google+FacebookVKontakteTwitterMail

Ewige Strafkolonie

Straflager Perm 36Straflager Perm 36
Das war wider die Natur. Tyrannen errichten keine Museen zum Gedenken an ihre Opfer. Nachfolger von Tyrannen möchten sich ebenso nicht daran erinnern. Vor kurzem wurde in Russland das Museum „Perm-36“ geschlossen. Ein Museum auf dem Territorium des politischen Lagers VS 389/36. So nannte man den Ort, wo wir „umerzogen“ wurden.

Heute gibt es in Russland wieder politische Gefangene. Es werden dort wieder Leute für ihre Überzeugungen verhaftet. In einer solchen Situation darf das Museum „Perm 36“ nicht existieren. Es ist schrecklich und bitter heute darüber zu sprechen: war das helle Licht von Gorbatschows Tauwetter etwa wirklich ein fremdes?

Deutlich, klar erinnere ich mich an diese Zeit. Dort, in Moskau gab es das Fernsehprogramm „Blick“ (das 1987 gegründete und populäre „Wsgljad“ wurde zu einem Symbol für Glasnost und Perestroika – A.d.Ü.), das Journal „Kommunist“, das die Grundlagen des totalitären Denkens untergrub, sowie politische Diskussionen. Hier in der Ukraine – damals noch immer sowjetische Provinz – herrschte großer Mangel. Die Presse langweilte und geizte mit Informationen. Der nach wie vor imperiale KGB übte Druck gegen die ersten öffentlichen Diskussionsrunden aus. Damals schien mir: Die Ukraine ist dazu verdammt, eine Insel der früheren kommunistischen Trostlosigkeit zu bleiben.

Es ist anders gekommen. Der große Zerstörer des Imperiums, Michail Gorbatschow – im Grund genommen ein kleiner und grauer Mensch, der sich durch lange, komplizierte Reden auszeichnete – befürwortet heute Putins Versuch, die UdSSR wiederherzustellen. Moskau, das den Kurs von Freidenkertum und begründeten Hoffnungen genommen hatte, unterstützt einen verlogenen und harten Diktator. In einem solchen Russland ist ein Museum zum Gedenken an die politischen Gefangenen der Breschnew-Epoche riskant. Denn für die Diktatur sind sämtliche Zweifel gefährlich.

Dort, im Kreis Tschussowoj des Gebiets Perm befanden sich in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts drei Lager, in denen besonders gefährliche staatliche Verbrecher in Haft gehalten wurden. Der weise Europäer Iwan Swetlitschnyj, der geniale, europäische Poet Wassyl Stus, der herausragende Gelehrte der Biophysik Sergej Kowaljow… Dort wurde in der letzten Periode der sowjetischen Herrschaft auch gestorben; an schmerzhafter chronischer Unterernährung, an der Ausweglosigkeit. Von all dem hat das Museum mit seinen Exponaten erzählt. Das Museum, in dem der ehemalige Wächter Iwan Kukuschkin als Putzkraft gearbeitet hat und sich leise darum bemühte, die Besucher zu überzeugen: „ist alles nicht wahr, wir haben uns an die Gesetze gehalten“. Dieser schlecht ausgebildete Hinterwäldler aus der Tiefe des Urals konnte sogar im reifen Alter nicht verstehen, dass lange vor ihm Wächter in Auschwitz und Buchenwald ebensolche Worte ausgesprochen haben… Auch mich hat in den 1970er Jahren der Feldwebel Kukuschkin bewacht.

Dort, im Kreis Tschussowj in Russland hat man umerzogen. Doch nicht dort wurde verhaftet, nicht dort gerichtet. Uns Ukrainer hat die sowjetische Ukraine verhaftet und verurteilt. Sie war damals gleichgültig, schläfrig und sehr hart. Leider war es genau so: die ideologischen Leiter im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Ukraine sanktionierten die Verhaftungen von Andersdenkenden, der ukrainische KGB führte flink und aktiv den Willen der Partei aus, Spezialisten der ukrainischen Philologie und andere, sehr unabhängige Experten lieferten dem Scheiterhaufen der ukrainischen Justiz Argumente.

So kam es, dass 40 oder 50 Prozent der Strafgefangenen in den Haftanstalten des Urals Ukrainer waren. Schreckliche Worte, ich weiß. Doch bin ich bereit, sie laut auszusprechen: wir wurden von unserem eigenen Land verraten. Dort, genau dort habe ich meine Jugend verlebt und folglich ist diese Erde auch die meine. Mit oder ohne das Museum – meine!

