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Überlegungen eines Ukrainers über besorgte Russen auf deutschen Straßen

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Ende Januar 2016 sind in mehreren deutschen Städten tausende Russlanddeutsche auf die Straße gegangen. Sie protestierten gegen die Flüchtlingspolitik der deutschen Regierung. Der besondere Anlass war der Fall einer angeblichen Vergewaltigung der 13-jährigen Lisa aus einer Familie von Russlanddeutschen. Migranten oder Asylsuchende sollten dafür verantwortlich gewesen sein, so die Teilnehmer. Sie hielten dabei deutsche Fahnen hoch zusammen mit den Plakaten „Unsere Kinder sind in Gefahr“, „Kinder weinen selbe Sprache“, „Schützt unsere Kinder“ oder „Lisa wir sind mit dir“. Ich möchte versuchen zu erläutern, warum diese Demonstrationen nicht nur skurril, sondern auch gefährlich sind und warum ich als ein in Deutschland lebender Ukrainer darüber schreibe.

Beginnen möchte ich damit, dass alle Russlanddeutschen ihr Aufenthaltsrecht in diesem Land einer guten Geste, oder (gemessen daran, wie streng das Ausländerrecht in den 1980-1990 Jahren gehandhabt wurde), einer Großzügigkeit der damaligen deutschen Regierung zu verdanken haben. Obwohl sie entweder aus der Sowjetunion (einer Diktatur) oder Russland der 90-er Jahre (einem grausamen Chaos) in ein demokratisches Deutschland einreisen durften, sind sehr viele von ihnen, was demokratische Werte angeht, hier nie richtig angekommen. Seelisch und gefühlsmäßig hängen sie – je nach Generation – verschiedenen russischen Diktaturspielarten an.

Die erste Generation könnte man aus heutiger Sicht als Sowjet-Nostalgiker oder Homo sowjeticus bezeichnen. Diese Menschen feiern immer noch den Internationalen Frauentag am 8. März und den Sieg der russischen Waffen am 9. Mai, sie schauen gern alte sowjetische Filme, lesen hauptsächlich russische Zeitungen und sehen vorwiegend russische Fernsehsender. In der Regel bedauern sie den Fall der Mauer und den Untergang der Sowjetunion. Sie sprechen meistens relativ schlechtes Deutsch und viele unter ihnen sind Sozialhilfe-Empfänger.

Die jüngere Generation fühlt sich eher zu Putin-Russland hingezogen, viele sind sogar überzeugte Putinisten: Sie verehren allen Ernstes den russischen Präsidenten und sind stolz auf das „Krim-ist-unser“. Sie glauben daran, dass Russland (nicht im geografischen Sinne) groß ist, habe aber nicht, wie alle anderen Länder, Nachbarn, sondern sei „umzingelt“, vorwiegend durch die NATO. Auch diese Generation feiert am 8. März den Internationalen Frauentag, am 9. Mai – den „Tag des Sieges“, schaut überwiegend russische Fernsehsendungen und liest in der Regel russische Zeitungen. Darüberhinaus verabscheuen sie die Multi-Kulti-Gesellschaft, sehnen sich nach einer „starken Hand“ (auch in Deutschland), fühlen sich im „dekadenten Europa“ deplatziert und empfinden jedes kritische Wort über Russland als verleumderisch und anschwärzend.

Im Titel habe ich diese Bevölkerungsgruppe explizit als Russen bezeichnet und nicht als „russlandstämmige deutsche Bürger“. Sie sind im juristischen Sinne Deutsche, weil sie deutsche Pässe besitzen. Im geografischen Sinne sind sie Russlanddeutsche, weil sie in Russland geboren aber in Deutschland wohnhaft sind. Aber im kulturellen Sinne – und das ist ausschlaggebend – sind und bleiben sie Russen.

Nun geht ein Teil von ihnen auf die Straße und protestiert gegen die Flüchtlingspolitik der deutschen Regierung. Diese Menschen sind über die Sicherheitslage in Deutschland besorgt, manche sind sogar wütend. Interessanterweise füllten manche von ihnen die Reihen der Besorgten auch schon vor der Silvesternacht in Köln und vor dem Vorfall mit Lisa F. Die russlanddeutschen Konservativen zum Beispiel äußerten ihre Besorgnisse zusammen mit Pegida und der NPD, behaupteten aber gleichzeitig keine Rassisten zu sein. Die NPD ihrerseits sieht die Russlanddeutschen mittlerweile sogar als eine Wählerschicht, die sich anzusprechen lohnt.

