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Der Kreml und das „Gell“: Der Traum eines Putinschen Agenten über den russischen Einfluss in Zentraleuropa - Ein philologisch-geopolitisches Gedankenspiel

Родина помнит - Родина слышит - Родина видитDas Wappen oben links ist vom russischen Geheimdienst FSB. Die Inschrift in roten Buchstaben bedeutet: „Die Heimat vergisst nichts, die Heimat hört mit, die Heimat sieht zu.“ Herkunft: http://kkontora.ru/images/news/poster2015-2/rodina_pomnit_top.jpg
Oberst Oleg K. liebte Deutschland. Nach zahlreichen dienstlichen Aufenthalten in Stuttgart und der Umgebung führte er in seiner Abteilung in St. Petersburg (zuständig für Baden—Württemberg und Bayern) nicht nur die Mülltrennung, sondern sogar die Kehrwoche ein, was nicht unbedingt auf Gegenliebe stieß, doch im Laufe der Zeit sich gut bewährt hat und von allen befolgt wurde. Er machte schnell Karriere, weil er die Fähigkeit besaß, kreative Lösungen für heikle und scheinbar unmögliche Aufgaben finden zu können. Seine jetzige Aufgabe aber bereitete ihm wahrhaftig Kopfzerbrechen. Einerseits wurde ihm von ganz oben zu verstehen gegeben, wie wichtig sie sei, andererseits verstand er nicht recht, was das Ganze soll. Er konnte sich in der Tat bis jetzt keinen Reim darauf machen. Er wusste dennoch, dass gerade die Aufgaben, die vordergründig harmlos anmuteten, oft besonders heikel waren. Oberst Oleg K. war Philologe und sein Deutsch aus der KGB—Schule war akzent— und einwandfrei.

Sein Auftrag war es, zu klären, inwiefern das im Süden gesprochene Schwäbische, als eine Abweichung von der deutschen Hochsprache, den russischen Interessen in Europa nützlich sein könnte. Ein Entwurf oder gar ein Konzept wurde erwartet, der die sprachliche Situation in Deutschland so interpretiert, dass diese Interpretation es am Ende ermöglicht, den russischen Einfluss in Europa zu erweitern. Dabei wurde ihm dringend empfohlen, an die Erfolge, die seine Kollegen in der Ukraine gemacht haben, unbedingt anzuknüpfen.

Während er im Foyer des Hotels den Wein aus seinem Viertele zu sich nahm, hörte er nebenbei wie ein Kabarettist im Fernsehen gerade darüber sprach, warum man in einem Stuttgarter Hotel lieber nicht „Morgens bitte wecken“ sagen soll. Er verstand nicht, warum alle lachten und ein Gefühl der Unruhe legte sich über sein Herz. Zum ersten Mal hatte er so etwas wie einen Anflug vom Zweifel, ob er seiner Aufgabe gewachsen sei. Seine an diesem Abend ohnehin miese Laune wurde nun dadurch komplett verdorben, dass er aus dem Gespräch am Tisch nebenan ausgerechnet den Satz: „Putin und Berlusconi haben den gleichen plastischen Chirurgen, gell?“ aufschnappte. Das vertraute „Gell“ klang diesmal nicht gewöhnlich sanft, sondern stechend und spöttisch.

Es war eigentlich schon spät und Oleg K. wusste, dass er jetzt nichts Sinnvolles mehr zustande bringen wird. Er entschied – wie in ähnlichen Situationen in der KGB—Schule empfohlen wurde – heute darüber zu schlafen und am nächsten Tag an das Problem heranzugehen. Er rief die Kellnerin, um den Wein zu bezahlen und dann auf sein Zimmer zu gehen.

Was er anschließend geträumt hatte, entsprach sowohl dem KGB—Handbuch als auch den Freud—Vorlesungen über die Wunscherfüllung und deshalb kann man von einem Glücksfall sprechen, dass dieser strenggeheime Traum in voller Länge überliefert ist.

