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Wir alle sind Neue Russen

Der eine sagt, dass ein Neuer Russe derjenige ist, der auf engen Straßen mit einem Jeep fährt, vor seinen Füßen ausspuckt und Zigaretten mit einem vergoldeten Filter raucht. Der andere sagt, dass die Neuen Russen die sind, die Fabriken, Dampfschiffe und kugelsichere Parlamentssitze gekauft haben.

Dies alles stimmt, jedoch gibt es ein „Aber“ anzumerken. Die Neuen Russen sind keine Kaste und keine Schicht. Neuer Russe ist jeder Einzelne von uns. Ein Neuer Russe ist nicht nur ein Mensch, der Champagner mit Kaviar liebt und von Kindesbeinen dies isst und trinkt, sondern auch der Mensch, der von all diesem träumt. Und dies wie von einem Symbol der Zugehörigkeit zu einer Kaste.

Auf Englisch hört sich dieser Ausdruck viel einfacher und klarer an: „beer pocket, champagne taste“. Aus diesem Grund stehen vor unseren Häusern aus der Ära Chruschtschow, die an allen Ecken und Enden bröckeln, Autos der Marke Jaguar geparkt. Da wir nicht in der Lage sind, das Gebäude zu renovieren, kaufen wir ein Fortbewegungsmittel, das die Empfindung des permanenten Unvollendeten, das um uns regiert, kompensiert. In den letzten Jahren hat sich in der Journalistenschaft eine Gruppe von so genannten Experten formiert, die die bestehende Ordnung schützt: Wir müssten diese Ordnung anerkennen und als gegeben akzeptieren, da sich allezeit aus den „neuen Russen“ die Gesellschaftselite formierte. Und jetzt seien eben solche Zeiten angebrochen…

Eine ausgezeichnete Strategie, jedoch keine neue. In Russland gelingt es Nikita Michalkow (dem äußerst bekannten Filmemacher und bis 2011 amtierenden Vorsitzenden des Verbands der Filmschaffenden) wunderbar, die Rollen des wichtigsten Gerichtsdieners der Neuen Russen auszufüllen: er vergleicht Putin mit Zar Nikolai dem Zweiten.Gott, schütze den Zaren!

Sie schützen eine Fett ansetzende Schicht, die keine neue Umverteilung des Eigentums zulässt. Eigentum, mit dem der Plebs nach der Überzeugung von Polittechnologen sowieso nichts Vernünftiges anfangen könnte. Und hierbei, in diesem einen Punkt, welche Schande, haben die, die in allem falsch liegen, Recht. Der Teufel soll sie holen!

Die Losung „Stiehl das Gestohlene!“ führt zur nächsten Krise, da, gleich welche neue Kohorte, die gierig über einen Eimer schwarzen Kaviars herfällt, diese ganz genau wie die derzeitige Elite kein Rezept für die Modernisierung des Landes hat.

Wir konnten dies bereits 2004 beobachten, als die Politik der Millionäre, die die Milliardäre gestürzt hatten, zu nichts führte… Wie kam es dazu?

Für einen Neuen Russen erweist sich der fehlende Glaube an die Möglichkeit von langfristigen Investitionen in das eigene Land – seien es Investitionen in Sachanlagen oder in einheimische Leute mit Köpfchen – als Erkennungsmerkmal. Die Neuen Russen bauen nichts auf dem Boden ihres Heimatlandes. Wir sprechen hierbei nicht von (Fußball-)Stadien. Der Stadienbau ist ein Phänomen, das in kein Konzept eingebunden ist. Die Neuen Russen bauen keine Universitäten und sie laden auch keine Professoren aus Harvard ein. Sie bauen Stadien, kaufen Spieler vom englischen Verein FC Chelsea und investieren in ausländische Universitäten mit klangvollen Namen. Offensichtlich konnte allein die kindliche Leidenschaft für den Fußball und der Größenwahn sie die Angst vor großen Bauarbeiten im eigenen Land überwinden lassen.

Nach einem Jahrzehnt der absoluten moralischen und ideologischen Gesetzlosigkeit haben beide psychologische Typen – die dicken und die abgemagerten Katzen – das tiefere Verständnis dafür verloren, weswegen solche Dinge denn notwendig seien…. Doch zwischen ihnen gibt es trotz der Vielzahl an Ähnlichkeiten einen Unterschied. Die Letzteren haben im Gegensatz zu den Erstgenannten keine unternehmerische Ader verloren. Kurz gesagt, besiegte ihre Manie die Paranoia. Denn sogar das berühmte „Meschigorje“ (die im nördlichen Umland von Kiew gelegene Privatresidenz Janukowitschs) gehört nicht unmittelbar dem Präsidenten – es gehört Briefkastenfirmen im Ausland. Janukowitsch versteht, das Glück ist nicht auf ewig, und selbst der Wunsch, im Luxus zu leben, konnte nicht über die größte Hemmung, die Angst, dominieren.

Unter einem liegenden Stein fließt kein Wasser, lautet eine Volksweisheit (Im Deutschen würde man wohl sagen: „Von Nichts kommt nichts.“). Ein rollender Stein setzt kein Moos an, so klingt dasselbe im Englischen. Und diese zweite Variante ist bei weitem gefälliger, da sie doppeldeutig ist. Ist es gut oder schlecht für den Stein, Moos anzusetzen, wenn er auf der Seite liegt? Während man im Fall des metaphorischen Steins zum Thema Fortschritt nach Belieben philosophieren kann, so ist im Fall von Kapital und Ressourcen für die Entwicklung des eigenen Landes die Antwort hinreichend eindeutig.