NPD: Gleiche Rechte für alle Landsleute! Russlanddeutsche, willkommen zu Hause!NPD: Gleiche Rechte für alle Landsleute! Russlanddeutsche, willkommen zu Hause! Quelle: https://twitter.com/reitschuster/status/691433061863571460

Und sie gingen gemeinsam (Pegida, NPD-Leute und Russlanddeutsche) zu den Demonstrationen am 23. und 24.01.2016.

Welche Menschen mögen da zusammengekommen sein? Bevor ich auf die Idee kam, mir ein Paar Videos von diesem Tag anzuschauen, stellte ich mir solche Proteste gegen die Zuwanderer so vor: Diejenigen unter Russlanddeutschen, die seit Jahren Arbeitslosenhilfe beziehen, sind besorgt, dass die Neuzugezogenen ihnen „Jobs wegnehmen“; diejenigen, dessen Wortschatz nach vielen Jahren geradeso für das Einkaufen reicht (die also kulturell hier nie zu Hause waren) fürchten „die Überfremdung“; die „Strenggläubigen“ möchten als Allererstes die christlichen Werte schützen, denken aber dabei nicht an so etwas wie Menschenliebe, sondern eher an die Gründung von Bürgerwehren: Man soll diese ja gegen Muslime schützen.

Oft jedoch übertrifft die Wirklichkeit die schlimmsten Befürchtungen. Die Demonstranten kamen zusammen, weil sie offenbar dem russischen Fernsehersender Rossija 24 mehr Glauben schenkten als der hiesigen „Lügenpresse“ oder dem „Lügenpressesprecher“ der deutschen Polizei. Sie waren wütend, sie bestanden darauf, dass Lisa vergewaltigt worden war und dass man sie schützen muss. Es gibt zahlreiche Videos von diesen Protesten im Internet. Die Auftritte der Redner sind auf Deutsch, Russisch oder gemischt. Während die Auftritte auf Deutsch als erstes klar machen, dass die meisten einen Deutschkurs brauchen, wird einem ganz anders, wenn man die russischen Beiträge der Demonstranten verstehen kann. Am 30. Januar 2016 war die Empörung in allen Medien sehr groß darüber, dass Frauke Petry meinte, die Polizei dürfe, um die Grenze zu schützen, als Ultima Ratio auf Flüchtlinge schießen. Diese Äußerung ist sehr gemäßigt im Vergleich zu dem, was manche Russlanddeutsche bei Protesten gegen eine nie stattgefundene Vergewaltigung von sich geben. Sie wissen alle, wer schuldig ist und was man tun muss. Im Grunde, schlagen Sie das Gleiche vor, wie Frauke Petry, nur im Inland. Das folgende Video dauert drei Minuten. Der Titel ist: „Die Reaktion der Russen in Deutschland auf die Vergewaltigung eines russischen Mädchens“.

Eine junge blonde Frau in der Menge schreit: „Wir werden Krieg gegen sie führen!“. Die erste Rednerin (ab 0:40) sagt wörtlich:

„Das, was in Köln geschehen ist, das darf sich niemals wiederholen. Solche wilde Affen, entschuldigen Sie mich für den Ausdruck, gehören sofort erschossen. Ohne wenn und aber! (Zu diesen Worten gibt es Jubel und Applaus) „Wenn man das durchgehen lässt, bedeutet es nicht, dass sie es nicht wiederholen. Die werden es wieder und wieder und wieder tun. Weil sie wissen, dass das Gesetz hier auf ihrer Seite sein wird. […] Was sollen wir jetzt tun? Die Maschinengewehre in die Hand nehmen und uns auf diese Weise schützen? Und das wird geschehen. Wenn unsere Politik uns nicht schützt, wird das wirklich passieren.“

Der Mann, der nach ihr spricht, sagt: (ab 2:14) „Für jedes Opfer was passiert, werden wir hundertmal zurückzahlen. Ich gebe Ihnen mein Wort, dass wir sie alle bestrafen werden, alle! Und diese ganzen Flüchtlingslager, die hier gebaut worden sind…Hier wird keiner (von den Flüchtlingen) einfach so herumlungern und unsere Frauen und Kinder beleidigen.“

