Gibt es Nationalisten in der Ukraine? Ja! Viele? Ausreichend! Ausreichend wofür?
Sind sie fähig, einen Pogrom an Kaukasiern, Juden, Chinesen, Vietnamesen oder anderen in der Metropole oder anderen Ständen zu organisieren?
Können die Machthaber sie zur Ablenkung der öffentlichen Aufmerksamkeit nutzen oder zur „Auseinandersetzung“ mit den Unbequemen?
Welche Probleme beschäftigen die Fußballfans in der Ukraine?
Um Antworten auf die „neonazistische“ Frage zu finden, hat sich “Lewyj Bereg” an einen der so genannten inländischen Antifaschisten („OA“) gewandt.
Ich habe mich entschlossen, seine Ausdrucksweise nicht zu „veredeln“. Die Identität gebe ich, aus verständlichen Gründen, nicht preis. Er ist darüber informiert, wie die Dinge bei den Faschisten stehen.
Lb.ua: „Sind solche Unruhen in der Ukraine möglich?“
OA: „Nein. Das ist außerhalb Moskaus nirgendwo möglich. Na vielleicht noch in Inguschetien, aber da ist alles umgekehrt: Chatschis (Kaukasier) und Russen haben die Rollen getauscht – da sind die Chatschis die Nazis.
Im ganzen restlichen Russland herrscht kein solch aggressives Milieu wie in Moskau. Ja und so eine Sache wie „Fußballnähe“ ist dort weniger entwickelt, denn sie ist neu, stylish, modisch und jung. Auch existiert kein sozialer Hintergrund in Form von im Innenhof rumlungernder Kaukasiern mit hinterwäldlerischen Vorstellungen von einer Gesellschaft. In St. Petersburg gibt es zum Beispiel sogar mehr Nazis als in Moskau, aber nur wenige Emigranten, die sich entsprechend effektiv assimiliert haben. Deshalb ist die Lage nicht so angespannt. In Piter agieren die Nazis eher als antistaatliche, terroristische Vereinigung, so wie etwa die Gruppe Borowikow.
Es fällt mir schwer, das zu beschreiben… Du warst einfach nicht in Moskau. Da quillt die Schei*e aus allen Ritzen, Hass und Neid schimmern aus jeder Ecke. Saprykin hat das richtig beschrieben: Der Hass ist nicht plötzlich auf dem Manegenplatz aufgetaucht, er ist in jeder Unterführung, an jeder Straßenecke, in jeder Metrostation; in Moskau lebt man so.
In der Ukraine im Ganzen und Kiew im Besonderen gibt es so etwas nicht. Zum Beispiel lebt die gefährlichste, neonazistische Gruppierung „Patriot der Ukraine“ in Charkow vollkommen normal neben den größten vietnamesischen und jüdischen Gemeinden.“
Lb.ua: „Und die Fans von „Dynamo“? Die haben früher auch mal die Fassade einer Synagoge zertrümmert.“
OA: „In Kiew nicht. Das Apolitische hat letztlich gesiegt. So etwas gewisses Fan-apolitisches. Das auf der einen Seite. Auf der anderen Seite hat es in Kiew nie Probleme mit Migranten gegeben. Und wenn auch manchem schien, dass es sie gibt, so sind sie doch nur erdacht.“
Lb.ua: „Und in anderen Städten?“
OA: „Solche Vorgänge wie auf dem Manegenplatz sind potentiell höchstens in Lwiw möglich.“
Lb.ua: „Warum dort?“
OA: „Weil es dort sehr extreme Fußballfans gibt, die sehr politisiert sind; derzeit sammeln sie sich größtenteils in der Partei „Swoboda/Freiheit“. Und wenn irgendein Gott bewahre Chatsch oder Neger einen dummen Glatzkopf zufällig verletzt, dann verwandelt sich die Geschichte sehr schnell in die Ermordung eines ehrlichen Studenten, besten Sohns der Heimat und so weiter durch einen schmutzigen Emigranten. Und dann kommen nicht weniger Menschen auf die Straße gekrochen als auf den Manegenplatz in Moskau. Unter den Flaggen von „Swoboda“. Natürlich kann man dort niemanden verdreschen – in Lwiw findet man tagsüber mit der Taschenlampe keinen Emigranten, und visuell unterscheiden sich die Moskauer von den Ukrainern nicht.
