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Die Kunst des Krieges

1 Kommentar

Der Krieg ist eine große Angelegenheit des Staates, der Grundboden des Lebens und des Todes, der Weg der Existenz und des Verderbens.

Die weisen Worte des chinesischen Feldherrn Sun Zi erlangten Berühmtheit nicht nur im alten China. Sein Buch „Die Kunst des Krieges“ ist unter den heutigen westlichen Managern, Juristen, Sporttrainern und andern Menschen, die siegen wollen, populär. Offensichtlich können auch die Akteure des politischen Prozesses in der Ukraine auch nicht ohne eine Kriegsphilosophie auskommen.

Kann Janukowitsch die Wahlen verlieren? Nicht nur die des Parlaments, sondern die Wahlen überhaupt? Die Frage ist rein rhetorisch. Denn wenn Wiktor Fjodorowitsch verliert, dann werden aus den Wahlen Kampfhandlungen. Und wenn ihm jemand seine Machtposition streitig machen will, dann muss man sich weniger auf eine Abstimmung vorbereiten als auf einen Krieg.

Wirf deine Soldaten an einen Ort, von dem es keine Fluchtmöglichkeit gibt. Sie werden dann eher sterben als weglaufen. Wenn deine Soldaten in Todesgefahr sind, dann fürchten sie sich vor nichts. Die Ausweglosigkeit macht sie standhaft.

Der erprobte Kämpfer Wiktor Fjodorowitsch Janukowitsch ist schon zu weit gegangen um einen Rückzieher zu machen und das Schlachtfeld im Guten zu räumen. Jeder in der Ukraine weiß, dass er bis zum letzten Atemzug kämpfen wird. Nach der Abrechnung mit Timoschenko ist der Preis der Macht in Ukraine gestiegen. Jetzt dient sie nicht nur als Garantie für das Eigentum, sondern auch für die persönliche Freiheit, sodass niemand auf die Macht verzichten wird wegen einer solchen Kleinigkeit wie ein Missfallen bei den Wählern. Denn die Wahlen bei uns haben den Charakter des Wettbewerbs nur solange, bis sie nicht einen Wechsel der politischen Spitze heraufbeschwören.

„Nach dem Sieg werden wir die Amtsenthebung von Janukowitsch einleiten!“, „Nach dem Sieg werden wir ihm Meshigorje wegnehmen!“, „Nach dem Sieg wird der Vorstand der Partei der Regionen gerichtlich verfolgt!“ Diese Drohgebärden der Opposition sind zwar fantastisch, aber andererseits auch ziemlich lehrreich. Sie regen nach über den Preis eines hypothetischen Sieges nachzudenken; eines Sieges, nach dem der Besiegte garantiert alles verliert. Um diesen Sieg zu erreichen, ist ein weit erbitterterer Kampf nötig als die orangenen Geschehnisse des Jahres 2004. Die regierungsfeindlich gesinnten politischen Kräfte sind dafür einfach nicht bereit. Und es steht längst nicht fest, dass sie dafür in drei Jahren bereit sein werden, wenn die Kampagnen für Präsidentschaftswahlen anlaufen.

Wenn du deinen Gegner und dich selbst kennst, dann kannst du hundertmal kämpfen, ohne Gefahr. Wenn du dich selbst kennst, aber deinen Gegner nicht, dann siegst du einmal und ein erleidest ein andermal die Niederlage. Wenn du weder dich selbst noch deinen Gegner kennst, dann wirst du bei jedem Kampf die Niederlage erleiden.

Die Romantiker, die von einem Umschwung der Wahlen in eine Volksrevolution träumen, kennen sich selbst noch nicht wie auch ihren acht Jahre alten Erfolg. Während sie von einem neuen Majdan träumen, haben sie die zum Sieg geführten Faktoren des alten Majdans nicht verstanden. Die Orangene Revolution verfügte über große vor allem menschliche Ressourcen. Eine solch große Armee von Mitstreitern kann man unmöglich versammeln, wenn man einfach auf die alte Ordnung schimpft. Man braucht eine wirkliche Hoffnung auf ein neues Leben. Wirklich muss sie sein und zugleich auch schwammig und abstrakt genug, um völlig verschiedene Menschen anzulocken: Liberale, Nationalisten, Linke, scheue Normalbürger mit ihren nicht hoch gegriffenen Wünschen. In 2004 hat eine jeder an die helle Zukunft von Ukraine auf seine ganz eigene Weise geglaubt und diesen Glauben teilten alle.

Eine große Rolle hat dabei auch die unverlässliche Heimatdeckung in Person des noch damals amtierenden Präsidenten Kutschma gespielt. Leonid Danilowitsch war nicht bereit extreme Maßnahmen für Wiktor Fjodorowitsch zu ergreifen. Und endlich das Wichtigste: damals vor acht Jahren hat Janukowitsch die Möglichkeiten der Opposition unterschätzt. Das Donezker Team wog sich in falschem Sicherheitsglauben, dass es alles unter Kontrolle hatte und wurde dann durch einen asymmetrischen taktischen Schritt der Opposition überrascht. Majdan war ein unorthodoxer, unerwarteter und außergewöhnlicher Schachzug, was ihm euch einen überwältigenden Sieg bescherte. Die Gegner von Janukowitsch waren nicht nur stark; mehr noch, sie waren sogar viel stärker als die überrumpelten Machthaber.

Wenn du auch etwas kannst, so sollst du dem Feind vortäuschen, du könntest es nicht. Wenn du etwas nutzt, so sollst du ihm vorgeben, dass du es nicht nutzt. Sollst du schon nahe sein, so täusche ihm vor noch weit zu sein.