Auf einer anderen Demonstration zum Schutz von Lisa wird in einem etwas gemäßigteren Ton (da auf Deutsch und vor dem Mikrofon) inhaltlich mehr oder weniger das Gleiche gesagt: Die Regierung nehme die Bürger nicht ernst, deshalb müsse man sich selbst schützen. Wenn die Regierung weiter nichts tut und die Straftaten von Flüchtlingen vertuscht, kann es zu einem Bürgerkrieg kommen, „wir werden uns verteidigen“, „Merkel muss weg“, „Lügenpresse“…

Wenn ich solche Äußerungen höre, vor allem wie die im Video, habe ich zum Einen die Frage: Kann vielleicht jemand vom Verfassungsschutz vorbei kommen und diesen Leuten Baldrian verabreichen, bevor sie tatsächlich zu Tat schreiten und das tun, was sie ankündigen? Zum Anderen finde ich solche Versammlungen grausig, weil ich weiß, dass mit ähnlichen Demos der Krieg in der Ukraine begonnen hat.

Im Frühling 2014, gleich nach der Krim-Annexion, tauchten in Donezk und Luhansk irgendwelche Leute auf, die über die Rechte der Russischsprachigen in der Ukraine besorgt waren. Auch sie wollten mit der „Lügenpresse“ nicht reden, sondern brüllten die Journalisten nieder oder griffen sie an. Und sie wollten nichts von den Befürwortern des Dialogs zwischen Ost und West der Ukraine hören, sondern wollten die angeblich bedrohten russischsprachigen Bürger unbedingt „schützen“. Sie schützten sie zuerst mit Baseballschlägern, dann mit Kalaschnikows, dann mit Panzern und Artillerie… Was macht das dann schon aus, wenn viele der russischsprachigen Ukrainer in Wirklichkeit russischsprachigen Russen waren? Und dabei waren die Russischsprachigen in der Ukraine ungefähr genauso bedroht, wie Lisa vergewaltigt.

In Deutschland will eine kleine aber sehr aktive Minderheit nicht mit der Presse reden und nicht daran glauben, dass man das Flüchtlingsproblem gemeinsam bewältigen kann: Sie will die Landsleute unbedingt „schützen“ und aus dem letzten Video ist deutlich wie. Ich schreibe darüber als Ukrainer deshalb, weil wir zu Zeit für unsere europäische Wahl einen sehr hohen Preis zahlen. Und es klingt nach einer sehr bösen Ironie des Schicksals, ein Europa der demokratischen Werte anzustreben, gleichzeitig aber eine schleichende „Putinisierung des Abendlandes“ beobachten zu müssen.

Über russische Propaganda, wie sie wirkt oder: was Goebbels beneidet hätte…

Der Fall der angeblichen Vergewaltigung der 13-jährigen Lisa ist nicht nur deshalb interessant, weil er den radikalen Kräften in die Hände spielt. Es scheint mir, dass er darüber hinaus (in Anlehnung an den zutreffenden Satz von Frau Merkel, dass Herr Putin in einer Parallelwelt weilt) die Ankunft der „russischen Parallelwelt“ in Europa bedeutet.

Es ist nicht immer etwas Schlimmes, mit einer Parallelwelt konfrontiert zu sein. Zum Problem wird es erst, wenn sie sehr aufdringlich, aggressiv und dabei sehr gut organisiert ist. Das Mittel, das über die Fähigkeit verfügt, die russische Parallelwelt in Deutschland entstehen zu lassen, ist das russische Fernsehen. Seine Aufgabe ist es, durch Falschmeldungen, Verzerrungen, Verleumdungen und Manipulationen Hass und Verunsicherung zu verbreiten. Es hat immer thematische Schwerpunkte, die in einem bestimmten Zeitraum von der gesamten russischen Medienmaschine bearbeitet werden: von den Nachrichten, den Abendsendungen, den Diskussionsrunden, den Talkshows, die alle täglich und stündlich ein und dasselbe Hauptthema behandeln. Die Grundstimmung ist dabei aggressiv, der Ton sensationsgeil, die Musik bedrohlich oder pathetisch. Irgendwann werden Psychologen rausfinden, warum sich die „russische Seele“ diesem Irrsinn nicht entziehen kann. Während zwischen November 2013 und September 2015 die Ukraine im Kreuzfeuer und am Pranger der russischen „Berichterstattung“ stand, ist es jetzt der Westen insgesamt und Deutschland im Besonderen, mit Sicherheit wegen unnachgiebiger Haltung der Frau Merkel hinsichtlich der Sanktionen gegenüber Russland.