Wie viele Fußballfans es derzeit in Kiew gibt? Nun ja, wenn du es ganz genau wissen willst, kann ich herausfinden, wie viele Leute zu welcher Gruppe gehören. Zu „Dynamo“ zähle ich einige tausend, darunter etwa hundert Glatzen. Zu „Arsenal“ gehen ungefähr einhundert in den Antifa-Sektor und noch mal genauso viele in den unpolitischen.“
Lb.ua: „Glatzen, dass sind jene, die auch in Moskau den Pogrom verübt haben?“
OA: „Ja, Fußball-Neonazis, Verehrer von Hitler. In Kiew gibt es (wie übrigens in Moskau auch) auch noch einige wenige Nazi-Autonome, die Liebhaber Strassers. Das heißt, als Nationalsozialisten sind sie eher Sozialisten als national. Damit du verstehst: Sie gingen in den apolitischen Sektor „Arsenals“, weil sie die „Dynamo“-Fans für dumm hielten. Der Sektor „Arsenal“ ist praktisch sozial am aktivsten – die Mehrheit der Leute ist im linken Basisaktivismus engagiert; dort gibt es im Prinzip eine Hegemonie der linken Ideen. Die Glatzen wurden dort von den prinzipientreuen Antirassisten verdrängt.“
Lb.ua: „Und kann von diesen Leuten irgendjemand etwas zerstören?“
OA: „Nein, das können sowohl die Linken als auch die Rechten nicht.
In Odessa gibt es sowohl pro-ukrainische als auch pro-russische Nationalisten, eine überhaupt phantastische Mischung, bei der jede Seite ungefähr 50 Leute zählt. Bei „Tschernomorjez“ gibt es Glatzen, aber auch eine internationale Strömung. Frag nicht, wie so etwas möglich ist, es bleibt ein Blendwerk.
In Charkow sind die Nationalisten um „Patriot der Ukraine“ versammelt, aber dieser Organisation ist Fußball egal – die Fußballfans sind da vollkommene Idioten.
Wenn sie übrigens schon einmal da sind, versucht „Patriot der Ukraine“ auch mit ihnen zu arbeiten, es gibt allerdings keine Erfolge. Da geschieht das alles im Umfeld von „Metallist“.
Es gibt noch die Leute von „Dnjepr“ aus Dnjepropetrowsk. Dort gibt es eine interessante Situation: Glatzen und Antifa kämpfen gemeinsam für den Klub. Es existiert so etwas wie ein Patt: Fußball ohne Politik, und was wer außerhalb macht, bleibt seine Sache.
Das ist wahrscheinlich nicht so leicht zu verstehen, wenn du kein Fußballfan bist. Und Du, Dima, bist kein Fußballfan. Ich sage also noch einmal, dass so etwas wie in Moskau potentiell nur in Lwiw möglich ist. Mit Lwiw ist das so eine bedauerliche Schei*e… Verstehst Du, da sind alle Glatzen. Und ich übertreibe nicht. Umgestaltungen, wie jene, die an der „Mogiljanka“ passiert sind, welche sich unerwartet von einer Hochburg der Patrioten und Nationalisten zum Herzen der modernen, linken Denkart gewandelt hat, sind dort nicht zu erwarten.
Übrigens, Du hast doch gesehen wozu die Fußballfans hier fähig sind? Erinnerst Du Dich an das Treffen, das „Swoboda“ kürzlich organisiert hat? So nach dem Motto: Gegen Legionäre im ukrainischen Fußball. Der ukrainische Fußball den Ukrainern und all so was. Da marschierte eine sehr lustige Kolonne von Glatzenfans. Das sind jene paar hundert Unglückliche. Das ist aber auch alles.“
Lb.ua: „Du glaubst also im Allgemeinen, dass so etwas wie auf dem Manegenplatz bei uns in der Ukraine nicht möglich wäre?“
OA: „Ich glaube nicht. Es ist damit, wie mit allem politischen, bei uns wesentlich besser als bei den Russen. Was schreiben bei uns eigentlich alle über diese Angelegenheit?“
Lb.ua: „Alle sind zu dem Schluss gekommen, dass die Unruhen und Moskau auch eine gewisse Technik der Machthaber waren. Und jetzt versuchen alle herauszufinden, warum das nötig war und ob so etwas in der Ukraine auch möglich wäre.“
OA: „Wir hatten hier kürzlich einen Runden Tisch zum Thema Ausländerfeindlichkeit, noch vor den Ereignissen in Moskau…“
Lb.ua: War das der, bei dem alle davon ausgingen, dass bei den nächsten Präsidentschaftswahlen Janukowitsch und Tjagnybok in die zweite Runde kommen?“
OA: „Genau. Ich hoffe sie behalten nicht Recht.
