FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Eine Lusche

1 Kommentar

Aus meinen Kindheitserinnerungen: Ich bin krank und gegen Abend bringt mir die Mutter etwas noch nie gesehenes, etwas unglaubliches, ein unwiderstehlich riechendes und sehr-sehr leckeres Jagdwürstchen. Die Mama ist Therapeutin in einer Poliklinik, eine besonnene Ärztin. Ihre Patienten sind Arbeiter in einer Wurstfabrik, aus der Werkabteilung, welche Wurst für die Parteispitze aus Kiew produziert.

Nach einigen Jahren fange ich an, ein Teil der Gespräche meiner Eltern mit gedämpften Stimmen wahrzunehmen… So erfahre ich von geschlossenen Verteilern für die Partei- und Staatsführung (der nächste zu uns befindet sich im Hof des Gastronom an der Ecke Bolschaja Shitomirskaja und Wladimirskaja), über Schneidereien, Schuhfachwerkstätten, sowie über der Apotheke in der Puschkinskaja und einem absolut geschlossenen Krankenhaus in Feofania. Ein separates Leben der Volksdiener – diesen Spruch wiederholt mein Vater sehr oft. Er, ein Mitglied der KPdSU und Kriegsveteran, der den Krieg im besiegten Berlin beendete, wurde zu diesem Leben nicht zugelassen.

Die sowjetische sowie die Parteinomenklatur lebte immer separat, ernährte und kleidete sich separat ein. Sie ließ sich separat behandeln. Wenn sie starb, so fand sie sich separat, ohne mit einfachem Volk in Berührung zu kommen, am Friedhof ein. In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts veröffentlichte noch ein sowjetischer „Nichtrückkehrer“ Michail Woslenskij in Deutschland und dann in Frankreich ein sensationelles Buch. Woslenskijs “Nomenklatura“ systematisierte bruchstückhaftes Wissen westlicher Sowjetologen über die Lebensrealien der führenden Etage in der UdSSR. Dort wurde ebenfalls die Entstehungsgeschichte der Nomenklatur als regierende Klasse in der UdSSR dargestellt. Früher war Michail Woslenskij ein ziemlich informierter Professor der Geschichte an der sehr speziellen Lumumba Universität in Moskau, wo internationale Terroristen in die Geheimnisse des Marxismus-Leninismus eingeweiht wurden. Er, Woslenskij, war auch ein Mitglied des Präsidiums der Akademie für Sozialwissenschaften. Er wusste viel und schrieb viel. Wir, Bürger der UdSSR erfuhren von Woslenskijs Buch aus den Sendungen der „feindlichen Stimmen“. Man verstopfte sie natürlich, doch wir passten uns daran an und hörten trotzdem.

Das sind keine müßigen Erinnerungen. Das ist eine Erklärung dessen, was die Besonderheiten des gesellschaftlichen und politischen Lebens in der nun unabhängigen Ukraine bestimmt. Eine Tradition, die durch diejenigen aufgenommen und weitergegeben wurde, die ein Teil der sowjetischen Nomenklatur waren oder es sein wollten. Wenn sie es in der UdSSR nicht geschafft hatten, so kriegten sie ein Stück vom Kuchen in dem unabhängigen bürgerlichen Staat ab. Unser erster Präsident (wie übrigens auch der zweite) sowie ein bedeutender Teil der jungen Regierungsmitglieder stammen von dort. Von dort stammen auch die Gewohnheiten des separaten Lebens hinter hohen Zäunen. Nur ohne die ehemalige Parteidisziplin, die strikt den Grad an „Separatheit“ bestimmte. Jetzt ist alles grober, unverstellter. Das Prinzip „wir und sie“ wird nicht verborgen. Kleine Komsomolzenführer, die gerade anfingen, Karriere zu machen bedauern keineswegs den Zerfall der KPdSU; sie schafften es, sich ausgiebig und sicher in anderen Werten zu realisieren, die früher feindlich und fremd waren. Sie brauchen weder geschlossene Verteiler noch spezielle Schneidereien. Übrigens auch das Krankenhaus in Feofania brauchen sie längst nicht mehr, da sie zu ihren Haus- und anderen Ärzten fliegen. Und Feofania… ist lediglich der Symbol der Unzerstörbarkeit der Nomenklatur. Umso mehr, weil wir – einfache Steuerzahler, die in Bezirkspolikliniken behandelt werden – ihr Funktionieren bezahlen.