The Best of Propaganda Saison 2014-2015 ist die Geschichte vom russischsprachigen Jungen, der von ukrainischen Soldaten gekreuzigt worden sein soll, dann kommt die Geschichte über die (von ukrainischen Soldaten) vergewaltigte epileptische Oma und erst dann ein Bericht über die Pläne der ukrainischen Zentralbank, eine neue 1000-Hrywnja-Banknote in Umlauf zu setzen, die die neuen Werte der jetzigen ukrainischen Elite widerspiegeln soll – mit der Abbildung von Hitler.

Wussten Sie schon, dass der Westen speziell genähte eng anliegende Jeans nach Russland verkauft, die die Männer schwul machen? Und dass die Flüchtlinge Krankheiten mit sich bringen, durch die die dekadente europäische Bevölkerung bald zugrunde gehen wird? Und dass die deutschen Behörden absichtlich die Ermittlungsergebnisse über Lisa vertuschen, um nicht zugeben zu müssen, dass hier wegen Flüchtlingen alles in Gewalt und Chaos versinkt?

Damit das Ganze nicht rein theoretisch klingt, hier meine Übersetzung eines Ausschnitts aus einer beliebten russischen Sendung „Der Sonntagabend mit Wladimir Solowjow“ vom 17.01.2016. Zuerst eine kleine biografische Auskunft: Herr Solowjow ist kein Verrückter und kein dubiöser Sektierer, sondern wird in Russland für einen großen Journalisten gehalten. Er erzielt mit seinen Sendungen sehr hohe Zuschauerquoten und hat eben den Film „Die Weltordnung“ gedreht, in dem er persönlich Putin interviewt.

Ich finde, dass im folgenden Ausschnitt alles wichtig ist – auf welche Menschen Herr Solowjow sich beruft, was er inhaltlich sagt, welche Stimmung erzeugt, welche Bezüge und Parallelen er zieht. Ich gebe diesem Glanzbeitrag der russischen Debattenkultur den Titel „Der Untergang des Abendlandes“. Herr Solowjow beschreibt die Flüchtlingsproblematik in Europa so:

„Ich sage Ihnen Folgendes: Einst gab es eine gewisse Oriana Fallaci, die ein Buch schrieb, das in Vielem das vorausgeahnt hat, was heute in Europa passiert. […] Was passiert jetzt in Europa? In der Nähe von Calais sind Lager, […], Lager von Menschen, die Europa verachten, verachten ihre Gesetze, die leben wie sie wollen.“ (Klatschen im Publikum). „Versuchen sie in Frankreich diese Orte zu betreten. Ganze Ortschaften… Da kann kein Polizist reingehen. In Deutschland findet jetzt dasselbe statt. Deshalb sagt jetzt Bayern: „Haut ab!“. Dann schicken sie (die Bayern) eine Menge von Migranten zu Merkel und sagen: „Wir werden vor Gericht ziehen, wenn Sie sie uns nicht abnehmen. Und sofort danach – die neue Auflage von „Mein Kampf“, die die bestverkaufte Neuerscheinung geworden ist.“ (Er hält eine effektvolle Pause und legt nach) „Das beliebteste Buch heute in Deutschland, von den gerade Erschienenen, ist „Mein Kampf“. Sobald man das Verbot aufgehoben hat, war die ganze Auflage weg. Die Auflage war zuerst klein, jetzt ist sie in die Höhe geschossen. Welche Waren sind jetzt in Geschäften am meisten gefragt? Elektroschocker. Wo gehen die Frauen hin? Zu Selbstverteidigungskursen. Sie können den Deutschen lange umerziehen, er wird sich trotzdem darauf besinnen, wer er ist. Und er wird es verteidigen: seine Lebensweise, seine Art, seine Frauen. Und niemand wird ihm sagen, das er nicht recht damit hat.“ (Der übersetzte Abschnitt ist im Originalvideo zwischen 1:20:10 und 1:22:10.)