Teil 1. Des Obersts Dämmerzustand. Hinführung zum Traum

Протокольная запись 1: “Ограниченный доступ не разрешен”. Протокольная запись 2: “Доступ разрешен! Исправленному верить!” Подпись: Генерал Вовочкин, Руководитель европейского отдела пропаганды. Западный Военный Округ.
Aktenvermerk 1: „Durchsehen unter Auflagen nicht erlaubt“. Aktenvermerk 2.: „Durchsehen erlaubt! Die Richtigkeit der Änderung wird bestätigt!“ Unterschrift: General Wowotschkin, Leiter der Propagandaabteilung des Europa—Referats. Militärbezirk West.

«Unsere Spezialisten aus dem Verteidigungsministerium, der orthodoxen Kirche, dem Institut für vergleichende und angewandte Sprachwissenschaft sowie Fachleute für in— und ausländische Informationspolitik stellen mit großer Genugtuung fest, dass die Berichterstattung über die Ukraine als großer Erfolg gewertet werden kann.

Fast alle in Russland und sehr viele in Europa sind auf unserer Linie bzw. übernehmen unsere Sprachregelung. Wir haben im Donbass weiterhin alles unter Kontrolle und doch kaum jemand spricht vom Krieg Russlands gegen die Ukraine, sondern von der „Ukraine“—Krise. Manche reden sogar vom ukrainischen „Bürgerkrieg“ was uns noch mehr gefällt.

Viele in Europa wissen nicht mehr, warum die Leute im Winter 2013/14 in Kiew auf den Maidan gegangen sind, sie wissen aber, dank unserer regelmäßigen Berichterstattung, dass dort eine von Pentagon gesteuerte faschistische Junta gesiegt hat. Des Weiteren sind in Europa (teilweise durch eigenes Desinteresse, teilweise dank unserer Arbeit) viele der Meinung, dass die Ukraine deshalb ein zerrissenes Land sei, weil sie zweisprachig ist und der östliche Teil „prorussisch“ sei. Dass man aus der Zweisprachigkeit ein politisches Scheitern der Ukraine ableitet, verdanken wir sowohl unseren professionellen Medien als auch den Menschen, die man in Deutschland als “Putinversteher“ bezeichnet.

Neben dem philologischen Argument, fand dank ihnen auch der historische ebenfalls Eingang in die westlichen Medien und in den westlichen politischen Diskurs. Ukraine ist zwar ein unabhängiger Staat, doch es ist wahrlich Musik in unseren Ohren, wenn der Politiker einer von uns sehr geschätzten deutschen Partei – der AfD – Herr Gauland, meint, die Sache mir der Krim stünde in der Tradition des „Einsammelns russischer Erde“. Oder wenn ein namhafter Osteuropa-Historiker, Herr.Prof.Baberowski, kurz nach der Maidan-Revolution bezweifelt, „ob man sich die Ukraine überhaupt als Nation ohne das (russische) Imperium vorstellen könne“. Es freut uns festzustellen, dass viele in Deutschland der Meinung sind, dass die ganze Ukraine eine Art Vorhof Russlands sei, wo keine Revolutionen geduldet werden können. Auch unserem Vorschlag, aus der Geschichte zu lernen, d.h. die westliche Ukraine nach Europa zu entlassen und die östliche Ukraine Russland zuzuschlagen, sind viele nicht abgeneigt.

Wir stellen mit großer Genugtuung fest, dass die Hermeneutik des Putinverstehens keine Grenzen kennt und manchmal Formen annimmt, die selbst uns in Erstaunen versetzten: Der Appell „Wieder Krieg in Europa – nicht in unserem Namen!“ muss in diesem Zusammenhang lobend erwähnt werden. Viele von uns reiben sich die Augen, dass nicht etwa das Militär eines befreundeten Staates, sondern führende Intellektuelle, Politiker und Kirchenvertreter aus dem Land der Dichter und Denker die Aktionen unserer Spezialeinheiten in der Ukraine indirekt gutheißen, und rufen im Namen des Friedens dazu auf, den Krieg, den Russland gegen die Ukraine führt, nicht zu merken.

