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Traurige Gedanken

Es interessiert mich wirklich sehr, wie der Prozess gegen den pseudo-Arzt Andrej Sljusartschuk1 ausgehen wird. Ich bin keinesfalls schadenfroh, es interessiert mich auch nicht, welche Strafe dieser Hochstapler bekommen wird. Das Einzige, das mich interessiert, ist im Grunde Folgendes: Werden im Gerichtsurteil die Namen derjenigen Personen und jene Begleitumstände genannt, die Sljusartschuks Macht mit allen Mitteln unterstützten?

Ich möchte mich genauer erklären. Aufgrund der in der Ukraine gegebenen sozialen und rechtlichen Situation unterscheidet sich die Qualifikation von Führungskräften im medizinischen und medizinwissenschaftlichen Bereich nicht von der Qualifikation des in keiner medizinischen Hochschule ausgebildeten Andrej Sljusartschuk. Der allgemeine Missbrauch der Hochschulbildung in der Ukraine hat dem Gesundheitssystem erheblichen Schaden zugefügt. Ich kann bestätigen (weil ich es selbst weiß), dass die Qualifikation eines „durchschnittlichen“ Arztes in diesem System viel höher ist als die Qualifikation von Dozenten und Leitern von Fachbereichen, wo diese „durchschnittlichen“ Ärzte alle fünf Jahre neue Fachkenntnisse erwerben können (zur so genannten Weiterbildung). Kein einziger Gesundheitsminister kann es sich erlauben, einen Beschluss zu erlassen über eine ernsthafte und objektive Überprüfung der Kenntnisse und Fähigkeiten aller dieser „verdienten Erfinder“, „verdienten Wissenschaftler“, einfach nur „Akademiker“ und zu ihnen gehörender „Referenten“ usw. Warum kann er das nicht? Er kann es nicht, da er am nächsten Morgen nach der Veröffentlichung eines solchen Beschlusses kein Minister mehr sein wird. Er wird dann im Gegenteil als unpatriotischer Staatsfeind und Agent des kapitalistischen Westens oder imperialistischen Russlands betrachtet – Letzteres kann man sich aussuchen, je nach persönlichem Geschmack.

Über manche von diesen Leuten lästerten unsere Kunstschaffenden wie Litwin, Jefremow, Stawnijtschuk in Telefoninterviews (die Liste ist ergiebig, da unser Land weit ist), andere wurden von unseren durch ihre europäischen Bemühungen bekannten Oppositionellen unterstützt. Doch beachten Sie bitte die Tatsache, dass sich diese Schützlinge niemals in der Ukraine medizinisch behandeln ließen! Und sie werden sich hier auch niemals behandeln lassen. Die „Ärmsten“ von ihnen gehen in die Klinik „Boris“, wer etwas mehr Geld hat, fliegt nach Deutschland, Israel oder Österreich. Die Wohlhabendsten lassen – selbstverständlich aufgrund besonders patriotischer Überzeugungen – ihre Kinder und Enkel in einer Fachklinik in Monaco impfen. So leben wir. Und alle in ein und demselben Land. Es gibt uns und es gibt sie. Nur deshalb kann ich bestätigen, dass der Fall von Andrej Sljusartschuk typisch und charakteristisch für unser Land ist. Wäre er etwas klüger und bescheidener gewesen, hätte er sich eine andere Fachrichtung ausgesucht, wie die Psychiatrie zum Beispiel, wäre er längst ein wirkliches Mitglied der Akademie der humanmedizinischen Wissenschaften, oder gar ihr Vorstand. Ein junger, aktiver und erfolgreicher Schachspieler – der optimale Vorstand!

Ich sehe ein, dass das Gericht sich solche Freiheiten nicht nehmen wird. Es wird in seiner Entscheidung nicht auf das Problem der allgemeinen Prävention eingehen, so nennt man dies in der Rechtssprache. Alles wird beim Alten bleiben, genauso wie unser eingehendes Gesundheitswesen. Und auf unsere politische Opposition kann man auch keine Hoffnungen legen. Als ob sie gar nicht existieren würde. Und das, was davon existiert, ist schwach, unklug, mit sich selbst beschäftigt und nur zum banalen und gewöhnlichen Populismus fähig. Fähig zum Langweiligen und Uneffektiven.

Vor einigen Tagen sah ich im Fernsehen, wie unser Oppositionsführer voller Begeisterung – er ist immer begeistert – mir als Bürger der Ukraine verspricht, dieser „schrecklichen Reform des Gesundheitssystems“ Einhalt zu gebieten. Das Traurige dabei ist, dass die Kommunisten sich derselben Rhetorik bedienen. Es geht nicht um die Lösung von Problemen, sondern deren Verschleierung. Und das ist wirklich traurig.

18. März 2013 // Semjon Glusman, Arzt, Mitglied des Staatlichen Ukrainischen Kollegiums für die Medizinische Versorgung von Strafgefangenen.

Quelle: LB.ua

1 Andrej Sljusartschuk (geb. 1971) gilt als selbsternannter Neurochirurg (bekannt als „Doktor Pi“), der basierend auf nachweislich gefälschten Zeugnissen teure ärztliche Dienstleistungen erbracht und Operationen durchgeführt hat, die mehrere Menschen das Leben gekostet haben. S. befindet sich seit November 2011 in Haft, ihm werden unter anderem vorsätzliche Tötung und schwerer Betrug vorgeworfen (Anmerkung der Übersetzerin).

Übersetzerin:   Katharina Jaroschak — Wörter: 674

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