Ich denke, da erübrigt sich jeder Kommentar. Ich möchte aber, um das Bild über diesen Beitrag zu vervollständigen, auf Oriana Fallaci zu sprechen kommen, der Herr Solowjow die Fähigkeit zuspricht, über die tatsächlichen heutigen Zustände in Europa schon früher gewusst zu haben. Hier die Meinung einer westlichen Journalistin, was von Fallacis Schriften zu halten ist:

„Oriana Fallaci (…) zieht in wüsten Tönen über die islamische Bevölkerung des Westens her; insbesondere aber geisselt sie die westlichen Integrationsbemühungen, die sie als kapitale Sünde zeigt. Wir nähren die Schlange an unserer Brust, indem wir «dem Feind» (welchen sie auch als «il Mostro» bezeichnet) Aufenthaltsbewilligungen geben, ihn in der «zivilen Welt» studieren lassen, wo er abends Fussball oder Cricket spielt und unauffällig angepasst – das wirft sie ihm speziell vor – Familie gründet. Dass zu dieser Familie «oft» zwei bis drei Ehefrauen zählten, die er schlage; dass er das Bluejeans tragende Töchterlein «nicht selten» umbringe, dass sein Sohn «ab und zu» 15-jährige Italienerinnen vergewaltige, all das nähmen wir geduldig hin, statt uns zu verteidigen. Denn längst, stellt Oriana Fallaci wiederholt fest, befinden wir uns im Krieg.“ — Barbara Villiger Heilig, 15.9.2006

Über eine neue Sekte in Deutschland: „Die Zeugen von Lisa“

Anbetung des FernsehapparatesQuelle: The Slump, http://theslump.ru/telefaith/

Alles in allem steht der „Fall Lisa“ und die Proteste der darüber Besorgten im Kontext einer solchen Weltanschauung und Berichterstattung. Wenn man hier vom Ende der Ermittlungen von einer Vergewaltigung sprechen kann, dann nur in diesem Sinne: Es geht um die tägliche Vergewaltigung der Zuschauergemüter durch solche Sendungen. Der heutige russische Journalismus ist in einem beklagenswerten Zustand. Von wenigen Ausnahmen abgesehen gibt es dort nur Propaganda. Anstatt aufzuklären, stiften diese Fernsehprogramme Verwirrung; anstatt zu recherchieren, betreiben sie Manipulationen aller Art; anstatt Brücken zu bauen, sähen sie Hass.

Tatsache ist aber, dass die Menschen, die diese Sendungen schauen, irgendwann beginnen, nur an das zu glauben, was dort berichtet wird. Das Schlimme dabei ist, das sie auch nichts anderes wissen wollen – auch wenn das Fernsehen von Ereignissen handelt, über welche sie ihre Vernunft, die Augenzeugen oder die Personen, denen sie vertrauen und die dabei waren, befragen können. Nein, sie tun es nicht – sie glauben dem, was darüber bei Rossija 24 gesagt wird.

Ist das wie bei Orwell? Nein, es ist anderes und es ist schlimmer. Im „1984“ ist es dem Protagonisten unwohl, wenn er sich dem Blick des „Televisors“ nicht entziehen kann. Im heutigen Russland dagegen hat der „Televisor“ – so heißt übrigens der „Fernseher“ auf Russisch – die Menschen dermaßen im Griff, dass es bei ihnen eine fast narkotische Wirkung entfaltet und an ein pervertiertes religiöses Gefühl erinnert, das in einer Sekte unglaublich verstärkt und gleichzeitig bizarr verzerrt wurde. Früher gab es in Russland Altgläubige (staroveri), heute scheinen fast alle dort Fernsehgläubige geworden zu sein (teleweri)1. Und ihr Glauben ist dabei dermaßen unerschütterlich, dass jede andere Meinung als eine Ketzerei empfunden wird. Und weil die Fernsehgläubigen so sehr einer Sekte ähneln, würde ich die Deutschrussen, die zu Lisa-Demos sich versammeln, am besten als „die Zeugen von Lisa“ bezeichnen. Sie sind ein Ableger der Fernsehgläubigen aus Russland, wobei, wenn man bedenkt, dass alle, die dorthin gehen, auch Putinisten sind, passt der Name „Zeugen von Wladimir„ auch. Im kulturwissenschaftlichen Sinne könnte man die Versammlungen vom letzten Sonntag als die Sonntagsmesse der „Zeugen von Lisa“ betrachten, auf welcher jeder Teilnehmer seine eigene Hasspredigt halten durfte.