Wir können es uns dennoch nicht erlauben beim bereits Erreichten stehenzubleiben. Die geopolitische Situation verlangt es, das Augenmerk von der Ukraine auf Deutschland zu verlagern.

Unsere russischen Germanisten aus dem Institut für vergleichende und angewandte Sprachwissenschaft, in Zusammenarbeit mit dem Moskauer Institut für Zeitgeschichte, mit dem Segen unseres Patriarchen, erarbeiteten einen Entwurf, der an einem einzigen Wort deutlich macht, dass Deutschland auch ein sprachliches Problem hat und ist dabei noch zerrissener als die Ukraine. Besonderer Dank gilt dem Verteidigungsministerium, das uns freundlicherweise die Karten zur Verfügung stellte und uns nahe legte, dass nichts die Zerrissenheit eines Landes und die Gespaltenheit einer Gesellschaft so anschaulich und überzeugend demonstriere wie Karten. „Die Verschränkung von geografischen, philologischen und historischen und Argumenten dient dabei als wegweisend und leistet eine wichtige Vorarbeit für unsere Armee“, sagte noch dazu ein Angehöriger des russischen Verteidigungsministeriums, der nicht namentlich genannt werden wollte.

Des Obersts Traum

совершенно секретно

Подпись: Проффесор Александр Гельевич, Специальный уполномоченный по распространению Pусского Мира за пределами России и расширению Евразийского союза на запад.
Stempel:„ Geheime Amtssache“. Unterschrift: Professor Alexander Geljewitsch, Sonderbeauftragter für die Verbreitung der „Russischen Welt“ außerhalb Russlands sowie die Westerweiterung der Eurasischen Union.

Einleitendes über „Gell“, „Ne“ und „Wa“

Das deutsche Wort „Gell“ findet hauptsächlich im Südwesten der Bundesrepublik Verbreitung so wie in Österreich und in der Schweiz. Das „Gell“ dient u.a. dazu, einer Aussage in einem Fragesatz Nachdruck zu verleihen („Die Krim war schon immer russisch, gell?“) oder um sich der Zustimmung vom Gegenüber zu vergewissern („Patriarch Kyrill ist einer unserer besten Agenten, gell?“). Man kann „Gell“ mit einem hochdeutschen „nicht wahr?“ bzw. „oder?“ übersetzen.

Laut deutschen Medien kann die nordwestliche „Gell“—Entsprechung „Ne“ oder das im Osten verbreitete „Wa“ als das Synonym von „Gell“ betrachtet werden. Eine entsprechende Karte legt nahe, dass es sich um dialektale Besonderheiten der deutschen Sprache handelt. Abgesehen von kleinen Unterschieden in der Verwendung seien „Gell“, „Ne“ und „Wa“ eigentlich Synonyme und drückten den gleichen Sachverhalt aus.

Es gibt aber gute Gründe zu der Annahme, dass die Frage nach der Verwendung oder nicht Verwendung von „Gell“ viel brisanter ist, als es zunächst den Anschein hat. Man kann nicht so tun, als ob „Gell“, „Ne“ und „Wa“ wesensverwandt wären und sich – je nach Bundesland – harmonisch ablösten. Höchstens sind sie entfernte Verwandte, und dies, wohl gemerkt, nur auf der Mitteilungsebene – man kann sie alle irgendwie mit einem „Nicht wahr?“ übersetzen. Aber was bedeuten sie darüber hinaus? Es ist keine triviale Frage, ob diese Worte zueinander in einem verbindenden oder trennenden, ja vielleicht sogar spaltenden Verhältnis stehen. Wenn man sich das Verhältnis zwischen „Gell“, „Ne“ und „Wa“ genauer anschaut, wird sofort klar, dass die deutschen Medien künstlich zusammensetzen, was keinesfalls zusammengehört. In Wirklichkeit, wie unsere russischen Germanisten rausgefunden haben, liegen zwischen „Gell“, „Ne“ und „Wa“ Welten, insbesondere zwischen „Gell“ und „Wa“. Die Tatsache, dass die beiden ein „oder?“ bedeuten können, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie darüberhinaus eine kulturelle und mentalitätsgeschichtliche Relevanz besitzen, die in diesem „Oder“ keineswegs zum Ausdruck kommt.

