, dass die überwältigende Mehrheit in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik geboren wurde und das wir nichts mit der unabhängigen Ukraine von vor hundert Jahren zu tun haben – aber diese mythologisierte Ukraine hat mit unseren gegenwärtigen Idealen und unseren Träumen von einem anderen Land zu tun.

Es ist sehr wichtig, den wahren Grund zu erkennen, warum eine gebildete Mittelschicht bereitwillig die neue ukrainische Vergangenheit akzeptiert hat.

Nicht wegen der erwachten „Stimme des Blutes“ oder der „Gene“.

Nicht wegen der stürmischen Tätigkeit von Abgeordneten, Beamten oder Angestellten des Ukrainischen Instituts für nationale Erinnerung.

Sondern vor allem dank der inneren Freiheit, die wir mit der Wahl der verlorenen nicht-sowjetischen Geschichte verbinden.

Aber wenn die Freiheit unsere Zeitgenossen zu einem neuen historischen Mythos führte, so ist die Unfreiheit durchaus in der Lage, die nächste Generation von Ukrainern davon abzubringen.

Es reicht, dass dieser nationale Mythos mit einer aufgehalsten offiziellen Anordnung, mit einer trübseligen Pflichtübung, mit staatlicher Falschheit assoziiert wird.

Mit Rückständigkeit, Mittelmäßigkeit und Engstirnigkeit.

Mit Beschränktheit, Perspektivlosigkeit und der Unmöglichkeit sich vorwärts zu bewegen.

Mit all dem, was uns dazu gezwungen hat, die widerwärtige sowjetische Vergangenheit aufzugeben.

14. April 2018 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzerin:   Yuliya Komarynets — Wörter: 1011

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