Eine andere Meinung wird bei diesen Menschen zwangsläufig als eine feindliche Meinung wahrgenommen. Und die Ursache dafür liegt daran, dass man im russischen Fernsehen, den sie täglich schauen, fast nur Propaganda und Gegenpropaganda kennt – aber keinen Journalismus. Was nach solchen Sendungen und Zeitungsbeiträgen bleibt, ist meistens jede Menge Hass, eine begriffliche Verwirrung und gleichzeitig aber ein umso unerschütterlicher Standpunkt. Durch diesen Hass entsteht eine Art emotionaler und kommunikativer Mauer, die jede Form von Verständigung unmöglich macht. Es ist beschämend und sicherheitsgefährdend, dass diese Sender (Rossija 24, Russia Today usw.), die den Straftatbestand der Verleumdung und Volksverhetzung immer wieder aufs Neue erfüllen, in Deutschland frei empfangen werden dürfen und sich dabei zynischerweise noch auf die Freiheit der Presse berufen. Wir erleben täglich in der Ukraine, was für verheerende Wirkung solche Sender haben. Sogar aus dem fernem Sibirien kommen zu uns freiwillig Männer, denen, nachdem sie solche Sendungen konsumiert haben, nichts Besseres einfällt, als mit Waffen in der Hand „den bedrohten russischsprachigen Bürgern“ in der Ukraine zu Hilfe zu kommen, so dass erst ukrainische Soldaten sie aus jener parallelen Scheinwelt auf den Boden der Tatsachen holen.

Ich werde sehr froh sein, wenn ich mich jetzt irre. Aber was Deutschland jetzt möglicherweise bevorsteht, sind freiwillige Bürgerwehren aus Deutschrussen, die „bedrohte Landsleute“ gegen die Flüchtlinge „auf ihre Art“ verteidigen und selbst (auf welche Art auch immer) für die Justiz sorgen werden. Und jeder von diesen Besorgten wird in vollen Sätzen aus Rossija 24 zu zitieren wissen. Diese Leute werden erzählen, dass sie nur ihren Herzen folgen und dass ihnen nichts anderes übrigbleibt, da man vor lauter Terroristen und Vergewaltigern nicht mehr auf die Straße gehen kann. Ich schätze, dass die erste solche Bürgerwehr, in Anlehnung an die Worte vom Herrn Lawrow, „Unsere Lisa“ heißen könnte. Und es wird von deutschen Behörden abhängen, wie weit „Unsere Lisa“ gehen wird.

Abgesehen davon, dass der demokratische Staat denjenigen gegenüber, die solche Proteste organisieren und durchführen, sein Gewaltmonopol durchsetzen muss, ist es dringend notwendig, dass eine zu Russia Today alternative russischsprachige Berichterstattung in Europa organisiert wird. Die bereits bestehende Initiative, die der russischen Propaganda in Europa entgegenwirken soll, wirkt bis jetzt halbherzig und hilflos: Sie besteht aus ganzen zehn (!) Beamten, die als eine „East StratCom Task Force“ die Lügen der Russia Today dadurch eindämmen wollen, dass sie ausgewählte Falschmeldungen des russischen Fernsehens in eine Tabelle eintragen und die Fakten richtigstellen. Eine solche Tabelle hat zwar einen höhen Wahrheitsgehalt, nützt aber höchstens der Staatsanwaltschaft um einzelne PropagandistInnen wegen Volksverhetzung anzuklagen. Sie erreicht aber niemals große Massen.

Viel notwendiger wäre ein (oder mehrere) russischsprachiger Sender, der eine ausgewogene Berichterstattung einerseits und ein breites kulturelles Angebot andererseits bieten würde– mit Beiträgen über den Alltag in Europa sowie über die meisten Themen, die Europäer zu Zeit bewegen. Dies ist der beste Weg, die „Zeugen von Lisa“ in ihrem Glauben zu erschüttern und mit ihnen einen Dialog zu beginnen.

Die zahlreichen Putinversteher hierzulande meinen irrtümlicherweise, dass sie Russland Respekt zollen, wenn sie die Ungeheuerlichkeiten des Putin-Regimes hartnäckig übersehen oder schönreden. Der einzige ehrliche Weg aber “Russlandversteher“ zu sein, ist es, den Russen genau die Inhalte verständlich zu machen, die für das demokratische Europa von zentraler Bedeutung sind und welche Russen wegen der Fernseherpropaganda so vehement ablehnen.

1 Sehr zutreffend schreibt darüber Michail Tschitschkow in seinem Essay „Fernsehgläubigkeit“. Auch für die Leser, die kein Russisch können, bringen die Bilder in diesem Artikel die Beziehung zwischen dem Medium Fernsehen und der russischen Gesellschaft auf den Punkt. Das russische Original ist hier: http://theslump.ru/telefaith/.

Autor:   Taras Kapyshon  — Wörter: 3197

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