Die weltanschaulichen Unterschiede zwischen „Wa“ und „Gell“

Das ostdeutsche „Wa“ ist einfach, ehrlich und unmissverständlich. Der Sprecher weiß immer, zu welchem Zweck er ein „Wa“ an das Satzende angehängt hat. Wir haben in den guten alten Zeiten den Satz „Bier holen, wa?“ mit großem Vergnügen in der Volksarmee der DDR immer wieder gehört. Er ist lebensbejahend und klingt gleichzeitig ein bisschen wie ein Befehl. Wir haben immer bedauert, nichts mit „Wa“ Vergleichbares in der russischen Sprache zu haben. Besonders schätzen wir, das man durch das „Wa“ am Satzende die Hierarchieverhältnisse sehr klar zum Ausdruck bringen kann, und was, wenn nicht sie die Gesellschaft zusammenhalten? Ein DDR—Soldat, zum Beispiel, meint, er habe denjenigen nicht gesehen, der die Mauer überwand. Sein Vorgesetzter sagt daraufhin zu ihm: „Haste keinen gesehen, wa?“ In diesem „Wa“ ist sowohl ein „Verarsch mich nicht!“ als auch ein „Das klären wir vor dem Militärgericht“ enthalten. Das „Wa“ gibt dem Vorgesetzten die Möglichkeit sowohl Spott auszudrücken als auch eine Androhung auszusprechen – beides von oben herab. Das führt dazu, dass man dem Vorgesetzten gegenüber unweigerlich immer Respekt hat und jede tut einfach das, was seine Aufgabe innerhalb der Befehlskette ist. Das funktioniert auch überall – in der Schule, in der Armee, in der Wirtschaft. Und deshalb blicken wir in Russland ein bisschen neidisch auf das ostdeutsche „Wa“ weil es dieses ordnende Moment enthält, ja die berühmte deutsche Ordnung ist für uns Russen in diesem „Wa“ enthalten. In Wirklichkeit offenbart sich eine große Wesensverwandtschaft nicht zwischen „Gell“ und „Wa“, sondern zwischen den heutigen russischen Werten und dem, was durch das „Wa“ gesellschaftlich vermittelt wird: Es geht um die gemeinschaftsstiftende Kraft von „Wa“ und die Unterordnung der Interessen des Einzelnen unter die der Gemeinschaft. Außerdem sind die Regeln der Verwendung von „Wa“ für jeden klar, mit „Wa“ weiß man woran man ist – wie mit Russland, wenn man seine Regeln befolgt…

Nichts Dergleichen mit dem „Gell“. Der schwäbische Dialekt insgesamt und das Wort „Gell“ im Besonderen sind dafür bekannt, dass sie im Zuge ihrer Verwendung jede Art von Logik zu sabotieren pflegen. So wiegt beim schlimmsten schwäbischen Schimpfwort „Halbdaggerl“ (zu Hochdeutsch „Halbdackel“ ) der Teil mehr als das Ganze, denn weder „Daggerl“ noch „Saudaggerl“ können, was die Kraft der Beleidigung betrifft, dem „Halbdaggerl“ das Wasser reichen. Gleichzeitig kann ein „Gell“ paradoxerweise am Satzanfang stehen wie dies aus dem berühmten Lied „Gell, du hat mich gelle gern?“ zu entnehmen ist. Ein derart gestörtes Verhältnis zur sprachlichen und formalen Logik ist, nach unserer Auffassung, ein Zeichen der begrifflichen, und folglich auch weltanschaulichen Dekadenz, die in anderen Bundesländern vergeblich Ihresgleichen sucht. Wir rätseln in der ganzen Abteilung, wie diese Leute bei solcher Missachtung von Logik derart komplexe technische Vorgänge wie das Brauen vom Bier oder die Herstellung von Autos beherrschen können?