Volksdiener, Tennisplätze, Pferdeställe, königliche Hotelsuiten, das unkomplizierte Geschäft, das früher Diebstahl aus dem Staatsbudget genannt wurde. Und ich war so naiv und wollte Meinungsfreiheit, Reisefreiheit und Rückkehr ins Land. Ich saß in Arrestzellen, hungerte. Wozu? Für sie? Ich sinnierte über Menschenrechte, verteidigte Schwache und Verfolgte. Und sie privatisierten. Alles, Fabriken und Werke, Gasrohre, und auch mich selbst, eine naive Lusche, der über eine Million Dollar aus Zuschüssen ehrlich für die Übersetzung und Veröffentlichung von für mein Land nützlicher Bücher verwendete. Einer von denen, ein ehemaliger Komsomolzenführer, der jetzt Millionär und geachteter Staatsmann ist, sagte zu mir vor ein paar Jahren: „Sie bitten immer noch um fremdes Geld, Semjon Fischelewitsch? Und wieder nicht für sich selbst. So verging Ihr Leben. Ihre Taschen sind leer. Bedauern Sie es nicht?“

Ich bedauere es bereits. Nicht wegen des Geldes. Sondern, dass ich nicht ging, als ich noch jung war. Konnte nicht, wollte nicht. Ich konnte nicht die Gräber der Freunde aus dem Lager hinterlassen, die einsame Mutter Valera Martschenko, Ljolja Switlytschnaja. Natürlich bin ich eine Lusche.

10. Oktober 2012 // Semjon Glusman, Arzt, Mitglied des Kollegiums des Staatlichen Gefängnisdienstes der Ukraine

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Inna Olbricht — Wörter: 709

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 6.3/7 (bei 3 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

#1 von Sonnenblume
Sehr gut geschrieben, ich kann ihn so gut verstehen!

Kommentar im Forum schreiben

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)1 °C  Ushhorod3 °C  
Lwiw (Lemberg)2 °C  Iwano-Frankiwsk2 °C  
Rachiw0 °C  Jassinja0 °C  
Ternopil1 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)2 °C  
Luzk4 °C  Riwne4 °C  
Chmelnyzkyj1 °C  Winnyzja1 °C  
Schytomyr0 °C  Tschernihiw (Tschernigow)2 °C  
Tscherkassy-2 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)0 °C  
Poltawa0 °C  Sumy-2 °C  
Odessa3 °C  Mykolajiw (Nikolajew)5 °C  
Cherson5 °C  Charkiw (Charkow)-1 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)3 °C  Saporischschja (Saporoschje)6 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)3 °C  Donezk2 °C  
Luhansk (Lugansk)0 °C  Simferopol5 °C  
Sewastopol5 °C  Jalta6 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Gestern Freitagnacht auf Samstag, 2 Uhr Kiewzeit, habe ich bei Zosin/Ustyluh ins Klo gegriffen, ca. 12 bis 15 PKW und pro Einlas nur 5 PKW..., der weitere Ablauf bei den Polen, unerträglich langsam, das...“

„Meine derzeitige Ein- und Ausreisestrategie sieht wie folgt aus, Einreise am Grenzübergang in Ustyluh, zuletzt beide Grenzen in 18 Minuten passiert, Lichtgeschwindigkeit. 1 Uhr in der Nacht (Kiewzeit)...“

„..... Mir liegen von meinen Eltern unterzeichnete Generalvollmachten in deutscher Sprache vor. ..... Grundsätzlich wirst du mit Vollmachten in deutscher Sprache bei einem ukrainischen Konsulat nicht weit...“

„2016? Das Konsulat ist doch in Hamburg. Warum rufst dort nicht an?“

„Sehr geehrte Damen und Herren, meine Eltern sind ukrainische Staatsbürger und leben seit 2008 mit einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, genauer gesagt in Hamburg. Im Juni 2016 läuft...“

„Hallo an ALLE, ich vermute meine Beteiligung hier entspricht nicht meinen Erwartungen und Hoffnungen. Mein Anliegen war in Erfahrung zu bringen,was ich beachten muss,wenn ich mit einer ukrainischen Frau...“

„Das sind Untermenschen, normale Menschen verhalten sich anders. Slava Ukraine Nachricht von Moderator Handrij volontaer45 wurde für diesen Beitrag verwarnt. Nazisprache ist hier unerwünscht! Un|ter|mensch,...“

„Hallo Lev, habe das im Internet gefunden, Probleme ist wohl die Grenzkontrolle ohne EU Pass, dann wird es eine Warterei von 2h..., Mein Browser hat mir das automatisch auf Deutsch übersetzt.“

„Hat eventuell jemand hier im Forum, Erfahrung mit der neuen Zugverbindung und dem Umstieg in Przemyel ?“