Die Angst vor Enteignung, die manchmal sichtbar ist, manchmal latent schwelt, ist immer auf etwas gegründet. Die Mehrheit von uns, die mindestens eine „Entwöhnung“ von Eigentum Anfang der 90er Jahre erlebt hat, fürchtet sich davor, in das binnenländische Finanzsystem zu investieren, und wenn sich eine solche Möglichkeit bietet, legt sie ihr Geld in Immobilien im Ausland an. Was die Enteignung von Besitz im Jahre 1917 in der eigenen Familie war, ist die Angst des Verlusts des „Häuschens“ in Meschigorje in der Familie Janukowitsch.

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Die Ukraine bleibt und wird wahrscheinlich immer eine reiche Rohstoffquelle bleiben. Für die Empfänger all dieser Errungenschaften wird es ein neues Offshore-Ziel geben, sei es Zypern oder die Côte d´Azur. Jedoch ist in einem solchen Falle die Wendung „Der Fisch stinkt vom Kopf“ nicht ganz passend. Denn, wie wir bereits erkannt haben, ist der Unterschied zwischen uns nur eines…

Bei einem dieser Neuen Russen, demjenigen, der sich als letztes Glied in der „Nahrungskette“ erwies, fehlt das Gefühl für Eigentum vollständig. Denn unser Landsmann hat kein Empfinden dafür, dass das, was ihm vor der Nase gestohlen wird, ihm gehört. Es gehört ihm von Rechts wegen genauso, wie ein Bürger des einmal verkauften russischen Teils Alaskas heute Anspruch erheben kann auf einen Anteil an dem Verkauf von Mineralen, die aus den Tiefen seines Landes gefördert werden. Deswegen bedeutet das Wortgefüge „Neuer Russe“ nur eines: ein Mensch, ohne Glauben an irgendeine Institution, der um die Bedeutung des Wortes „Haus“ nicht weiß.

Heute ist die größte Betrübnis der Neuen Russen Zypern. Auf den Facebook-Seiten fließen die ganze Woche die Tränen der Oligarchen und ihrer Angestellten, mit der altrussischen Wehmut darauf blickend, wie der Traum zerbrach. Auf das Piratennest fiel ein Meteorit. Die Schatzinsel wurde mit Asche überzogen. Und es wäre es nicht wert, Schadenfreude zum Thema Zypern zu äußern, wäre da nicht das bittere Weinen der Gruppe der PR-Leute, die denen dienen, die alle Ressourcen aus dem eigenen Land herausgezogen haben. Unsere Piraten weinen, da in ihrer Flucht, wie in der Flucht eines jeden Diebs in der Wirklichkeit, die sich von Bilderbüchern unterscheidet, kein, aber auch gar kein Heroismus liegt.

Vielleicht werden Sie sagen, dass der Autor dieses Artikels ein Utopist ist, doch gibt es eine alte Idee, die ihn nicht in Ruhe lässt. Diese Vorstellung besteht in dem Verbot der „Repatriierung“, d.h. der Ausfuhr von Dividenden aller großen Unternehmenskorporationen außerhalb der Landesgrenzen. Denn anders sind alle Reden über „Nationalismus“ und „Protektionismus“ in Bezug auf Wirtschaftsunternehmen, sowohl von Seiten der Opposition als auch von Seiten der Regierung, ein vollständiger Bluff.

Unsere Geschäftsleute und Politiker wehklagen über das einheimische Bankensystem und die hohen Kreditzinsen. So wurde die Hauptressource der Wirtschaft – Milliardengewinne eines der weltgrößten Walzstahlherstellers – nach Zypern ausgeführt. Sie wurden ausgeführt und werden weiterhin ausgeführt werden. Und hierbei ist es egal, ob nach Zypern oder auf eine andere Insel…

Da, gleichgültig welcher Steuersatz auf diese Beiträge dort erhoben wird, sich dies nicht mit einer Enteignung von 100 Prozent der Beiträge vergleichen lässt, die unser Land im Jahre 1991 erlebte. Und genau deswegen sind wir alle, die wir Angst haben, Geld in unserem Land zu belassen, bewusst oder unbewusst Neue Russen. Der einzige Unterschied besteht in der Dicke der Geldbörse.

Erinnern wir uns daran, dass seit Anfang der 1990er Jahre laut der Statistik der Nichtregierungsorganisation Tax Justice Network aus der ukrainischen Volkswirtschaft 167 Milliarden Dollar in Offshore-Finanzplätze überführt wurden. Die Ukraine nimmt in der Weltrangliste des „abfließenden Kapitals“ den neunten Platz ein. Auf dem zweiten Platz liegt Russland, aus dem seit 1990 ungefähr eine Billion (d.h. tausend Milliarden) Dollar abgeflossen sind.

Eine Summe ungefähr in dieser Höhe benötigte Westdeutschland, um das in den Jahren der sowjetischen Besatzung zerstörte Ostdeutschland zu sanieren. So viel wird nach Einschätzung von Analysten Südkorea zum Wiederaufbau der Wirtschaft Nordkoreas benötigen, wenn dort endlich das diktatorische Regime gefallen sein wird.

29. März 2013 // Alexej Bobrownikow

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzerin:   Jasmin Söhner — Wörter: 1347

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