Eine weitere Eigentümlichkeit der Verwendung vom „Gell“ besteht darin, dass der Sprecher dieses Wort auf der unbewussten Ebene verinnerlicht hat. Der Schwabe sagt „gell“ und merkt es nicht – unsere schwäbischen Überläufer in der Abteilung verwenden „Gell“ in St. Petersburg weiter und wenn man sie zur Rede stellt, bestreiten sie es, „Gell“ gesagt zu haben. Besonders beängstigend ist die Tatsache, dass alle auch daran tatsächlich glauben und den Lügentest problemlos bestehen. Unsere Psychologen wissen aber, dass die unbewusste Verinnerlichung das Ergebnis einer psychischen Verdrängung ist und was aus dem Unbewussten durch das „Gell“ verdrängt wird, ist die neue schöne russische Welt. Keiner kann uns somit erzählen, dass er „Gell“ einfach so sagt und es nicht gegen uns gerichtet ist. Die schwäbischen Überläufer wurden angemessen bestraft und werden in der Zukunft ausschließlich Routine—Aufgaben übernehmen.

Die Psychologen aus der konkurrierenden Abteilung sind dagegen der Ansicht, dass niemand für schuldig dafür erklärt werden kann, dass er „Gell“ sagt. Viel mehr zeugt das unbewusste Verwenden von „Gell“ von einer psychischen Abhängigkeit, die mit keiner bösen Absicht einhergeht. Unser Mann im statistischen Bundesamt in Wiesbaden ließ uns die Unterlagen zukommen, aus denen hervorgeht, dass jede Schwabe sogar im Schlaf regelmäßig „Gell“ sagt, durchschnittlich dreimal pro Nacht. Deshalb besteht kein Grund, an der Loyalität der schwäbischen Überläufer zu zweifeln. Die Schlussfolgerung lautet viel mehr: Es steht im schwäbischen Ländle keinem frei, „Gell“ nicht zu sagen. Und diese „Gell“—Abhängigkeit können und müssen wir uns zunutze machen, um unsere Interessen in Deutschland angemessen durchzusetzen.

Des Weiteren haben wir festgestellt, dass „Gell“ und „Wa“ auf der Gefühlsebene ganz anders konnotiert sind. Ein „Wa“ hat selten etwas mit Gefühlen zu tun: mit einem „Wa?“ kann man bestimmten Aussagen mehr Gewicht verleihen, doch der Satz „Ich liebe dich, wa?“ ist komplett undenkbar. Mit einem „Wa?“ am Satzende kann man viel besser zum Ausdruck bringen, wer in einem Gespräch das Sagen hat, mit einem „Gell“ dagegen signalisiert man: „Ich gehe auf dich ein, lass uns reden.“ Wir halten nicht viel von dieser Pseudo—Bereitschaft zum Dialog – denn jede hat schon mal die Erfahrung gemacht, dass die Verhandlungen mit einem „Gell“—Sager ungleich komplizierter verlaufen als die mit einem „Wa“—Sager. Denn obwohl das Gespräch für die Außenstehenden mild und nett klingt, lauern in einem „Gell“—Satz oft diplomatische Fallen vor allem, wenn „Gell“ in Verbindung mit dem Konjunktiv benutzt wird.

Während das „Wa“, wie bereits erwähnt, eine produktive gesellschaftliche Funktion erfüllt, untergräbt das „Gell“ die gesellschaftlichen Strukturen auf mehreren Ebenen. Am meisten wird das bei einer kulturellen Praxis deutlich, die man in Süddeutschland als Fasching bezeichnet. Ich weiß was die Hölle oder Alptraum ist – ich war in Tschetschenien und am Flughafen von Donezk, niemals aber empfand ich etwas derart Verstörendes, als wenn das Lied „Gell du hast mich gelle gern“ gesungen wird und die Menge jubelt. Unsere Mitarbeiter in der orthodoxen Kirche prüfen zu Zeit, ob man in diesem Zusammenhang nicht nur von Dekadenz, sondern auch von Besessenheit gesprochen werden kann. Der Patriarch überlegt sogar, ob er nicht einen Bann über das „Gell“ aussprechen soll.