Allerdings ist eine Unterschätzung der heutigen Opposition kaum möglich. Die Kämpfer gegen das Regime haben keine versteckten Waffen. Die immer gleichen Slogans haben die Massen ermüdet. Und die soziologischen Erhebungen erzeugen nur Wehmut. Theoretisch könnten die Machthaber die Wahlen auch ohne grobe Verstöße und Repressionen gewinnen, obwohl diese auch aktiv benutzt werden. Die Regierung hat die Situation völlig unter Kontrolle, ist aber trotzdem nervös. Die Geschehnisse von 2004 haben Wiktor Fjodorowitsch mit Verfolgungswahn belohnt. Er hat dennoch Angst die Gegner zu unterschätzen, eine Konzentration von aufrührerischen Kräften zu verschlafen oder eine geheime gegen die Regierung gerichtete Aktion zu verpassen.

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Nachdem sie sich auf dem Majdan mal verbrüht haben, trachten die Machthaber danach die schon Unterdrückten noch zur Sicherheit an die Wand zu drücken. Beispielsweise sind die führenden ukrainischen Massenmedien schon längst gefesselt, während Oppositionsstimmen wie die des Fernsehsenders Tvi sich auf ein kleines Publikum beschränken, das auch vorher schon gegen Janukowitsch gerichtet war. Eine reale Bedrohung für das Regierungsviertel stellen sie nicht dar, was die Machthaber aber nicht von harten Repressionen abhält.

Das Spektakel ist ziemlich beklemmend: eine Kraft, die eigentlich gegen einen bedrohlichen Gegner gerichtet ist, kommt gegen ohnehin Schwache zum Einsatz. Bogenschützen und Speerwerfer werden mit Atombomben beworfen, um die Möglichkeit eines Sieges bereits im Keime zu ersticken. Den Besiegten bleibt nichts anderes übrig als zu hoffen, dass jemand anderer mit Janukowitsch abrechnen wird. Oder etwas anderes.

Hunderte Schlachten zu schlagen und hunderte Siege davonzutragen ist nicht das Beste vom Besten. Das Beste vom Besten ist es die gegnerische Armee zu besiegen ohne zu kämpfen.

Die Pragmatiker im Oppositionslager sind sich ihrer eigenen Schwäche bewusst und hoffen das Regime mit fremdem Händen zu stürzen. Von diesen Händen gibt es zwei: den Westen und die Krise. Man nimmt an, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie einen Sieg auf dem Teller servieren. So erwartet man vom zivilisierten Westen eine maximal harte Kritik der künftigen Wahlen, strenge Sanktionen und eine völlige internationale Isolation des “Donezker Teams“. Und die schon an die Tür klopfende Wirtschaftskrise, die nach den Wahlen zu wüten beginnen würde, wird Janukowitsch endgültig umstoßen müssen.

Nehmen wir an, es würde geschehen. Aber gleich wie schwer es für Wiktor Fjodorowitsch sein wird, würde er bis zum letzten Atemzug kämpfen, da er keine andere Wahl hätte. Es stimmt zwar, dass das ukrainische Regime machtlos gegen den Westen und die Krise ist. Deshalb aber werden die Machthaber mit doppelter Schlagkraft gegen diejenigen Gegner vorgehen, die in ihrer Reichweite sind: dieselben verwirrenden Schmarotzer, oppositionelle Aktivisten und störrische Journalisten. Je mehr sich die Lage verschlimmern wird, umso mehr wird der Verfolgungswahn des Regierungsviertels zunehmen. Neue Niederlagen werden in einer neuen emsigen Jagd nach den Hexen von Majdan resultieren. Und warum auch immer, so möchte man doch glauben, dass diese Unglückseligen schlussendlich den Sieg erringen werden.

Dasjenige Heer, das zum Siege bestimmt ist, siegt zuerst und sucht dann die Schlacht. Dasjenige Heer, das zur Niederlage verurteilt ist, sucht erst die Schlacht und dann den Sieg.

Man kann lange über den unausweichlichen Krach der verfaulten und inkompetenten politischen Spitze räsonieren. Warum sollte sie aber ausgerechnet vor die Vertreter einer fortschrittlichen Zivilgesellschaft auf die Knie gehen? In der Regierungszeit von Janukowitsch haben Demokraten und Patrioten dreimal versucht die Massen zu einem Kampf gegen das Regime zu erheben: mit Protesten gegen die Charkower Vereinbarungen, Aktionen zum Schutz von Timoschenko und dem „Sprachmajdan“. Doch nichts trug Früchte. Und als wirtschaftlich motivierte Unruhen in der Ukraine entflammten, gelang es den Ideenkämpfern gegen Janukowitsch nicht die für sie günstige Lage auszunutzen.

Und wenn die allgemeine Krise jemanden auch zum Sieg führen soll, so werden es wahrscheinlich ganz andere Menschen sein. Diejenigen, deren Kraft Janukowitsch unterschätzt und deren Loyalität er überschätzt. Diejenigen, die über solide Ressourcen verfügen und das Regierungsviertel von der Heimatfront aus angreifen können. Sie werden nicht sinnlos kämpfen, indem sie nur auf den zukünftigen Sieg hoffen würden. Erst werden sie die faktischen Herren der Lage werden und dann in den offenen Kampf gegen Janukowitsch treten und die Macht an sich reißen.

Leider darf man dicht erwarten, dass diese hypothetischen Sieger ehrlicher, demokratischer und patriotischer als Wiktor Fjodorowitsch sein werden. Es würde schon gut tun, wenn sie wenigstens klüger sein würden.

5. Oktober 2012 // Michail Dubinjanskij

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Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Leo Litke — Wörter: 1408

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Kommentare

#1 von mbert
Dubinjanskij at his best. Unbedingt lesen

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