„Zuletzt war ich zweimal kurz hintereinander in Ustyluh/Zosin im Röntgenapparat (Polen), kostet halt jedes Mal auch noch ca. 15 - 20 Minuten..., das nervt. Nach Kiew würde ich ebenfalls die "nördliche"...“

„Kowel-Sarnyj-Korosten-Kiew, weil wesentlich weniger Verkehr als die A4-Route im Süden. Ach die Strecke kann man normal fahren? Da ist nur der Grenzübergang Dorohusk nicht möglich.“

„Das hat sich spätestens erledigt seitdem "die Russen" ein Teil der Russen von damals hinterhältig überfallen hat. Und ein Teil der Russen von damals über "den Russen" von heute genauso denkt. Heisst...“

„In diesem Zusammenhang würde mich ja Mal interessieren welche Rolle E-Autos in UA unter den derzeit herrschenden Bedingungen spielen ?“

„Gerade wir als Deutsche sollten uns jetzt hüten wieder in alte verhängnisvolle Denkmuster gegenüber "den Russen" zu verfallen !“

„Ja das könnte passen. Der stand da mitten im Wald auf der Strasse mit der Kalaschnikow um den Hals. Da waren es noch paar km bis zur Grenze. Hatte da nur den EU-Pass gezeigt, hat er mich durch gewunken....“

„Bin erst 2025 das erste Mal bei Uhryniv über die Grenze, der Blockposten ist Schätzungsweise 7 Kilometer von der Grenze weg. Ansonsten lässt sich noch vermuten ggf. Gibt da was in der Nähe, dass gerne...“

„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn. Uhryniv .... Ist das nicht der wo Armeeposten...“

„"RESPEKT " ist vermutlich das "Fremdwort" schlechthin für einen Russen. Meine Erwartungshaltung wurde " leider " nicht enttäuscht, faschistisches Russenpack, ist bleibt was es ist, ein Haufen voller...“

„Wieso Respekt? Werden die Russenfaschisten mit Absicht gemacht haben - wie kann man auch die Feiertage wie im Westen nutzen ....“

„Ja, das ist interessant, eigentlich sollen ja mit unter, Männer vor der Annäherung zur Grenze abgehalten werden und natürlich dann die Flucht außer Landes. Du hast recht, im Sommer hatte ich in Astey...“

„War über die Feiertage in der Ukraine in Luzk bei der Familie, die Russen sind schon blöde Arschlöcher, Luzk als Stadt zählt meiner Ansicht nach auch eher noch zu den ruhigeren Plätzen im Kriegsgebiet,...“

„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn.“

„Grenzübergang Urgyniw - Dolgobytschuw Wollte in der Nacht von Samstag 3.1.26 auf Sonntag 4.1.26 am Grenzübergang Urgyniw um ca 2 Uhr ausreisen, daraus wurde aber nichts, da wir am "Blockposten" - Kontrollpunkt...“

„Was wohl die Russen davon halten, dass die Ukrainer beinahe schon nach belieben jede Raffinerie erfolgreich angreifen können, Putins Residenz aber so derartig gut gesichert ist, sodass sie angeblich 91...“

„Was wohl die Ausgebombten aus Dnipro oder die Bauern im Kursker Gebiet denken wenn sie erfahren würden daß sich ihre Kriegsherren selbst gegenseitig nur mit Samthandschuhen anfassen ?“

„Also bisher habe ich nichts davon gelesen dass es entsprechende Angriffe gab. Letztes Jahr gab es mal ein Ziel in der Nähe vom Präsidentenpalast. ... denke mal das läuft auf Gegenseitigkeit hinaus...“

„Mal ganz abgesehen davon daß dieses behauptete Ereignis vermutlich nur als Vorwand konstruiert wurde um sich vor ernsthaften Friedensverhandlungen drücken zu können: Putin scheint wohl ein schlechter...“

Newsletter jeden Morgen

Sie möchten täglich über Neuigkeiten auf der Seite benachrichtigt werden? Dann ist vielleicht ein Kurzüberblick mit den wichtigsten Beiträgen der vergangenen 24 Stunden für Sie interessant. Der Versand erfolgt jeden Tag 6.00 Uhr morgens.




Nach dem Eintrag Ihrer E-Mailadresse erhalten Sie eine E-Mail zum Bestätigen Ihrer Adresse und können dann die Eintragung abschließen (so genanntes "Double Opt-In-Verfahren"). Ihre E-Mailadresse wird dabei nur auf unserem Server in Deutschland gespeichert und nicht an Dritte übermittelt.