Aufgrund der geschilderten Tatsachen müssen wir zugeben, dass wir enorme Schwierigkeiten haben, das Psychogramm eines „Gell“—Sagers zu entwerfen. Sollte es tatsächlich zu einem Krieg zwischen uns und der „Gell“—Koalition (Österreich, die Schweiz, Süddeutschland) kommen, müssten wir mit einem für uns vollkommen undurchsichtigen und deshalb womöglich unbesiegbaren Feind kämpfen.

Eine offene oder hybride Aggression gegen die „Gell“—Staaten bringt deshalb nichts. Vielmehr müssen wir die tiefen Gräben zwischen „Gell“—Sagern und „Wa“—Sagern geschickt ausnützen. Die Hauptrichtlinie ist, dafür zu sorgen, dass die Unterschiede in der Sprache und Mentalität nicht zum Dialog, sondern zum Konflikt führen.

Beginnen könnte man damit, dass die brisante Statistik aus dem statistischen Bundesamt in Wiesbaden einer Zeitung zugespielt werden könnte. Es sollte am besten eine große Landeszeitung im Osten sein, so dass, nachdem die Bewohner des Südens nach der Veröffentlichung des Artikels dem Spott preisgegeben und in einem ungünstigen Licht bundesweit erscheinen, sie diese Beleidigung als vom Osten kommend empfinden. Gleichzeitig kümmert sich unser Mann, den wir in das Institut für Deutsche Sprache in Mannheim eingeschleust haben, dafür, dass das ostdeutsche „Wa“ zum Unwort des Jahres erklärt wird. Als Antwort wird eine sächsische Sekte, deren Mitglieder von uns rekrutiert worden sind, dabei ertappt wie sie recht absonderliche Rituale mit dem Bäckerei—Erzeugnis „Schwäbische Seele“ durchführt. So ist ein Konflikt zwischen Osten und Süden vorprogrammiert. Wir hoffen, dass es nicht in offene Gewalt umschlägt, denn wir wollen keinen Krieg mitten in Europa. Aber wir müssen uns verteidigen und haben ein Recht darauf, dass unsere Interessen Gehör finden. Im Übrigen steht die „Gell“—Frage in einem breiteren Kontext, der als Nächstes erläutert werden soll.

Des Obersts Delirium über die multipolare Welt

Der Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist die Tatsache, dass die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten, die unipolare Welt, in der nur sie weltweit die dominierende Rolle übernehmen, überall durchzusetzen. Zu diesem Zweck war ihnen jedes Mittel recht. Sie wussten um die enorme strategische Bedeutung der Verteilung von Dialekten im Bundesgebiet. Denn wenn die Sprache die Seele des Volkes ist, dann ist das der Dialekt erst recht – durch Dialekte entsteht eine besondere lokale Identität sowie eine starke Heimat—Verbundenheit. Dass dem „Gell“ im schwäbischen oder im bayerischen Dialekt eine außerordentliche Rolle zukommt, erkannten die Amerikaner schon in den ersten Monaten der Besatzung im Jahr 1945. Sie wussten um die fast hypnotisierende Wirkung von „Gell“ und förderten überall seine Verwendung und Verbreitung. So wurden die Pfarrer angehalten, „Gell“ auch in der Predigt regelmäßig zu verwenden, die Lehrer in der Schule begrüßten und verabschiedeten ihre Zöglinge mit einem „Gell“ und in der Wirtschaft ist es üblich geworden, eine Beförderung mit einem „Gell“ anzukündigen.