Im Sommer 1974 wurde im Lager WS 389/35 das baufällige Blockhaus der Lagerwacht auseinandergenommen, was 1949 erbaut worden war. Am Deckenbalken entdeckten wir die Aufschrift: „25 Jahre Straflager“, es verbleiben 12. Maksimow A. Gr. aus Korosten“. Das ist eine sehr sowjetische Art der Kommunikation zwischen den Generationen. Ewige Strafkolonie. In Russland setzt sie sich bis heute fort.

Das Museum „Perm-36“ wird nicht wiedererrichtet. Es wird dort ein anderes Museum geben – ein Museum des russischen Strafvollzugs, mit anderen Worten – ein Gulag-Museum. Die Gesinnung und die Tapferkeit von Iwan Kukuschkin und seinen Fachgenossen werden dort positiv beleuchtet werden. Eine schauerliche Assoziation: ein Museum über die Tapferkeit der SS-Sonderkommandos in Babij Jar oder Dachau…

Der Krieg mit Russland. Er ist unerwartet und deshalb besonders schrecklich. Ein Krieg der Weltanschauungen, der Kulturen, der Vergangenheit und der Zukunft. Ihnen, Putin & Co ist das Museum „Perm-36“ gefährlich. Doch wir können die Museums-Exponate zu uns in die Ukraine holen. Immerhin machten wir dort 40 bis 50 Prozent aus. Wir sind verpflichtet, das zu tun. Wie? Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Doch ich möchte es sehr.

20. März 2015 // Semjon Glusman – Arzt, Mitglied des Kollegiums des Staatlichen Dienstes für Strafvollzug der Ukraine

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Helena Maier  — Wörter: 779

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Artikel bewerten:

Rating: 6.3/7 (bei 3 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

Kommentar schreiben

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Ist das Einreiseverbot für die russische ESC-Kandidatin Julia Samoilowa richtig?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen

Karikaturen

Andrij Makarenko: PrivatBank

Wetterbericht

Kyjiw (Kiew)7 °C  Ushhorod14 °C  
Lwiw (Lemberg)10 °C  Iwano-Frankiwsk10 °C  
Rachiw7 °C  Ternopil7 °C  
Tscherniwzi (Czernowitz)10 °C  Luzk7 °C  
Riwne7 °C  Chmelnyzkyj7 °C  
Winnyzja7 °C  Schytomyr5 °C  
Tschernihiw (Tschernigow)4 °C  Tscherkassy6 °C  
Kropywnyzkyj (Kirowograd)7 °C  Poltawa6 °C  
Sumy4 °C  Odessa12 °C  
Mykolajiw (Nikolajew)12 °C  Cherson13 °C  
Charkiw (Charkow)6 °C  Saporischschja (Saporoschje)11 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)11 °C  Donezk9 °C  
Luhansk (Lugansk)7 °C  Simferopol8 °C  
Sewastopol11 °C  Jalta10 °C  
Daten von World Weather Online

Leserkommentare

«In Ihrem Bericht fehlt, wie Herr Achmetow zu seinem Reichtum kam und es fehlt auch wie er es täglich vermehrtß?!! Mit welchen...»

Alex Alexandrewitsch in Die Krim im Tausch gegen alles

«Haha ich glaube meine bildung in sachen Wirtschaft übersteigt ihren Hauptschulabschluss»

Alex Alexandrewitsch in Die Krim im Tausch gegen alles

«Das ich den Kapitalismus nicht verstehe, halte ich für ein gerücht. Wenn sie wüssten hahahhaaha»

Alex Alexandrewitsch in Die Krim im Tausch gegen alles

«Ja nordkorea ist riesig, es ist so riesig, gigantisch, ich habe noch nie so ein riesenland gesehen. Bald wird Russland zum...»

«Einer der Hauptabnehmer dürfte Storaenso sein und das Holz über Tschechien (bahn) nach Österreich - Waldhausen bei Zwettl,...»

«Das ist leider ein "Friedensplan", der keine Chance zur Verwirklichung hat. Und das liegt vor allem an Punkt oder Schritt...»

«Richtig, normaler ukr. Bürger ist Spielball u. Opfer geostrategischer Spielchen der EU-USA !»

KOLLEGGA mit 131 Kommentaren

Alex Alexandrewitsch mit 55 Kommentaren

Torsten Lange mit 24 Kommentaren

Wolfgang Krause mit 23 Kommentaren

Christos Papaioannou mit 20 Kommentaren

Anatole mit 17 Kommentaren

Jusstice For All mit 17 Kommentaren

franzmaurer mit 16 Kommentaren

E Siemon mit 16 Kommentaren

stefan 75 mit 15 Kommentaren