Also, nach den Ergebnissen des Runden Tisches und den Ereignissen auf dem Manegenplatz denke ich, dass diese Situationen damit zusammenhängen, dass die strenge Machtvertikale nicht funktioniert. Das heißt die Untergebenen verschweigen reale Informationen gegenüber Vorgesetzten, weil sie Angst haben. Das ist typisch für einen solchen Apparat. Ich erinnere mich, dass Du darüber am Beispiel der Ukraine geschrieben hast. Für die Machthaber sind Proteste derzeit wohl der einzige Gradmesser für die wirkliche, öffentliche Meinung. Zu glauben, dass eben jene Machthaber zu eben jenen Methoden fähig wären, ist Nonsens. Es ist dort möglicherweise alles so gewesen:
Über das Meeting auf dem Manegenplatz war man frühzeitig informiert und irgendein Beamter maß dem keine Bedeutung bei. Und als die Tumulte begannen, versuchte er alles mit seinen eigenen Befugnissen zu lösen und gab nach oben falsche Informationen weiter. So verschwieg er, sagen wir, den Fakt, dass es sich um eine Versammlung von Neonazis handelt. Darum hat der Milizchef auf Polizeiebene nicht darüber nachgedacht und die Versammlung zugelassen. Auch er versuchte, alles mit seinen Mitteln zu lösen – da war ja anfangs nur wenig Miliz. Dann begriff er, dass da ein richtiges Chaos entstand und wendete sich an seinen Vorgesetzten. Dieser seinerseits bemühte sich, dass Problem mit seinem Mittel – dem OMON – zu lösen, ebenfalls mit mäßigem Erfolg. Das bedeutet, dass man sich, wenn nicht Informationen verschwiegen worden wären, so auf die Aktion hätte vorbereiteten können, wie auf jene auf dem Puschkinplatz für den Wald von Chimki, wo es eine dreifache Abriegelung durch fast alle Arten von Einsatzkräften gegeben hatte. So, wie man sich eben überhaupt auf alle Aktionen der Nicht-Einverstandenen vorbereitet.
Es ist so, dass die Machthaber in Russland weit früher damit begannen, die Glatzen als Gegner zu umzingeln, als die Antifa. Sie erkennen die Gefahr, die von den Glatzen auch für sie persönlich ausgeht.“
Lb.ua: „Und die Glatzen in der Ukraine können so Sachen, wie zum Beispiel die Morde am Anwalt Markelow und der Journalisten Baburowa in Moskau oder ähnliches machen?“
OA: „Der Mord an Markelow ist alles in allem von oben bestellt und wurde nur durch die Glatzen realisiert. In Russland, besonders in Moskau, sind die Nazis gut in die unteren und mittleren Schichten der Macht integriert. Es kommt zum Beispiel wie in Ischewsk vor, dass die Nazis überhaupt selbst an der Macht sind. Markelow hat man getötet, weil er das Zentrum dabei störte, die aktiven Linken zu packen und einzubuchten. Ein Rechtssystem existiert in Russland im Grunde nur auf dem Papier und Markelow versuchte sich dessen zu bedienen… Dass heißt, es passierte ungefähr das, was auch beim Auseinanderjagen der Öko-Aktivisten im Wald von Chinki geschah: Die Machthaber heuerten ihre Schlägertrupps an, damit diese die dreckige Arbeit verrichten.
Bei uns ist so etwas kaum möglich, weil die Nazis in Opposition zum Regime stehen.“
Auf diese Weise kann man sagen, dass:
1.) es in der Ukraine kein „neonazistisches Problem“ in einer solch gefährlichen Form wie in Russland gibt.
2.) vonseiten der Fußballfans und überhaupt, solche „Nazidinger“ wie auf dem Manegenplatz nur in Lwiw möglich sind
3.) die Neonazis in der Ukraine in keine Machtzweige integriert sind und in Opposition zur handelnden Führung des Landes stehen
4.) es in der Ukraine kein so ernstes Problem mit der Migration gibt wie in Russland, weshalb die örtlichen Nazis nur wenig Gründe für Gewalt haben
5.) die Situation im „Fußballumfeld“ mehr oder weniger stabil ist , und die Konfrontation „nach Regeln“ zwischen einigen Gruppen von Fußballfans sich nicht über die Grenzen dieser Gemeinschaft hinaus ausbreitet
15. Dezember 2010 // Dmitrij Litwin
Quelle: Lewyj Bereg


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