Neben der Förderung von „Gell“ sollte das „Wa“ dementsprechend zurückgedrängt werden. Da die Amerikaner aber keinen direkten Einfluss auf die russische Besatzungszone, wo das „Wa“ zu Hause war, hatten, förderten sie kulturelle Veranstaltungen, die zur Weiterverbreitung von „Gell“ im Osten beitragen sollten. So war der in der französischen Besatzungszone entstandene und von den Amerikanern finanzierte frivole Musical „Kann Gell sagen Sünde sein?“ kurz davor, die sächsischen Herzen zu erobern. Wir erkannten aber die Gefahr und zogen es rechtzeitig aus dem Verkehr. Wie wichtig die Frage nach „Gell“ und „Wa“ tatsächlich ist und wie weit der amerikanische Zynismus reicht, wird sofort klar, wenn man zwei Deutschland—Karten vergleicht. Es ist selbstverständlich kein Zufall, dass die Karte der Verbreitung von „Gell“, „Ne“ und „Wa“ sich fast vollständig mit der der Besatzungszonen Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg deckt.

Deutschland Besatzungszonen 8.Juni 1947 - 22.April 1949Deutschland Besatzungszonen 8.Juni 1947 - 22.April 1949, Quelle: Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Deutschland_Besatzungszonen_1945.svg

Während im Süden und Nordosten die unipolare amerikanische Welt unter Vernachlässigung der nationalen deutschen Interessen der Bevölkerung aufgedrängt wurde und sich gleichzeitig der dekadente französischer Einfluss breit machte, blieb die „Wa“—Gegend im Osten eine multipolare Insel des Widerstands gegen den amerikanischen Imperialismus. Die Zerrissenheit der deutschen Gesellschaft setzt sich (auch bis heute)neben der sprachlichen auch auf der konfessionellen Ebene fort. Die Länder und Regionen mit dem mehrheitlichen „Gell“—Bevölkerungsanteil sind (auch in Österreich und in der Schweiz) überwiegend katholisch. Die „Ne“—Gegend ist komplett evangelisch und die „Wa“—Region konfessionsfrei.

Konfessionen Deutschland Zensus 2011Konfessionen Deutschland Zensus 2011 - gelb: römisch-katholisch, lila: evangelisch, blau: konfessionslos; dunkel: absolute Mehrheit, hell: relative Mehrheit, Quelle: Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Konfessionen_Deutschland_Zensus_2011.png

Was folgt daraus? Das wird für jeden sofort klar, wenn man sich zu den letzten drei Karten noch eine vierte, in der die gesamte „Gell“—Verbreitung angezeigt wird, hinzuzieht. Diese Karte zeigt eben nicht, dass das „Gell“ vor keiner Grenze Halt macht, sondern legt vielmehr den Gedanken nahe, wie willkürlich die Grenzen nach dem Zweiten Weltkrieg von Amerikanern unter Missachtung russischer Interessen gezogen worden sind.

Anhand dieser letzten Karte sieht man wo die natürlichen Grenzen des deutschsprachigen „Gell“—Gebiets verlaufen. Diese Regionen ergeben eine historische und kulturelle Einheit: Durch „Gell“ vereint, pro—amerikanisch, katholisch, dekadent. Gleichzeitig wird deutlich was zu diesem Gebiet keinesfalls gehört.

Wir schlagen deshalb vor, an dieser Stelle den richtigen Gedanken aufzugreifen, dass Russland bestimmte Gebiete in Europa als ihren legitimen Einflussbereich ansehen darf. Und wir müssen diesen Gedanken nicht nur aufgreifen, sondern auch weiterführen– wenn zum russischen Einflussgebiet Donezk und Kiew gehören, warum nicht auch Dresden und Leipzig? Es wird Zeit, endlich aus der Geschichte zu lernen! Wenn es möglich war, dass eine Deutsche auf den russischen Thron gelangt, muss es doch möglich sein, dass ein Russe deutsche Gebiete übernimmt, und das nicht nur, weil er auch gut regieren kann, sondern weil er sein Handwerk in Dresden gelernt hat. In Europa wissen inzwischen viele, dass Russland da ist, wo Russen leben. Unsere Heimat ist aber darüber hinaus da, wo wir schon mal waren bzw. unseren politischen und militärischen Einfluss behaupteten – wie dies in der „Wa“— Region der Fall war. Das muss man wohl sagen dürfen, oder? Aber man darf ja in Deutschland inzwischen die eigene Meinung nicht mehr sagen, mehr noch: Alles scheint auf eine „Gell“—Diktatur hinauszulaufen! Schon wird im Süden über die Bewohner im Osten wie über Menschen zweiter Klasse gesprochen:“Schauen Sie Mal, wie verlassen ist diese Gegend, wie pro—russisch, wie gottlos und wie gell—los!“— sagte neulich ein Abgeordneter im Stuttgarter Landtag. Es ist nur eine Frage der Zeit bis die Rufe nach der Befreiung von der „Gell“—Diktatur laut werden. Wir appellieren deshalb an die Vernunft von allen Beteiligten und hoffen, dass in der nächsten Zeit kein russisches Referendum unter Waffen nötig sein wird.

Wir wissen natürlich, dass die deutsche Regierung über die Selbstbestimmung der „Wa“—Regionen nicht unabhängig entscheiden kann. Wir werden aber unseren amerikanischen Partnern es als eine Geste des guten Willens zugute halten, wenn sie uns diese Gebiete abtreten und somit beweisen, dass ein Gespräch auf der Augenhöhe möglich ist. Wir haben diese Frage mit den uns treuen Parteien in Ostdeutschland bereits sondiert und sie sind gar nicht der Idee abgeneigt, Teil der „Russischen Welt“ zu werden. Es ist ein Leichtes, der Bevölkerung in Ostdeutschland zu vermitteln, dass russische Panzer ungleich vorteilhafter sind als syrische Flüchtlinge. Unsere Panzer brauchen keine Deutschkurse und sind in die ostdeutschen Städte und Gemeinden sofort integrierbar, da sie in der Gegend schon davor so lange waren.»

Da erschall ein lautes Gelächter und der Oberst erwachte. Irgendwelche Leute standen um ihn herum und lachten herzlich. Er stellte mit Erschrecken fest, dass er gar nicht auf sein Zimmer gegangen ist, sondern hier am Tisch eingenickt war. Die ganze Kundschaft stand um seinen Tisch herum, die Bediensteten, die Besitzerin des Hotels Gisela und ganz vorne ihr Dackel Schnäuzele.
- Was gibt’s denn zu lachen? – fragte der Oberst und versuchte, dass seine Stimme ruhig aber bestimmend klingt.
- Der Herr hodd so wunderliche Dinge erzähledd, – sagte Gisela. – Mir henn uns alle so herrlich amüsieredd, nur unsere ukrainische Kellnerin net.
- Sie hörte sich ihren Traum nur zur Hälfte an, dann ist sie gegangen.
- Im Gegensatz zu Ihnen ist sie aber auch des Schwäbischen mächtig! Gell?
- Und … Was sagte sie zu meinem …Traum? – fragte Oleg K.
- „An jenseids Scheißdrägg“ nannte sie das Ganze.
- Sie meinte, sie studiere Sprachwissenschaft, verstehe was von der Materie und halte ihre Gedanken über die Sprachprobleme in Deutschland für eine gefährliche und abstruse Sophistik, – sagte ein Herr auf Hochdeutsch.
- Abschtruse Sophyschtik, gell! Sie isch halt unsere gelehrteschte Kellnerin…
- Und dann sagte sie noch, dass Putinismus kein sprachliches Unvermögen sei, sondern ein seelisches und deshalb können sie ihre Pläne vergessen.
- Wo ist sie jetzt? – fragte der Oberst wütend.
- Zu Hause, zu Hause… Auch Sie, Herr Oberst, gehen jetzt besser hoch und ruhen sich aus.
- Sie krieged Morgen das Frühstück aufs Zimmer und die schönschte Weckle aus ganz Stuttgart.

Autor:   Taras Kapyshon  — Wörter: 3955

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